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Nach MMS-Recherchen Staatsanwaltschaft untersucht Fall R.

„Als Arzt erlebe ich seit sechs Jahren, dass Jim Humble und seine Methode toll ist“, erklärte der Thüringer Allgemeinmediziner Lutz R. vor drei Jahren. Dabei bezog er sich auf ein vermeintliches Wundermittel, das der Amerikaner und Ex-Scientologe Jim Humble unter dem Namen „Miracle Mineral Supplement“ seit langem zur Behandlung praktisch aller Krankheiten empfiehlt. Seit gut zehn Jahren wird es auch in Deutschland beworben, obwohl die zuständigen Bundesoberbehörden seit einigen Jahren vor dem Bleich- und Desinfektionsmittel deutlich warnen: Es handelt sich hierbei um ätzendes Chlordioxid.

„Ob die 90-jährige Oma von heute auf morgen ihre Grippe weghat“, ein Bodybuilder eine „schwerste Lungenentzündung“ mit 15 Tropfen kuriert, oder eine Mutter mit ihrem autistischen Kind zu ihm kommt: R. prahlte 2015 mit seinen Erfahrungen mit MMSMMS Mineral Miracle Supplement, zu sehen ist das Video weiterhin bei Youtube. „Fang damit an“, habe er der Mutter gesagt. Das Kind habe später zum ersten Mal eine Stunde spielen können, behauptet R. – „das war nach sechs acht Wochen Einläufen mit diesem Zaubermittel“. Mediziner sprechen bei derartigen Fällen von Kindesmisshandlung.

Recherchen belegen: R. hatte kürzlich noch MMS vorrätig

Wie eine versteckte Recherche des ARDARD Die ARD ist die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland. Im gesetzlichen Auftrag produzieren die Landesrundfunkanstalten der ARD mithilfe des Rundfunkbeitrages nationale und regionale Programme für Hörfunk und Fernsehen, Videotext- und Onlineangebote.-Magazins „Kontraste“ und MedWatch ergab, empfahl der Thüringer Allgemeinmediziner auch vor wenigen Wochen noch MMS – und verkaufte es sogar direkt an Patienten. Dabei wurde Ende letzten Jahres ein Verkäufer von MMS-Präparaten vom Landgericht Hildesheim in erster Instanz zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Auf Nachfrage einer Testpatientin – die mir ihrem Sohn zu R. ging, da der Junge an AutismusAutismus Autismus ist ein Sammelbegriff, der verschiedene Entwicklungsstörungen benennt: die sog. Autismus-Spektrum-Störungen. Dabei handelt es sich um tiefgreifende neurologische Entwicklungsstörungen, die das soziale Leben erschweren, zu Problemen mit sozialen Kontakten führen, und auch Einfluss auf die Kommunikation und Sprache haben. Sie wirken sich ebenso auf das Verhaltensrepertoire aus uns führen zu stereotypen Handlungen. Autismus äußert sich in Art, Ausprägung und Schwere sehr individuell. Manche entwickeln nur leichte Symptome, andere sind schwer beeinträchtigt. Es gibt z.B. den frühkindlichen Autismus, das Asperger-Syndrom und den atypischen Autismus. Es kann zu Intelligenzminderung oder zu Inselbegabungen (Savant-Syndrom) kommen. Genetische Ursachen werden als Auslöser vermutet, was Zwillings- und Geschwisterstudien stützen. Auch ein gestörter Hirnstoffwechsel spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, da Autisten oft höhere Serotonin- und Dopaminspiegel aufweisen. Die Symptome lassen sich mit verschiedensten Methoden verbessern. leide – bestätigte der Arzt, dass das Mittel geeignet sei. „Sie werden MMS-Patienten, sie werden nämlich Einläufe machen“, sagte er zu ihr, und verwies auf Erfahrungen mit einem anderen jungen Patienten. „Er ist dadurch kindergartenfähig geworden“, sagte R. Später ging er in einen Nebenraum, wo er MMS griffbereit hatte und es der Mutter verkaufte.

R. bestritt auf Nachfrage von MedWatch, MMS empfohlen zu haben. „Ich behandle niemanden mit Chlordioxid-Lösung“, schrieb er. „Ausführungen über die Chlordioxid-Anwendung bei einem autistischen Kind waren private Erfahrungen.“ Auch seine Ehefrau äußerte sich gegenüber „Kontraste“: „Solange wir hier als Kassenarzt tätig sind, würde es uns nie einfallen, irgendwelche Substanzen anzuwenden, die jetzt nicht offiziell erlaubt sind“, sagte sie.

Darf R. weiter praktizieren?

„Wenn solche Verhaltensweisen bekannt werden, gehört für mich bei Ärzten die ApprobationApprobation Die Approbation (lateinisch approbatio ‚Anerkennung‘, ‚Genehmigung‘) entspricht der Genehmigung zur eigenverantwortlichen Berufsausübung entsprechend der jeweiligen Approbationsordnung. Wichtige Voraussetzungen für eine Approbation ist ein erfolgreich abgeschlossenes Studium, auch ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis gehört dazu, ebenso gesundheitliche Eignung und ausreichende Sprachkenntnisse. Weitere Voraussetzungen für die Berufserlaubnis variieren und unterscheiden sich je nach Heilberuf. Approbationen werden für die Bereiche Arzt, Zahnarzt, Psychotherapeut, Apotheker oder Tierarzt erteilt. Die dazugehörigen Approbationsordnungen erlässt das Bundesministerium für Gesundheit. entzogen“, erklärt die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Sabine Dittmar, gegenüber MedWatch. „Es ist unglaublich. Sowas muss Konsequenzen haben“, sagt die Abgeordnete, die früher selber als Hausärztin tätig war.

Auf Nachfrage von MedWatch erklärt die Staatsanwaltschaft Erfurt, dass sie prüft, ob ein Anfangsverdacht für strafrechtlich relevantes Verhalten vorliegt (Az. 630 AR 356/18). Eine Nachfrage, ob eine Razzia vorgenommen wurde, ließ der Sprecher offen.

„Auf Grund der arzneimittelrechtlichen Bestimmungen sind nicht zugelassene ArzneimittelArzneimittel Arzneimittel sind Stoffe oder Zubereitungen aus Stoffen, die angewandt werden, um Krankheiten, Leiden, Körperschäden oder Beschwerden zu heilen, zu lindern oder zu verhüten. Es kann sich hierbei ebenfalls um Mittel handeln, die dafür sorgen, dass Krankheiten oder Beschwerden gar nicht erst auftreten. Die Definition beinhaltet ebenso Substanzen, die der Diagnose einer Krankheit nutzen oder seelische Zustände beeinflussen. Die Mittel können dabei im Körper oder auch am Körper wirken. Das gilt sowohl für die Anwendung beim Menschen als auch beim Tier. Die gesetzliche Definition von Arzneimitteln ist im § 2 Arzneimittelgesetz (AMG) enthalten. grundsätzlich nicht verkehrsfähig“, erklärt ein Sprecher des Thüringer Gesundheitsministeriums. Bisher habe es keine Erkenntnisse über unzulässiges Inverkehrbringen von MMS in Thüringen gegeben – auch nicht dazu, dass Ärzte oder Heilpraktiker MMS anwenden. Doch seien „die Ergebnisse der Medienberichterstattung“ an das zuständige Landesamt für Verbraucherschutz weitergegeben worden, um die Vorwürfe zu überprüfen. „Außerdem wurden die Landesärztekammer Thüringen und die Thüringer Approbationsbehörde über die Medienberichte zur Berufsausübung von Dr. R. [von der Redaktion gekürzt] informiert und um Prüfung hinsichtlich der Berufsausübung und der Approbation gebeten.“ Auch sei das für Kinder- und Jugendschutz zuständige Ministerium informiert worden.

Berufsrechtliche Überprüfung der Ärztekammer

Der Landesärztekammer Thüringen seien die früheren Äußerungen R.s noch nicht bekannt gewesen, erklärt ein Sprecher – doch nun werde die Kammer „die notwendigen Schritte zur berufsrechtlichen Überprüfung einleiten“. Daneben informiere sie die Staatsanwaltschaft, das Landesverwaltungsamt in Weimar als zuständige Approbationsbehörde und die Kassenärztliche Vereinigung.

Die Bundesärztekammer verwies auf Nachfrage auf die Überprüfung der Landesärztekammer – und auf die Bundesärzteordnung, welche die Erteilung und den Widerruf von Approbationen regelt. Nach dieser ist die Approbation zu widerrufen, wenn Ärzte sich eines Verhaltens schuldig machen, aus dem sich ihre Unzuverlässigkeit zur Ausübung des ärztlichen Berufs ergibt. Doch erfahrungsgemäß ziehen sich derartige Verfahren über Monate oder gar Jahre hin.