Im Sommer 2016 kamen drei Patienten ums Leben, nachdem der Heilpraktiker Klaus R. sie mit dem experimentellen Wirkstoff 3BP behandelt hatte. Der Stoff sei mehrfach überdosiert worden, erklärte die Staatsanwaltschaft zu Prozessauftakt. Am zweiten Verhandlungstag stand die Waage des Heilpraktikers im Mittelpunkt des Prozesses vor dem Landgericht Krefeld.

 Drei Waagen sind im Sitzungssaal aufgebaut, eine stammt aus der Praxis des Heilpraktikers Klaus R. Doch bevor es in der Verhandlung am Freitag an die Details des Wiegens ging, setzte der Vorsitzende Richter die Vernehmung des Heilpraktikers fort: Zunächst ging es nicht um 3-Bromopyruvat, sondern um ein anderes experimentelles Mittel, Dichloracetat (DCA), welches er ebenfalls eingesetzt habe. Klaus R. gab bereitwillig Auskunft: „Immer montags und donnerstags, das war die erste Infusion am Morgen.“ Er habe die Patienten aufgeklärt, dass dieses Mittel zu Nervenschädigungen führen kann, diese seien aber reversibel.

Der Vorsitzende Richter Johannes Hochgürtel zeigte sich vor allem darüber irritiert, dass DCA selbst im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Die Internationale Agentur für Krebsforschung IARC etwa stuft die Substanz als „möglicherweise krebserregend“ ein. „Haben Sie den Patienten das gesagt?“ Klaus R. konnte sich nicht erinnern. Für ihn ist DCA ein gängiges Mittel der alternativen Krebsmedizin, bei einem Lehrgang habe er davon erfahren. Die weitere Diskussion über den Stoff wurde vertagt, damit sich die Verteidigerin vorbereiten kann.

Als letzten Punkt erfragte der Richter die Kosten der Behandlung. „Das waren 9.900 Euro für zehn Wochen“, erklärte der Heilpraktiker. „Darin waren pauschal alle Leistungen enthalten: Labor, Infusionen, Gespräche, alles abgedeckt.“

„In Holland dürfen Heilpraktiker nicht invasiv arbeiten.“

Anschließend befragte Staatsanwältin Rahel Plass den Heilpraktiker. Sie ließ sich zunächst ausführlich die Praxisräume und den Arbeitsalltag von R. beschreiben. Vier bis fünf Patienten habe er pro Tag behandelt. Der Heilpraktiker betonte, dass er sich für alle viel Zeit genommen hat. „Da ist eine freundschaftliche Ebene entstanden, ich habe jede Frage beantwortet.“ Auch untereinander hätten sich die Patienten geholfen und ausgetauscht. Das sei auch wegen der Sprache sehr wichtig gewesen. R. erzählte, dass er fast ausschließlich Patienten aus den Niederlanden behandelt hat, und erklärt sich das so: „In Holland dürfen Heilpraktiker nicht invasiv arbeiten, die dürfen da viel weniger machen als hier. Da geht es mehr um Homöopathie und Psychotherapie.“ Die Patienten seien wegen der Alternativmedizin zu ihm gekommen.

Im Zentrum der Behandlung stand seit Ende 2015 das experimentelle Mittel 3-Bromopyruvat, 3BP. Die Staatsanwältin ließ sich erklären, von welcher Wirkungsweise der Heilpraktiker ausgegangen ist. Insbesondere wollte sie wissen, wieso der Stoff vor allem auf Krebszellen, nicht aber auf gesunde Zellen wirken soll. 3BP beeinflusst den Glukosestoffwechsel der Zellen und unterbindet so die Energieversorgung der Zellen, vermutete der Heilpraktiker. Die Staatsanwältin war gut vorbereitet und wunderte sich, was denn an dieser Art der Behandlung „biologisch“ sei. Sie erinnert das Ganze an die Chemotherapie. „3BP wirkt ja auch chemisch, das ist ein biochemischer Eingriff in den Stoffwechsel.“ Der Heilpraktiker antwortete mit einem zögerlichen Ja. „Doch entscheidend ist, dass die gesunden Zellen nicht vergiftet werden, wenn man sich an die Dosierung hält.“ Er habe deshalb nur zwei bis 2,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht gegeben. Allenfalls auf ausdrücklichen Wunsch der Patienten habe er die Dosis auf 3 Milligramm pro Kilogramm erhöht. „Haben sie diesen expliziten Wunsch dokumentiert?“, fragte die Staatsanwältin. „Nein“, erklärte R. Bei der zulässigen Höchstdosis habe er sich an Erfahrungen aus dem Tierversuch orientiert. Er habe gelesen, dass selbst wesentlich höhere Gaben dort unschädlich geblieben seien.

Das Krebsmittel 3BP wurde Pi mal Daumen dosiert

Am konkreten Beispiel will die Staatsanwältin herausfinden, wie sorgfältig R. den Wirkstoff dosieren konnte. Eine Patientin bekam mit 210 Milligramm die Höchstdosis, aufgeteilt auf zwei Infusionsflaschen à 105 Milligramm. „Wie haben Sie das denn dosiert?“ Die etwas zerknirschte Antwort: „Das ging ja nicht. Ich hab dann Richtung 100 dosiert, weil die Waage die dritte Stelle nicht anzeigt.“ Allzu große Genauigkeit sei aber auch gar nicht nötig gewesen, denn es gebe ja einen Toleranzbereich. An diesem Punkt wurde die Staatsanwältin energisch: „Sie arbeiten mit einem Stoff, der wissenschaftlich völlig unbekannt ist, und den ich nach Milligramm pro Kilo Körpergewicht dosiere, und jetzt wollen Sie mir weismachen, dass es unerheblich ist, ob ich genau arbeite?“ Das könne ja wohl nicht sein. „Ich halte es für extrem erheblich, dass ich das Körpergewicht genau kenne, und ich halte es für extrem wichtig, dass meine Waage genau abwiegen kann.“

Ob die Waage das kann, sollte der praktische Teil des Prozesses klären: R. dokumentierte mit Handschuh, Dosierlöffel und Waage, wie er gearbeitet hat. Nur der Wirkstoff ist nicht echt, im Gerichtssaal kommt statt 3BP Kochsalz zum Einsatz.

Das Problem wird sofort deutlich: Die Waage gibt Gramm statt Milligramm an, und hinter dem Komma folgen nur zwei Stellen. Auf Bitte des Gerichts wog der Heilpraktiker verschiedene Dosierungen ab. Ein Sachverständiger überprüfte das Ganze mit einer dafür geeigneten Waage und führte Kontrollen durch. Es gab kleinere Abweichungen, doch im Rahmen ihrer Möglichkeiten funktionierte die Waage. „Es bestehen also keine Bedenken gegen die Waage“, stellt die Anwältin des Heilpraktikers fest. „Die Waage funktioniert wie sie soll, aber sie ist nicht geeignet“, entgegnete die Staatsanwältin. Im Verlauf des Prozesses wurde noch ein weiteres Problem deutlich: Die Waage verfügt über eine sogenannte Zero-Tracking-Funktion. Wenn sie eingeschaltet ist, werden kleine Mengen, die auf die Waage gelegt werden, nicht erkannt, sondern automatisch auf Null gezogen: eine zusätzliche Fehlerquelle. Der Sachverständige Guido Scharf urteilte deshalb: „Ich halte die Waage für grundsätzlich nicht geeignet.“

„Wenn man es nicht kann, muss man es lassen“

Scharf ist Amtsapotheker und unter anderem zuständig für die Arzneimittelüberwachung in Nordrhein-Westfalen. Am Ende des Prozesses schilderte er ausführlich, unter welchen Bedingungen Infusionen, wie R. sie eingesetzt hat, eigentlich hergestellt werden müssen. Während er von Kontrollschritten, sterilen Bedingungen, Reinraumklassen und steriler Kleidung berichtete, sackte Klaus R. immer mehr in sich zusammen. Richter Hochgürtel fasst die langen Ausführungen des Sachverständigen zusammen: „A: Das hätte er nicht hinbekommen und B: Das hätte er nicht gedurft.“ Die Rechtsanwältin hob auf Sonderregeln für Heilpraktiker ab. Der Sachverständige ließ jedoch keinen Zweifel daran, dass solche Ausnahmen nicht existieren: „Arzneimittelqualität ist im Grunde genommen unteilbar. Es gibt da keinerlei Abstriche. Wenn man es nicht kann, muss man es lassen.“

Die Rechtsanwältin erkundigte sich, welche Haltung der Amtsapotheker zu Heilpraktikern hat. Doch sowohl die Staatsanwältin als auch der Richter weisen diese Frage als unerheblich zurück. Hier gehe es ja schließlich um Gesetze und Vorschriften. Dass Klaus R. dagegen massiv verstoßen hat, scheint klar. Wie die hohe Überdosierung zustande gekommen ist und inwiefern mögliche Änderungen beim Wirkstoff hatten, den R. bezogen hat, sollen die kommenden Verhandlungstage klären, aktuell sind bis Ende Juni acht weitere Termine geplant. Am Ende des Prozesses stellt sich dann die Frage, ob der Heilpraktiker sich tatsächlich der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht hat, wie die Staatsanwaltschaft es annimmt.

Foto: Claudia Ruby


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