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Intervallfasten Corona wegfasten – geht das?

Intervallfasten gegen Corona: Doch kein absolutes Muss? Foto: Pexels
Intervallfasten gegen Corona: Doch kein absolutes Muss? Foto: Pexels

Intervallfasten sei in der Covid-19Covid-19 Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wird "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt.-Pandemie ein „Muss“, sagen die Ärztin Petra Bracht und der Ernährungswissenschaftler Claus Leitzmann. Doch so einfach ist es mit der Empfehlung nicht, wie eine MedWatch-Recherche zeigt – an deren Ende sich beide Autor:innen sogar von ihrem Ratschlag distanzieren.

Das Thema polarisiert, so viel lässt sich objektiv feststellen. „Intervallfasten hilft gegen Coronaviren“ – für die Krankenhaus-Gruppe „München Klinik“ ist diese von Patient:innen in Chatgruppen verbreitete Meldung ein Fall von „Fake News“. In mancher Medienveröffentlichung wird dagegen die Frage diskutiert, ob eine Art „Wundermittel“ gegen Covid-19 gefunden ist.

Verstärkt wird die These vor allem durch das Buch „Klartext Ernährung“, verfasst von der in zahlreichen Internet-Videos präsenten Ärztin Petra Bracht und dem renommierten Ernährungswissenschaftler Claus Leitzmann. „Intervallfasten wird jetzt zum absoluten Muss!“: So heißt darin eine von mehreren Antworten auf die Frage, was sich in Pandemiezeiten tun lässt, um sich, „abgesehen von der Vermeidung des Virenkontaktes, maximal zu schützen“. MedWatch wollte wissen, was von der These zu halten ist – die Recherche endete mit einer überraschenden Wendung.

Intervallfasten gegen Corona: Kostenloser Auszug als E-Book

Viel Resonanz erfahren die Tipps auch deshalb, weil die Penguin Random House-Gruppe, die das Buch verlegt, das 7-Seiten lange Corona-Kapitel („was man tun kann“) kostenlos als E-Book vertreibt. „Aufgrund der Aktualität der COVID-19-Pandemie“ sei es den Autor:innen „ein Anliegen, diese Informationen den Leser:innen zur Verfügung zu stellen und damit auf die Schlüsselrolle der Ernährung hinzuweisen“, heißt es beim Verlag.

Im Kern gehen die mehr als 20 Empfehlungen davon aus, dass ein gutes Immunsystem „das beste Medikament“ ist. Bracht und Leitzmann raten zu einer möglichst pflanzenbasierten Ernährung, viel Trinken und einer ausreichenden Vitaminzufuhr – und eben zum Intervallfasten. „Jeden Tag über 16, 20 Stunden hinweg nichts essen oder einen Tag ganz pausieren, und „beim geringsten Krankheitsanzeichen gleich mit einem drei Tage langen Heilfasten beginnen“, heißt es.  

Unter Ernährungswissenschaftlern ist das Erstaunen groß – allein schon über die Zusammenarbeit der Autor:innen: Die für ihr offensives Marketing bekannte Ärztin Bracht, die mit ihrem auf Schmerztherapie samt Online-Shop spezialisierten Unternehmen Liebscher & Bracht nach einer Abmahnung der Verbraucherzentrale gerade unzulässige Werbeaussagen zurückziehen musste, wirbt seit langem für das Intervallfasten und verkauft Bücher zu diesem Thema. Der hochdekorierter Professor im Ruhestand Leitzmann kann seit mehreren Jahren Legendenstatus für sich reklamieren: 2013 hob ihn der Internationale Verband der Ernährungswissenschaften in den Rang der „living legends“.

„Hände weg von diesen Tipps!“

Martin Smollich, Ernährungswissenschaftler am Uniklinikum Schleswig-Holstein, zeigt sich in einer Video-Analyse für MedWatch fachlich „erschüttert“: „Nichts von diesen Empfehlungen ist evidenzbasiert“, sagt er, es handele sich um „dubiose, typisch esoterische Empfehlungen“, die zudem „grob fahrlässig“ und „sehr gefährlich“ seien. Smollichs Sorge: Menschen könnten die Empfehlungen von Bracht und Leitzmann befolgen und sich dann vor einer Corona-Infektion „perfekt geschützt“ fühlen – und glauben, andere Schutzmaßnahmen nicht mehr zu benötigen. „Hände weg von diesen Tipps!“, sagt Smollich.

Tatsächlich ist bereits die gesundheitliche Wirkung des Intervallfastens – ob in Form eines täglichen, möglichst langen oder ein- bis mehrtägigen Verzichts –  noch unklar. Tierversuche zeigten positive gesundheitliche, lebensverlängernde Effekte, für Menschen fehlt es aber an klinischen Studien vor allem zu langfristigen Effekten. Wer behauptet, Intervallfasten sei positiv für das Immunsystem, kann auf Indizien verweisen, aber eine umfassende wissenschaftliche Evidenz fehlt. In ihrem aktuellen Beratungsstandard, Stand 2020, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) unter Berufung auf „erste Meta-Analysen“ zu der als unbefriedigend eingestuften Studienlage, „dass das Intervallfasten insgesamt keine Vorteile gegenüber einer kontinuierlichen Energiereduktion, jedoch auch keine Nachteile aufweist.“ Weder für Gesunde noch für Erkrankte ließen sich klare Empfehlungen ableiten.

Intervallfasten: Vergleichbare Effekte wie andere Diäten

Wo punktuell Effekte genauer untersucht sind, fällt das Fazit gleichermaßen nüchtern aus. Wie in einem Cochrane-Review von 2021, einem nach den strengsten Evidenzkriterien der medizinischen Forschung durchgeführten Auswertung zum Thema Intervallfasten und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Auswirkungen des Fastens auf Sterblichkeit, Infarkte und Herzinsuffizienz seien „ungewiss“, heißt es darin. Intervallfasten könne zwar zu einer Gewichtsreduktion führen, wahrscheinlich aber nicht besser als andere Arten kalorienarmer Ernährung. Zudem seien die Effekte „anscheinend klinisch unbedeutend“. Mit einem Versuch mit 150 Patient:innen über ein Jahr hinweg zeigten das Deutsche Krebsforschungszentrum und das Universitätsklinikums Heidelberg zudem, dass Intervallfasten bei Übergewichtigen den Gesundheitszustand verbessern kann – jedoch nicht besser als andere Diäten.

Bracht und Leitzmann argumentieren in ihrem Buch vor allem mit dem Nutzen der AutophagieAutophagie Selbstreinigungsprozess der Körperzellen, diese wird nach einer Zeit des Hungerns „aktiviert“ und kann „defekte oder schadhafte Moleküle“ abbauen., einer Art Selbstreinigungsprozess der Zellen. Stephan Herzig, Direktor des Helmholtz Diabetes Center in München, beschreibt ihn als „interne Müllabfuhr“, die nach einer Zeit des Hungerns „aktiviert“ werde und „defekte oder schadhafte Moleküle“ abbaut.

Internationale Wissenschaftler:innen unter Federführung von Charité, Universitätsklinikum Bonn und Max-Planck-Institut für Psychiatrie zeigten, dass der Autophagieprozess MERS-Coronaviren erkennen und – in den Worten von Bracht und Leitzmann – „entsorgen“ kann. In ihrem Buch, verfasst 2020, präsentieren sie es als Vermutung, dass dieser Effekt auf SARS-CoV-2Sars-CoV-2 Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.  Da es zunächst keinen Namen hatte, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus"-Viren übertragbar ist – was  die MERS-Forscher 2021 bestätigten. Beteiligt an den Arbeiten war auch Charité-Virologe Christian Drosten.

„Vorsicht vor allzu umfassenden Heilserwartungen“

Liegen Bracht und Leitzmann also richtig? Theo Rein, einer der Leiter der beiden Arbeiten, ordnet die Studienlage positiv, aber zurückhaltender ein. Er arbeitet am vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Die Evidenz aus zellulären Experimenten sei zwar „sehr gut“, doch fehlten bislang klinische Studien, erklärt Rein auf MedWatch-Anfrage. Was die In-vitro-Versuche also nicht beantworten können: Wirkt ein gezieltes Anstoßen der Autophagie durch Intervallfasten tatsächlich entzündungshemmend oder antiviral? Für das Robert Koch-InstitutRobert Koch-Institut Das Robert Koch-Institut ist eine selbstständige deutsche Bundesoberbehörde für Infektionskrankheiten und nicht übertragbare Krankheiten. Als Einrichtung der öffentlichen Gesundheitspflege hat es die Gesundheit der Gesamtbevölkerung im Blick und ist eine zentrale Forschungseinrichtung der Bundesrepublik Deutschland. (RKI) ist das bislang offenbar kein großes Thema. Ihm liegen „keine Daten zur Wirkung von Intervallfasten auf die Prävention von Infektionskrankheiten“ vor, erklärt es auf Anfrage von MedWatch. 

Einer „so starken, wenn nicht gar apodiktischen Empfehlung“, die das Intervallfasten zum „Muss“ deklariert, möchte sich Max-Planck-Forscher Rein nicht anschließen. Er betrachtet Intervallfasten als eine Möglichkeit für eine „besser angepasste Kalorienaufnahme“, die sich positiv auswirken kann. Allerdings könnten sich Viren den Prozess auch zunutze machen, manche Tumoren „in bestimmten Phasen von der Autophagie“ profitieren, erklärt Rein: „Zusammengefasst rechtfertigen viele Studien die positiven Erwartungen an die Autophagie, aber wie fast immer ist auch hier die Situation komplex und eine gewisse Vorsicht vor generellen und allzu umfassenden Heilserwartungen scheint nach derzeitiger Studienlage angebracht.“ Ernährungswissenschaftler Smollich sieht das ebenso.

Diese Einordnung fehlt in den Corona-Empfehlungen von Bracht und Leitzmann. Auch die Fragen, für wen Intervallfasten aus gesundheitlichen Gründen nicht geeignet ist und inwieweit sich die verringerte Nahrungsaufnahme auf die Vitamin- und Mineralstoffversorgung auswirkt und damit das Immunsystem nachteilig beeinflussen kann, wird von dem Gespann nicht beantwortet. Auf Anfrage reagierte Bracht erst einmal nicht. Leitzmann wollte eine Auskunft „aus fachlichen Gründen“ zunächst seiner Co-Autorin „überlassen“, schrieb kurz darauf aber: „Frau Dr. Bracht hat mir soeben mitgeteilt, dass sie sich aus terminlichen Gründen außer Stande sieht, Ihre Fragen zu beantworten. Sie empfiehlt den Kontakt mit einem Corona-Experten.“ Als solche sehen sich die Autor:innen also offenbar nicht.

„Aus wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar“

Die MedWatch-Recherche war eigentlich bereits abgeschlossen, als sich der ebenfalls angefragte Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung (UGB) meldete, dessen Wissenschaftlichen Beirat Leitzmann leitet. Der UGB sieht das Fasten etwa „in der Rekonvaleszenz nach einer Erkrankung mit Covid-19“ als hilfreich an. Die im Buch von Bracht und Leitzmann „dargestellten Zusammenhänge und der Schluss, der daraus gezogen wird“, seien jedoch „aus wissenschaftlicher Sicht und gemäß der Datenlage nicht haltbar“, sagt die stellvertretende UGB-Geschäftsführerin Elisabeth Klumpp. Die Aussage „Intervallfasten wird jetzt zum Muss“ lasse sich „aus der im Text genannten Literatur nicht begründen“. Klumpp zufolge war Bracht „als Expertin für Fasten und insbesondere für Intervallfasten sowie als Ärztin für die Aussagen zu Corona zuständig“, Leitzmann habe „die Aussagen von Frau Dr. Bracht nicht recherchiert“. Bei weiteren Auflagen werde er „zusammen mit Frau Dr. Bracht den aktuellen Sachverhalt darstellen“.

Auf Anfrage bestätigte Leitzmann diese Darstellung wie auch die Einschätzungen des Forschungsstandes – distanziert sich also von der Empfehlung im eigenen Buch. Ob diese in unveränderter Form als Digitalausgabe weiter vertrieben werden, einschließlich des kostenlosen Auszugs, ließ er offen: „Wie es sich mit der E-Book-Ausgabe sowie mit dem Auszug verhält, werde ich mit dem Verlag klären.“

Co-Autorin Bracht reagierte dann ebenfalls, zunächst auf ihrer Website. Dort waren die Corona-Empfehlungen in einer noch kürzeren Fassung („Unsere fünf wichtigsten Tipps gegen das Corona-Virus“) im März 2020 ebenfalls veröffentlicht worden – nun heißt es dort nur noch: „Uups! Diese Seite wurde nicht gefunden.“

Und schließlich, zwei Wochen nach unserer Anfrage, meldete sich Bracht auch per Mail. Bei dem Text auf der Internetseite habe es sich um ein „internes Schreiben an unsere Mitarbeiter“ gehandelt, das ohne ihr Wissen „fälschlicherweise von einem Mitarbeiter aus unserem Redaktionsteam auf meiner Homepage als Blogbeitrag veröffentlicht wurde“. Es sei nicht aktuell.

Eine „kleine Korrektur“ möchte Bracht zu der Formulierung in ihrem Buch machen, dass sich das Corona-Virus mit den Empfehlungen „neutralisieren“ lasse: „Nicht, dass diese Tipps es wirklich schaffen, dieses Ziel zu erreichen. Aber wie gesagt, meine Einschätzung als Ärztin ist, dass ‚die Chance auf einen leichteren Verlauf‘, wie ich schreibe, größer ist mit einem besser aufgestellten Immunsystem.“ Zu einem Zeitpunkt, zu dem noch keine Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 existierten, sei das Intervallfasten aus ihrer Sicht „für die Leser eine positive Möglichkeit“ gewesen, „zumindest überhaupt etwas zu tun“.


Redaktion: Henrik Müller und Nicola Kuhrt