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Argentinien Kalcker: Ermittlungen eingeleitet – und nun?

Grafitti an einer Hauswand: Save Earth, Drink Bleach
Gesundheitsschädliches Bleichmittel wird als Allheilmittel angepriesen. © Hulki Okan Tabak / unsplash

Argentiniens Justiz ist ein träger Koloss. In jeder der 23 Provinzen sowie in der Hauptstadt Buenos Aires gelten eigenständige Regeln für den Ablauf von Verfahren. In einigen Provinzen werden die Ermittlungen wie in Deutschland von Staatsanwälten geleitet, in anderen übernehmen das Untersuchungsrichter. Und auf Bundes-Ebene beschäftigen sich häufig Staatsanwälte und Richter gleichzeitig mit Vorermittlungen und behindern einander dabei. Weil vor allem die Bundesgerichtsbarkeit in Buenos Aires zentriert und extrem überlastet ist, dauern Ermittlungen oft lange. Mitunter verjähren Delikte, ehe formell Anklage erhoben werden kann.

Von dieser Schwerfälligkeit könnte auch ein deutscher Staatsbürger profitieren, gegen den die argentinische Sonderstaatsanwaltschaft für Umweltdelikte (UFIMA) im Januar 2021 ein Strafverfahren eingeleitet hat (MedWatch berichtete). Die Vorwürfe gegen den in Wuppertal geborenen Andreas Ludwig KalckerAndreas Ludwig Kalcker Andreas Ludwig Kalcker vertreibt und bewirbt in Medien Büchern und auch Kongressen MMS – Miracle Mineral Supplement – als Allheilmittel. Durch die Einnahme von MMS drohen körperliche Schäden. Hinter dem Impfgegner steht Ex-Scientology-Mann Jim Humble und seine neue Kirche. lauten: „Vergiftung, Verfälschung oder gesundheitsgefährdende Verfälschung von Lebensmitteln oder Arzneimitteln, die für den öffentlichen Gebrauch bestimmt sind“. Das höchstmögliche Strafmaß für dieses Delikt ist nach argentinischem Recht zehn Jahre Haft. Sollte jedoch erwiesen sein, dass Menschen durch ebendiese Manipulationen zu Tode gekommen sind, können Gerichte bis zu 25 Jahre Haft verhängen.

Kalcker und seine Rolle in Lateinamerika

Es geht um „Miracle Mineral Supplement“, kurz MMSMMS Mineral Miracle Supplement, das Kalcker seit Jahren in seinem Buch „Gesundheit verboten“, in Internet-Videos und auf Vortragsabenden in vielen Ländern anpreist. Dabei handelt es sich tatsächlich um nicht viel mehr als ein industrielles Bleichmittel aus Chlordioxidlösungen  (CDL/CDS). Deren Einnahme können Schäden an Magen und Darm auslösen, einhergehend mit Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Das einzig wirklich wundersame an diesem Produkt ist, dass Kalcker es bis heute auf seiner Website als Allheilmittel anpreisen kann. Obwohl die meisten Gesundheitsbehörden der Welt davor warnen – und keine es zugelassen hat. Die gerichtlichen Untersuchungen richten sich gegen den Deutschen sowie mindestens 19 Argentinier, die jenes angebliche Wundermittel produziert und/oder in Umlauf gebracht haben sollen.

Bevor das CoronavirusCoronavirus Name der Virusfamilie, zu der auch das Virus Sars-CoV-2 gehört. Ende 2019 in China auftrat und sich rasch in aller Welt verbreitete, hatte Kalcker seine Chlordioxid-Lösung als Medikament gegen Krebs, HIVHIV Humanes Immundefizienz-Virus, AutismusAutismus Autismus ist ein Sammelbegriff, der verschiedene Entwicklungsstörungen benennt: die sog. Autismus-Spektrum-Störungen. Dabei handelt es sich um tiefgreifende neurologische Entwicklungsstörungen, die das soziale Leben erschweren, zu Problemen mit sozialen Kontakten führen, und auch Einfluss auf die Kommunikation und Sprache haben. Sie wirken sich ebenso auf das Verhaltensrepertoire aus uns führen zu stereotypen Handlungen. Autismus äußert sich in Art, Ausprägung und Schwere sehr individuell. Manche entwickeln nur leichte Symptome, andere sind schwer beeinträchtigt. Es gibt z.B. den frühkindlichen Autismus, das Asperger-Syndrom und den atypischen Autismus. Es kann zu Intelligenzminderung oder zu Inselbegabungen (Savant-Syndrom) kommen. Genetische Ursachen werden als Auslöser vermutet, was Zwillings- und Geschwisterstudien stützen. Auch ein gestörter Hirnstoffwechsel spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, da Autisten oft höhere Serotonin- und Dopaminspiegel aufweisen. Die Symptome lassen sich mit verschiedensten Methoden verbessern., Alzheimer und Malaria beworben. Dafür kommuniziert er auf Deutsch, Englisch und vor allem Spanisch. Die Sprache beherrscht Kalcker fließend, weil er lange Jahre auf der iberischen Halbinsel wohnte, ehe er  wohl nach Ermittlungen durch die spanische Justiz in die Schweiz übersiedelte.

Sein Sprachtalent, sein blondes Haupthaar und die leuchtend blauen Augen machten ihn und seine Botschaft wohl in weiten Teilen Lateinamerikas bekannt. Er war für viele Latinos „el Doctor alemán“. Vor allem für die Millionen armer Bewohner des Subkontinents. Sie haben keine Chance auf komplexe Behandlungen wie Chemotherapie. Ihnen fehlen die Mittel für teure Therapien oder sie wohnen zu weit entfernt von Spitälern.

So lückenhaft die Gesundheitsnetze im südlichen Teil Amerikas immer noch sind, so engmaschig ist inzwischen das Internet. Die Vorteile daraus ziehen sämtliche Akteure der digitalen Wirtschaft. Von Zahldienstleistern bis zu Trickbetrügern; und – länderübergreifend – die Verbreiter alternativer „Wahrheiten“ über Politik, Religion und Gesundheitspflege. Für solche Propheten ist Lateinamerika eine ideale Region. 20 Staaten sprechen spanisch, nutzen aber bis zu 20 unterschiedliche Rechtsräume mit oft widersprüchlichen Gesetzen und veralteten Justizsystemen.

Pandemie als Theaterbühne für Wunderheiler

Die Covid-19Covid-19 Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wird "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt.-Pandemie wirkte förmlich wie ein Booster für Fake News und falsche Verheißungen. Dabei war es vor allem anfangs eine allgemeine Unsicherheit über Ursprung, Verhalten und Tödlichkeit des Virus, die in vielen Ländern Figuren zu Vorbetern machte. Die – bar aller medizinischen Empirik – Wunderdrogen gegen den neuen Erreger anpriesen. Das Malariamittel Hydroxychloroquin etwa oder Ivermectin, das vor allem in der Tiermedizin gegen Parasiten wie Fadenwürmer eingesetzt wird.

In dieser Zeit wanderte auch jenes Video über Millionen Smartphones. Andreas Kalcker, der mal „Dr.“, mal „forschender Biophysiker“ genannt wird, demonstriert in schneeweißem Kittel in einem ebenso schneeweißen Laboratorium, wie jeder das mineralische Wundermittel in einnahmefähiger Konzentration zu Hause herstellen kann, um damit gegen das neue Virus vorzubeugen oder Erkrankungen nach einer Infektion zu bekämpfen.

Diese Aufnahmen wurden alsbald von mehreren Betreibern sozialer Netzwerke verbannt, aber auf Kalckers Webseite sind sie bis heute abrufbar. Dabei fällt auf: Die Originalsprache des Videos ist Spanisch, eine deutsche und englische Version wurden nachträglich synchronisiert. Offenbar wandte sich Kalckers Chemiestunde vor allem an jene, die ihn als „Doctor alemán“ wertschätzen.

Richterliche Ermittlungen gegen Kalcker

Zum Gegenstand gerichtlicher Ermittlungen wurde dieses Video, nachdem mehrere Argentinier nach der Einnahme von Chlordioxid-Lösungen starben. Bei einem der Toten handelte es sich um einen fünfjährigen Jungen aus der patagonischen Provinz Neuquén. Nach dem Tod des Kindes im August 2020 zeigte der argentinische Rechtsanwalt Victor Castillejo Andreas Kalcker bei der Umwelt-Staatsanwaltschaft UFIMA an. Nach fünfmonatiger Vorermittlung nahm sie im Januar 2021 offiziell den Fall an und gab ihn an die 4. Kammer des Bundesstrafgerichts in der Hauptstadt Buenos Aires. Dort wird die Ermittlung nun unter dem Aktenzeichen CFP 300/2021 geführt – mit den amtsüblichen Gepflogenheiten.

Dazu gehört, dass das Gericht keine Fragen über das Verfahren beantworten darf. So wollte der zuständige Ermittlungsrichter gegenüber MedWatch auch nicht preisgeben, ob seine Strafkammer bei europäischen Behörden Informationen über Kalckers Aktivitäten erbeten hat.

Bekannt wurde bislang, dass im Rahmen des Verfahrens zwei Hausdurchsuchungen stattfanden. Im Frühjahr 2021 durchsuchte die Bundespolizei nach einem Pressebericht 13 Gebäude in mehreren Städten. Alle gehörten zu Personen, die im Verdacht standen, Chlorlösung nach Kalckers Rezeptur herzustellen oder zu vertreiben. Und im Dezember 2021 nahmen die Ermittler in einem besseren Viertel der Hauptstadt einen Elektroingenieur fest, der mehrere Wundermittel hergestellt, abgefüllt, etikettiert und via Internet vertrieben haben soll. Eines davon war Kalckers MMS. Mehr als 1000 Fläschchen fanden die Ermittler in dem geheimen Labor. Und ein fotokopiertes Buch: „Salud Prohibida. Incurable era ayer“, die spanische Version von „Gesundheit verboten. Unheilbar war gestern“. Auf dem Cover, mit klarem, festen Blick und einer Ampulle in der rechten Hand: „El Doctor alemán“.

Argentinische Richter und Schweizer Justiz

Fest steht: Das Verfahren ist noch immer in der Ermittlungsphase, bislang wurde also keine formelle Anklage erhoben. Sollte das geschehen, müsste das allen Angeklagten formell mitgeteilt werden, auch dem Ausländer Andreas Kalcker. Dazu müssten die argentinischen Behörden den Behördenbrief mit der gerichtlichen Vorladung wohl in die Schweiz schicken, wo Kalcker seinen Wohnsitz hat.

Sollte Kalcker der Vorladung Folge leisten, müsste er sich wohl zum Gerichtsort Buenos Aires begeben. Sollte er das allerdings unterlassen, würden ihn die Argentinier wahrscheinlich zur internationalen Fahndung ausschreiben. Dafür müsste aber erst einmal klar sein, welches Delikt genau die argentinischen Richter Kalcker vorwerfen, was die Anklage zeigen wird. Denn vor einer möglichen Festnahme und einer Auslieferung muss die Schweizer Justiz abklären, ob der von den Argentiniern dargestellte Sachbestand auch in ihrem Land ein Delikt darstellt. Finanzfahnder aus aller Welt wissen: Die Schweizer Justiz bearbeitet solche Begehren sehr genau. Schnell wird das nicht ablaufen. Das ist die eine Sicherheit.

Ein weiterer Punkt ist: Kalcker war während der Covid-19 Pandemie nicht in Argentinien. Sein letzter Besuch datiert vom Dezember 2019. Kurz vor Weihnachten hatte Kalcker in zwei Vorträgen in Hotels in der Innenstadt von Buenos Aires für seine Wundersubstanz geworben. Damals ging es noch um die angebliche Linderung chronischer Leiden. Erst gut zwei Monate später, am 3. März 2020, wurde SARS-CoV-2Sars-CoV-2 Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.  Da es zunächst keinen Namen hatte, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus" erstmals bei einem Rückkehrer aus Mailand diagnostiziert. Da die Todesfälle nach Applikation von Chlordioxid erst mehrere Monate später stattfanden, ist zumindest fraglich, ob Kalcker eine rechtliche Verantwortung für die argentinischen Toten nachgewiesen werden kann.

Tatsächlich gibt es heute in Argentiniens Justiz Verwunderung darüber, dass die Umwelt-Staatsanwaltschaft die Anzeige gegen einen Ausländer, der nicht im Lande wohnhaft ist und der das angebliche Delikt auch nicht innerhalb der Staatsgrenzen begangen haben kann, überhaupt angenommen hat. Gegenüber MedWatch äußerte ein ranghoher Staatsanwalt Erstaunen über das Verhalten seiner Kollegen.

Anzeige im August 2020

Womöglich liegt die Erklärung der Strafsache auch in einer weiteren chronischen Schwäche der argentinischen Justiz: Ihrer Anfälligkeit für politische Notwendigkeiten der jeweils Regierenden, die über parlamentarische Kontrollgremien nicht selten Einfluss und Druck auf Richter ausüben, speziell auf solche am Bundesgericht.

Die Anzeige, die in die Causa CFP 300/2021 mündete, wurde im August 2020 gestellt. Zu diesem Zeitpunkt waren die Argentinier schon mehr als fünf Monate zuhause eingesperrt. Die Regierung hatte einen harten Lockdown verhängt, der es allein Menschen mit essentiellen Aufgaben  erlaubte, ihre Wohnungen zu verlassen. Nicht mal sportliche Betätigung im Freien war zugelassen. Zehntausende Betriebe mussten dauerhaft schließen. Gleichzeitig machte die Regierung bei der Beschaffung von Impfstoffen massive Fehler und vergab dann noch die spärlich eintreffenden Impfdosen unrechtmäßig an „Amigos“. Daraufhin begannen sich Proteste zu formieren.

Diese wurden – wie in weiten Teilen der Welt – angeführt von Impfskeptikern und eben auch jenen esoterischen Gruppen, in denen Kalckers Buch schon länger als Bibel galt. Als dann auch noch eine bekannte und dezidiert regierungskritische TV-Moderatorin vor Live-Kameras einen tiefen Schluck aus einer Plastikflasche nahm, die angeblich die MMS-Wunderlösung enthielt, machten die Themen Chlordioxid und Kalcker den Sprung aus dem Internet auf die TV-Bildschirme. Die Videos mit dem deutschen Doktor wurden nun auch im Talk-TV gezeigt. So wurde Kalcker alsbald zu einer national beachteten Figur. Das änderte sich erst wieder mit der Anzeige im August 2020 und der offiziellen Aufnahme des Ermittlungsverfahrens.

Anklage wird wohl in Vergessenheit geraten

130.000 Argentinier starben nach einer Corona-Infektion. In Relation gesetzt zur Bevölkerung  ist die Zahl der Toten damit ähnlich hoch wie die 600.000 Covid-Toten in Brasilien.

Wurde vor diesem Hintergrund die Strafsache gegen Kalcker und die anderen Chlorpanscher auf Druck von oben angeschoben, um einen Brandherd der politischen Unzufriedenheit auszutreten? Diese Frage wird sich wohl nicht sicher beantworten lassen. Aber ohne Spekulation lässt sich feststellen, dass das Verfahren der Regierung damals genutzt hat, um die Chlordioxid-Debatte zu beenden.

Heute sind die meisten Argentinier vierfach geimpft, anders als in Deutschland war die Zahl der Impfkritiker- und Gegner sehr niedrig. Weniger Menschen, die an  dem Coronavirus erkranken sind massiv zurückgegangen. Und die Argentinier haben „neue“ alte Probleme, vor allem wirtschaftlicher Natur. Angesichts von 100 Prozent Inflation erinnern sich nur noch wenige an die Debatten der Lockdown-Monate und eine Ermittlung gegen den Deutschen aus der Schweiz mit kastilischem Akzent. Und weil sich im kommenden Jahr ein Regierungswechsel anbahnt – und dann auch Vertreter jener Leute regieren dürften, die während des Lockdowns auf den Straßen protestierten –, kann Andreas Kalcker darauf hoffen, dass seine argentinische Strafsache in einer tiefen Schublade des Justizpalastes ihrer Verjährung entgegen schlummert.

Sollte es doch anders kommen, wird MedWatch berichten.


Redaktion: Nicola Kuhrt, Nicole Hagen