Auf zwei Tagungen in Berlin und in der Nähe von Köln soll im Frühjahr laut Ankündigungen für bedenkliche Substanzen wie „Miracle Mineral Supplement“ (MMS) oder das Lösungsmittel Dimethylsulfoxid (DMSO) geworben werden. Warum ist das erlaubt? Was sagen die Behörden dazu? MedWatch hat nachgefragt – zunächst in Sachen des„Spirit of Health“-Kongresses in Berlin.

„Es ist Zeit für Gesundheit“, heißt es beim für März geplanten Kongress „Spirit of Health“. „Namhafte Referenten aus Forschung und Praxis“ sprechen zu „ganzheitlicher Gesundheit, effektiven Therapiemöglichkeiten und Nachhaltigkeit“, verspricht die Webseite der Tagung. Ein kroatischer „Heiler“ soll auf der Tagung auftreten, der leidenden Menschen allein mittels seines Blickes helfen soll. Als Stargast wird der US-Amerikaner Jim Humble erwartet: Er ist durch die Bewerbung des vermeintlichen Wundermittels „Miracle Mineral Supplement“ (MMS) in Deutschland bekannt geworden. Bei MMS handelt es sich um Substanzen, die zur Bildung von Chlordioxid führen: Einer hochreaktiven Verbindung aus Chlor und Sauerstoff, die reizend und ätzend wirkt.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung hatte bereits 2012 von der Einnahme und Verwendung von MMS „dringend“ abgeraten, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat gleichfalls mit scharfen Worten vor dem Mittel gewarnt und vor drei Jahren zwei MMS-Produkte offiziell als „bedenklich“ eingestuft. Mit der Einnahme seien „schädliche Wirkungen verbunden“, auch könne es zu schweren Verätzungen kommen. Auch aus Großbritannien, Kanada, Frankreich, der Schweiz und den USA gebe es Berichte über Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall, Nierenversagen, Verätzungen der Speiseröhre sowie Atemstörungen, erklärte das BfArM. Ein Verkäufer der MMS-Präparate wurde kürzlich in erster Instanz zu einer Haftstrafe verurteilt. Auch weitere bekannte MMS-Unterstützer sollen auf dem Kongress auftreten – mit Vortragstiteln wie „Gesundheit verboten, unheilbar war gestern“, „Kann impfen heilen?“ oder „Die Quantumbiologie der Unsterblichkeit“.

MedWatch hat dem Veranstalter der Messe, den man nur über ein vorgegebenes Kontaktfeld auf der Internetseite kontaktieren kann, mehrere Fragen gestellt:

  • Warum geben Sie den genauen Kongressort in Berlin noch nicht bekannt?
  • Im Kongressmagazin werden Präparate als hilfreich beworben, die von Bundesbehörden als gefährlich eingestuft wurden. Welche Erkenntnisse liegen Ihnen vor, dass von Präparaten wie MMS oder DSMO keine Gesundheitsgefahren, sondern positive Wirkungen ausgehen?
  • Aus welchem Grund möchten Sie es Referenten erlauben, für von Bundesbehörden als gefährliche Substanzen auf Ihrem Kongress zu bewerben?
  • Auf der Kongresshomepage ist kein Veranstalter klar benannt. Wer ist für den Kongress verantwortlich?

In der Antwort bitten die Veranstalter der Esoterik-Messe nur generell um Verständnis, dass der genaue Veranstaltungsort erst zwei Wochen vor Kongressbeginn bekanntgegeben werde. Warum dies der Fall ist, und inwiefern es Erkenntnisse gibt, dass die beworbenen Produkte tatsächlich helfen, beantwortet der laut Eigenaussage in den Niederlanden ansässige Veranstalter auf Anfrage von MedWatch nicht – genauso wenig die anderen Fragen. „Das unerwartete große Interesse und die dadurch vermehrten Anfragen von Journalisten und Filmteams übersteigen unsere Kapazität“, heißt es nur. Doch nach der Anfrage von MedWatch erscheint nun ein Banner auf der Startseite des Kongresses:

Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass weder wir noch einer der Referenten medizinische Empfehlungen geben oder Diagnosen stellen. Wir möchten Sie außerdem darauf hinweisen, dass nicht alle Themen dieser Konferenz medizinisch belegt sind und teilweise ausschließlich auf langjährigen Erfahrungen beruhen. Wir (die Organisatoren und alle Referenten) weisen Sie ausdrücklich darauf hin, dass Sie bei einer Krankheit oder gesundheitlichen Problemen immer zuerst einen Arzt konsultieren und eine laufende medizinische Therapie nie abbrechen sollten, ohne zuvor mit Ihrem Arzt gesprochen zu haben.

Das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) erklärt auf Rückfrage von MedWatch, dass sich das Amt den Einschätzungen der Bundesbehörden anschließe, was die „Gefahr schwerer gesundheitlicher Schädigungen“ bei der Einnahme beworbener Substanzen angeht. „Das LAGeSo als eine für den Gesundheitsschutz der Bevölkerung zuständige Behörde begrüßt nicht die Durchführung dieses Kongresses in Berlin“, sagt eine Sprecherin. „Informationen zu alternativen Therapieverfahren müssen auf nachprüfbaren, wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Dies scheint hier nicht der Fall zu sein.“ Erfahrungsgemäß sei es „leider oftmals so“, dass Teilnehmer derartiger Kongresse „einer sachlich orientierten Aufklärung und Diskussion nur noch eingeschränkt offen gegenüber stehen“.

Doch was macht das Amt mit dieser Einschätzung?

Zunächst wolle die Behörde nicht tätig werden, da „kein begründeter Verdacht zur Begehung einer Straftat oder Ordnungswidrigkeit“ vorliege. Tatsächlich: Solange es sich nur um Vorträge handelt und keine Präparate verkauft werden sollen, fällt die Werbung für umstrittene Substanzen oftmals unter den Schutz der freien Meinungsäußerung. So schreibt auch das LAGeSo, dass es keine Hinweise gebe, „dass während des Kongresses ein Erwerb entsprechender Produkte möglich sein könnte“. Sollten sich konkrete Hinweise ergeben, etwa dass im Rahmen des stattfindenden Kongresses MMS-Produkte als Präsentationsarzneimittel beworben werden, werde das LAGeSo entsprechende rechtliche Schritte prüfen. „Die Thematik wird uns sicherlich zukünftig weiter beschäftigen und von uns dem entsprechend verfolgt, um entsprechende Maßnahmen abzuleiten“, sagt die Sprecherin. Die Behörde behalte sich vor, während des Kongresses vor Ort die Einhaltung des Arzneimittelgesetzes sowie des Heilmittelwerbegesetzes zu kontrollieren.

Während Behörden in derartigen Fällen oftmals argumentieren, ihnen seien die Hände gebunden, nehmen sich auch nur wenige Verbraucherschutzverbände der Thematik an. Für die Sekteninfo NRW sind derartige Präparate jedoch immer wieder ein Thema. Angebote mit Produkten wie MMS seien „fürchterlich“, erklärt Referent Christoph Grotepass gegenüber MedWatch. „Wir haben es öfters mit diesen oder anderen Pseudotherapien zu tun“, sagt er. Er kritisiert, dass Behörden die Zuständigkeiten oft unklar seien. „Bisher haben wir den Eindruck, dass man sich da eher weniger drum kümmert“, sagt Grotepass.

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