Nachdem die französische Regierung kürzlich entschieden hat, dass die dortige gesetzliche Krankenversicherung mangels Wirksamkeitsbelegen zukünftig nicht mehr erstatten darf, gab es auch in Deutschland vermehrt Forderungen von Politikern hierzu. „Für Glauben sind die Kassen nicht zuständig“, sagte etwa Erwin Rüddel, Vorsitzender des Bundestags-Gesundheitsausschusses. „Wir sind selbst schuld, weil wir das ermöglicht haben.“ SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hatte sich schon 2010 dafür ausgesprochen, die Kassenerstattung abzuschaffen – und auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erklärte damals als gesundheitspolitischer Sprecher der Union, es gebe keinen wissenschaftlichen Nachweis für einen Nutzen der Homöopathie.

Lauterbach hielt seitdem am Ziel fest, brachte das Thema aber nicht groß voran – im Interview mit MedWatch erklärte er im April 2019, im Parlament sei keine Mehrheit für einen derartigen Schritt zu gewinnen. Spahn erklärte hingegen am Dienstag, auch die Alternativmedizin und Homöopathie hätten grundsätzlich „ihre Berechtigung“ – dies sei „ohne Frage“ so. Auf einer Diskussionsveranstaltung des Redaktionsnetzwerks Deutschland sagte er, grundsätzlich gelte zwar das Prinzip, dass Kassen nur bezahlen, wenn es einen Nachweis durch Studien gibt, „dass es tatsächlich auch in der Behandlung wirkt, einen Unterschied macht, was nützt“. Dies sei „bei der Homöopathie jedenfalls bei den allerwenigsten Produkten gelungen“, erklärte Spahn.

Bislang keine wissenschaftlichen Belege

Tatsächlich gibt es pharmazeutisch keinerlei Plausibilität, dass Behandlungen mit hochverdünnten Homöopathika eine Wirkung über den Placeboeffekt hinaus haben könnten. Laut etwa einer großen australischen Übersichtsstudie gibt es keinerlei Nachweis, dass Homöopathika bei dutzenden untersuchten Krankheiten eine Wirkung haben, die über den Placeboeffekt hinausgehen. Und im aktuellen Jahresbericht des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) heißt es, die Behörde habe noch kein homöopathisches Arzneimittel zugelassen, bei dem sich der Hersteller „auf eine zum Beleg der Wirksamkeit geeignete Studie berufen hätte“ – das BfArM ist Spahns Ministerium nachgeordnet.

„Ich bin immer dafür, Debatten richtig einzuordnen“, erklärte Spahn am Dienstagabend – und verwies anschließend darauf, dass in Deutschland jährlich zwischen 40 und 50 Milliarden Euro für Arzneimittel ausgegeben würden. „Für Homöopathie geben die Krankenkassen 20 Millionen aus im Jahr“, erklärte er. Hierüber könne man jetzt „mit ganz viel Emotionen“ und indem man Anhänger der Homöopathie „im Zweifel voll vorn Kopf stößt“ diskutieren. Oder man könne sich die Frage stellen, ob dies angesichts der Größenordnung die Debatte Wert ist. „Ich habe mich entschlossen: Es ist so okay, wie es ist“, erklärte Spahn.

Laut Studie 2000 Euro Mehrkosten pro Patient

Dabei ergibt eine Anfrage von MedWatch, dass Spahns Ministerium eigentlich gar keine Vorstellung von den Kosten hat, die durch homöopathische Behandlungen entstehen. Es trifft zwar zu, dass die Ausgaben von Krankenkassen für Globuli und andere Mittel lediglich einige Millionen pro Jahr betragen – hinzu kommen aber Ausgaben für homöopathisch arbeitende Ärzte und Apotheker, die von Krankenkassen teils eigen vergütet werden. Außerdem fallen durch homöopathisch behandelten Patienten laut einer groß angelegten Studie der Techniker-Krankenkasse erhebliche Mehrkosten im Vergleich zu Patienten an, die nicht auf Kassen-Angebot aus dem Bereich der Homöopathie zurückgreifen. Während Patienten in der Kontrollgruppe durchschnittliche Kosten von 10.428 Euro verursachten, betrugen diese für homöopathisch behandelte Patienten 12.414 Euro – auch in Folge von vermehrten Arbeitsunfähigkeitstagen. Die genauen Gründe hierfür konnte die Studie nicht aufschlüsseln – aber eine Erklärung sind Folgekosten, die durch die fehlende Behandlung mit wirksamen Mitteln entstehen. Dem Bundesgesundheitsministerium lägen „keine Informationen oder Schätzungen zu den Folgekosten für homöopathisch behandelte Patienten“ vor, räumt eine Sprecherin ein.

Gegen die Erklärungen Spahns, die Erstattung der Homöopathika aufgrund der geringen Ausgaben beizubehalten, gab es viel grundsätzlichen Widerstand. „Das sehe ich definitiv nicht so“, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD, Sabine Dittmar. Auch ihr Parteifreund Lauterbach widersprach Spahn bei Twitter: Die Wissenschaft dürfe in der Medizin nicht nur deshalb aufgegeben werden, weil es wenig kostet, „medizinischen Unsinn“ zu bezahlen. „Der Staat muss zur Wissenschaft stehen – auch im Konflikt“, schrieb er. „Immerhin stirbt der Patient, wenn er falsch behandelt wird.“

Lauterbach hatte kürzlich noch angekündigt, dass es nun Zeit sei, über das Thema Kassenerstattung zu sprechen. Doch derzeit kandidiert er für den Parteivorstand: Daher hat er kürzlich auf seinen Posten im SPD-Parteivorstand verzichtet, wo er für Gesundheit zuständig war – nun sei erstmal mit keinen Initiativen in diese Richtung zu rechnen, heißt es aus seinem Büro.

„Volle Kostenübernahme – ganz bequem per Gesundheitskarte“

Dieses Amt wird voraussichtlich zukünftig seine Parteifreundin Bärbel Bas einnehmen. „Alternative Heilmethoden, für die es keine oder nur unzureichende wissenschaftliche Studien gibt, sind aus gutem Grund nicht Teil der Regelversorgung“, erklärte sie. „Bei der Homöopathie liegen diese Nachweise nicht vor. Es fehlt daher die Grundlage für eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen.“ Sie selbst war früher Abteilungsleiterin bei der Krankenkasse „BKK futur“, welche inzwischen in die „BKK VBU“ übergegangen ist. Sie zählt zu den Kassen, die Kosten für homöopathische Behandlungen erstatten – „weit über den gesetzlichen Leistungskatalog hinaus“, heißt es auf der Homepage. „Für die homöopathische Behandlung beim Arzt bieten wir unseren Kunden schon von Geburt an die volle Kostenübernahme – ganz bequem per Gesundheitskarte.“ Die Chefin der BKK VBU Andrea Galle bezeichnete die Diskussion um die Kostenerstattung gegenüber Zeit Online kürzlich als „grandioses Sommertheater“. „Liegt es nicht auch in der Logik des medizinischen Fortschritts, dass Therapien angewandt und teils auch erstattet werden, deren Wirksamkeit erst später bewiesen oder vielleicht auch widerlegt wird“, fragte sie.

Andere Kassenchefs sehen dies deutlich anders: AOK-Bundesverbandschef Martin Litsch hatte gegenüber MedWatch erklärt, er fordere ein Erstattungsverbot für Homöopathie. Laut einer Erhebung des Bundesversicherungsamtes glauben praktisch alle Kassen nicht daran, dass Homöopathie helfen würde – sie nutzen es offenbar als Lockmittel für neue, für sie attraktive Versicherte.

Foto: hfd / MedWatch


Sie wollen über MedWatch informiert bleiben? Abonnieren Sie unseren Newsletter – oder folgen Sie uns auf Facebook oder Twitter. Damit wir MedWatch als unabhängiges Online-Magazin betreiben können, sind wir auf Ihre Unterstützung angewiesen – hier geht’s zu unserer Crowdfunding-Kampagne.

Share This