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Gesundheitliche Folgen des Konsums Lauterbach im Fokus der Fleischlobby

Montage: Karl Lauterbach, Schinken
Angriff seitens der Fleischlobby: Karl Lauterbach, selbst bekennender Vegetarierer. Fotos: Unsplash / dpa

Wie übermäßig und schädlich ist der Fleischkonsum in Deutschland? Eine Brancheninitiative der Fleischwirtschaft wehrt sich gegen die Kritik von Gesundheitsminister Karl Lauterbach – mit verzerrten Fakten, einer Studie, die es so nicht gibt und einem Kronzeugen, der keiner sein möchte.

Karl Lauterbach ist bekennender Vegetarier, und vielleicht ist das bereits sein größter Fehler. Jedenfalls sieht sich der Bundesgesundheitsminister einem bemerkenswerten Angriff der Fleischlobby ausgesetzt. Vordergründig ist es ein Streit um die gesundheitlichen Folgen des Fleischverzehrs, um die „richtigen“ Fakten und darum, wer die Wissenschaft auf seiner Seite hat. Die nähere Betrachtung zeigt, wie sich eine Lobby-Initiative mit forschen Tönen blamiert, weil sie ihre „Fakten“ vor der Veröffentlichung offenbar kräftig durch den Fleischwolf gedreht hat. 

„Populistische Klischees wie Klima, Gesundheit und Tierschutz“

„Wir klären auf! Karl Lauterbach und seine Erkenntnisse über Fleisch, Klima und Gesundheit“, heißt der Betreff eines Newsletters, verschickt am 24. Mai. Der Absender: „Fokus Fleisch“, eine von Unternehmen und dem Verband der Fleischwirtschaft getragene Initiative, die mit einiger Präsenz vor allem in den sozialen Medien versucht, ihrer Branche ein gutes Image zu verpassen. Den Anlass für den schäumenden Text hatte Lauterbach bei einer Veranstaltung der Zeit gegeben, bei der er den übermäßigen Fleischkonsum in Deutschland kritisierte. Der sei aus vielen Gründen „vollkommen unvernünftig“ und begünstige zahlreiche Krankheiten.

Das wollte die Branche offenbar nicht auf sich sitzen lassen. Im Newsletter zeichnet sie den Gesundheitsminister wie einen Mann, der mit einem „Gruselbuch“ Kasse macht (gemeint ist Lauterbachs Buchveröffentlichung „Bevor es zu spät ist“) und „alle populistischen Klischees wie Klima, Gesundheit und Tierschutz“ bedient.

Dem „Wahrheitsgehalt“ von Lauterbachs Aussagen sollen im Newsletter „valide Zahlen“ entgegengesetzt werden – schließlich hat es sich „Fokus Fleisch“ laut Selbstdarstellung zur Aufgabe erkoren, „fundierte“, ja „wissenschaftlich belastbare Fakten“ zur „sachlichen Auseinandersetzung“ zu liefern. Im Falle Lauterbachs allerdings ging das mit der Belastbarkeit gründlich schief.

Fleischverzehr: zu viel oder unterdurchschnittlich?

Schon dessen Hinweis auf den übermäßigen Fleischkonsum hierzulande stößt auf Widerspruch – in Wahrheit liege er „unter dem europäischen Durchschnitt“, heißt es in dem Newsletter. Dagegen sei „ausgerechnet“ Spanien, bekannt für seine angeblich fleischarme mediterrane Ernährung, „Europameister“. Zum Beleg führt „Fokus Fleisch“ Zahlen für den Fleisch-Verbrauch“ an – eine Größe, die auch Fleischverluste und Tierfutter mit einberechnet.

Da es eigentlich um die menschliche Ernährung geht, würde der Blick auf Daten zum menschlichen Verzehr lohnen. Hier jedoch liegen nach jeweiligen Regierungsangaben die Menschen in Deutschland mit 55 Kilogramm pro Person und Jahr vor jenen in Spanien mit knapp weniger als 50 Kilogramm.

Auf Anfrage verteidigt die Brancheninitiative den „Verbrauch“ als „aussagekräftiger“, da „für eine nachhaltige Nutztierhaltung … die Verwertung des ganzen Tieres“ von Schnauze bis Schwanz entscheidend sei. Inwiefern sich das auf Für und Wider einer Mittelmeerdiät auswirken soll, bleibt offen. Unerwähnt zudem, dass die Menschen in Deutschland die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, höchstens 300 bis 600 Gramm Fleisch pro Woche, also gut 31 Kilogramm pro Jahr zu verzehren, drastisch überschreiten. Lauterbach hat also durchaus wissenschaftliche Argumente für seine Kritik.

Ein Kronzeuge, der keiner sein will

Doch wie steht es um die gesundheitlichen Folgen? Um den kritischen Hinweis des SPD-Ministers vermeintlich zu widerlegen, führen die Newsletter-Autoren der Fleischlobby ein Zitat von niemand geringerem als Jörg Meerpohl ins Feld. Der Kinderarzt und Onkologe ist einer der renommiertesten Wissenschaftler der Republik: Institutsdirektor in Freiburg, Mitglied der Ständigen Impfkommission und Vorstand von Cochrane Deutschland, der Institution zur Förderung von Evidenz in der Medizin. Bei den Leser:innen dürfte vor allem hängen bleiben, dass er irgendwie dagegen ist, weniger Fleisch zu essen.

Tatsächlich war Meerpohl an einer 2019 publizierten (und im Newsletter auch erwähnten) Studie beteiligt, die zu der „schwachen Empfehlung“ gelangte, den bisherigen Fleischkonsum beizubehalten. Allerdings nicht, weil sie Gesundheitsrisiken widerlegt sieht. Die Autor:innen erkennen diese durchaus an, sie machen jedoch eine Abwägung und kommen zu der Ansicht, dass für die meisten Menschen „die wünschenswerten Auswirkungen (ein potenziell geringeres Krebs- und Herz-Kreislauf-Risiko)“ eines geringeren Fleischkonsums „die unerwünschten Auswirkungen (Auswirkungen auf die Lebensqualität, Belastung durch die Änderung kultureller und persönlicher Essenszubereitungs- und Essgewohnheiten) wahrscheinlich nicht überwiegen“.

Woher das im Newsletter zitierte, angebliche „Statement“ Meerpohls kommt, wusste Meerpohl nicht. Er hat nach eigener Aussage keines für einen Newsletter der Fleischwirtschaft autorisiert – und reagierte auf Anfrage überrascht und „ungehalten“ darüber, derart als Widerpart zu Lauterbach zitiert worden zu sein. Nach Veröffentlichung der Studie habe er eine Anfrage aus der Branche erhalten, die er „rigoros abgelehnt“ habe, und in dem Newsletter-Zitat sieht er seine Position weder vollständig noch richtig wiedergegeben. Wofür es auch zuvor durchaus Hinweise gab: Wie in der Studie aufgeführt ist, wollten drei der 14 Autor:innen die Empfehlung für ein Beibehalten des derzeitigen Fleischkonsums nicht mittragen. Einer davon: ausgerechnet der vermeintliche Kronzeuge der Fleischlobby.

Meerpohl schickt einen Artikel, der erklärt, warum: Wer weniger Fleisch isst, erreiche dadurch zwar nur eine „geringe“ gesundheitliche „Risikoreduktion“, dennoch finde er unter anderem „die vollkommene Nicht-Berücksichtigung der Public Health-Perspektive problematisch“. Meerpohl selbst habe „für eine schwache Empfehlung für eine Reduktion“ des Fleischverzehrs plädiert.

Längeres Leben durch Fleischkonsum?

Und noch weiteren „Fakten“ im Newsletter der Brancheninitiative fehlt die Substanz. Wenn sie argumentiert, dass die Schweineschlachtung „immer unter Aufsicht von Amtstierärzten“ erfolge, vergisst sie offenbar, dass die europäische Schlachthofbranche zuletzt erfolgreich dafür lobbyiert hatte, dass Amtstierärzte eben nicht mehr ständig im Schlachthof anwesend sein müssen, einige Kontrollaufgaben sogar an Betriebspersonal delegiert werden können.

Wo sie korrekt Forschungsergebnisse darstellen, denen zufolge Kühe keine „Klimakiller“ seien, Wiederkäuer für eine nachhaltige Landwirtschaft vielmehr gebraucht werden, lassen sie einen anderen wichtigen Aspekt unter den Tisch fallen: Dass die Bestandsgrößen von Schweinen und Geflügel, deren Fütterung in direkter Nahrungskonkurrenz zum Menschen steht, aus Nachhaltigkeitsgründen deutlich kritischer gesehen werden. Lauterbachs Argumentation, dass der hohe Fleischkonsum auch aus Klimagründen „unvernünftig“ sei, lässt sich damit nicht widerlegen.

Zum Abschluss des Anti-Lauterbach-Newsletters heißt es, aus Sicht von Wissenschaftlern seien die bisherigen Erkenntnisse zu den gesundheitlichen Folgen des Fleischkonsums „falsch“: Forscher hätten nämlich herausgefunden, dass der Verzehr von kohlenhydrathaltigen Pflanzen „nicht zu einer höheren Lebenserwartung führt, während der Gesamtfleischkonsum dies tut“.

Die offenbar zugrunde gelegte Studie belegt jedoch nicht etwa einen Kausalzusammenhang zwischen Fleischkonsum und längerem Leben, sondern beobachtet eine Korrelation. Sie ist auch weder unter dem angebotenen Link abrufbar noch, wie von der Fleischwirtschaft behauptet, im traditionsreichen Fachjournal The Lancet erschienen, sondern in einer ungleich weniger renommierten Publikation, dem International Journal of General Medicine.

Eine aktuelle Studie der Universität Jena berichtete übrigens gerade über die Vorteile einer pflanzenbasierten Ernährung bei der Prävention chronischer Krankheiten. Ob solche Fakten für die „sachliche Auseinandersetzung“ genauso förderlich sind?.