Am vierten Verhandlungstag vor dem Landgericht Krefeld wurden Angehörige der verstorbenen Patienten befragt. Leentje C., Joke van der K. und Peter van O. waren gestorben, nachdem der Heilpraktiker Klaus R. sie mit dem nicht erprobten Mittel 3-Bromopyruvat behandelt hatte. Alle drei bekamen am 27. Juli 2016 die mutmaßlich tödliche Infusion.

Morgens um neun Uhr warten bereits Angehörige aus den Niederlanden vor dem Gerichtssaal, einige haben Freunde und Verwandte zur Unterstützung mitgebracht. Sachverständige und zahlreiche Journalisten sind anwesend. Der Heilpraktiker Klaus R. kommt an diesem Tag kaum zu Wort – schweigend und sichtlich mitgenommen verfolgt er die Vernehmung der Zeugen.

Zunächst nimmt André van L., Witwer der verstorbenen niederländischen Patientin Joke, Platz im Zeugenstuhl. Als einziger der Angehörigen hat er Nebenklage erhoben. Eine Dolmetscherin übersetzt. 20 Jahre waren Joke und er verheiratet, sie haben eine Tochter und einen Sohn, die Kinder sind heute 16 und 18 Jahre alt. Am 15. Juni 2016 wurde bei seiner Frau Brustkrebs diagnostiziert. Die Ärzte fanden mehrere Knoten, es gab offenbar bereits Metastasen. Dennoch sprachen die Ärzte laut dem Zeugen davon, dass der Krebs heilbar sei. Sie schlugen eine Hormonbehandlung vor, anschließend Chemo- und Strahlentherapie. Danach müsse eventuell operiert werden. Ohne Behandlung habe seine Frau allenfalls noch sechs Monaten zu leben, so die Ärzte.

André L. hat dieses Gespräch als traumatisch in Erinnerung – nicht nur wegen der Hiobsbotschaft, er und seine Frau empfanden die Ärzte als wenig einfühlsam. „Die Art wie sie kommunizierte, war uns sehr unsympathisch“, sagt André van L. „Das fanden wir nicht vertrauenswürdig.“

Brustkrebs: Patientin hätte womöglich geheilt werden können

„Meine Frau wollte keine Chemotherapie“, erzählt André van L., „sie sah das als Gift in ihrem Körper an“. Bei Angehörigen und Freunden hatte sie gesehen, wie viel Leid Krankheit und Therapie bedeuten können. Obwohl seine Frau mit konventioneller Therapie laut den Aussagen der Ärzte gute Heilungschancen gehabt hätte, suchen sie im Internet nach Alternativen und stoßen dabei auf die Praxis des Heilpraktikers Klaus R. Das Angebot spricht Joke sofort an: „Es klang biologisch, natürlich“, sagt André van L. Nur eine Woche nach der Brustkrebs-Diagnose sitzen die beiden zum Beratungsgespräch in der Praxis in Brüggen-Bracht, Klaus R. erläutert seine Behandlung. „Er sprach von Vitaminen, von Calcium und von dem Glukoseblocker 3-BP“, erzählt André van L. Der Heilpraktiker habe ihnen erklärt, dass 3-BP den Zucker aus den Zellen rausholt und dass die Krebszellen dann sterben. Auch über Nebenwirkungen hätten sie gesprochen. Der Heilpraktiker habe gesagt, Joke könne sich fühlen „wie bei einer Trunkenheit“. Klaus R. habe kein eindeutiges Heilungsversprechen gemacht: Er habe gesagt, er wolle probieren, Joke zu heilen. Die beiden verabschieden sich mit einem guten Gefühl: „Er machte einen positiven Eindruck.“

Im weiteren Verlauf der Vernehmung weist der Vorsitzende Richter Johannes Hochgürtel den Zeugen auf Aspekte hin, die im Rückblick nur schwer verständlich sind: „Ihre Frau wollte ja eine biologische Krebstherapie“, sagt er. „Dachten sie, dass 3-BP ein biologisches Mittel ist?“ Zunächst antwortet André van L. mit „ja“. Im weiteren Verlauf wird dann deutlich, dass seiner verstorbenen Frau und ihm bewusst war, dass 3-BP zwar ein chemisches Mittel ist. Sie gingen aber davon aus, dass es dennoch eine „natürliche Wirkung“ hat.

Immer wieder stößt die Vernehmung an diesen Punkt. Richter, Staatsanwältin und Anwältin versuchen herauszufinden, worin für das Ehepaar der Unterschied zwischen biologisch, natürlich und chemisch bestand: „Kann es sein, dass chemische Mittel natürlich wirken?“ Oder umgekehrt: „Können Sie sich vorstellen, dass natürliche Stoffe eine chemische Wirkung haben?“ Die Antwort des Zeugen: „Ich denke, dass chemische Dinge nicht in den Körper gehören.“ Immer wieder betont André van L., dass er ja kein Chemiker oder Techniker sei. Er und seine Frau wollten eine biologische Krebstherapie, deshalb hätten sie sich für Herrn R. entschieden.

„In Holland ist nur sehr wenig erlaubt“

Die Anwältin von Klaus R. möchte wissen, warum sich die beiden ausgerechnet für einen Heilpraktiker in Deutschland entschieden haben. „Weil diese Behandlungen in den Niederlanden nicht zu bekommen sind“, antwortet der Zeuge. 3-BP zum Beispiel sei dort verboten: „In Holland ist nur sehr wenig erlaubt.“ Nein, er habe sich keine Gedanken darüber gemacht, warum das wohl so sei, so der Zeuge weiter. Klaus R. habe ihm versichert, dass das Mittel in Deutschland legal sei. „Wir sind davon ausgegangen, dass es zugelassen und erlaubt ist“, sagt André van L. Die deutschen Regelungen für den Beruf des Heilpraktikers sind dem Mann aus den Niederlanden offenbar nicht bekannt.

Die Dolmetscherin übersetzt das Wort „Heilpraktiker“ mit dem niederländischen Wort „Natuurarts“. Daraufhin fragt der Richter, ob das Ehepaar den Heilpraktiker für einen Arzt gehalten hat. André van L.: „Er hat eine Weiterbildung zum Heilpraktiker gemacht.“ Für ihn bestand der entscheidende Unterschied darin, dass der „Natuurarts“ mit natürlichen Mitteln arbeitet, während andere Ärzte „Chemie“ einsetzen. Dass sich auch die Ausbildung von Ärzten und Heilpraktikern gravierend unterscheidet, sei ihm nicht bewusst gewesen. Der Richter möchte wissen, wie er und seine Frau sich entschieden hätten, wenn Klaus R. ihnen klar gesagt hätte, dass er ein experimentelles Mittel einsetzt, mit dem es kaum Erfahrungen gibt. Eine wichtige Frage, auf die André van L. jedoch keine eindeutige Antwort gibt. Nur eines steht unumstößlich fest: „Die Behandlung sollte biologisch sein.“

Am 27. Juli 2016 beginnt das Drama

Der Vormittag ist schon weit fortgeschritten, als es beim Landgericht schließlich um den entscheidenden Tag geht: Am 27. Juli 2016, einem Mittwoch, kam Joke van der K. – wie schon an den Tagen zuvor – in die Praxis des Heilpraktikers. Sie erhielt wieder eine Infusion mit 3-BP. Doch dieses Mal läuft alles anders, bei ihr und bei drei weiteren Patienten. Bei allen setzen kurz nach der Infusion schwere Nebenwirkungen ein. Joke, Leentje und Peter sind wenige Tage später tot. Eine vierte Patientin leidet ebenfalls unter Komplikationen, überlebt jedoch.

André van L. erzählt, dass seine Frau die Infusionen an den Vortagen gut vertragen habe. Nur an diesem Mittwoch ging es ihr plötzlich schlecht. Schon in der Praxis habe sich seine Frau mehrmals übergeben. Während der Behandlungswochen wohnen die beiden auf einem Campingplatz. Dort habe sich Joke sofort ins Bett gelegt und geschlafen. „Die ganze Nacht war sie unruhig, am nächsten Morgen hat sie kaum noch gesprochen, nur genickt oder den Kopf geschüttelt.“ Obwohl es ihr sichtlich schlecht ging, wollte seine Frau auch am nächsten Tag unbedingt in die Praxis. „Sie lief wie Donald Duck“, so hatte es André van L. bereits bei der Vernehmung durch die Polizei ausgedrückt, und das bestätigt er auch vor Gericht. Ernstlich besorgt sei er da noch nicht gewesen. Er wusste ja, dass sich die „Nebenwirkungen wie Trunkenheit“ anfühlen können.

Nach 3-BP-Infusion: Ärzte in Klinik diagnostizieren Hirnödem

In der Praxis habe Klaus R. sie empfangen, aber an diesem Tag keine 3-BP-Infusion gegeben. „Er hat gesagt, dass mit dem Mittel etwas nicht stimmt“, erzählt André van L. Der Heilpraktiker gibt Joke van der K. Vitamine. Er rät ihr, viel zu trinken, und schickt sie mit einem Rezept über sogenannte Resuce-Tropfen wieder nach Hause. Auf dem Campingplatz angekommen, legt sich Joke sofort ins Bett, ihr Mann fährt zur Apotheke, um die Tropfen zu holen. Als er zurückkommt, hat sich der Zustand seiner Frau drastisch verschlechtert. „Mein Sohn war bei ihr, und sie hatte einen epileptischen Anfall“, sagt André van L. „Ich habe mal mit Epileptikern gearbeitet, deshalb habe ich das sofort erkannt.“ Jetzt wird ihm klar, wie ernst die Lage ist, er bringt seine Frau ins Krankenhaus in der nahe gelegenen Stadt Nettetal. Dort bleibt sie nur kurze Zeit, mit dem Rettungswagen wird Joke in eine besser ausgestattete Klinik nach Mönchengladbach gefahren. Die Ärzte diagnostizieren ein Hirnödem, eine Schwellung in mehreren Hirnregionen, außerdem stellen sie einen toxischen Stoff im Blut fest. Die Ärzte sagen André van L., dass es sehr ernst um seine Frau steht. Er bleibt die Nacht über in der Klink.

Gegen drei Uhr nachts ruft Klaus R. an, um sich nach dem Zustand von Joke zu erkundigen. „Woher er wusste, dass wir in der Klinik sind, weiß ich nicht.“ Er kann ihm nicht viel sagen und gibt das Gespräch an die Krankenschwester weiter. Am nächsten Tag – es ist inzwischen Freitag – machen die Ärzte einen weiteren Hirnscan. Das Ergebnis: Hirnblutung, Schwellung und Wasseransammlung im Gehirn. Ein Arzt war dann sehr direkt zu den Angehörigen: „Er sagte uns, dass es nicht mehr besser wird.“ Einen Tag später, am Samstag, stirbt Joke van der K. in der Klinik in Mönchengladbach.

Beim Prozess ist der diensthabende Oberarzt der Klinik in Nettetal als Zeuge geladen. Er schildert den Zustand von Joke van der K.: „Sie war nicht ansprechbar, ich konnte keinen Kontakt aufnehmen.“ Der Arzt spricht von „unklarer Neurologie“. Da er Onkologe ist, wird er auch nach der Prognose von Jokes Brustkrebserkrankung befragt. Dazu kann er jedoch keine Angaben machen, da er die Details der Erkrankung nicht kennt. Er antwortet allgemein: „Brustkrebs ist ein Chamäleon, der Verlauf ist oft überraschend.“ Es gebe jedoch vielfältige Behandlungsmöglichkeiten, mit denen man Zeit gewinnen oder die Erkrankung sogar heilen könne. Im weiteren Verlauf des Verfahrens wird es noch detaillierter um die Prognose von Jokes Erkrankung gehen.

Die Belgierin Leentje C. litt an Bauchspeicheldrüsenkrebs

Mit mehrstündiger Verspätung beginnt anschließend die Vernehmung von Françoise G. Sie ist die Ehefrau der verstorbenen belgischen Patientin Leentje C., die an Bauchspeicheldrüsenkrebs litt. Anders als Joke hatte sich Leentje Chemotherapie und Operation unterzogen, bevor sie schließlich bei Klaus R. Hilfe sucht. „Wir fühlten uns von der Schulmedizin im Stich gelassen“, sagt Françoise. „Mit der Botschaft, dass man nicht mehr viel machen kann, wurden wir nach Hause geschickt.“ Aber das könne man mit Anfang 50 nicht akzeptieren. Leentje sei zu der Zeit zwar tumorfrei gewesen, zugleich ging es ihr immer schlechter. „Sie hat massiv Gewicht verloren.“ Sie wollten etwas finden, was Leentje hilft und ihnen etwas mehr Zeit gibt. Genau wie Joke van der K. suchen Leentje und Françoise ein „natürliches“ Mittel, das keine Nebenwirkungen hat. Auch hier stellt der Vorsitzende Richter die wichtige Frage: „Wenn Sie gewusst hätten, dass es eine experimentelle Substanz ist, die noch kaum am Menschen erprobt ist, bei der man keine Langzeiterfahrungen hat…“ Hochgürtel kann den Satz nicht zu Ende sprechen, sofort antwortet die Zeugin: „Dann hätten wir es nicht gemacht.“

Jetzt schildert Françoise G., wie sie den 27. Juli 2016 erlebt hat, den Tag, an dem in der Praxis des Heilpraktikers alles aus dem Ruder lief. Vieles erinnert an die Vernehmung von André van L.: Auch Leentje C. wird es nach der Infusion mit 3-BP schlecht. „Sie drohte, ohnmächtig zu werden, musste sich übergeben.“ Vom frühen Morgen bis 16 Uhr am Nachmittag bleibt Leentje in der Praxis, weil ihr schwindelig und übel ist. Klaus R. gibt ihr etwas gegen die Übelkeit, schließlich verlassen die beiden die Praxis. Im Hotel hilft Françoise ihrer Frau die Treppe hinauf, alles geht nur sehr mühsam, Leentje kann kaum laufen. In der Nacht bekommt sie Krampfanfälle, hat Schaum vor dem Mund, verdreht die Augen. Françoise ruft einen Krankenwagen, der zehn Minuten später da ist. Die Sanitäter behandeln Leentje C. zuerst im Hotelzimmer und bringen sie dann in eine Klinik nach Nimwegen. „Sie haben sofort gesehen, dass es eine ernste Sache ist, Leentje kam direkt auf die Intensivstation.“ Auch sie hat ein Hirnödem, am nächsten Mittag bekommt sie einen weiteren Anfall. Als die Ärzte die Computertomografie sehen, wissen sie, dass sie nichts mehr tun können. Leentje C. stirbt am Nachmittag des 28. Juli, einen Tag nach der Infusion mit 3-BP.

„Mein Bruder war ihre Stütze“

Auch der damals 55-jährige Architekt Peter van O. litt an Bauchspeicheldrüsenkrebs – und suchte eine sanfte Alternative zur Chemotherapie. Bekannte empfehlen ihm die Praxis von Klaus R. Wie die anderen Patienten hat er 3-BP zunächst gut vertragen, doch am 27. Juli 2016 kommt es auch bei ihm zu schweren Komplikationen: Krampfanfälle, Schaum vor dem Mund. Seine Frau Denise bringt ihn in eine Klinik nach Apeldoorn, wo er zwei Tage nach der Infusion verstirbt. „Denise hat das nicht verkraftet“, erzählt Johan O., der ältere Bruder von Peter, der als Zeuge geladen ist. Zwei Wochen nach Peters Tod habe sie sich das Leben genommen: „Das Päckchen war zu schwer, mein Bruder war ihre Stütze“, so Johan van O. Sein Bruder und seine Schwägerin hätten die Chemotherapie abgelehnt. Auch sie suchten – wie die anderen Patienten von Klaus R. – eine biologische Alternative. Johann van O. berichtet, dass seine Schwägerin Denise ausgebildete Krankenschwester war und zugleich überzeugt von der Homöopathie: „Sie hatte eine ganze Batterie an Mittelchen.“ Es seien 40 bis 50 Präparate gewesen, bei den verschiedenen Beschwerden habe sie seinen Bruder ergänzend damit behandelt. Ob es wirklich nur homöopathische Präparate gewesen seien, will die Anwältin von Klaus R. wissen. Denise habe sehr darauf vertraut, erzählt Johan van O., aber ganz sicher sei er nicht. „Dafür waren es einfach zu viel.“ Auch Johan van O. wird noch von Staatsanwältin, Nebenklage-Vertretung, Anwältin und den medizinischen Sachverständigen befragt.

Bei ihm und bei den anderen Zeugen geht es immer wieder um die Frage, ob Klaus R. damals eine Erklärung für die tragische Entwicklung hatte.  Es wird deutlich, dass der Heilpraktiker zumindest den Verdacht hatte, dass mit seiner neuen 3-BP-Lieferung etwas nicht stimmte. Und dass er äußerst beunruhigt war, nachdem es gleich mehreren Patientinnen und Patienten nach der Behandlung so schlecht ging. Nach den Komplikationen am 27. Juli 2016 hat er an den folgenden Tagen keine 3-BP-Infusionen mehr verabreichte. Kurz darauf haben die Behörden die Praxis geschlossen.

Entscheidende Fragen sind noch offen: War das Mittel verunreinigt? Hatte die Lieferung von 3-BP eine andere Konzentration? Waren von den Ermittlungsbehörden festgestellte Überdosierungen für die tödlichen Komplikationen verantwortlich? In den nächsten Verhandlungstagen wird das Gericht versuchen, Antworten zu finden. Am 28. Juni soll das Urteil gesprochen werden.

Bisherige Berichterstattung von MedWatch über den Prozess

Foto: Hinnerk Feldwisch-Drentrup / MedWatch

Update vom 3. Mai: Die Verwechslung eines Vornamens wurde korrigiert.


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