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Paradigma-Konferenz Gefährliche Weltsichten – mit Chlordioxid

Paradigma-Konferenz zu Chlordioxid: Ungesunde Ansichten. (Foto: Unsplash)
Paradigma-Konferenz zu Chlordioxid: Ungesunde Ansichten. @ Unsplash

Ein Chlordioxid-Kongress will Gegenentwurf sein, 41 Sprecher aus Europa, Asien oder Südamerika bewerben die Einnahme der gesundheitsgefährlichen Bleiche Chlordioxid. Die Organisatoren werfen Kritikern aus Wissenschaft, Politik und Medien manipulatives Verhalten vor, man selbst erklärt sich zu frei denkenden Pionieren. Ein MedWatch-Team hat sich das Ganze genauer angesehen.

Die Kritik ist deutlich: Wenn man nach Informationen zu Chlordioxid im Internet suche, dann erschienen in der Regel als Erstes „Schreckensnachrichten aus den ,Mainstream-Medien‘“, Chlordioxid sei „eine hochgiftige Chlorbleiche, mit der man sich verätzen würde und eine gesundheitlich positive Wirkung sei ausgeschlossen.“

Auf der Start-Seite der Online-Konferenz „Paradigma“, die in diesem Sommer stattgefunden hat, findet sich für „Medien. Politik. Wissenschaft“ eine eigene Rubrik. „Warum analysiert niemand die Fakten“, klagt man dort weiter. Schließlich habe es Fortschritt doch immer durch mutige Forschung und Entdeckungen frei denkender Pioniere gegeben.

Ob wir – ob Medwatch – angesprochen wird?

Wenn man uns zu den Mainstream-Medien zählen möchte, okay. Und ja, man findet diverse MedWatch-Berichte zu Chlordioxid bei uns. Wir warnen vor der Einnahme, auf Basis wissenschaftlicher Analysen und Studien  – wie auch Gesundheitsbehörden aus der ganzen Welt (siehe Kasten) es tun, denn: Chlordioxid ist eine Chlorbleiche, mit welcher man sich verätzen kann und eine gesundheitlich positive Wirkung durch die Einnahme ist ausgeschlossen!

Die offiziellen Fakten zu Chlordioxid (MMSMMS Mineral Miracle Supplement)

In der DACH-Region

  • Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rät davon ab, MMS einzunehmen. Zudem stufte das BfArM im Jahr 2015 MMS als zulassungspflichtiges Arzneimittel ein, „weil mit der Einnahme schädliche Wirkungen verbunden sind, die über ein vertretbares Maß hinausgehen.“ Eine Zulassung hat MMS nie erhalten. Deshalb darf es nicht als Heilmittel verkauft werden. Im Jahr 2019 verurteilte der Bundesgerichtshof einen Händler zu einer Gefängnisstrafe von mehr als drei Jahren – „wegen fahrlässigen Inverkehrbringens von bedenklichen Arzneimitteln“. Er hatte in seinem Online-Shop unter anderem MMS verkauft, MedWatch berichtete damals.
  • Die Schweizerische Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für ArzneimittelArzneimittel Arzneimittel sind Stoffe oder Zubereitungen aus Stoffen, die angewandt werden, um Krankheiten, Leiden, Körperschäden oder Beschwerden zu heilen, zu lindern oder zu verhüten. Es kann sich hierbei ebenfalls um Mittel handeln, die dafür sorgen, dass Krankheiten oder Beschwerden gar nicht erst auftreten. Die Definition beinhaltet ebenso Substanzen, die der Diagnose einer Krankheit nutzen oder seelische Zustände beeinflussen. Die Mittel können dabei im Körper oder auch am Körper wirken. Das gilt sowohl für die Anwendung beim Menschen als auch beim Tier. Die gesetzliche Definition von Arzneimitteln ist im § 2 Arzneimittelgesetz (AMG) enthalten. und Medizinprodukte swissmedic warnt „vor der Einnahme des sogenannten Wundermittels ‚Miracle Mineral Supplement‘, kurz MMS, und weiteren ähnlichen Produkten wie Chlordioxid, CDL, CDSCDS Chlorine Dioxide in Solution, Master Mineral Solution.“
  • In Österreich erklärt das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG): „Produkte, welche die angeführte, behauptete Wirkung von MMS bzw. CDL/CDS erzielen könnten, sind per Definition Arzneimittel und dürfen nur dann in Verkehr gebracht werden, wenn deren Wirksamkeit und Sicherheit im Rahmen von klinischen Prüfungen belegt und in einem behördlichen Zulassungsverfahren bestätigt worden sind. Für die […] angeführten Chlordioxid-Produkte liegen keinerlei derartige Daten vor. Folglich ist die klinische Wirksamkeit und somit auch die Sicherheit nicht erwiesen und es gibt keine aufrechte Zulassung als Arzneimittel. Für die genannten Produkte bestehen schwere Sicherheitsbedenken.“1https://www.basg.gv.at/marktbeobachtung/amtliche-nachrichten/detail/warnung-vor-chlordioxidloesungen-mms-cds-cdl

In Nord- und Süd-Amerika

  • Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA erneuerte ihre Warnungen im Hinblick auf die Corona-Pandemie2https://www.fda.gov/consumers/consumer-updates/danger-dont-drink-miracle-mineral-solution-or-similar-products, 3https://www.fda.gov/news-events/press-announcements/coronavirus-covid-19-update-fda-warns-seller-marketing-dangerous-chlorine-dioxide-products-claim und berichtet von schwerwiegenden Vergiftungserscheinungen nach dem Konsum von Chlordioxidprodukten:
    – Atemstillstand nach einem Sauerstoffmangel (Methämoglobinämie);
    – Vorboten potenziell tödlicher Herzrhythmusstörungen;
    – Lebensbedrohlich niedriger Blutdruck aufgrund von Dehydration;
    – Akutes Leberversagen;
    – Niedrige Blutzellzahlen, da rote Blutkörperchen schneller zerstört wurden, als der Körper sie bilden konnte (hämolytische Anämie), was eine Bluttransfusion erforderlich machte;
    – starkes Erbrechen und
    – schwerer Durchfall.

    Außerdem verwarnte die FDA im Mai 2021 ein Unternehmen, das nicht zugelassene Chlordioxid-Produkte verkaufte, die angeblich gegen Covid-19Covid-19 Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wird "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. helfen sollten, und fügte hinzu: „Die FDA warnt die Verbraucher weiterhin davor, Chlordioxid-Produkte […] zu trinken.“
  • Diesen Warnungen schließt sich die Panamerikanische Gesundheitsorganisation (PAHO) an, die für Nord- und Südamerika zuständig ist.

Wir haben die indirekte Einladung der Paradigma-Macher dennoch einmal angenommen – und uns die Konferenz genau angesehen. Die „Fakten analysiert“ – wenn Sie so möchten.

Paradigma: Die Konferenz. Ihr Veranstalter

Die Paradigma-Konferenz fand Initiative des „Lebensenergie-Projekts“ statt. Es ist kein wissenschaftlich zertifiziertes Angebot, das etwa durch eine Ärzte-Kammer oder eine Gesundheitsbehörde geprüft und abgenommen wurde. Veranstalter Helge Grotelüschen ist kein Mediziner oder Wissenschaftler anderer Disziplin, er ist ein „Herzmensch“, wie auf seiner Website zu erfahren ist. Bisher hat es vier seiner Online- und zwei Live-Lebensfreude-Konferenzen gegeben, außerdem schreibt er den dazu passenden Blog.

Ein lächelnder, etwas älterer Mann.
Paradigma-Macher Helge Grotelüschen: „Mehr Leben ins Leben bringen“.
Screenshot @MedWatch

Helge Grotelüschen

Grotelüschen beschreibt sich als einen Menschen, der immer auf der Suche gewesen sei, das Leben „lebendiger, lustvoller, genussvoller und bewusster“ werden zu lassen. „Mehr Leben ins Leben zu bringen und mehr Lebensfreude und Lebenssinn finden“. Als 15-Jähriger habe er das Buch „Die Kunst des Liebens“ von Erich Fromm entdeckt – eine lebensprägende Lektüre. Weitere Einflüsse seien aus den „Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften, aus der Medizin und Naturheilkunde von indigenen Völkern, Bewegungsmethoden, Tanz, Musik, Reisen…“ gekommen.

Alles will Grotelüschen wie ein „Schwamm in sich aufgesaugt“ haben, stets angetrieben, „die wahren Perlen aus den vielen Glasmurmeln herauszukristallisieren.“

Das alles sei ihm sehr gegönnt, das schöne Leben – aber befähigt dies, große Gesundheits-Konferenzen im Netz zu veranstalten, auf der Menschen erfahren, dass sie ungesunde Substanzen einnehmen sollen? Und dafür noch Geld bezahlen? Grotelüschen hat auf unsere Anfrage nicht reagiert. Laut Impressum liegt der „Lebensfreude“-Hauptsitz in der „Sunshine-City“ St. Petersburg in Florida.

Weitere Fürsprecher

Übrigens: Auf den Lebensfreude-Konferenzen berichten Sprecher wie Vitamin D-Befürworter Jörg Spitz über „Das Geheimnis der Evolution“ oder auch Petra und Roland Liebscher-Bracht über den „Schmerz-Code – Schlüssel zur Schmerzfreiheit“. Zum Selbstkostenpreis von 99 Euro sind 20 Vorträge erhältlich.

Nun aber die Paradigma-Konferenz – die im wortwörtlichen Sinn wohl eine „Weltsicht“, ein „Erklärungsmodell“ sein möchte. „41 Experten aus 24 Ländern“ mit „hochkarätigen Interviews“ wurden angekündigt. Neben den Vorträgen in Livestreams gab es eine „Erfahrungsbericht Sammlung“ und Praxisworkshops. Wir haben uns die Vorträge, unter anderem von Andreas Kalcker, angehört und mit Wissenschaftlern und Behörden dazu gesprochen, wie auf der Paradigma-Startseite eingefordert (und wie wir es sowieso immer tun).

Internetauftritt der Paradigma-Konferenz.
Paradigma-Paket: „Zeit für das Neue“.
Screenshot @MedWatch

Es ändert nichts: Wir warnen vor Chlordioxid und Substanzen wie DSMO. Deren Wirkung ist im besten Fall wirkungslos, kostet die Zuhörer:innen aber unnötig Geld, führt auf falsche und dann doch ungesunde Therapiewege.

Acht Portraits von Paradigma-Sprechern.
Paradigma-Konferenz: Einige der Sprecher.
Screenshot @MedWatch

Gefährliche Info-Lücken

Zum Beispiel der Vortrag von Hartmut Fischer. Dieser wirbt massiv für eine eigenverantwortliche Selbstmedikation mit DMSO (Dimethylsulfoxid). Er leugnet die Existenz von Prionen und Viren und zweifelt den Nutzen von Krebstherapien an. Derartige Behauptungen sind fern der evidenzbasierten Wissenschaft und können gesundheitsgefährdende Folgen haben. 

Behandlung mit DMSO und Chlordioxid

Sein diesbezügliches Buch erreicht nach zehn Jahren im Handel die neunte Auflage, mittlerweile in mehreren Sprachen. In Fischers Paradigma-Interviews bewirbt er den „Gesundheitswerkzeugkasten“, welcher u.a. auf DMSO und CDL (Chlordioxid-Lösung) beruht. Diese Kombination soll gegen eine Vielzahl von Krankheiten helfen: Parkinson, Osteoporose, Epilepsie… die Aufzählung ist lang.

Ein Mann steht werbend hinter drei Büchern.
Die DMSO & Co. Buchreihe: Hartmut Fischer stellt seine Bücher vor.
Screenshot @MedWatch (Youtube-Video)

DMSO ist auf Grund seiner schmerzlindernden und entzündungshemmenden Wirkung in zumeist verschreibungspflichtigen Salben zu finden. Es erleichtert zudem anderen Substanzen das Eindringen in die Haut. Vorsicht ist geboten, da dies genauso für Giftstoffe gilt.

Fischers Erläuterungen klingen auf den ersten Blick plausibel. Vieles jedoch ist fern von wissenschaftlicher Evidenz: „[Eindeutige Heilerfolge] habe ich viel erlebt in der Praxis.“, „Meine Wahrnehmung ist…“. Mit Formulierungen wie: „Prionen oder Viren, wenn man sie denn so nennen will“ und „sogenannte Viren“ bezweifelt er deren Existenz. Covid wird angedeutet, jedoch nicht namentlich genannt: „[…] jetzt eben auch diese Infektionen, über die viel gesprochen wird, die zu Lungenentzündungen führen können.“ Überdies zweifelt er den Nutzen von Krebstherapien an.

DMSO: Wichtige Hinweise fehlen

DMSO ist zur Einnahme nicht freigegeben. Intravenös verabreicht hat es gar toxische Eigenschaften. Dennoch zeigt Fischer, wie eine Infusionslösung hergestellt wird. Er ermuntert den Zuschauer, dass sich jeder eine Infusion legen kann, ohne jeglichen Hygienehinweis. Wer Angst vor Spritzen hat, solle sich die Lösung aus CDL und DMSO rektal verabreichen.

DMSO sollte nicht von Personen genutzt werden, die an Allergien leiden. Dieser Hinweis fehlt bei Fischer komplett. Mit steigenden Konzentrationen nehmen Nebenwirkungen wie Reizungen der Haut bis hin zu Blasenbildung, Übelkeit, Brechreiz und Magen-Darm-Beschwerden zu. Es gibt keine Daten zur oralen, intravenösen bzw. intramuskulären Anwendung von DMSO als Arzneistoff. Ganz im Gegenteil zeigte sich, dass es mit bestimmten Krebs-Medikamenten interferiert, und so deren Wirkung hemmt.

Im versuchten Haftungsausschluss auf seiner Internetseite distanziert sich Fischer indes von einer eigenmächtigen Behandlung ohne Abklärung durch einen Arzt. Im Werbevideo für sein neuestes Buch-Bundle spricht er hingegen von einer kreativen und virtuosen Anwendung seiner Medizin zum Selbermachen. Auf unsere Anfrage hat Hartmut Fischer nicht reagiert.


Unwissenschaftliche Diagnostik und Therapien für Tier und Mensch

Seit 2012 behandelt Dirk Schrader Haustiere mit Chlordioxid. Über Formate wie Online-Konferenzen oder seine Social-Media-Accounts bei Facebook und Telegram möchte er selbsthergestelltes Chlordioxid salonfähig machen, preist es als kostengünstige „Waffe“ an, mit der Todkranke gerettet werden können. Zu seinem Behandlungsrepertoire gehören auch „Effektive Mikroorganismen“ und organischer Schwefel.

Auf Telegram propagiert Schrader etwa im Februar 2021 Chlordioxid als „Wunderwaffe gegen Covid-19“, als ein „einfaches und hocheffektives Mittel“, welches nicht nur den Lockdown und Impfungen überflüssig mache, sondern auch jede zukünftige Pandemie erst gar nicht aufkommen lasse.

Ein Textauszug über Chlordioxid auf der Paradigma-Seite.
Auszug des Paradigma-Internet-Auftritts.
Screenshot @MedWatch

Seit 2021 verwendet er in seiner Praxis einen „Bodyscanner“ zur „Quantenanalyse“, die er als diagnostische Revolution bezeichnet. Aus zwei Tropfen Blut und einem ausgezupften Büschel Haare würden ursächliche Erklärungen zu Krankheiten seiner tierischen Patienten geliefert. Die Nutzung der Bioresonanz bezeichnet Schrader in einem Facebookpost als „logische Konsequenz der Quantenanalyse“. Darin propagiert er zudem „bei sichtbarer infektiöser Belastung“ seine biooxidative Therapie mittels Chlordioxid – auch für Menschen.

Von Behandlungsfehlern und wechselseitigen Anklagen

Schrader wurde mehrfach angezeigt. Unter anderem aufgrund von möglichen Verstößen gegen das Arzneimittel- und das Heilmittelwerbegesetz, das tierärztliche BerufsrechtBerufsrecht Das Berufsrecht regelt durch Rechtsvorschriften den Zugang und die Ausübung eines selbstständig ausgeübten Berufes. Die (Muster-)Berufsordnung-Ärzte enthält die berufsrechtlichen und ethischen Grundlagen des ärztlichen Berufs. Auf diese Muster-Berufsordnung stützen sich die Regelungen der jeweiligen Ärztekammern. Die Berufsordnung regelt z.B. die Pflichten eines Arztes oder einer Ärztin gegenüber seinen und ihren Patienten. Des Weiteren sieht sie Bestimmungen zur Schweigepflicht, Aufklärung und Dokumentation vor. Auch finden sich darin Regelungen zur Haftpflichtversicherung, Werbung, Dokumentation etc. Ärztekammern sorgen für die Einhaltung der Berufspflichten und überprüfen Beschwerden über Ärzte und deren Verstöße gegen das Berufsrecht. und wegen Beleidigung. Während der Paradigmakonferenz schimpft er auf Tierärzt:innen, die die Behandlung mit Chlordioxid ablehnen, spricht von unterlassener Hilfeleistung als dem Prinzip von Behörden.

Ausgezeichnete Fake News

Der umstrittene Tierarzt wettert auch gegen Journalist:innen und Wissenschaftler:innen, denen er vorwirft, nicht richtig zu recherchieren. MedWatch bat Schrader um Stellungnahme, warum er in seinen Vorträgen auf der Paradigma-Konferenz für den Einsatz von Chlordioxid geworben habe. Der Tierarzt antwortete, dass es nicht verboten sei, es anzuwenden. Und weiter: „Verschiedene Behördenvertreter haben sich diese Beurteilung ausgedacht – und sich strafbar gemacht.“

„Der goldene Aluhut“ wird ihm im Jahr 2020 in der Kategorie Medizin & Wissenschaften verliehen. In der Kategorie Politik ging der Preis im selben Jahr übrigens an Donald Trump.


Den Nobelpreis für CDL…

Helena Begenišić Schlachter wurde laut Paradigma-Website 2016 zusammen mit ihrem Mann in Kroatien angeklagt. Es bestand der Verdacht auf Kindeswohlgefährdung, da sie ihren zwischen 2009 und 2011 geborenen Kindern regelmäßig eine Chlordioxidlösung (CDL) verabreichten.

Das Ehepaar Schlachter wurde freigesprochen, da die verabreichten Mengen gewissen Höchstgrenzen nicht überschritten und somit keine Gefahr für die Kinder bestanden haben soll. Die Entwicklungsstände der Kinder sind laut Aussagen von betreuenden Pädagog:innen ihren Fähigkeiten und ihrem Alter entsprechend. Auf der Paradigma-Seite liest sich der Ausgang der Gerichtsverhandlung so: „Ganz im Gegenteil hatten sich die Kinder mit der Behandlung offensichtlich zum Positiven verändert.“

Helena Schlachter setzt sich dafür ein, dass CDL als Heilmittel deklariert wird. Sie stellt die Behauptung auf, dass der AutismusAutismus Autismus ist ein Sammelbegriff, der verschiedene Entwicklungsstörungen benennt: die sog. Autismus-Spektrum-Störungen. Dabei handelt es sich um tiefgreifende neurologische Entwicklungsstörungen, die das soziale Leben erschweren, zu Problemen mit sozialen Kontakten führen, und auch Einfluss auf die Kommunikation und Sprache haben. Sie wirken sich ebenso auf das Verhaltensrepertoire aus uns führen zu stereotypen Handlungen. Autismus äußert sich in Art, Ausprägung und Schwere sehr individuell. Manche entwickeln nur leichte Symptome, andere sind schwer beeinträchtigt. Es gibt z.B. den frühkindlichen Autismus, das Asperger-Syndrom und den atypischen Autismus. Es kann zu Intelligenzminderung oder zu Inselbegabungen (Savant-Syndrom) kommen. Genetische Ursachen werden als Auslöser vermutet, was Zwillings- und Geschwisterstudien stützen. Auch ein gestörter Hirnstoffwechsel spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, da Autisten oft höhere Serotonin- und Dopaminspiegel aufweisen. Die Symptome lassen sich mit verschiedensten Methoden verbessern., welcher bei zweien ihrer drei Kinder existiert, durch eine Impfreaktion hervorgerufen wurde. Mit dem von Gott geschickten Chlordioxid habe sie ihre Kinder geheilt.

Ein Textauszug der Paradigma-Seite über Chlordioxid.
Paradigma-Sprecherin Schlachter: „Von Gott berufen”.
Screenshot @MedWatch

Der Paradigma-Interviewer Grotelüschen und sie sind sich einig: Schlachter verdient für ihr Engagement, für die Überzeugung und Behandlung anderer mit CDL, den Nobelpreis. Ihre Aussagen im Interview rangieren von religiös bis hin zu okkult. So fühle sie sich von Gott berufen und wisse, nach langer Recherche und dem Austausch mit Anthony William und Dr. Mikovits alles über Medizin. William gibt gesundheitliche Ratschläge basierend auf dem, was ein Geist ihm eingebe. Mikovits ist für ihre Verschwörungstheorien im wissenschaftlichen Bereich bekannt.

Schlachter schließt sich der Meinung Mikovits an, dass die moderne Medizin ein großer Betrug sei, der zudem seit den Freimaurern bestehe. Demnach wurden Viren etwa in Laboren gezüchtet. Sie spricht von einer „Covid-Plandemie“ und leugnet die Existenz von Krankheiten. Insbesondere für autoimmun- sowie genetisch bedingte Erkrankungen soll es keine Erklärung geben. Ihre kritische Haltung Impfstoffen gegenüber erläutert sie nicht nur damit, dass sie Autismus auslösen würden. Sie berichtet, dass das Masern-Mumps-Röteln-Vakzin bereits lange vor Covid-19 als mRNA-Impfstoff an Kindern getestet worden sei. Diese Argumente sind nicht nachvollziehbar. Auf unsere Anfrage reagiert Schlachter nicht.


Ob Kälberdurchfall, Leishmaniose beim Hund, Leukose bei der Katze – egal!

Monika Rekelhof, die sich selbst als Tierkommunikatorin und Tierheilpraktikerinbezeichnet, stammt ursprünglich aus einem kleinen Dorf im Chiemgau. Sie betreibt derzeit eine Tierheilpraxis im nordrhein-westfälischen Goch.

Auf ihrer Webseite bewirbt sie Tierkommunikation als telepathische Verbindung zwischen Mensch und Tier. Ihre Gabe helfe auch beim Auffinden verschwundener Katzen oder Hunde. Neben „Tiergesprächen“ bietet Rekelhof Energie- und Aromatherapie, gibt Online-Seminare und Vorträge zu MMS im deutschsprachigen Raum.

Eine Frau mit Brille lacht.
Monika Rekelhof im Paradigma-Seminar
Screenshot @MedWatch

Mithilfe eines NLS-Analyse-Geräts untersuche sie anhand elektromagnetischer Informationen „kontaktlos, nicht-invasiv, schnell, gefahrlos, hochinformativ“ den Gesundheitszustand eines Tieres. Das Verfahre mache sich die Quanten der Elektromagnetstrahlung im Biofeld zunutze.

Buchautorin „MMS für Tiere

Während der Tiersprechstunde der Paradigma-Konferenz sagt Rekelhof über MMS, dass Chlordioxid kein Wundermittel sei, das alles heilen, jedoch den Körper „wieder ins Lot bringen“ könne. Sie selbst „saufe das Zeug seit 15 Jahren“ und sei über einen kränkelnden Kater mit struppigem Fell auf MMS gekommen, der nach Gabe einer Mischung aus MMS und Zitronensäure wieder gesundete. Von ihr betreute Tiere kommunizierten ihr: „Chlordioxid tut uns gut!“.

Bekannt geworden ist Rekelhof insbesondere durch ihr Buch „MMS für Tiere“. Hierüber sagt sie im Paradigma-Vortragsgespräch, dass sie aufgrund eines Verlagstricks das Buch habe alleine schreiben müssen. Eine Tierärztin, die den „wissenschaftlichen“ Teil hätte beisteuern sollen, sei nie aufgetaucht. Rekelhof selbst sei mit dem Werk eigentlich überfordert gewesen.

Aufgrund des Buches soll es Anzeigen beim Veterinäramt gegen die Autorin gegeben haben. Diese wurden nach Rekelhofs Angaben fallengelassen. Sie halte sich an die Spielregeln, was bedeute, dass sie selbst MMS nicht verkaufe. Sie empfehle es nur und gebe Tipps: unter anderem zur Heilung von Leishmaniose beim Hund und Leukose bei der Katze, Kälberdurchfall oder Asthma beim Pferd. Auch rät sie zu Chlordioxid zum „Ausschwemmen von Impfungen“, beispielsweise gegen Tetanus.

Die selbsternannte Tierheilpraktikerin behauptet, dass Menschen eigene Krankheiten auf ihre Tiere übertrügen, weil diese so empathisch seien.


Und jetzt, Bundesgesundheitsministerium?

Insgesamt fanden sich auf der Paradigma-Konferenz unzählige weitere Vorträge. Wir fragen erneut beim Bundesgesundheitsministerium (BMGBMG Bundesministerium für Gesundheit) nach, ob es nicht doch auch für Online-Konferenzen, in denen offen Mittel und Therapien zur Behandlung etwa von Krebs beworben werden, (andere) Auflagen und Regeln geben müsste – zum Schutz der Verbraucher. Hier die Antwort des BMG:

Das europäische Arzneimittelrecht

„Die Werbung für Arzneimittel ist durch das europäische Recht vollharmonisiert. Das nationale Recht muss sich daher im Rahmen der europäischen Vorgaben bewegen. Das europäische Arzneimittelrecht enthält zum Schutz der Verbraucherinnen und Verbraucher umfangreiche Vorgaben und Verbote im Bereich der Arzneimittelwerbung, die im nationalen Recht durch das Heilmittelwerbegesetz (HWG) umgesetzt sind. Für den Vollzug und die Überwachung des HWG sind nach der Kompetenzordnung des Grundgesetzes allein die Behörden der Länder zuständig; der Bund hat insoweit keine Vollzugs- oder Weisungsbefugnisse.

Das bedeutet gleichsam: Es wird noch viele weitere Paradigma-Konferenzen geben, da kein Bundesland und kein Gesundheitsamt sich angesprochen fühlt, hier mehr Aufklärung und Transparenz einzufordern.

Auch Verbraucherschützer können wenig tun, wir berichteten, etwa hier. Plant die Politik diesem Missstand zu begegnen, etwa durch die Schaffung einer zuständigen Stelle (Marktwächter) innerhalb des BMG, die das Geschehen im Netz beobachtet und aktiv eingreift?

Das Heilmittelwerbegesetz

Das Heilmittelwerbegesetz gilt für jegliche Art der Werbung für Arzneimittel, also auch für Werbung im Rahmen von Online-Konferenzen. Zudem gilt das „Marktortprinzip“, d.h. es ist nicht relevant, wo die Werbemaßnahe ihren Ursprung hat, sondern an welchen Verbraucherkreis sie sich richtet.

Richtet sich eine Werbung an Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland, muss sie sich an den Vorgaben des HWG orientieren. Das HWG enthält einen Katalog an Vorgaben für den Bereich der Publikumswerbung (§ 11 HWG). Zudem ist u.a. eine irreführende Werbung verboten (§ 3 HWG). Eine Irreführung liegt insbesondere dann vor, wenn Arzneimitteln eine therapeutische Wirksamkeit beigelegt wird, die sie nicht haben oder wenn fälschlicherweise der Eindruck erweckt wird, dass die Werbung nicht zu Zwecken des Wettbewerbs veranstaltet wird.

Ferner ist eine Werbung für ein Arzneimittel, das der Pflicht zur Zulassung unterliegt und nicht nach den arzneimittelrechtlichen Vorschriften zugelassen wurde, unzulässig (§ 3a HWG).

Das ist eigentlich nicht die Antwort auf unsere Frage.

Der BMG-Plan für die Zukunft

Ist denn in Zukunft wenigstens – auch in Kenntnis der Ereignisse während der Corona-Pandemie – ein präventiverer Umgang mit Gesundheits-Fake-News (im Netz) geplant? 

Ein Verstoß gegen das Irreführungsverbot des § 3 HWG stellt eine Straftat dar, die gemäß § 14 HWG mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe geahndet werden kann. 

Die übrigen Verstöße stellen Ordnungswidrigkeiten dar, die nach § 15 Absatz 1 Nummer 8 HWG mit einer Geldbuße in Höhe von bis zu fünfzigtausend Euro geahndet werden.

Reformbedürftiges HWG

Wir möchten nur noch anmerken: Auch wenn die Länder die Vollziehungskompetenz haben, ist das HWG doch ein Bundesgesetz und nach Ansicht vieler Expert:innen ist dieses Bundesgesetz bzw. das Heilmittelwerberecht generell reformbedürftig. Dies wird im Fall Paradigma besonders offensichtlich, so ist das HWG nur bei produktbezogener Absatzwerbung anwendbar. Selbst wenn man Substanzen wie Chlordioxid als sogenanntes „Präsentationsarzneimittel“ ansehen würde, kämen die Werbeverbote des HWG in diesem Fall nur dann zum Tragen, wenn die Vortragenden in der Konferenz ihre irreführenden Aussagen auf konkrete Produkte und nicht den „Wirkstoff“ allgemein beziehen würden. Diese doch sehr triviale Umgehungsmöglichkeit des HWG ist Werbenden jedoch meist bekannt.

Was wäre wenn?

Doch auch wenn man auf der Grundlage des von Ihnen genannten Marktortprinzips einen Rechtsverstoß gegen das HWG feststellen würde, wären die Möglichkeiten zur Rechtsdurchsetzung durch den Auslandsbezug stark eingeschränkt: Für die Zustellung einer Abmahnung oder Unterlassungsklage bräuchte es eine zustellungsfähige Anschrift, die in der Regel von den Teilnehmenden der Online-Vorträge nicht preisgegeben wird. Ein in Deutschland erwirktes Zivil- oder Strafurteil müsste zudem im Ausland vollstreckt werden. Hier kommt selbst innerhalb der EU die zwischenstaatliche Amtshilfe regelmäßig an ihre Grenzen, von Drittstaaten in Asien oder Südamerika ganz zu schweigen. 

Auch müssten Verbraucherschützer für die Erwirkung von Vollstreckungstiteln im Ausland in Bezug auf die Prozesskosten in Vorleistung treten, mit dem erheblichen Risiko, dass sich der finanzielle und zeitliche Aufwand niemals auszahlen wird. Falls es überhaupt zu einer Auslandsvollstreckung kommt, vergehen zwischen Verstoß und strafbewehrter Untersagung oft Jahre. In der Zwischenzeit werden tausende Verbraucher:innen in der verzweifelten Hoffnung auf Heilung in die Irre geführt und durch Anwendung gefährlicher Substanzen an Leib und Leben geschädigt. 

Umgang mit Gesundheits-Fake-News

Dies sind nur wenige Beispiele großer Probleme eines rein repressiven Ansatzes im gesundheitlichen Verbraucherschutz. Daher nochmal die Frage an das Bundesgesundheitsministerium: Wäre hier nicht ein präventiverer Umgang mit Gesundheits-Fake-News aus Ihrer Sicht erfolgsversprechender? Die Sprecherin antwortet:

Ob ein Produktbezug vorliegt und damit die Anwendbarkeit des HWG zu bejahen ist, hängt von einer Gesamtbetrachtung der Werbung ab. Es ist nicht erforderlich, dass der Name des Arzneimittels genannt wird; auch eine indirekte Bezugnahme ist ausreichend, wenn dem Verbraucher bewusst wird, um welches Produkt es sich handelt. So kann die Nennung eines ausschließlich von einem bestimmten Unternehmen verwendeten Wirkstoffs ausreichen, um einen Produktbezug zu begründen. Diese auf dem EU-Recht basierende Vorgabe gewährleistet aus Sicht des BMG einen umfangreichen Schutz.

Die EU Kommission hat angekündigt, 2023 einen Legislativvorschlag zur Überarbeitung der Pharmagesetzgebung vorzulegen. Es ist davon auszugehen, dass dieser Vorschlag auch Regelungen zur Werbung umfasst. Das BMG wird sich dafür einsetzen, dass diese Regelungen einem hohen Schutz der Verbraucherinnen und Verbraucher – auch unter Einbindung sozialer Medien – genügen.


Redaktion: Nicole Hagen, Karin Elli Lason, Arne Weinberg, Nicola Kuhrt

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    https://www.basg.gv.at/marktbeobachtung/amtliche-nachrichten/detail/warnung-vor-chlordioxidloesungen-mms-cds-cdl
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    https://www.fda.gov/consumers/consumer-updates/danger-dont-drink-miracle-mineral-solution-or-similar-products
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    https://www.fda.gov/news-events/press-announcements/coronavirus-covid-19-update-fda-warns-seller-marketing-dangerous-chlorine-dioxide-products-claim