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Alternativmedizin „Anti-Impfpflicht-Demo“ wird zum Schaulaufen von Verschwörungstheoretikern

(Fotos: Felix Huesmann und Nicola Kuhrt / MedWatch)

Die „PFLICHT“ passte nicht mehr drauf. Egal, Juliane aus Hannover zuckt die Achseln, ihr orangefarbenes T-Shirt signalisiert, dass sie an diesem Samstag an einer Demo teilnimmt. „IMPFEN IST SPAHNSINN“, steht auf dem selbstgebastelten Plakat. „Nein zur Medizindiktatur“ prangt auf einem anderen. Eine Frau mit oranger Mütze hat eine große Pappe dabei. „Wer die Wahrheit über das Impfen nicht kennt, ist unwissend. Wer sie kennt und für das Impfen plädiert, macht sich schuldig“, steht darauf.

Offiziell sind die Demonstranten wie Juliane nach Berlin gekommen, um gegen das Masernschutzgesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn zu protestieren. Kinder, Betreuer in Kitas oder Lehrer müssen demnach bis Ende Juli 2021 Immunität gegen Masern nachweisen. Ungeimpfte Kinder dürfen anschließend nicht mehr in Kitas aufgenommen werden. Eltern von nicht geimpften Kindern drohen Bußgelder von bis zu 2.500 Euro.

Anti-Impfzwang-Demo: Proteste gegen Impfen generell.Nach mehreren deutschlandweit Aufsehen erregenden Todesfällen beispielsweise von Krebspatienten, die kurz nach der Therapie durch einen Heilpraktiker in Brüggen-Bracht starben, will die Politik sich nun diesen Berufszweig vornehmen. Die Gesundheitsminister aller Bundesländer haben am Donnerstag beschlossen, eine Reform anzugehen. „Das unzureichend regulierte Heilpraktikerwesen mit seiner umfassenden Heilkundebefugnis steht unverändert in der Kritik“, heißt es in einer Erklärung. Das Heilpraktikergesetz könne dem heutigen Anspruch an den Gesundheitsschutz der Patienten nicht mehr gerecht werden. Für Heilpraktiker gebe es weder verbindliche Regeln zur Ausbildung noch eine einheitliche Berufsordnung. Andere Gesundheitsberufe müssten hingegen strenge Qualifikationskriterien erfüllen. „Wir sehen es als kritisch an, dass einige Tätigkeiten zwar den Heilpraktikern untersagt sind, aber es noch eine Fülle von Tätigkeiten gibt, die zugelassen sind“, sagte die Hamburger Senatorin für Gesundheit, Cornelia Prüfer-Storcks, auf einer Pressekonferenz – sie hatte die Initiative maßgeblich  vorangetrieben.  So dürfen Heilpraktiker Knochenbrüche therapieren, schwere und bösartige Erkrankungen behandeln und Injektionen geben. Selbst die Herstellung von Arzneimitteln für bestimmte Patienten sei Heilpraktikern erlaubt. „Ohne die Prüfmechanismen, die wir normalerweise haben, wenn wir ArzneimittelArzneimittel Arzneimittel sind Stoffe oder Zubereitungen aus Stoffen, die angewandt werden, um Krankheiten, Leiden, Körperschäden oder Beschwerden zu heilen, zu lindern oder zu verhüten. Es kann sich hierbei ebenfalls um Mittel handeln, die dafür sorgen, dass Krankheiten oder Beschwerden gar nicht erst auftreten. Die Definition beinhaltet ebenso Substanzen, die der Diagnose einer Krankheit nutzen oder seelische Zustände beeinflussen. Die Mittel können dabei im Körper oder auch am Körper wirken. Das gilt sowohl für die Anwendung beim Menschen als auch beim Tier. Die gesetzliche Definition von Arzneimitteln ist im § 2 Arzneimittelgesetz (AMG) enthalten. zulassen und produzieren“, kritisierte Prüfer-Storcks. „Wir glauben, dass es hier Regelungsbedarf gibt aus Sicht des Patientenschutzes.“ In einem von der Hamburger Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz vor Monaten eingebrachten Antrag war zuvor noch deutlich stärkere Kritik geäußert worden: Die vom früheren Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) durchgesetzten Gesetzesänderungen zielen „nur auf eine Änderung der Voraussetzungen und Verfahren zur Erlaubniserteilung ab, nicht aber auf eine Regulierung der Tätigkeit der Heilpraktiker“, hieß es dort. Doch offenbar fand der Antrag keine Mehrheit. Nach ihm hätte geprüft werden sollen, ob und gegebenenfalls wie „eine Aufhebung des Heilpraktikergesetzes“ erfolgen soll. Bei „Fortbestehen des Heilpraktikerberufes“ sollte alternativ der Berufstand besser kontrolliert werden.

Spahn hält sich raus

„Die Ministerinnen und Minister, Senatorinnen und Senatoren für Gesundheit sehen eine zwingende Reformbedürftigkeit des Heilpraktikerwesens“, heißt es in dem kurzen, MedWatch vorliegenden Beschluss. „Der Bund wird gebeten, eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe einzurichten, die eine grundlegende Reform des Heilpraktikerwesens prüft.“ Das Ergebnis der Prüfung solle bis zur Gesundheitsministerkonferenz in einem Jahr vorgelegt werden. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn erklärte auf der Pressekonferenz das Patientenwohl zwar zum entscheidenden Maßstab für die Gesundheitspolitik. „Deshalb finde ich es richtig, dass die Gesundheitsministerkonferenz bei der Patientenorientierung ihren Schwerpunkt setzt“, sagte er. Auf mögliche Reformen des Heilpraktikerberufes ging der Minister bei der Pressekonferenz jedoch nicht ein. Inwiefern sein Haus die von den Landesministern geforderte Reform des Heilpraktikerwesens mit unterstützen wird, bleibt offen. Auf Nachfrage, ob das Ministerium eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe unterstützen würde, versteckte sich eine Sprecherin bereits im Mai hinter der Mini-Reform von Gröhe. Mit Blick auf die kurze Zeit seit Inkrafttreten dieser Änderungen sei es angemessen, zunächst zu prüfen, ob und inwieweit diese zum Schutz des Patientenwohles beiträgt, erklärte sie – „ehe weitere gesetzliche Maßnahmen in Betracht gezogen werden sollten“.

Neutral und evidenzbasierte Information

In einem Grundsatzbeschluss sprach sich die Gesundheitsministerkonferenz außerdem für „Patientenorientierung als Element einer zukunftsweisenden Gesundheitspolitik“ aus. „Das heißt, dass der Patient natürlich das Heft in der Hand haben muss, dass er versteht, was mit ihm gemacht wird, warum es mit ihm gemacht wird, mit welchen Chancen die Behandlung verbunden ist“, sagte NRW-Gesundheitsminister Karl Laumann. Auch in der Ausbildung des Gesundheitspersonals sollten diese Aspekte einen großen Stellenwert bekommen, betonte Laumann – und erwähnte zwar Ärzte als Berufsgruppe explizit, nicht aber Heilpraktiker. Der frühere Bundespatientenbeauftragte forderte außerdem mehr Transparenz ein. In Teilen des Gesundheitssystems gebe es wegen mangelnder Transparenz „eine gewisse Misstrauenskultur“, sagte er. Die Minister wollen laut dem Beschluss die Patientensouveränität und der Orientierung im Gesundheitswesen verbessern, die Gesundheitskompetenz und gesundheitliche Eigenverantwortung beispielsweise durch die Einrichtung eines nationalen Gesundheitsportals deutlich stärken und Kommunikation und Wissenstransfer zwischen Patienten und allen Beteiligten im Gesundheitswesen fördern. „Patienten sollen so in die Lage versetzt werden, ihre Interessen besser zu vertreten und ihre Entscheidungen auf der Basis qualitätsgesicherter Informationen zu treffen“, heißt es. Kommunikationskompetenz und wertschätzende Beziehungsgestaltung sei im Gesundheitswesen von wesentlicher Bedeutung für die Partizipation, Qualität, Sicherheit und den Erfolg der gesundheitlichen Prävention und der medizinischen Behandlung, betonen die Minister. Allgemeinverständliche „Patientenbriefe“ sollen als erster Schritt die Informiertheit von Patienten nach Krankenhausbehandlungen erhöhen. Außerdem soll das Bundesgesundheitsminister eine Pflicht schaffen, dass niedergelassene Ärzte ihren Patienten neutrale und evidenzbasierte schriftliche Informationen zu Zusatzangeboten – sogenannten „Individuellen Gesundheitsleistungen“ – zur Verfügung stellen müssen. Bei Behandlungsfehlern sollen nach Ansicht der Landesminister auf Bundesebene weitere Erleichterungen umgesetzt werden: Die Beweislast und das Beweismaß soll zu Gunsten von Patienten überarbeitet werden. Außerdem sollten Krankenkassen gesetzlich verpflichtet werden, Patienten beim Nachweis eines Behandlungsfehlers besser zu unterstützen.

Vor dem Brandenburger Tor versammeln sich an diesem Samstagmittag allerdings nur wenige, die lediglich gegen das Impfpflichtgesetz protestieren, das auch viele Experten kritisieren. Sie befürchten, dass in Folge seltener andere Impfungen in Anspruch genommen werden. Stattdessen sollte eine verstärkte aktive Aufklärung sowie die Einführung automatischer Impferinnerungssysteme umgesetzt werden. Impfungen in Kindergärten und Schulen sollten möglich werden.

Verschwörungstheoretiker mit Verbindungen in rechtsextreme Kreise dominieren die Demo

Viele Demonstranten vor Ort wollen eine tiefer gehende Kritik loswerden – und noch einiges mehr. „Impfungen haben krasse Nebenwirkungen, das sagt dir doch keiner“, erklärt Juliane erhitzt. Ihre Kinder lasse sie jedenfalls nicht impfen. Die Nachbarin pflichtet ihr bei, es sei alles eine große Schweinerei. Verdienen an dem „Gift“ würden doch nur Pharmaindustrie und Ärzte.

Noch liegt der Gesetzentwurf zum Impfpflichtgesetz beim Bundesrat, der bis zum 20. September die Gelegenheit zur Stellungnahme hat. „Es sterben derzeit Tausende Menschen an Krankenhauskeimen, an Krebs und keiner macht etwas dagegen. Aber wenn ein Mensch im Jahr an Masern stirbt, will man gleich den Impfzwang rechtfertigen!“, ruft Demo-Organisatorin Andrea Feuer der jubelnden Menge zu. Zusammen mit Daniela Gerlemann hat sie das „netzwerk impfentscheid Deutschland“ gegründet. Sie beschreiben sich selbst als „besorgte Mütter“, die im medizinischen Bereich tätig seien und die „Interessen der Zivilbevölkerung“ vertreten.

Auf dem esoterischen „Akasha-Kongress“, bei dem vergangenes Jahr in der Nähe von Köln Referenten auftraten, die unseriöse Krebstherapien bewarben und das wegen Gesundheitsgefahren verbotene Wundermittel MMSMMS Mineral Miracle Supplement propagierten, warb Daniela Gerlemann bereits für Protest: „Die medizinische Selbstbestimmung ist in Gefahr“ erklärt sie. In Europa und in vielen Ländern auf der Welt würden Impfzwänge durchgesetzt. „Verschwiegen werden natürlich die Schadwirkungen und alles, was an Nebenwirkungen da möglich ist“.

Rapper singt “Bitte, bitte, impf sie nicht!”

Auf der Website des „netzwerk impfentscheid Deutschland“ zum Berliner Demoaufruf ist zu lesen, dass man sich „für die freie Impfentscheidung in Deutschland“ einsetze, die Redner verfolgten bei der Demonstration dasselbe Ziel: die „freie Impfentscheidung“ zu erhalten. „Extreme und wissenschaftlich umstrittene Themen der Medizin sind nicht Gegenstand der Vereinsarbeit“, heißt es in einer sehr vorsichtigen Distanzierung. Auch distanzieren sich Gerlemann und Feuer „von jeglichem politisch motivierten Extremismus“ auf der Demo, rechtsextreme Strömungen hätten keinen Platz im Verein. Es würden „keinerlei politische Symbole oder Verherrlichung von Gewalt o.ä. geduldet“. Doch die Realität an diesem Tag sieht anders aus. Tatsächlich wird die Demonstration von Verschwörungstheoretikern mit Verbindungen in rechtsextreme Kreise dominiert.

Präsent während der gesamten Anti-Impfplicht-Demo: Rapper Wojna von der Band „Die Bandbreite“.Der Skandal um den Heilpraktiker Klaus R. hat vor zwei Jahren bundesweit für Entsetzen gesorgt: Drei behandelte Krebspatienten waren kurz nach der Gabe eines vermeintlichen Wundermittels verstorben. Der nahe der niederländischen Grenze tätige R. hatte ihnen das Mittel 3-Bromopyruvat (3-BP3-BP 3-Brompyruvat) gespritzt, das er auf seiner Homepage als „aktuell beste Präparat zur Tumorbehandlung“ bewarb. Dabei ist sie für den Einsatz am Menschen praktisch nicht erforscht: Es gibt bislang nur Berichte von Einzelfällen, von denen sich beteiligte Wissenschaftler jedoch teils wieder distanzierten. Wie das Landgericht Krefeld am Dienstag bekanntgab, hat die dortige 2. Große Strafkammer die Anklageschrift wegen des Vorwurfs des fahrlässigen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz in vier Fällen in Tateinheit mit dem Vorwurf der fahrlässigen Tötung in drei Fällen nun unverändert zugelassen. Gleichzeitig hat es die Hauptverhandlung eröffnet, Verhandlungstermine sind noch nicht bekannt. Laut Gerichtssprecher hat R. gegenüber der Staatsanwaltschaft Angaben gemacht, jedoch dem Gericht bislang keine Stellungnahme zur Anklage vorgelegt.

Womöglich tödlicher Dosierungsfehler

Nach langen Ermittlungen hatte die Staatsanwaltschaft Krefeld im April Anklage gegen R. erhoben. Bei der Zubereitung des Mittels habe er „unter gröblicher Außerachtlassung der gebotenen und ihm zumutbaren Sorgfalt“ bei vier Patienten einen schwerwiegenden Fehler beim Abwiegen der Wirkstoffmenge gemacht: Aufgrund der Überdosierung sind drei der Patienten laut Staatsanwaltschaft verstorben. Der Angeklagte habe die Überdosierung erkennen und verhindern können und müssen. Laut Anklage hat R. jedoch keinerlei Kontrollmechanismen vorgesehen oder geschaffen, um die von ihm eingewogene, auf das Körpergewicht und die Konstitution des Patienten individuell abgestimmte Dosierung des Wirkstoffs zu überprüfen. „Hierzu wäre er indes aufgrund des Umstandes, dass es sich jeweils um eine individuelle Dosierung und um eine Substanz handelte, welche auch nach den ihm bekannten Erkenntnissen sorgfältig dosiert werden musste, bei Beachtung der gebotenen Sorgfalt verpflichtet gewesen“, erklärte die Staatsanwaltschaft. Die Fehler hätten darauf beruht, dass die Waage für das Zuwiegen von Kleinstmengen nicht geeignet gewesen sei. Auch habe R. die Richtigkeit der Dosierung nicht kontrolliert.

Heilpraktiker darf dennoch weiterarbeiten

Nach Bekanntwerden des Falles forderte beispielsweise der Deutsche Ärztetag im Mai 2017, es Heilpraktikern gesetzlich zu untersagen, Arzneimittel per Infusion zu verabreichen sowie Tumorbehandlungen vorzunehmen. Denn der Fall offenbarte, in welchem Graubereich Heilpraktiker arbeiten dürfen: Zwar ist 3-BP rezeptpflichtig, weshalb es eigentlich nur Ärzte verschreiben dürfen. Auch hätte R. sie nicht als fertiges Arzneimittel einkaufen und verabreichen dürfen. „Da er dies gerade nicht getan, sondern das Arzneimittel selbst hergestellt hat, war es ihm gestattet“, erklärt die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft auf Nachfrage. Denn R. hat die Infusion aus der von ihm eingekauften Chemikalie selbst hergestellt. Zwar hätte er die Herstellung des Arzneimittels der zuständigen Gesundheitsbehörde anzeigen müssen, was er nicht tat. Doch war die Nichtanzeige nicht strafbewehrt. Obwohl des Landesgesundheitsministerium schon im vergangenen Jahr schrieb, es habe „erhebliche Zweifel“, ob R. seiner Heilpraktikertätigkeit ordnungsgemäß nachgeht, darf er weiterarbeiten. Für den Entzug von Heilpraktikererlaubnissen ist der Kreis Wesel zuständig – doch sind die dortigen Mitarbeiter nun seit rund drei Monaten dabei, die laut Pressesprecher ungefähr 10.000 Seiten umfassenden Akten zu sichten. „Derzeit wird das umfangreiche Material der Staatsanwaltschaft weiterhin arzneimittelrechtlich geprüft“, erklärte eine Sprecherin des Kreises gegenüber MedWatch. „Sobald das Ergebnis dieser Überprüfung vorliegt, kann eine Entscheidung über den eventuellen Entzug der Heilpraktikererlaubnis getroffen werden.“ Auch angesichts dieses Falls hat die Gesundheitsministerkonferenz vor gut vier Wochen eine „zwingende Reformbedürftigkeit des Heilpraktikerwesens“ festgestellt und das Bundesgesundheitsministerium aufgefordert, eine gemeinsame Arbeitsgruppe zur Reform des Berufsstands einzurichten. Doch der Beschluss der Landesminister liege „erst seit kurzem schriftlich im Haus vor“, erklärt eine Sprecherin des Bundesministeriums auf Nachfrage. Er werde nun geprüft. (Titelfoto: DER UNFASSBARE / Wikimedia)

Ganz vorn dabei: Der Verschwörungstheorie-Rapper Wojna von der Duisburger Band „Die Bandbreite“. Er steht auf einem zur Bühne umfunktionierten Miet-LKW, der mit orangefarbenen Ballons und Porträts dekoriert ist. Eines dieser Fotos zeigt den als Impfkritiker bekannten und dafür von manchen verehrten Robert F. Kennedy. Wojna spricht euphorisch zur den jubelnden Demonstranten, schätzungsweise 2000 sind nach Berlin gekommen. „Wir stehen alle hier für unser Recht auf medizinische Selbstbestimmung“, ruft Wojna, natürlich wolle man niemandem seine Impfung nehmen. Später aber wird er dann mehrfach einen Song rappen, gerichtet an alle Eltern: „Bitte, bitte impft sie nicht, verabreicht ihnen nicht das Gift!“

Wojna, der mit bürgerlichem Namen Marcel Wojnarowicz heißt, begleitet über mehrere Stunden die Demo, moderiert die Reden von Impfgegnern aus Frankreich, Italien und Polen an und richtet immer wieder auch selbst das Wort an die Demonstranten und unbeteiligte Passanten.

Er ist nicht nur unter Impfgegnern bekannt. Seine Band „Die Bandbreite“ tourt bereits seit Jahren landauf landab und spielt auf Veranstaltungen von Verschwörungstheoretikern und mitunter sogar Reichsbürgern – also Menschen, die die legitime Existenz der Bundesrepublik Deutschland bezweifeln und an den Fortbestand eines Deutschen Reichs glauben. In ihren Liedern bezeichnet die Band die Anschläge vom 11. September 2001 als von den USA „selbstgemacht“ und behauptet, das HI-Virus sei von den USA als Kampfstoff entwickelt und verbreitet worden.

2012 trat die Band bei der Gründungsveranstaltung des sogenannten „Königreichs Deutschland“ in der Lutherstadt Wittenberg auf: Der Geschäftsmann und Reichsbürger Peter Fitzek rief dort auf einem ehemaligen Krankenhausgelände seinen eigenen „Staat“ aus und ließ sich zum König krönen.

Frau mit Totenkopfgesicht: Impfkritische Aufkleber verteilt

Auch der Autor und Verschwörungstheoretiker Heiko Schrang darf vor dem Brandenburger Tor eine Rede halten. Er gehört zu den „Stars“ der deutschsprachigen Verschwörungsszene. Bücher veröffentlicht Schrang im Selbstverlag, Videos vor allem auf Youtube, wo er mehr als 140.000 Abonnenten hat. Darin geht es oft um Meditation, vor allem aber um angebliche Komplotte aus Politik, Medien und „Hochfinanz“. In seinem Buch „Die Souveränitätslüge“ behauptet Schrang etwa, Deutschland sei kein souveräner Staat, sondern immer noch besetzt und fremdgesteuert. In anderen Veröffentlichungen verbreitet er Verschwörungstheorien rund um die Anschläge auf das World Trade Center, bestreitet den menschlich gemachten Klimawandel und warnt vor „Chemtrails“.

Heiko Schrang auf der “Anti-Impf-Demo” in Berlin: Erst als Redner, dann filmt er die Aktion.Am fünften Verhandlungstag im Prozess gegen den Heilpraktiker Klaus R. stand der Zeuge Daniel S. im Zentrum.: Er hatte die Substanz 3-BP besorgt, um damit seine ebenfalls an Krebs erkrankte Frau zu behandeln. Bis zu den tödlichen Zwischenfällen im Juli 2016 belieferte er die Praxis in Brüggen-Bracht. Außerdem sagten Sachverständige vor dem Landgericht Krefeld zu den Todesursachen aus. Als erste Zeugin hört das Gericht morgens um 9:15 Uhr die Ernährungsberaterin des verstorbenen Patienten Peter van O. Am Tag vor seinem Tod hatte van O. noch einen Termin in ihrer Praxis in Roermond. Die Infusion, die mutmaßlich zu seinem Tod geführt hat, hatte er zu diesem Zeitpunkt schon im Körper. Die Ernährungsberaterin berichtet, wie van O. im Laufe des Gesprächs immer müder wurde: „Er bekam alles mit, aber am Ende war er zu müde, um zu sprechen.“ Sie riet van O. und seiner Frau deshalb, in der Nähe zu übernachten. Doch die beiden wollten unbedingt nach Hause und machten sich am Abend auf den Weg ins rund anderthalb Autostunden entfernte Apeldoorn. Den nächsten Termin wollte die Ernährungsberaterin als Videokonferenz durchführen, doch dazu kam es nicht mehr.

Daniel S. sucht ein Krebsmittel für seine Frau

Gegen 10 Uhr nimmt Daniel S. Platz auf dem Zeugenstuhl. Er ist 39 Jahre alt, stammt aus Rumänien und lebt seit über zehn Jahren in den Niederlanden. An der Universität Temeswar habe er Physik studiert und anschließend promoviert. „Haben Sie eine medizinische Ausbildung“, fragt der Richter. „Nein“, antwortet S. Für Medizin habe er sich erst interessiert, als bei seiner Frau Mihaela Nierenkrebs diagnostiziert worden sei. S. spricht leise und eindringlich. Den Angeklagten, mit dem er lange zusammengearbeitet hat und der sich nun wegen fahrlässiger Tötung verantworten muss, würdigt er im Gerichtssaal keines Blickes. S. erzählt von der Operation seiner Frau, die leider nicht den erhofften Erfolg brachte. Bereits einige Monate später, im Januar 2014, hätten die Ärzte Metastasen festgestellt. „Sie sagten, dass meine Frau nur noch wenige Monate zu leben hat.“ Mit einer sehr starken Chemotherapie könne man etwas Zeit gewinnen, allerdings würde ihre Lebensqualität sehr darunter leiden. „Meine Frau hat dann beschlossen, dass wir nach anderen Möglichkeiten suchen müssen“, sagt S. und erzählt, wie er sich dann Tag und Nacht mit Onkologie beschäftigt habe: „Ich musste einfach eine Lösung finden.“ Anders als die meisten Patienten von Klaus R. sucht S. nicht unbedingt nach einer biologischen Alternative. Der Physiker durchforstet medizinische Datenbanken, spricht mit Ärzten und Wissenschaftlern in aller Welt. Zumeist bekommt er dieselbe Auskunft: Der Tumor seiner Frau sei sehr aggressiv, die Lebenserwartung gering. Über verschiedene Umwege gelangen er und seine Frau in die Praxis in Brüggen-Bracht. Zu Anfang wird die Praxis noch nicht von Klaus R. geführt, Mihaela bekommt dort verschiedene Substanzen aus dem Arsenal der alternativen Krebstherapie: Vitamin B17 und Artemisinin zum Beispiel. S. sucht weiter nach einem Mittel, dessen Wirkung wissenschaftlich plausibel ist – und stößt im Internet auf 3-BP. Er und seine Frau sind von der Substanz überzeugt: „3-BP war in der Topliste.“

„Er war mir nicht sorgfältig genug“

Anfang 2015 beschließt Daniel S., seine Frau mit 3-BP zu behandeln. Er besorgt das Mittel, kann jedoch selbst keine Infusionen legen. Das übernimmt deshalb Klaus R., der mittlerweile die Praxis führt. Der Vorsitzende Richter Johannes Hochgürtel fragt: „Es war ihre Idee, sie haben das Mittel mitgebracht?“ „Ja“, antwortet S. und berichtet, dass er alles selbst kontrolliert habe. Seine Frau sollte maximal 2,2 mg pro Kilo Körpergewicht bekommen, die Menge habe er selbst abgewogen. Mit Klaus R. habe er viel über 3-BP gesprochen. „Er war immer freundlich, hat viel gelacht“, sagt S., „aber ich habe ihm nicht richtig vertraut, er war mir nicht sorgfältig genug.“ Nach einigen Monaten möchte der Heilpraktiker Klaus R. das Mittel auch bei anderen Krebspatienten einsetzen. Die Substanz bezieht er von Daniel S. „Er hat gefragt, ob ich ihm helfen kann“, sagt S. „Gab es sonst noch jemandem, dem sie helfen wollten?“, fragt der Richter. Die Antwort von S.: „Ich würde der ganzen Welt helfen.“ Das 3-BP habe er in den USA bestellt, bei der Firma „Santa Cruz Biotechnology“, die S. immer nur „Santa Cruz“ nennt. Zu dieser Firma hatte er Vertrauen, anders als zu einem chinesischen Lieferanten, bei dem er ein einziges Mal bestellt. „Das chinesische 3-BP habe ich aber nie eingesetzt.“ Ein gutes Jahr lang behandelt Klaus R. Patienten mit dem Mittel 3-BP. Es war offenbar ein permanentes Experiment, auch der Heilpraktiker beschrieb den Einsatz des Mittels zuvor als „Ausprobieren“. Klaus R. habe irgendwann die Dosis erhöht, erzählt S. In E-Mails berichtet der Heilpraktiker, dass er fünf Milligramm pro Kilo infundiert habe. S. rät davon ab. Vor Gericht erklärt er, dass die Selektivität von 3-BP bei höheren Dosen abnimmt, dass also auch gesunde Zellen geschädigt werden. S. redet wie ein Mediziner, er tut das so überzeugend, dass ihn die Verteidigerin des Heilpraktikers mehrfach nach medizinischen Zusammenhängen fragt. Der Richter geht dazwischen: „Das ist eine Frage für den Sachverständigen. Hier sitzt ein Laie vor uns.“ In einer Verhandlungspause platzt einem niederländischen Journalisten der Kragen: „Physiker und Heilpraktiker behandeln Krebs. Im ganzen Haus gibt es keinen Arzt, das kann doch nicht sein.“

Bis heute ist Daniel S. von 3-BP überzeugt

Schließlich geht es um die entscheidenden Tage Ende Juli 2016. Klaus R. habe ihn sofort angerufen, als es mehreren Patienten nach der Infusion schlecht ging. Für S. war das eine äußerst bedrohliche Situation: „Ich wollte meinen Lieferanten unbedingt raushalten“, sagt er. Er ist überzeugt: „Das Leben meiner Frau hing davon ab, dass ich 3-BP besorgen konnte.“ „Wir könnten sagen, das Mittel kommt aus China“, schlägt S. vor. Schließlich entscheiden sich die beiden jedoch dafür, den Lieferanten „Santa Cruz“ zu nennen. Die niederländische Polizei beschlagnahmt bei S. verschiedene Proben, darunter auch 3-BP. Es werden Laborproben genommen, dann bekommt S. die beschlagnahmten Mittel zurück. „Unverständlich“ findet das die Staatsanwältin. Im weiteren Verlauf des Prozesses wird es noch um die Ergebnisse der Analyse gehen. Allerdings wurden wohl keine Proben aus der problematischen Lieferung von Ende Juli untersucht. Wie schon der Heilpraktiker hat auch S. die Reste vernichtet. „Wollten Sie nicht herausfinden, ob damit etwas nicht in Ordnung war?“, fragt der Vorsitzende Richter. „Ich wollte, dass dieses 3-BP nicht weiterbenutzt wird, das war mein einziges Interesse“, antwortet S. Die Todesfälle seien entweder durch eine Verunreinigung des Mittels oder durch eine zu hohe Dosierung entstanden, mutmaßt der Zeuge: „Heute glaube ich, dass die Dosis zu hoch war.“ Auch nach den Todesfällen behandelt er seine Frau weiter mit 3-BP, bis heute ist er davon überzeugt – obwohl auch Mihaela mittlerweile an ihrem Krebsleiden verstorben ist.

Für die Pathologin steht fest: Leentje C. ist an einer Vergiftung mit 3-BP gestorben

Es ist schon 17:30 Uhr, als die niederländischen Sachverständigen aussagen: ein Toxikologe und eine Pathologin, beide haben große Teile des Prozesses verfolgt. Zunächst geht es um die Blutuntersuchungen bei der belgischen Patientin Leentje C. Das Ergebnis ist allerdings nicht eindeutig: „Ich kann keine toxikologische Ursache feststellen, aber auch nicht ausschließen“, so fasst der Sachverständige seine Ergebnisse zusammen. Trotz dieser Bilanz geht es danach lange darum, wie man die auffälligen Werte bei Leentje C. interpretieren könne. Direkt lässt sich 3-BP nicht nachweisen, es wird sehr schnell abgebaut. Dazu kommt, dass die Blutproben längere Zeit im Gefrierschrank lagen. Auch dabei könnten sich die entscheidenden Werte verändert haben, so der Toxikologe. Klarer fällt das Urteil der Rechtsmedizinerin Bela Kubat aus: „Leentje C ist infolge einer ernsten Hirnschädigung und Hirneinklemmung gestorben“, führt die Professorin aus. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Hirnschädigung aufgetreten ist durch toxische Effekte. Und wahrscheinlich durch toxische Effekte von 3-BP.“ Kubat erklärt, dass die Hirnödeme, die in der gesamten Großhirnrinde gefunden wurden, auf einen Mangel an Sauerstoff oder Glukose hindeuten. Auch in tieferen Bereichen des Hirns hat sie Schädigungen und Blutungen festgestellt. „Wir kennen ähnliche Symptome von einer Kohlenmonoxid-Vergiftung“, sagt Kubat. Vereinfacht ausgedrückt könne das Gehirn dann keine Energie mehr produzieren. Bei Kohlenmonoxid fehle der Sauerstoff, bei 3-BP die Glukose. Die Verteidigung fragt nach anderen Erklärungen, aber für Professor Kubat steht fest: „Dieses Muster tritt nur bei Vergiftungen auf.“ Auch die Krebserkrankung sei keine Erklärung für den Tod von Leentje C.: „Sie war komplett krebsfrei“, berichtet die Pathologin. Weder an der Bauchspeicheldrüse noch an anderen Organen wurde Tumorgewebe gefunden – auch bei der vorangegangenen Verhandlung hieß es, sie sei tumorfrei gewesen [LINK „klang biologisch“]. Die Befunde zeigen, dass 3-BP – zumindest in hoher Dosierung – die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann. So sei es zu den Schäden gekommen, die letztlich wohl zum Tod der Patientin geführt haben. Peter van O., der niederländische Patient, litt vor seinem Tod an ganz ähnlichen Symptomen wie Leentje C. Übelkeit, epileptische Anfälle und computertomografische Aufnahmen, die vor dem Tod von van O. gemacht wurden, lassen auf eine ähnliche Todesursache schließen. „Es war möglicherweise eine Vergiftung“, sagt Bela Kubat. So eindeutig wie bei Leentje C. könne sie das aber nicht sagen, da die Obduktion zu einem späteren Zeitpunkt stattfand. „Der Zustand war zu fortgeschritten“, so Kubat, vieles habe man nicht mehr sehen können. Van O. habe jedoch nach wie vor an Krebs gelitten, auch Metastasen wurden gefunden. „Eine Heilung war da nicht mehr möglich.“ Die akuten Symptome Ende Juli und der Tod seien jedoch durch die Krebserkrankung nicht zu erklären. Es ist bereits 20 Uhr, als das Gericht die Vernehmung der Sachverständigen am fünften Verhandlungstag beendet. Anfang Juni wird der Prozess fortgesetzt. Dann geht es um den dritten Todesfall – die Patientin Joke van der K.

Bisherige Berichterstattung von MedWatch über den Prozess

Foto: Hinnerk Feldwisch / MedWatch 
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In seiner Rede in Berlin spricht Schrang ebenfalls nicht nur über die Impfpflicht. Er holt stattdessen weit aus. „Wir haben ein System-Problem“, sagt Schrang. „Dieses System, da gehört noch mehr dazu. Hier ist die Zwangsimpfung, dann ist der Organraub auf der anderen Seite, dann ist es eine Zwangsgebühr GEZ.“ Anschließend fragt er die versammelten Demonstranten: „Wollt ihr euch das alles noch bieten lassen?“ Die Menge antwortet mit lauten und enthusiastischen „Nein“- und „Buh“-Rufen und Pfiffen.

Liebich: Mobil machen per Telegram

Währenddessen verteilen offizielle Ordner der Demonstration „impfkritische“ Aufkleber an die Demonstranten. Viele kleben sie sich selbst oder ihren Kindern an die Kleidung. Im Bauchladen, den eine Ordnerin in einer orangefarbenen Warnweste vor sich trägt, liegen jedoch nicht nur Aufkleber und Flugblätter der Demo-Organisatoren selbst. Sie verteilt auch Aufkleber, auf denen eine Frau mit Totenkopf-Gesicht zu sehen ist, die einem Mädchen eine Spritze verabreicht. Darunter steht der Aufruf: „Lass dich nicht impfen. Informier dich jetzt!“

Anti-Impfaufkleber mit Totenkopf (rechts in der Kiste) – aus dem Onlineshop des Rechtsextremen Aktivisten Sven Liebich.

Am vierten Verhandlungstag vor dem Landgericht Krefeld wurden Angehörige der verstorbenen Patienten befragt. Leentje C., Joke van der K. und Peter van O. waren gestorben, nachdem der Heilpraktiker Klaus R. sie mit dem nicht erprobten Mittel 3-Bromopyruvat behandelt hatte. Alle drei bekamen am 27. Juli 2016 die mutmaßlich tödliche Infusion.

Morgens um neun Uhr warten bereits Angehörige aus den Niederlanden vor dem Gerichtssaal, einige haben Freunde und Verwandte zur Unterstützung mitgebracht. Sachverständige und zahlreiche Journalisten sind anwesend. Der Heilpraktiker Klaus R. kommt an diesem Tag kaum zu Wort – schweigend und sichtlich mitgenommen verfolgt er die Vernehmung der Zeugen.

Zunächst nimmt André van L., Witwer der verstorbenen niederländischen Patientin Joke, Platz im Zeugenstuhl. Als einziger der Angehörigen hat er Nebenklage erhoben. Eine Dolmetscherin übersetzt. 20 Jahre waren Joke und er verheiratet, sie haben eine Tochter und einen Sohn, die Kinder sind heute 16 und 18 Jahre alt. Am 15. Juni 2016 wurde bei seiner Frau Brustkrebs diagnostiziert. Die Ärzte fanden mehrere Knoten, es gab offenbar bereits Metastasen. Dennoch sprachen die Ärzte laut dem Zeugen davon, dass der Krebs heilbar sei. Sie schlugen eine Hormonbehandlung vor, anschließend Chemo- und Strahlentherapie. Danach müsse eventuell operiert werden. Ohne Behandlung habe seine Frau allenfalls noch sechs Monaten zu leben, so die Ärzte.

André L. hat dieses Gespräch als traumatisch in Erinnerung – nicht nur wegen der Hiobsbotschaft, er und seine Frau empfanden die Ärzte als wenig einfühlsam. „Die Art wie sie kommunizierte, war uns sehr unsympathisch“, sagt André van L. „Das fanden wir nicht vertrauenswürdig.“

Brustkrebs: Patientin hätte womöglich geheilt werden können

„Meine Frau wollte keine Chemotherapie“, erzählt André van L., „sie sah das als Gift in ihrem Körper an“. Bei Angehörigen und Freunden hatte sie gesehen, wie viel Leid Krankheit und Therapie bedeuten können. Obwohl seine Frau mit konventioneller Therapie laut den Aussagen der Ärzte gute Heilungschancen gehabt hätte, suchen sie im Internet nach Alternativen und stoßen dabei auf die Praxis des Heilpraktikers Klaus R. Das Angebot spricht Joke sofort an: „Es klang biologisch, natürlich“, sagt André van L. Nur eine Woche nach der Brustkrebs-Diagnose sitzen die beiden zum Beratungsgespräch in der Praxis in Brüggen-Bracht, Klaus R. erläutert seine Behandlung. „Er sprach von Vitaminen, von Calcium und von dem Glukoseblocker 3-BP“, erzählt André van L. Der Heilpraktiker habe ihnen erklärt, dass 3-BP den Zucker aus den Zellen rausholt und dass die Krebszellen dann sterben. Auch über Nebenwirkungen hätten sie gesprochen. Der Heilpraktiker habe gesagt, Joke könne sich fühlen „wie bei einer Trunkenheit“. Klaus R. habe kein eindeutiges Heilungsversprechen gemacht: Er habe gesagt, er wolle probieren, Joke zu heilen. Die beiden verabschieden sich mit einem guten Gefühl: „Er machte einen positiven Eindruck.“

Im weiteren Verlauf der Vernehmung weist der Vorsitzende Richter Johannes Hochgürtel den Zeugen auf Aspekte hin, die im Rückblick nur schwer verständlich sind: „Ihre Frau wollte ja eine biologische Krebstherapie“, sagt er. „Dachten sie, dass 3-BP ein biologisches Mittel ist?“ Zunächst antwortet André van L. mit „ja“. Im weiteren Verlauf wird dann deutlich, dass seiner verstorbenen Frau und ihm bewusst war, dass 3-BP zwar ein chemisches Mittel ist. Sie gingen aber davon aus, dass es dennoch eine „natürliche Wirkung“ hat.

Immer wieder stößt die Vernehmung an diesen Punkt. Richter, Staatsanwältin und Anwältin versuchen herauszufinden, worin für das Ehepaar der Unterschied zwischen biologisch, natürlich und chemisch bestand: „Kann es sein, dass chemische Mittel natürlich wirken?“ Oder umgekehrt: „Können Sie sich vorstellen, dass natürliche Stoffe eine chemische Wirkung haben?“ Die Antwort des Zeugen: „Ich denke, dass chemische Dinge nicht in den Körper gehören.“ Immer wieder betont André van L., dass er ja kein Chemiker oder Techniker sei. Er und seine Frau wollten eine biologische Krebstherapie, deshalb hätten sie sich für Herrn R. entschieden.

„In Holland ist nur sehr wenig erlaubt“

Die Anwältin von Klaus R. möchte wissen, warum sich die beiden ausgerechnet für einen Heilpraktiker in Deutschland entschieden haben. „Weil diese Behandlungen in den Niederlanden nicht zu bekommen sind“, antwortet der Zeuge. 3-BP zum Beispiel sei dort verboten: „In Holland ist nur sehr wenig erlaubt.“ Nein, er habe sich keine Gedanken darüber gemacht, warum das wohl so sei, so der Zeuge weiter. Klaus R. habe ihm versichert, dass das Mittel in Deutschland legal sei. „Wir sind davon ausgegangen, dass es zugelassen und erlaubt ist“, sagt André van L. Die deutschen Regelungen für den Beruf des Heilpraktikers sind dem Mann aus den Niederlanden offenbar nicht bekannt.

Die Dolmetscherin übersetzt das Wort „Heilpraktiker“ mit dem niederländischen Wort „Natuurarts“. Daraufhin fragt der Richter: „Haben Sie Herrn Ross für einen Arzt gehalten?“ André van L.: „Er hat eine Weiterbildung zum Heilpraktiker gemacht.“ Für ihn bestand der entscheidende Unterschied darin, dass der „Natuurarts“ mit natürlichen Mitteln arbeitet, während andere Ärzte „Chemie“ einsetzen. Dass sich auch die Ausbildung von Ärzten und Heilpraktikern gravierend unterscheidet, sei ihm nicht bewusst gewesen. Der Richter möchte wissen, wie er und seine Frau sich entschieden hätten, wenn Klaus R. ihnen klar gesagt hätte, dass er ein experimentelles Mittel einsetzt, mit dem es kaum Erfahrungen gibt. Eine wichtige Frage, auf die André van L. jedoch keine eindeutige Antwort gibt. Nur eines steht unumstößlich fest: „Die Behandlung sollte biologisch sein.“

Am 27. Juli 2016 beginnt das Drama

Der Vormittag ist schon weit fortgeschritten, als es beim Landgericht schließlich um den entscheidenden Tag geht: Am 27. Juli 2016, einem Mittwoch, kam Joke van der K. – wie schon an den Tagen zuvor – in die Praxis des Heilpraktikers. Sie erhielt wieder eine Infusion mit 3-BP. Doch dieses Mal läuft alles anders, bei ihr und bei drei weiteren Patienten. Bei allen setzen kurz nach der Infusion schwere Nebenwirkungen ein. Joke, Leentje und Peter sind wenige Tage später tot. Eine vierte Patientin leidet ebenfalls unter Komplikationen, überlebt jedoch.

André van L. erzählt, dass seine Frau die Infusionen an den Vortagen gut vertragen habe. Nur an diesem Mittwoch ging es ihr plötzlich schlecht. Schon in der Praxis habe sich seine Frau mehrmals übergeben. Während der Behandlungswochen wohnen die beiden auf einem Campingplatz. Dort habe sich Joke sofort ins Bett gelegt und geschlafen. „Die ganze Nacht war sie unruhig, am nächsten Morgen hat sie kaum noch gesprochen, nur genickt oder den Kopf geschüttelt.“ Obwohl es ihr sichtlich schlecht ging, wollte seine Frau auch am nächsten Tag unbedingt in die Praxis. „Sie lief wie Donald Duck“, so hatte es André van L. bereits bei der Vernehmung durch die Polizei ausgedrückt, und das bestätigt er auch vor Gericht. Ernstlich besorgt sei er da noch nicht gewesen. Er wusste ja, dass sich die „Nebenwirkungen wie Trunkenheit“ anfühlen können.

Nach 3-BP-Infusion: Ärzte in Klinik diagnostizieren Hirnödem

In der Praxis habe Klaus R. sie empfangen, aber an diesem Tag keine 3-BP-Infusion gegeben. „Er hat gesagt, dass mit dem Mittel etwas nicht stimmt“, erzählt André van L. Der Heilpraktiker gibt Joke van der K. Vitamine. Er rät ihr, viel zu trinken, und schickt sie mit einem Rezept über sogenannte Resuce-Tropfen wieder nach Hause. Auf dem Campingplatz angekommen, legt sich Joke sofort ins Bett, ihr Mann fährt zur ApothekeApotheke Eine Apotheke ist ein Geschäft, welches Medikamente und Heilmittel verkauft. In Deutschland gibt es rund 20.000 Apotheken, von denen jede von außen an einem großen roten A erkennbar ist, das Verbandslogo des Deutschen Apothekerverbands. Bei der Abgabe von Arzneimitteln besteht eine Verpflichtung zur Information und Beratung., um die Tropfen zu holen. Als er zurückkommt, hat sich der Zustand seiner Frau drastisch verschlechtert. „Mein Sohn war bei ihr, und sie hatte einen epileptischen Anfall“, sagt André van L. „Ich habe mal mit Epileptikern gearbeitet, deshalb habe ich das sofort erkannt.“ Jetzt wird ihm klar, wie ernst die Lage ist, er bringt seine Frau ins Krankenhaus in der nahe gelegenen Stadt Nettetal. Dort bleibt sie nur kurze Zeit, mit dem Rettungswagen wird Joke in eine besser ausgestattete Klinik nach Mönchengladbach gefahren. Die Ärzte diagnostizieren ein Hirnödem, eine Schwellung in mehreren Hirnregionen, außerdem stellen sie einen toxischen Stoff im Blut fest. Die Ärzte sagen André van L., dass es sehr ernst um seine Frau steht. Er bleibt die Nacht über in der Klink.

Gegen drei Uhr nachts ruft Klaus R. an, um sich nach dem Zustand von Joke zu erkundigen. „Woher er wusste, dass wir in der Klinik sind, weiß ich nicht.“ Er kann ihm nicht viel sagen und gibt das Gespräch an die Krankenschwester weiter. Am nächsten Tag – es ist inzwischen Freitag – machen die Ärzte einen weiteren Hirnscan. Das Ergebnis: Hirnblutung, Schwellung und Wasseransammlung im Gehirn. Ein Arzt war dann sehr direkt zu den Angehörigen: „Er sagte uns, dass es nicht mehr besser wird.“ Einen Tag später, am Samstag, stirbt Joke van der K. in der Klinik in Mönchengladbach.

Beim Prozess ist der diensthabende Oberarzt der Klinik in Nettetal als Zeuge geladen. Er schildert den Zustand von Joke van der K.: „Sie war nicht ansprechbar, ich konnte keinen Kontakt aufnehmen.“ Der Arzt spricht von „unklarer Neurologie“. Da er Onkologe ist, wird er auch nach der Prognose von Jokes Brustkrebserkrankung befragt. Dazu kann er jedoch keine Angaben machen, da er die Details der Erkrankung nicht kennt. Er antwortet allgemein: „Brustkrebs ist ein Chamäleon, der Verlauf ist oft überraschend.“ Es gebe jedoch vielfältige Behandlungsmöglichkeiten, mit denen man Zeit gewinnen oder die Erkrankung sogar heilen könne. Im weiteren Verlauf des Verfahrens wird es noch detaillierter um die Prognose von Jokes Erkrankung gehen.

Die Belgierin Leentje C. litt an BauchspeicheldrüsenkrebsBauchspeicheldrüsenkrebs Beim Bauchspeicheldrüsenkrebs dem sog. Pankreaskarzinom handelt es sich um eine besonders bösartige Tumor-Erkrankung dessen Heilungschancen oft schlecht sind da sie meist – aufgrund fehlender Symptome – erst spät entdeckt wird. Meist ist hierbei die Bauchspeicheldrüse (der Pankreas) von einer bösartigen Wucherung des Drüsengewebes betroffen (Adenokarzinom).

Mit mehrstündiger Verspätung beginnt anschließend die Vernehmung von Françoise G. Sie ist die Ehefrau der verstorbenen belgischen Patientin Leentje C., die an Bauchspeicheldrüsenkrebs litt. Anders als Joke hatte sich Leentje Chemotherapie und Operation unterzogen, bevor sie schließlich bei Klaus R. Hilfe sucht. „Wir fühlten uns von der Schulmedizin im Stich gelassen“, sagt Françoise. „Mit der Botschaft, dass man nicht mehr viel machen kann, wurden wir nach Hause geschickt.“ Aber das könne man mit Anfang 50 nicht akzeptieren. Leentje sei zu der Zeit zwar tumorfrei gewesen, zugleich ging es ihr immer schlechter. „Sie hat massiv Gewicht verloren.“ Sie wollten etwas finden, was Leentje hilft und ihnen etwas mehr Zeit gibt. Genau wie Joke van der K. suchen Leentje und Françoise ein „natürliches“ Mittel, das keine Nebenwirkungen hat. Auch hier stellt der Vorsitzende Richter die wichtige Frage: „Wenn Sie gewusst hätten, dass es eine experimentelle Substanz ist, die noch kaum am Menschen erprobt ist, bei der man keine Langzeiterfahrungen hat…“ Hochgürtel kann den Satz nicht zu Ende sprechen, sofort antwortet die Zeugin: „Dann hätten wir es nicht gemacht.“

Jetzt schildert Françoise G., wie sie den 27. Juli 2016 erlebt hat, den Tag, an dem in der Praxis des Heilpraktikers alles aus dem Ruder lief. Vieles erinnert an die Vernehmung von André van L.: Auch Leentje C. wird es nach der Infusion mit 3-BP schlecht. „Sie drohte, ohnmächtig zu werden, musste sich übergeben.“ Vom frühen Morgen bis 16 Uhr am Nachmittag bleibt Leentje in der Praxis, weil ihr schwindelig und übel ist. Klaus R. gibt ihr etwas gegen die Übelkeit, schließlich verlassen die beiden die Praxis. Im Hotel hilft Françoise ihrer Frau die Treppe hinauf, alles geht nur sehr mühsam, Leentje kann kaum laufen. In der Nacht bekommt sie Krampfanfälle, hat Schaum vor dem Mund, verdreht die Augen. Françoise ruft einen Krankenwagen, der zehn Minuten später da ist. Die Sanitäter behandeln Leentje C. zuerst im Hotelzimmer und bringen sie dann in eine Klinik nach Nimwegen. „Sie haben sofort gesehen, dass es eine ernste Sache ist, Leentje kam direkt auf die Intensivstation.“ Auch sie hat ein Hirnödem, am nächsten Mittag bekommt sie einen weiteren Anfall. Als die Ärzte die Computertomografie sehen, wissen sie, dass sie nichts mehr tun können. Leentje C. stirbt am Nachmittag des 28. Juli, einen Tag nach der Infusion mit 3-BP.

„Mein Bruder war ihre Stütze“

Auch der damals 55-jährige Architekt Peter van O. litt an Bauchspeicheldrüsenkrebs – und suchte eine sanfte Alternative zur Chemotherapie. Bekannte empfehlen ihm die Praxis von Klaus R. Wie die anderen Patienten hat er 3-BP zunächst gut vertragen, doch am 27. Juli 2016 kommt es auch bei ihm zu schweren Komplikationen: Krampfanfälle, Schaum vor dem Mund. Seine Frau Denise bringt ihn in eine Klinik nach Apeldoorn, wo er zwei Tage nach der Infusion verstirbt. „Denise hat das nicht verkraftet“, erzählt Johan O., der ältere Bruder von Peter, der als Zeuge geladen ist. Zwei Wochen nach Peters Tod habe sie sich das Leben genommen: „Das Päckchen war zu schwer, mein Bruder war ihre Stütze“, so Johan van O. Sein Bruder und seine Schwägerin hätten die Chemotherapie abgelehnt. Auch sie suchten – wie die anderen Patienten von Klaus R. – eine biologische Alternative. Johann van O. berichtet, dass seine Schwägerin Denise ausgebildete Krankenschwester war und zugleich überzeugt von der Homöopathie: „Sie hatte eine ganze Batterie an Mittelchen.“ Es seien 40 bis 50 Präparate gewesen, bei den verschiedenen Beschwerden habe sie seinen Bruder ergänzend damit behandelt. Ob es wirklich nur homöopathische Präparate gewesen seien, will die Anwältin von Klaus R. wissen. Denise habe sehr darauf vertraut, erzählt Johan van O., aber ganz sicher sei er nicht. „Dafür waren es einfach zu viel.“ Auch Johan van O. wird noch von Staatsanwältin, Nebenklage-Vertretung, Anwältin und den medizinischen Sachverständigen befragt.

Bei ihm und bei den anderen Zeugen geht es immer wieder um die Frage, ob Klaus R. damals eine Erklärung für die tragische Entwicklung hatte.  Es wird deutlich, dass der Heilpraktiker zumindest den Verdacht hatte, dass mit seiner neuen 3-BP-Lieferung etwas nicht stimmte. Und dass er äußerst beunruhigt war, nachdem es gleich mehreren Patientinnen und Patienten nach der Behandlung so schlecht ging. Nach den Komplikationen am 27. Juli 2016 hat er an den folgenden Tagen keine 3-BP-Infusionen mehr verabreichte. Kurz darauf haben die Behörden die Praxis geschlossen.

Entscheidende Fragen sind noch offen: War das Mittel verunreinigt? Hatte die Lieferung von 3-BP eine andere Konzentration? Waren von den Ermittlungsbehörden festgestellte Überdosierungen für die tödlichen Komplikationen verantwortlich? In den nächsten Verhandlungstagen wird das Gericht versuchen, Antworten zu finden. Am 28. Juni soll das Urteil gesprochen werden.

Bisherige Berichterstattung von MedWatch über den Prozess

Foto: Hinnerk Feldwisch-Drentrup / MedWatch

Update vom 3. Mai: Die Verwechslung eines Vornamens wurde korrigiert.


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Die Aufkleber stammen aus dem Onlineshop des Rechtsextremen Aktivisten und Geschäftsmanns Sven Liebich. Der organisiert vor allem in seiner Heimatstadt Halle an der Saale regelmäßige Kundgebungen und verkauft über das Internet T-Shirts und Aufkleber mit rassistischen und menschenverachtenden Inhalten. Über seinen Blog, Social-Media-Profile und Kanäle in der Messenger-App Telegram wurde Liebich in den vergangenen Jahren zu einer Art rechtsextremem „Influencer“. Bei der Demonstration am Samstag läuft er als Teilnehmer mit, filmt und macht Fotos für seine Follower. Schon im Vorfeld der Demo rief er in seinem Telegram-Kanal zur Teilnahme auf.

Auch Heiko Schrang machte bereits im Vorfeld Werbung für die Demonstration. Am 10. September veröffentlichte er auf seiner Webseite und auf Youtube ein Interview mit der Demo-Organisatorin Andrea Feuer. Darin verbreiten die beiden nicht nur die vielfach widerlegte Behauptung des ehemaligen britischen Arztes Andrew Wakefield, Impfungen würden zu AutismusAutismus Autismus ist ein Sammelbegriff, der verschiedene Entwicklungsstörungen benennt: die sog. Autismus-Spektrum-Störungen. Dabei handelt es sich um tiefgreifende neurologische Entwicklungsstörungen, die das soziale Leben erschweren, zu Problemen mit sozialen Kontakten führen, und auch Einfluss auf die Kommunikation und Sprache haben. Sie wirken sich ebenso auf das Verhaltensrepertoire aus uns führen zu stereotypen Handlungen. Autismus äußert sich in Art, Ausprägung und Schwere sehr individuell. Manche entwickeln nur leichte Symptome, andere sind schwer beeinträchtigt. Es gibt z.B. den frühkindlichen Autismus, das Asperger-Syndrom und den atypischen Autismus. Es kann zu Intelligenzminderung oder zu Inselbegabungen (Savant-Syndrom) kommen. Genetische Ursachen werden als Auslöser vermutet, was Zwillings- und Geschwisterstudien stützen. Auch ein gestörter Hirnstoffwechsel spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, da Autisten oft höhere Serotonin- und Dopaminspiegel aufweisen. Die Symptome lassen sich mit verschiedensten Methoden verbessern. führen: Schrang warnt außerdem vor einer Diktatur, die durch eine Impfpflicht in Deutschland eingeführt werde. Das Interview veröffentlichte Schrang als Teil seiner Video-Reihe „SchrangTV – Talk“. Einer seiner letzten „Talkgäste“ war zuvor der österreichische Rechtsextremist und Chef der Identitären Bewegung, Martin Sellner. Die Identitäre Bewegung ist in mehreren europäischen Ländern aktiv und wird in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet.

Nerling: Aufruf zur Anti-Impfpflicht-DemoDer Skandal um den Heilpraktiker Klaus R. hat vor zwei Jahren bundesweit für Entsetzen gesorgt: Drei behandelte Krebspatienten waren kurz nach der Gabe eines vermeintlichen Wundermittels verstorben. Der nahe der niederländischen Grenze tätige R. hatte ihnen das Mittel 3-Bromopyruvat (3-BP) gespritzt, das er auf seiner Homepage als „aktuell beste Präparat zur Tumorbehandlung“ bewarb. Dabei ist sie für den Einsatz am Menschen praktisch nicht erforscht: Es gibt bislang nur Berichte von Einzelfällen, von denen sich beteiligte Wissenschaftler jedoch teils wieder distanzierten. Wie das Landgericht Krefeld am Dienstag bekanntgab, hat die dortige 2. Große Strafkammer die Anklageschrift wegen des Vorwurfs des fahrlässigen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz in vier Fällen in Tateinheit mit dem Vorwurf der fahrlässigen Tötung in drei Fällen nun unverändert zugelassen. Gleichzeitig hat es die Hauptverhandlung eröffnet, Verhandlungstermine sind noch nicht bekannt. Laut Gerichtssprecher hat R. gegenüber der Staatsanwaltschaft Angaben gemacht, jedoch dem Gericht bislang keine Stellungnahme zur Anklage vorgelegt.

Womöglich tödlicher Dosierungsfehler

Nach langen Ermittlungen hatte die Staatsanwaltschaft Krefeld im April Anklage gegen R. erhoben. Bei der Zubereitung des Mittels habe er „unter gröblicher Außerachtlassung der gebotenen und ihm zumutbaren Sorgfalt“ bei vier Patienten einen schwerwiegenden Fehler beim Abwiegen der Wirkstoffmenge gemacht: Aufgrund der Überdosierung sind drei der Patienten laut Staatsanwaltschaft verstorben. Der Angeklagte habe die Überdosierung erkennen und verhindern können und müssen. Laut Anklage hat R. jedoch keinerlei Kontrollmechanismen vorgesehen oder geschaffen, um die von ihm eingewogene, auf das Körpergewicht und die Konstitution des Patienten individuell abgestimmte Dosierung des Wirkstoffs zu überprüfen. „Hierzu wäre er indes aufgrund des Umstandes, dass es sich jeweils um eine individuelle Dosierung und um eine Substanz handelte, welche auch nach den ihm bekannten Erkenntnissen sorgfältig dosiert werden musste, bei Beachtung der gebotenen Sorgfalt verpflichtet gewesen“, erklärte die Staatsanwaltschaft. Die Fehler hätten darauf beruht, dass die Waage für das Zuwiegen von Kleinstmengen nicht geeignet gewesen sei. Auch habe R. die Richtigkeit der Dosierung nicht kontrolliert.

Heilpraktiker darf dennoch weiterarbeiten

Nach Bekanntwerden des Falles forderte beispielsweise der Deutsche Ärztetag im Mai 2017, es Heilpraktikern gesetzlich zu untersagen, Arzneimittel per Infusion zu verabreichen sowie Tumorbehandlungen vorzunehmen. Denn der Fall offenbarte, in welchem Graubereich Heilpraktiker arbeiten dürfen: Zwar ist 3-BP rezeptpflichtig, weshalb es eigentlich nur Ärzte verschreiben dürfen. Auch hätte R. sie nicht als fertiges Arzneimittel einkaufen und verabreichen dürfen. „Da er dies gerade nicht getan, sondern das Arzneimittel selbst hergestellt hat, war es ihm gestattet“, erklärt die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft auf Nachfrage. Denn R. hat die Infusion aus der von ihm eingekauften Chemikalie selbst hergestellt. Zwar hätte er die Herstellung des Arzneimittels der zuständigen Gesundheitsbehörde anzeigen müssen, was er nicht tat. Doch war die Nichtanzeige nicht strafbewehrt. Obwohl des Landesgesundheitsministerium schon im vergangenen Jahr schrieb, es habe „erhebliche Zweifel“, ob R. seiner Heilpraktikertätigkeit ordnungsgemäß nachgeht, darf er weiterarbeiten. Für den Entzug von Heilpraktikererlaubnissen ist der Kreis Wesel zuständig – doch sind die dortigen Mitarbeiter nun seit rund drei Monaten dabei, die laut Pressesprecher ungefähr 10.000 Seiten umfassenden Akten zu sichten. „Derzeit wird das umfangreiche Material der Staatsanwaltschaft weiterhin arzneimittelrechtlich geprüft“, erklärte eine Sprecherin des Kreises gegenüber MedWatch. „Sobald das Ergebnis dieser Überprüfung vorliegt, kann eine Entscheidung über den eventuellen Entzug der Heilpraktikererlaubnis getroffen werden.“ Auch angesichts dieses Falls hat die Gesundheitsministerkonferenz vor gut vier Wochen eine „zwingende Reformbedürftigkeit des Heilpraktikerwesens“ festgestellt und das Bundesgesundheitsministerium aufgefordert, eine gemeinsame Arbeitsgruppe zur Reform des Berufsstands einzurichten. Doch der Beschluss der Landesminister liege „erst seit kurzem schriftlich im Haus vor“, erklärt eine Sprecherin des Bundesministeriums auf Nachfrage. Er werde nun geprüft. (Titelfoto: DER UNFASSBARE / Wikimedia)

Neben Schrang und Liebich warben noch weitere „Influencer“ aus rechtsextremen und verschwörungstheoretischen Kreisen für die Demonstration. Darunter auch der ehemalige Berliner Grundschullehrer Nikolai Nerling. Nerling ist vor allem unter dem Pseudonym „Der Volkslehrer“ bekannt und verlor seine Anstellung, weil er regelmäßig rechtsextreme und antisemitische Videos veröffentlichte. Nerling tritt auch auf Neonazi-Demonstrationen als Redner auf und unterstützt die mehrfach verurteilte Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck. Er ist mit seiner Kamera vor Ort. Vor dem Brandenburger Tor interviewt er mehrere Teilnehmer der Demonstration – darunter bekannte Rechtsextreme und „Reichsbürger“ und den Demo-Redner Heiko Schrang .

Impfpflicht: Hauptsache Protest?

Auch der Verein „Ärzte für eine individuelle Impfentscheidung“, der nach eigener Aussage ausdrücklich kein Zusammenschluss von Impfgegnern sein will, sondern für „die freie, individuelle Impfentscheidung nach differenzierter, umfassender und ergebnisoffener ärztlicher Beratung“ einstehe, hatte auf seiner Website für die Demo des „freien impfentscheids“ geworben. Dabei fanden sich auf der Website zur Demo zahlreiche Links zu impfkritischen Vereinen wie „Libertas und Sanitas“. Dieser ist aus einem Zusammenschluss der beiden größten deutschen impfkritischen Organisationen AEGIS Deutschland und EFI Deutschland (Eltern für Impfaufklärung) hervorgegangen. Über den Link der österreichischen Impfgegnergemeinschaft AEGIS wiederum gelangte man zu Klagemauer TV, einem deutschsprachigen Online-Video-Angebot aus dem Umfeld der sektenähnlichen Vereinigung von Ivo Sasek aus der Schweiz. Auf Nachfrage von MedWatch, warum „Ärzte für eine individuelle Impfentscheidung“ bei so einem Umfeld für die Berliner Demo werbe, verwies Steffen Rabe aus dem Vereinsvorstand auf eine Erklärung, in der man sich klar von derartigen Inhalten distanziere.

Obwohl viele der Positionen und Aussagen der von den Veranstaltern zur weiteren Information und Lektüre empfohlenen Internetseiten und Verbände nicht mit unseren Auffassungen übereinstimmen, ihnen z.T. widersprechen, und dies voraussichtlich auch für die Beiträge einiger Rednerinnen und Redner dieser Demonstration gelten wird, halten wir in der aktuellen politischen Situation deutliche zivilgesellschaftliche Signale wie unsere Petition oder die jetzt geplante Demonstration für geboten und hochnotwendig. 

Aber:

Die nach Aussagen der Veranstalter primäre Botschaft aller Rednerinnen und Redner gegen eine Impfpflicht in Deutschland unterstützen wir uneingeschränkt.

Man mache daher auf diese Demo aufmerksam, und zeige, wo Interessierte außerhalb des eigenen Webangebotes und Verantwortungsbereichs Informationen finden, schreibt Rabe.

Am Samstagmittag ist der Hinweis auf die Protestaktion bereits kurz nach Start der Demo von der Website der “Ärzte für eine individuelle Impfentscheidung verschwunden. Laut einer Sprecherin, weil die Veranstaltung ja nun beendet sei.