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Natalie Grams-Nobmann zur deutschen Impfkritik Homöopathie als Ursache für Impfkritik in Deutschland

Natalie Grams-Nobmann
Ärztin Natalie Grams-Nobmann äußert sich zum Zusammenhang zwischen dem Glauben an Homöopathie und Impfkritik. Foto: Dorothée Piroelle

„Wir haben zu lange Postfaktisches, wenn nicht sogar Antifaktisches akzeptiert.“ Natalie Grams-Nobmann ist Ärztin. 2015 veröffentlichte sie das Buch „Homöopathie neu gedacht – Was Patienten wirklich hilft“. Ihre darin geäußerte Kritik machte sie bundesweit bekannt – immerhin hatte sie bis dahin selbst als Homöopathin gearbeitet. Sie sieht „alternative Heilmethoden“ und so auch die Homöopathie als eine Ursache für die breite Impfkritik in Deutschland. Und schreibt wieder darüber.

Ursachen für die Skepsis gegenüber Impfungen

MedWatch: Frau Grams-Nobmann, wie erklären Sie sich, dass so viele Menschen in Deutschland eine Impfung gegen Corona ablehnen?

Natalie Grams-Nobmann: Wir haben über viele Jahre eine Art Bauchgefühlwissen als Instanz in der Medizin eingeredet bekommen. Ich meine dieses „Was dir gut tut, was dir hilft, das ist entscheidend, wissenschaftliche Belege sind nicht so relevant“. Es geht immer um die herausragende Rolle von Sanftheit, Ganzheitlichkeit – das sind die Schlagwörter, die aber von einem wissenschaftlichen Erkenntnisstand wegführen und dann letztlich leider zu einer Ablehnung führen können.

Und ein anderer Punkt ist, dass ganz viele Menschen ihre Unzufriedenheit mit der Pandemie selbst, aber auch mit dem Staat, mit der Regierung einfach ausdrücken wollen. Und das geht dadurch, dass sie sagen „Nee, also das mit dem Impfen, das mache ich nicht“.

MedWatch: Es ist also gar keine direkte Ablehnung der medizinischen Intervention?

Grams-Nobmann: Ich vermute zum Teil eher eine Trotzreaktion, die vielleicht emotional verständlich und nachvollziehbar ist, aber die halt unterm Strich nicht zu einem besseren Ergebnis für alle führt. Deswegen halte ich das auch für ziemlich unsolidarisch.

Und dass Menschen, die zum Beispiel an die Homöopathie glauben, auch Impfungen eher skeptisch gegenüberstehen, das hat sich schon vor der Pandemie immer wieder gezeigt in wissenschaftlichen Untersuchungen. Zuletzt auch durch eine Arbeit der Uni Regensburg, die diesen Zusammenhang auch noch mal empirisch erhärtet hat. Es ist also gar nicht so verwunderlich, dass wir das in dieser Pandemie wieder gesehen haben.

Anti-Impfpflicht-Demo“ wird zum Schaulaufen von Verschwörungstheoretikern (erschienen am 16. September 2019).

Zusammenhang zwischen Homöopathie und Impfkritik

MedWatch: Welche Ideen in der Homöopathie machen eine Impfung für die Anhänger ablehnenswert?

Grams-Nobmann: Man hält sie wohl für ein Produkt von BigPharma, böse Chemie oder gar böse Gen-Technik, oder schlicht für zu nebenwirkungsreich. Dass Dinge, die wirken, auch (seltene) Nebenwirkungen haben können, ist in der Homöopathie ja nicht so bekannt. Andererseits glaubt man, dass das natürliche Durchmachen der Erkrankung viel besser sei – da blitzen anthroposophische Mythen mit durch -, und auch, dass man mit Globuli wirksame Prophylaxe oder auch Behandlung anbieten kann.

MedWatch: Es gab und gibt viele Versuche, die Bedeutung und den Nutzen der Impfung gegen Corona zu zeigen. Und auch über diese ganzen Impfmythen, die aktuell unterwegs sind, wurde und wird immer wieder berichtet. Man hat dennoch das Gefühl, das kommt bei vielen Menschen gar nicht an?

Grams-Nobmann: Unser Gehirn macht es sich gern einfach, wenn es komplex wird. Dann geht man eben den kürzesten Weg und das ist manchmal eben der einfachste oder am einfachsten klingende Weg. Da sind einfache Antworten oft das Beste oder ganz starke Behauptungen sind das, was am meisten gehört hat. Oder was im Netz geteilt wird. Daraus entstehen manchmal auch Fake News oder richtiggehende Lügen. Es ist sehr schwierig, diese Dinge wissenschaftlich wieder aufzuarbeiten und richtigzustellen. Debunking dauert immer länger, als dass Fake News in die Welt kommen. Deswegen ist es sehr schwer, dem hinterherzukommen.

Im Grunde genommen sieht man an der Homöopathie exemplarisch, wie es laufen kann, wenn sich ein Fake Fact erst mal etabliert hat, wenn dieser zum Common Sense geworden ist. Dann kann man mitunter über 200 Jahre falsch liegen, und zwar als Gesellschaft, als große Strömung in der Medizin. Die Anfänge davon, wie das passiert, haben wir jetzt in der Pandemie wieder gesehen in Bezug aufs Impfen und auf die verschiedenen Impfstoffe und die Mythen, die dazu kursiert haben.

Verstärken Sie in Ihrem Buch die Impfkritik in der Welt der Homöopathie?

MedWatch: In Ihrem aktuellen Buch arbeiten Sie mit Überschriften, die Impf-Mythen wiederholen, etwa „Ungeimpfte Kinder sind gesünder als geimpfte“? Ist das nicht eine gefährliche Verstärkung?

Grams-Nobmann: Ich habe die letzten sechs Jahre intensiv in den sozialen Medien verbracht und gehört und gelesen, was da geschrieben wird. Daher kenne ich viele populäre Mythen, gerade in Bezug aufs Impfen. Ich hatte das Gefühl, es gibt so ein paar Sätze, die fallen einfach immer wieder und aus unterschiedlichsten Richtungen und den unterschiedlichsten Zusammenhängen. Die sind dann schon fast so was wie geflügelte Worte. Deswegen habe ich die auch bewusst als Überschriften aufgegriffen, weil ich denke, die sind sowieso so bekannt, die werde ich jetzt nicht noch bekannter machen, indem ich sie nenne und dann versuche eben dagegen anzuschreiben und zu sagen: Nee, Moment mal, wie ist es denn eigentlich wirklich, wie sieht es wirklich aus. Ungeimpfte Kinder sind nicht gesünder als geimpfte, im Gegenteil. Es hat sich gezeigt, dass geimpfte Kinder signifikant weniger die üblichen „Kinderkrankheiten“ bekommen, gegen die sie geimpft sind.

Buchtitel mit Impfkritik
Warum Amazon ein Forum für Impfkritiker ist und bleibt (MedWatch-Artikel erschienen am 12. Oktober 2018).

Welche Maßnahmen gegen Impfkritik sind denkbar?

MedWatch: Was wären die gesundheitspolitisch wichtigsten Schritte, um impfkritische Menschen zum Umdenken anzuregen?

Grams-Nobmann: Die Bewältigung der Pandemie durch Maßnahmen, die wirklich wirken, das steht derzeit natürlich politisch im Vordergrund. Aber ich denke, dass viele Missstände in dieser Pandemie deutlicher geworden sind und die waren schon vorher da und die wird es auch danach geben, zum Beispiel die Probleme in der Pflege. Dazu gehört aber auch, dass wir Pseudomedizin oder pseudowissenschaftliche Aussagen in der Medizin lange Zeit akzeptiert haben und dass das die Ursache auch von weitaus größeren Problemen als einer vielleicht falschen persönlichen Gesundheitsentscheidung ist.

Ich glaube, dass jetzt der richtige Moment ist, politisch etwas zu unternehmen. Ich sehe die Homöopathie da oft einfach als Symbol. Für sich genommen mag das gar nicht das größte Thema sein, aber dass sie immer noch an Universitäten gelehrt wird, dass sie immer noch im Arzneimittelgesetz privilegiert ist und auch geschützt wird dadurch, dass immer noch die Apothekenpflicht hochgehalten wird. Das sind einfach Punkte, die darauf hinweisen, dass wir Postfaktisches, wenn nicht sogar Antifaktisches akzeptieren und politisch schützen und das kann es einfach nicht sein. Spätestens jetzt nicht mehr.


Ein MedWatch-Artikel von Henrik Müller erläutert, wie Hausarztpraxen mit alternativmedizinischen Angeboten für sich werben.


MedWatch: Was fordern Sie?

Grams-Nobmann: Was wirklich wirkt ist im Zweifel die Aufklärung und Ehrlichkeit, also – ja – dass man einfach keine falschen Heilsversprechen gibt oder sie legitimiert und dass man entschieden gegen Fake News vorgeht, zum Beispiel auch was das Impfen betrifft. Die Forderung wäre jetzt speziell in Bezug auf die Homöopathie, die in weiten Teilen nur vorgibt zu wirken, dass man dem auch wirklich einen Riegel vorschiebt, dass man sie nicht privilegiert im Arzneimittelgesetz, dass man sie nicht erstatten lässt durch Krankenkassen, dass man nicht erlaubt, dass sie an Universitäten gelehrt wird, dass man keine Zusatzbezeichnung für Ärzt:innen dafür schafft, weil das quasi einfach den Glauben an Pseudomedizin, an Pseudowissenschaft fördert und das ist nicht zeitgemäß. Und natürlich raus aus den Apotheken. Das bedeutet nicht, dass sie verboten wird, wer weiter daran glauben möchte, kann sie auf eigene Kosten und Verantwortung nutzen und im Supermarkt erwerben. Und dann kann man andere Verfahren wie Anthroposophie, Akupunktur oder auch Osteopathie in ähnlicher Weise angehen.


Mehr zu den Themen Pseudomedizin und Anthroposophie erfahren Sie im MedWatch-Artikel über den nicht vorhandenen Unterschied von Schul- und Alternativmedizin sowie im aufschlussreichen Interview mit Oliver Rautenberg.


Es fehlt das Humane in der Humanmedizin

MedWatch: Sie sagen, wir haben zu lange alternative Praktiken toleriert. Wenn wir dies ändern, ist dann alles gut?

Grams-Nobmann: Dreh- und Angelpunkt ist doch: Die meisten Menschen wenden sich ja nicht von der Medizin ab, weil sie wirklich wirkt, sondern weil sie, obwohl sie Humanmedizin heißt, das Humane oft so schmerzlich vermissen lässt. Und man sucht sich quasi eine menschlichere Alternative und kümmert sich nicht mehr so sehr um die Wirksamkeit. Wenn wir was verändern wollen, müssen wir, denke ich, auch an dieser Ursache etwas ändern und die Menschlichkeit in die Medizin zurückholen.

Übrigens nicht nur auf Patient:innenseite, sondern auch ja auch auf Seite der Behandelnden, weil denen geht es ja oft genauso schlecht in diesem Gesundheitssystem.

Deswegen wäre eine weitere Forderung, dass man wirklich auch die Basis der Medizin umstrukturiert, dass mehr Zeit für sprechende Medizin oder vielmehr für zuhörende Medizin da ist, dass es auch möglich gemacht wird, sei es über die Abrechnung, über die Praxisstruktur, die Ausbildung dazu noch mehr während des Medizinstudiums. Es ist niemandem geholfen, wenn man mit einem Patienten, einer Patientin länger spricht und dafür zehn andere im Wartezimmer länger warten müssen, oder wenn das Gespräch nicht fundiert verläuft. Wir sollten nicht auf die Wissenschaft allein setzen, sondern eben auch auf die gute Behandlung, sprichwörtlich auf die gute Behandlung. Dafür braucht es keinen Hokuspokus.

MedWatch: Vielen Dank für dieses Gespräch.


Wollen Sie mehr erfahren über den Zusammenhang von Impfkritik und Homöopathie? „Was wirklich wirkt: Kompass durch die Welt der sanften Medizin“ von Natalie Grams-Nobmann erschien neuaufgelegt am 14. Februar im Aufbau-Verlag als Taschenbuch.


Redaktion: Nicole Hagen

1 comment
  1. Der Wertlosigkeit der Sprechenden Kassen-Medizin ist es zu verdanken, dass die “Homöopathie” gepampert wurde. Es ist ein Skandal, dass niedergelassene MedizinerInnen für die ärztliche Beratung mit 4,36 € “honoriert” werden, wo doch allein die Betriebskosten für eine Praxis mit 200.-€/Stunde zu Buche schlagen. Es wäre sehr wohl vielen PatientInnen geholfen, wenn sie bei ihrem Hausarzt/Hausärztin eine ausführliche Beratung erhalten, bei der auch der Praxisinhaber nicht Gefahr läuft, seine eigene Existenzgrundlage unnötig zu gefährden. Ich mache in meiner Praxis ausführliche Beratungen – wenn sie gewünscht sind. Das ist nicht nur für den jeweiligen Patienten gut, sondern auch für mich sehr entspannend. Es ist wirtschaftlich, weil z.B. die Anfertigung von Prothetik sehr gut bezahlt wird – ich kann die aufgewendete Sprechzeit gut damit refundieren. Hausärzte können das nicht, daher wäre es sinnvoll, die Gebührenposition einer “Intensivberatung” für Kassen-PatientInnen einzuführen bei:
    – Tumorerkrankung – V.a. Depressionen – Polymorbidität
    Das hätte den Vorteil, dass man den Nachfragedruck im Bereich der Scharlatanerie spürbar senken könnte, weil sich PatientInnen, die sich in einer existenziellen Gefährdung wähnen, endlich Gehör fänden. Sprechende Medizin darf nicht nur im Kombi-Pack mit €soterik verkauft werden – die Nebenwirkungen gefährden den sozialen Frieden.