Zwei Jahre Haft auf Bewährung – das ist das Urteil des Landgerichts Krefeld gegen den Heilpraktiker Klaus R., verkündet im Juli dieses Jahres. Die Richter hatten ihn für schuldig befunden, drei Krebspatienten auf fahrlässige Weise durch Infusionen mit einem nicht geprüften und überdosierten Mittel getötet zu haben – sowie des fahrlässigen Herstellens verfälschter Arzneimittel, was sie beim Strafmaß verschärfend berücksichtigen. Das Urteil wurde zwischenzeitig rechtskräftig, da die Staatsanwaltschaft eine zuvor eingelegte Revision wieder zurückgenommen hat, der Heilpraktiker und Betroffene haben keine Revision angestrebt.

Inzwischen liegt das schriftliche Urteil vor, das auch die Aussetzung der Freiheitsstrafe auf Bewährung begründet. Dies ist bei Haftstrafen von über einem Jahr möglich bei günstiger Sozialprognose, besonderen Umständen – und sofern die „Verteidigung der Rechtsordnung“ keine Vollstreckung der Haft gebietet. Es bestünde „die begründete Erwartung, dass der Angeklagte keine weiteren Straftaten begehen wird“, heißt es im Urteil – auch da er zuvor nicht straffällig geworden worden sei. „Die Motivation für sein Handeln war es, Krebspatienten zu helfen“, heißt es außerdem im Urteil. „Aufgrund der zerstörten Reputation“ werde er seinen Beruf als Heilpraktiker nicht wieder ausüben können, erklären die Richter. „Er wird daher nicht erneut derartigen erheblichen Sorgfaltsanforderungen unterliegen“, erklären sie, obwohl die Richter dem Heilpraktiker die weitere Berufsausübung nicht untersagt haben.

Heilpraktiker Klaus R. sei „absoluter Ausnahmefall“

Die Bewährungsstrafe sieht das Gericht auch nicht als „für das allgemeine Rechtsempfinden unverständlich“ an. Das Medieninteresse an dem Fall sowie die auch durch die Tat angestoßene öffentliche Diskussion über die Zukunft des Heilpraktikerwesens sei nicht von Bedeutung – wichtig sei die Wirkung auf das Rechtsempfinden der „über die Besonderheiten des Einzelfalls unterrichteten Bevölkerung“. Es handele sich „um einen absoluten Ausnahmefall“, dass ein Heilpraktiker eine eigenständige 10-wöchige „alternativmedizinische Chemotherapie“ anbietet, erklärt die Strafkammer, der im Prozess gegen Klaus R. auch eine Heilpraktikerin als Schöffin angehörte. „Regelmäßig beschränken sich Heilpraktiker darauf, zu versuchen, die Folgen einer Chemotherapie abzumildern beziehungsweise die Patienten insoweit zu unterstützen“, heiß es im Urteil. „Es ist daher nicht notwendig, zur Abschreckung oder Verhinderung weiterer Taten die Freiheitsstrafe zu vollstrecken.“

Das Urteil schildert auch nochmal die tragischen Todesfälle – wie auch die Entscheidung des damals Ende 40-jährigen Mannes, überhaupt Heilpraktiker zu werden. Entscheidend sei für ihn ein Erlebnis gewesen, als er einem Menschen bei einem Unfall geholfen hat, erklärte R. vor Gericht – zuvor war er Betriebs- und Marketingleiter bei einem Unternehmen. Nach einer Ausbildung schaffte R. im zweiten Anlauf die Heilpraktiker-Prüfung. Nachdem er eine Weile eine unbezahlten Praktikumsstelle hatte, spezialisierte er sich zunächst auf Bioresonanztherapie. Aufgrund finanzieller Einschränkungen und veränderter Interessen habe sich seine Frau von ihm getrennt.

Im Jahr 2014 lernte er einen zuvor an Krebs erkrankten Niederländer kennen, der überzeugt gewesen sei, durch „alternativmedizinische“ Methoden geheilt worden zu sein. Die beiden betrieben anschließend eine Praxis. R. besuchte „Fortbildungsveranstaltungen“, bei denen „die Vorteile der Einnahme von Curcuma und Vitamin C bei Krebspatienten“ thematisiert worden seien, schreibt das Gericht – obwohl dies wissenschaftlich nicht anerkannt ist. Später begann er mit Infusionen des nicht zugelassenen und gefährlichen Mittel 3-Bromopyruvat (3-BP). Der Heilpraktiker „entwickelte“ eine Kombinationstherapie, die auch Vitamine und homöopathische Mitteln umfasste. Er berechnete für 10-wöchige Anwendungen knapp 10.000 Euro.

Keine Aufklärung über mögliche Langzeitfolgen von 3-BP

Die später verstorbenen Patienten kamen alle aus den Niederlanden. Die Brustkrebserkrankung einer Patientin war zuvor als heilbar eingeschätzt – sie lehnte aber eine Chemotherapie ab und fand die als „natürlich“ beworbene Behandlungsweise des Heilpraktikers. Das 3-BP solle Zucker „aus den Krebszellen herausholen, sodass diese absterben würden“, erklärte er der Frau laut dem Urteil im Aufklärungsgespräch. Parallel behandelte R. zwei Patienten mit früherer Diagnose eines Bauchspeicheldrüsenkrebs – eine Patientin galt als krebsfrei, der andere Patient hatte einen inoperablen Tumor.

Ihm soll der Heilpraktiker erklärt haben, die Behandlung mit 3-BP sei experimentell. „Er wies – wie auch gegenüber den weiteren Patienten – nicht ausdrücklich darauf hin, dass die Langzeitfolgen unbekannt seien und unbekannte Nebenwirkungen drohten“, erklären die Richter. „Dem Angeklagten war bekannt, dass 3-BP Leber- und Nierenschäden auslösen kann und in Tierversuchen bei einer geringen Steigerung der Dosis eine tödliche Wirkung eingetreten war, obwohl zuvor der Stoff noch vertragen worden war“, heißt es im Urteil.

Zum Abwiegen von 3-BP nutzte er eine Waage, die hierzu völlig ungeeignet war – und stellte er nicht fest, ob er den Patienten tatsächlich 3-BP verabreichte, und er arbeitete bei der Herstellung nicht nach dem Vier-Augen-Prinzip.

Heilpraktiker setzte Infusion von 3-BP trotz Komplikationen fort

Als bei einer Infusion mit 3-BP die Brustkrebspatientin ohnmächtig zu werden drohte, ließ R. sie die Beine hochlegen und gab ihr eine Infusion mit Vitamin C. Ihr wurde übel – wie auch einer weiteren Patientin, die überlebte. Bei letzterer „wurde der Tropf erneut angeschlossen“, schreiben die Richter. „Sie übergab sich während der Infusion in mehrere Nierenschalen.“

Die Patienten konnten sich anschließen teils nur undeutlich äußern und mussten mit den Händen oder einem Kopfnicken kommunizieren. „Der Angeklagte ging davon aus, dass es sich um die ihm bekannten Nebenwirkungen des 3-BP handelte und schrieb ein Rezept für Bachblüten-Rescue-Tropfen“, heißt es im Urteil. Der Zustand der drei Patienten verschlechterte sich schnell, sie erlitten Krampfanfälle und starben an Hirnödemen.

Der Heilpraktiker entsorgte – „nach seinen Angaben aus Angst“ – zu einem unbekannten Zeitpunkt das restliche 3-BP. „Der Angeklagte konnte die von ihm entwickelte Behandlungstherapie gegen Krebs nicht fortführen“, heißt es im Urteil. „Er erstattete den Patienten und Angehörigen der verstorbenen Patienten das Geld für den nichtdurchgeführte Teil der Therapie.“

3-BP: Breite Wirkung wie „Schuss aus einer Schrotflinte“

Nach Überzeugung der Richter starben die Patienten an Überdosierungen – auch wenn sich „infolge der unzureichenden Behandlungsdokumentation des Angeklagten“ letztlich nicht mit Sicherheit belegen ließ, welche der sichergestellten Infusionsflaschen die Patienten in welchem Umfang erhielten. Aufgrund der höheren Konzentration soll das 3-BP in der Lage gewesen sein, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden, was zu ähnlichen Symptomen wie bei einer Kohlenstoffmonoxidvergiftung geführt haben soll. 3-BP habe viele Wirkungen, erklärte ein Gutachter: „Der Sachverständige verglich diese breitgestreute Wirkung anschaulich mit dem Schuss aus einer Schrotflinte“, heißt es im Urteil.

Durch korrekte Kontrollmaßnahmen „wäre eine Überdosierung entdeckt und verhindert worden“, stellen die Richter fest. Auch falls dies nicht die Todesursache gewesen wäre, sondern R. ein falscher Stoff geliefert wurde, „hätte der Angeklagte die erforderliche Sorgfalt nicht beachtet und der Sorgfaltspflichtverstoß wäre kausal für den Tod der Patienten“. Die Richter sahen allerdings keinen Totschlag durch Unterlassen, obwohl der Angeklagte für eine Patientin nicht unmittelbar einen Notarzt rief – weil sie nach der Einschätzung eines Sachverständigen „auch durch einen sofortigen Transport ins Krankenhaus nicht hätte gerettet werden können“. Auch habe der Heilpraktiker den Ernst der Lage nicht erkannt, sodass er sich nicht eines versuchten Totschlags durch Unterlassen schuldig gemacht habe. Dafür, „dass er die Situation vielmehr völlig verkannte“, spräche, dass er für eine Patientin mit schweren Symptomen ein Rezept für „Rescue-Tropfen“ ausstellte, schreiben die Richter.

„Ehrliche Reue und Bedauern über die Folgen der Behandlung“

Strafmildernd machten die Richter das große Medieninteresse sowie eine „auch vorverurteilende“ Berichtserstattung geltend, die berufliche und private Konsequenzen für den Angeklagten gehabt habe. So werde er „aller Voraussicht nach nie in den Beruf des selbstständigen Heilpraktikers zurückkehren können“, erklären die Richter. Er habe sich nach Ansicht der Strafkammer außerdem gegenüber dem Gericht kooperativ verhalten und „ehrliche Reue und Bedauern über die Folgen der Behandlung“ gezeigt. „Diese ist insbesondere auch deshalb glaubhaft, weil sich aus den Aussagen der Zeugen das Bild eines engagierten Heilpraktikers ergab, der seinen Patienten helfen wollte.“

Strafschärfend machten sie geltend, dass der Angeklagte erheblich fahrlässig handelte. „Ihm war bekannt, dass auch von geringen Dosishöhungen eine potentiell tödliche Gefahr ausgehen kann“, heißt es im Urteil. „Dennoch kontrollierte er die abgewogene Menge nicht ausreichend, sodass er in erheblichem Maße die erforderliche Sorgfalt außer Acht ließ.“

Für einen möglichen Entzug der Heilpraktikererlaubnis von Klaus R. ist die Stadt Krefeld zuständig. Dieser Schritte müsste „im Sinne einer rechtssicheren, gegebenenfalls gerichtlicher Prüfung standhaltenden Entscheidung“ umfassend geprüft und begründet werden, erklärte eine Sprecherin auf Nachfrage. Die Entscheidungsfindung der Stadt dauert bereits seit April vergangenen Jahres an.

Bisherige Berichterstattung von MedWatch über den Prozess


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