Unterdosierte Krebsmittel aus Bottrop, verunreinigte Blutdrucksenker aus China und gestohlene Chemotherapien aus Griechenland: In Deutschland folgt in Sachen Arzneimittelsicherheit derzeit Skandal auf Skandal. Was muss sich ändern, um derartige Fälle für die Zukunft zu vermeiden – und welche Gesetze müssen geändert werden, damit Patienten tatsächlich Schadensersatz bekommen können? Zu einem langen Gespräch trafen wir Martin Litsch: Er ist seit 2016 Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes, dem Dachverband der elf regionalen Allgemeinen Ortskrankenkassen mit ihren mehr als 25 Millionen Versicherten.

In unserem Interview vom gestrigen Montag sprachen wir mit ihm über die Frage, ob die Aufsicht über Arzneimittel in Deutschland zentralisiert werden sollte, da mehrfach die Länderaufsicht versagt hat, über Schadensersatzregeln und den Import von Arzneimitteln. Heute geht es um Medizin-Fakes im Netz, die oft fehlende Interessenvertretung von Patienten sowie die Homöopathie. Interview: Nicola Kuhrt und Hinnerk Feldwisch-Drentrup.

MedWatch: Die AOKs haben viele gute Gesundheitsinformationen auf ihren Internetseiten, kümmern sich aber bislang vielleicht etwas zu wenig um die andere Seite. Passiert nicht zu wenig in der Aufklärung über schlechte und schädliche Gesundheitsinformation – und im Kampf dagegen?

Litsch: Wir sind in Sachen Aufklärung sehr aktiv, zum Beispiel beim Thema Zuckerreduktion, und versuchen, über viele Kanäle Informationen zu streuen. Insgesamt muss sicherlich mehr passieren. Doch stellt sich die Frage, wer hat wofür die Verantwortung? Ich lasse mir gern Vorschläge unterbreiten, wo wir noch besser werden können. Aber wir sind auch nur ein Player auf dem Informationsmarkt.

MedWatch: Was schwebt Ihnen vor?

Litsch: Ich glaube, dass man einen anderen Ansatz braucht. Die ganze Informationsflut im Netz werden wir nicht eindämmen können. Aber es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Gesundheitskompetenz zu fördern. Wir müssen die Menschen dazu befähigen, dass sie zwischen guten und schlechten Informationen unterscheiden können. Deshalb engagiert sich die AOK für mehr Gesundheitskompetenz, zum Beispiel mit dem Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz. Auch unser Berliner Gesundheitspreis dreht sich dieses Mal rund um die Gesundheitskompetenz.

Martin Litsch AOK Bundesverband

Seit 2016 ist Martin Litsch Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes. Zuvor war er acht Jahre lang Vorstandsvorsitzender der AOK Nordwest. Er studierte in Trier Soziologie und Ökonomie. Danach arbeitete er unter anderem bei der Caritas und war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Trier. Seit 1989 arbeitet Litsch für die AOK. (Fotos: AOK Bundesverband)

MedWatch: Wäre es nicht auch eine Aufgabe des Wissenschaftlchen Instituts der AOK (WIdO), Studien zum Gesundheits-Informationsverhalten von Nutzern im Netz durchführen?

Litsch: Das WIdO hat das schon 2014 untersucht. Hierauf haben wir unsere Aktivitäten zum Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz begründet. Wie wir Informationen zu den Nutzern bekommen, beschäftigt viele verschiedene Abteilungen der AOK, angefangen bei der Prävention bis hin zum Marketing. Ich verweise hier gerne auf unsere Navigatoren, bei denen sich jeder sehr qualifiziert über die Qualität von Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen informieren kann.

MedWatch: Im Gesundheitsbereich gibt es relativ wenig Akteure, die Verbraucherinteressen vertreten. Im Umweltbereich gibt es viele Organisationen, die aufschreien und Pressemitteilungen herausgeben, wenn es einen Skandal gibt. Beispiel: Als kleinste Mengen Glyphosat im Bier detektiert wurden, gab es viel Aufregung. Aber als jetzt herausgefunden wurde, dass hunderttausende Patienten den Blutdrucksenker Valsartan mit offenbar krebserregenden Verunreinigungen genommen haben, gab es praktisch niemand, der die Patienteninteressen vertrat und klare Forderungen gegenüber der Politik erhoben hat. Wäre das nicht eine Aufgabe für Krankenkassen?

Litsch: Wir haben hier Verantwortung. Und ich glaube, wir nehmen diese auch wahr. Im Fall von Behandlungs- oder Pflegefehlern unterstützen wir unsere Versicherten seit mehr als 18 Jahren sehr umfangreich. Bei Arzneimittelschäden gibt es keine Rechtsgrundlage für eine entsprechende Unterstützung der Versicherten. Aber, selbst wenn es eine entsprechende Norm gäbe, könnten wir aufgrund der Regelungen des Arzneimittelgesetzes in Fällen wie Valsartan den betroffenen Patienten kaum Hoffnung machen, Schadensersatzansprüche auch durchsetzen zu können.
Auf der politischen Ebene setzen wir uns daher schon seit Jahren für eine Stärkung der Patientenrechte, auch im Zusammenhang mit Arzneimittelschäden, ein. Das Problem in der Durchsetzung von Ansprüchen ist ja auch nicht neu. Erinnern Sie sich nur an die rund 200 Vioxx®-Prozesse in Deutschland.

Aber anders als beim Glyphosat im Bier, das man nicht trinken muss, gibt es Risiken, wenn man Arzneimittel zur Blutdrucksenkung nicht nimmt. Deshalb brauchen wir hier den politischen Druck, dass die Qualität der Produktion stimmt und kriminelles Handeln unterbunden wird.

MedWatch: Aktuell kommt durch einen Film, der Impfkritikern in die Hände spielt, viel unnötige Verunsicherung. Wäre das nicht auch ein Thema für Sie?

Litsch: Sicherlich. Gerade zum Thema Impfen haben wir sehr gute Faktenboxen mit sachlichen Informationen, beispielsweise zur Grippeschutzimpfung und zu Masern-Mumps-Röteln. Aber als Krankenkasse können wir die Menschen nur informieren.

In einem ersten Gespräch unserer Interviewserie hatten wir Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, kurz IQWiG, um eine Einschätzung gebeten. Auch Regina Klakow-Franck, von 2012 bis Juni 2018 eines von drei unparteiischen Mitgliedern im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), haben wir befragt.

MedWatch: In Bayern ist im Frühjahr ein Heilpraktiker wegen homöopathischer Behandlung einer Krebspatientin in erster Instanz zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Machen sich Krankenkassen da nicht auch indirekt verantwortlich, wenn sie Homöopathie erstatten und damit den Eindruck erwecken, dass es eine wirksame Alternative wäre?

Litsch: Derartige Fälle sind natürlich furchtbar. Aber ich unterstelle, dass wir uns als Kassen ganz klar dazu äußern, dass bei solchen Diagnosen immer in erster Linie eine schulmedizinische Behandlung erfolgen muss. Und wir entscheiden mit der grundsätzlichen Erstattung nicht über die Angemessenheit einer Therapie im Einzelfall. Unsere Wahltarife setzen im Übrigen voraus, dass ausschließlich zugelassene Ärzte die Therapie verordnen.

MedWatch: Als Vorstand der AOK NordWest haben Sie ja auch einen Tarif für Homöopathie eingeführt.

Litsch: Ja, weil sehr viele Kunden das nachgefragt haben. Mit Blick auf die Marktsituation müssen sie schon sehr tapfer sein, diesen Wahltarif nicht einzuführen.

MedWatch: Würde es helfen, wenn das Bundesgesundheitsministerium den Kassen die Erstattung verbieten würde?

Litsch: Natürlich würde das die Situation grundlegend ändern. Wir setzen uns immer für Evidenz in der Medizin ein, ich würde es in jedem Fall unterstützen.

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