Studie Viele Hausarztpraxen werben mit alternativmedizinischen Angeboten

Nicht alle Hausarztpraxen folgen dem Grundsatz evidenzbasierter Medizin. (Foto: Ryutaro Tsukata / Pexels)
Nicht alle Hausarztpraxen folgen dem Grundsatz evidenzbasierter Medizin. (Foto: Ryutaro Tsukata / Pexels)

Alternativmedizinische Angebote werden nicht am Standard evidenzbasierter Medizin gemessen. Dennoch hält der Staat seine schützende Hand über sie – auch wegen wirtschaftlicher Interessen. Welche Schlüsselrolle dabei Tausenden Hausarztpraxen zukommt, zeigt eine aktuelle Studie.

Nichts im deutschen Arzneimittelrecht ist reformbedürftiger als die Abteilung 4 des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Sie entscheidet über die Zulassung „besonderer Therapierichtungen“. Auf den ersten Blick klingt das unschuldig. Schließlich sind staatlich überwachte Zulassungsverfahren essenziell für unsere Gesundheitsversorgung. Nachweislich wirksame Medizin muss von allem abgegrenzt werden, was einen solchen Nachweis schuldig bleibt.

Die BfArM-Abteilung 4 misst diesem Grundkonsens allerdings wenig Bedeutung bei, sondern beruft sich auf einen „Wissenschaftspluralismus auf dem Gebiet der Arzneimitteltherapie“. Hinter diesem Euphemismus verbirgt sich nichts anderes als ein Doppelstandard: Konventionelle Arzneimittel müssen ihre pharmazeutische Wirksamkeit in einem unabhängigen, kostspieligen und jahrelangen Prüf- und Zulassungsprozess beweisen. „Besondere Therapierichtungen“ – also homöopathische, anthroposophische und pflanzenheilkundliche Arzneimittel – genießen dagegen einen rechtlichen Sonderstatus. Für sie reicht ein Binnenkonsens: Ihre Hersteller brauchen nur anhand von homöopathischer Literatur, Beobachtungsberichten oder persönlicher Wahrnehmung behaupten, ihre Produkte hätten eine Wirkung. Eine externe Prüfung nach wissenschaftlich belegten Methoden fordern die Fachleute für „besondere Therapierichtungen“ der Bundesbehörde nicht ein. Das würde schließlich das komplette Aus von Homöopathika auf dem Arzneimittelmarkt bedeuten, da kein einziges Präparat mehr zugelassen werden könnte. Derzeit umfasst die BfArM-Datenbank 35.325 Homöopathika.

Ein Doppelstandard bringt Vorteile – für manche

Von diesem Binnenkonsens, klinische Wirksamkeitsnachweise bei ausgewählten Produkten als überflüssig zu erachten, profitieren neben Herstellern ‚besonderer‘ Arzneimittel vor allem deutsche Apotheken. Nach Angaben der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände erzielten sie mit dem Verkauf von 115 Millionen Packungen homöopathischer, anthroposophischer und pflanzlicher Mittel einen Umsatz von mehr als 1,2 Milliarden Euro allein im Jahr 2020. Zuzahlen muss dagegen ihre Kundschaft, und zwar auch diejenigen, die ausschließlich evidenzbasierte Arzneimittel zu sich nehmen. Denn gesetzliche Krankenkassen beteiligen alle Versicherten an diesen Kosten von jährlich 20 Millionen Euro, da sie homöopathische Behandlungen aus Marketinggründen als zusätzliche Satzungsleistungen erstatten dürfen. Jeder homöopathisch behandelte Mensch verursacht Mehrkosten von durchschnittlich 900 Euro pro Jahr.

Einigen politischen Entscheidungsträgern stößt dieser Doppelstandard durchaus auf. Doch bislang kam keine Mehrheit gegen den rechtlichen Schutzraum für „besondere“ Arzneimittel zustande. Trotz fehlender Wirknachweise und belegter Mehrkosten sind sie gesetzlich fest verankert: seit 1976 in §25 Absätze 2 und 6 sowie §105 Absatz 4 des Arzneimittelgesetzes (AMG) und seit 1997 im §135 Absatz 1 des Fünften Buches Sozialgesetzbuch (SGB V). Solange unsere Gesellschaft keine Wirknachweise für sie einfordert, werden sich weder diese Paragrafen noch BfArM-Abteilung 4 reformieren lassen.

Hausarztpraxen im Mittelpunkt

Wer macht pseudomedizinische Angebote gesellschaftsfähig? Dieser Frage ist ein Forschungsteam um Jutta Hübner, Professorin für Integrative Onkologie am Universitätsklinikum Jena, nachgegangen [Anmerkung der Red.: Jutta Hübner ist im Beirat von MedWatch]. Laut den Onkologen nehmen diejenigen Hausarztpraxen eine Schlüsselrolle ein, die nicht-evidenzbasierte Produkte und Methoden anbieten. Zum einen suggerieren sie der Öffentlichkeit dadurch eine Gleichwertigkeit mit faktenbasierter Medizin. Zum anderen sorgen sie als Lehrpraxen für Medizinstudierende für die nächste Generation von Befürwortern pseudomedizinischem Handelns.

Im Jahr 2019 waren in Deutschland mindestens 4102 Hausarztpraxen von medizinischen Fakultäten als Lehrpraxen akkreditiert. Mehr als die Hälfte von ihnen warb mit einem oder mehreren alternativmedizinischen Angeboten auf ihrer Praxis-Website. Besonders beliebt waren Akupunktur (27,0 Prozent aller Lehrpraxen), Chirotherapie (16,8 Prozent), Naturheilverfahren (14,0 Prozent), hochdosierte Gabe von Vitaminen und Mineralstoffen (10,6 Prozent), Homöopathie (9,7 Prozent), Neuraltherapie und Störfelderbehandlung (7,8 Prozent), Eigenbluttherapie (7,7 Prozent) sowie Blutegeltherapie, Schröpfen und Aderlass (4,2 Prozent). Nur wenige Hauspraxen bezeichneten diese Angebote als Pseudoverfahren, die mit evidenzbasierter Medizin nicht vereinbar beziehungsweise in ihrer Wirksamkeit unbewiesen oder widerlegt sind. Ob sie sich kritisch mit ihren Angeboten auseinandersetzen? Eine Nachfrage in der eigenen Hausarztpraxis könnte spannende Einsichten liefern.

Lehrpraxen im Widerspruch

Zukunftsweisend ist der Blick auf die Ausbildung von Medizinstudierenden. Mit der im Oktober 2025 in Kraft tretenden Änderung der Approbationsordnung für ärztliches Personal wertet das Bundesgesundheitsministerium das Fachgebiet der Allgemeinmedizin auf. Ziel der Initiative ist es, der seit Jahren rückläufigen Anzahl an Hausarztpraxen vor allem im ländlichen Raum entgegenzuwirken. Durch ein nunmehr achtwöchiges Blockpraktikum im Grundstudium, eine spätere einmonatige Tätigkeit in einer Einrichtung der hausärztlichen Versorgung sowie regelmäßige Hospitationen in Hausarztpraxen soll das Interesse Studierender an einer hausärztlichen Niederlassung gesteigert werden. Betroffen von der Änderung sind bereits alle Medizinstudierende ab Wintersemester 2020/21. Sie werden ihr Praktisches Jahr nach neuer Approbationsordnung absolvieren und damit mehr Zeit auch in jenen Lehrpraxen verbringen, die pseudomedizinische Angebote anbieten.

Streng genommen agieren diese Lehrpraxen im Widerspruch zu §1 der Approbationsordnung, zu den Ausbildungsstandards für Medizinstudierende als auch zu den Empfehlungen der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung. Denn alle diese Richtlinien fordern von Hausarztpraxen, sich am Grundsatz der evidenzbasierten Medizin zu orientieren, wenn sie sich als Lehrpraxen qualifizieren wollen. Im Umkehrschluss müssten eindeutig pseudomedizinische Angebote wie Homöopathie, Eigenbluttherapie oder Störfelderbehandlung also zu einer Disqualifikation als Lehrpraxis führen. Doch bisher dulden auch medizinische Fakultäten den Doppelstandard. Sie können sich auf einer langen Liste einreihen.


Redaktion: Nicola Kuhrt, Martin Rücker

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    4 Kommentare zu „Viele Hausarztpraxen werben mit alternativmedizinischen Angeboten

    1. Sehr geehrter Herr Müller,
      in Ihrem Artikel führen Sie aus, dass konventionelle und andere Arzneimittel unterschiedlichen Richtlinien unterliegen. Damit kritisieren Sie zu geringe wissenschaftliche Evidenz für Arzneimittel “besonderer Therapierichtungen”. Im folgenden Absatz zu den Hausarztpraxen führen Sie lediglich “die” Onkologen (Oder nur diese der Universität Jena?) an, welche nicht-evidenzbasierte Methoden kritisieren, und verweisen damit vermutlich auf weiter unten gelistete “alternative” Heilmethoden, die durch Hausarztpraxen angeboten werden. Sie führen lediglich Ihre Kritik an den Arzneimitteln aus und übertragen diese suggestiv auf andere “alternative” Heilmethoden. Ist diese oberflächliche Abhandlung nicht selbst unwissenschaftlich?
      Mit freundlichen Grüßen

      1. Sehr geehrter Herr Krüger,
        vielen Dank für Ihren Kommentar und Einwand (der mich zum Nachdenken angeregt hat … Danke für eine weitere Perspektive)!

        Nein, die Abhandlung finde ich nicht unwissenschaftlich.
        Zum einen können sich nicht alle Wissenschaftler/innen aus Zeit- und Interessensgründen mit allen Themen befassen. Es ist nebensächlich, ob Onkologen, Chirurgen oder Botaniker die Hausarztpraxen systematisch unter die Lupe genommen haben. Ihre Analyse zählt.
        Zum anderen befasst sich der Artikel mit allen pseudomedizinischen Angeboten, also sowohl Produkten als auch Methoden (siehe Textstellen oben). Denn in Hausarztpraxen kommen im Rahmen “besonderer Therapieformen” ja eben die Produkte zur Anwendung, die von den Experten für “besondere Therapierichtungen” der BfArM-Abteilung 4 zugelassen werden.

        Tatsächlich lassen sich in einem zweiseitigen Artikel aber nicht alle Schattierungen einer Thematik beleuchten. Welche Aspekte würden Sie besonders gern hier bei uns vorfinden und nachlesen?

        Mit besten Grüßen!

    2. FakeNews im Gesundheitswesen und im Arzneimittelgesetz, so wird man es schon ausdrücken können. Nach Jahren wissenschaftsbasierter Aufklärung über Homöopathie gibt es nur wenig Anzeichen für eine Chance, den politischen Einfluss der vielmillionenstarken und aus vielen Verbänden bestehenden Lobby zu brechen. Wir Kritiker erhoffen uns gleichwohl, dass hier ein objektiver Blick einkehrt, der mehr und mehr Entscheidungsträgern klarmacht, dass sie bislang einen der größten Hoaxes der Medizingeschichte geschützt und damit den vertrauenden Anwender in die Irre gefürt aben.

      Diese “20 Mio.” jährlchen Kosten der GKV für Medikamente ist eine sehr zweifelhafte Zahl, die seinerzeit 1999 Herrn Spahn dazu diente, sich mit dem “kostet doch fast nix” einer klaren Haltung zu entziehen. Die GKV-Kassen hüten die Zahlen wie den heiligen Gral, aber wenn eine einelne (nicht ganz kleine) schon mal erkennen lässt, bei ihr seien e so um die 10 Mio., dann kann rein logisch nicht der Aufwand bei 104 Kassen, von denen etwa 80 Prozent Homöpathie erstatten, bei 20 Mi0. Euro/Jahre liegen.

      Immer übersehen wird, dass es nicht allein um die Kosten für die Medikamante geht. Die JHonorare für die Therapeuten, die aufgrund des Homöopathie-Selektivvertrages der Kassen mit der Marketinggesellschaft des Zentralvereins der homöopathischen Ärzte werden. Hier liegt eine andere Rechtsgrundlage vor, eine auf zwischenvertraglicher Basis. Das hat auch der Gesetzgeber zugelassen, im Interesse vor allem chronischer Erkrankter sollte ein “Pooling” in bestimmten Kassen mehr Effektität und Koordniation in der Behandlung verschafft werden. Ob das für Wunschmedizin wie Homöopatie jemals gedacht war, wage ich zu bezweifeln.Hier wirds noch dicke Bretter zu bohren geben und – da gebe ich dem Autoren völlig recht – bei den Apotheken und ihren Verbänden. Dort wrd nicht wisschafts- nnd evidenzbasiert beraten und sogar gegen das HWG verstoßen, wenn die “Beratung” registrierte Arzneimittel mündlich wieder mit Indikationen in Verbindung bringt. § 5 HWG verbietet ausdrücklich die indikationsbezogene Werbung für nur registrierte Homöopatika, der BGH hat festgestellt, dass dies uneingeschränkt für Facj- wie für Laienkreise gelte. Und auch ein Apotheken-Beratungsgespräch ist Werbung, Lt. Gabler-Definion “die Beeinflussung von verhaltensrelevanten Einstellungen mittels spezifischer Kommunikationsmittel”.

      1. Lieber Herr Endruscheit,
        danke für Ihre Hinweise!
        Tatsächlich ist die Summe von jährlich 20 Millionen Euro, mit denen GKVs ihre Kundschaft beteiligen, die einzige Zahl, die ich dahingehend finden konnte – aus den von Ihnen beschriebenen Gründen.
        Falls Sie über zusätzliche Quellen verfügen, wären wir über einen Hinweis sehr dankbar.
        Mit besten Grüßen!

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