Massive Kritik an Bundesgesundheitsministerium Studie zur Aufklärung des Duogynon-Skandals nicht-öffentlich vergeben

Duogynon, das Hormonpräparat des Pharmaherstellers Schering. Es steht in Verdacht, Fehlbildungen ausgelöst zu haben.
Umstritten: Das Hormonpräparat Duogyon. Es steht in Verdacht, Fehlbildungen ausgelöst zu haben. Bild: privat Umstritten: Das Hormonpräparat Duogyon. Es steht in Verdacht, Fehlbildungen ausgelöst zu haben. Bild: privat

Das Hormonpräparat Duogynon wurde in den 1960er- und 1970er als Schwangerschaftstest genutzt. Es steht seitdem in Verdacht, Fehlbildungen ausgelöst zu haben. Dokumente zeigen, dass Mitarbeiter des damaligen Gesundheitsamts versuchten, dies zu vertuschen. Eine Studie sollte Klarheit bringen; ein Entschädigungsfonds für die Betroffenen könnte eingerichtet werden. Offenbar wird genau das nicht passieren.

Im Mai hatte es kurzfristig so ausgesehen, dass sich die Perspektiven für die Betroffenen des Duogynon-Skandals doch verbessern könnten: Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages überwies die „Duogynon-Petition“ einstimmig an das Bundesgesundheitsministerium (BMG). Das Ministerium wurde dazu aufgerufen, das Anliegen, dass die Einrichtung eines Entschädigungsfonds für die Betroffenen beinhaltet, nochmals zu überprüfen und nach Möglichkeit Abhilfe zu schaffen.

Die Hoffnung der Betroffenen in die politischen Entscheidungsträger im Gesundheitsministerium wurde erneut enttäuscht. Die Vergabe einer Studie zur Aufklärung verlief zunächst zögerlich, wurde dann nicht öffentlich gemacht, Betroffene nicht eingebunden.

Das BMG glänzt erneut durch Zurückhaltung von wichtigen Informationen und Nicht-Beteiligung der Betroffenen und des Parlaments.

Martina Stamm-Fibich, stell. Vorsitzende des Petitionsausschusses

Das BMG erklärte im August gegenüber MedWatch, es sei eine Studie zur Auswertung der vorhandenen Aktenbestände ausgeschrieben worden. Dies „mit dem Ziel, das Handeln deutscher Aufsichtsbehörden hinsichtlich der Registrierung, Zulassung, Arzneimittelsicherheit und Marktrücknahme von Duogynon zu untersuchen“. Das entsprechende Vergabeverfahren sei bereits eingeleitet.

Kurz vor den Bundestagswahlen schrieb das BMG dann auf Nachfrage von MedWatch, dass die Studie, die ganz ursprünglich schon im ersten Quartal diesen Jahres starten sollte, vergeben wurde.

Die Vergabe der Studie sei im Rahmen einer „Verhandlungsvergabe ohne Teilnahmewettbewerb“ erfolgt, erklärt ein Sprecher des BMG. Dies könne so erfolgen, „wenn es sich um die Erbringung von Dienstleistungen zur Erfüllung wissenschaftlich-technischer Fachaufgaben auf dem Gebiet von Forschung, Entwicklung und Untersuchung handelt, die nicht der Aufrechterhaltung des allgemeinen Dienstbetriebs und der Infrastruktur einer Dienststelle des Auftraggebers dienen.

Dass dies nicht öffentlich gemacht wurde, habe dabei einen einfachen Grund: „Ein Bekanntwerden der zur Angebotsabgabe aufgeforderten Institutionen – auch im Vorfeld – stünde nicht im Einklang mit dem Wettbewerbsgrundsatz“. Insofern sei die Vertraulichkeit des Verfahrens hinsichtlich der Beteiligten und weiterer Spezifika zu beachten gewesen. Diese gelte auch für die der Auswahlentscheidung zu Grunde liegenden Tatsachen im Vergabeverfahren.

Aber, so schreibt es der BMG-Sprecher: Die Projektnehmer seien durch einschlägige Publikationen ausgewiesene Experten für medizinhistorische Fragestellungen im Bereich Arzneimittelzulassung und Arzneimittelrecht, u. a. auch zu Duogynon.

„Die Vergabe setzt einen vorläufigen Schlusspunkt auf einen Vergabeprozess, der seitens der Bundesregierung von maximaler Intransparenz geprägt war“, erklärt dazu jetzt Maria Klein-Schmeink (Die Grünen). Sie hatten bereits zuvor eine Kleine Anfrage zum Stand der Aufklärung zur Rolle deutscher Behörden hinsichtlich der Registrierung und Pharmakovigilanz von Duogynon vom April 2021 (vgl. BT-Drs. 19/28806) gestellt, bereits hier habe die die Bundesregierung keine Auskunft darüber geben wollen, welche Institute sie in den Bewerberkreis aufgenommen hatte und warum.

Als Grund dafür mussten angebliche Geschäftsgeheimnisse herhalten, kritisiert Klein-Schmeink. „Auch eine Beteiligung der mutmaßlich Betroffenen fand, entgegen der vorherigen Beteuerung der Bundesregierung im Gesundheitsausschuss, zu keinem Zeitpunkt statt. So ist es wenig verwunderlich, dass das Vertrauen der Betroffenen in eine unvoreingenommene Untersuchung schon vor dessen eigentlichem Start schwer beschädigt ist.“

Duogynon: Auslöser für Missbildungen ?

Das Hormonpräparat Duogynon wurde in den 1960er- und 1970er als Schwangerschaftstest genutzt. Es steht seit Jahrzehnten in Verdacht, Fehlbildungen ausgelöst zu haben. Dokumente zeigen, dass Mitarbeiter des damaligen Gesundheitsamts versuchten, dies zu vertuschen.

Duogynon in der Schwangerschaft genommen: Else Meixner mit ihrem Sohn - auf dem Flug zur OP in die USA, 1973
Duogynon in der Schwangerschaft eingenommen: Else Meixner mit ihrem Sohn – auf dem Flug zur OP in die USA, 1973

Unter der Nummer 70948 hatte Else Meixner 2017 eine Petition an den Deutschen Bundestag geschrieben. Darin skizziert die Mutter ihre Lebensgeschichte. Sie hatte 1972 das Hormonpräparat Duogynon eingenommen und danach einen Sohn geboren – mit mehreren Herzfehlern. Dass die Tabletten der Auslöser für die Missbildungen sein könnten, verstand Else Meixner erst einige Jahre später. Mehrere Hundert Fälle von Kindern, die mit Missbildungen auf die Welt gekommen waren, wurden nach und nach bekannt: in Deutschland, aber auch in anderen Ländern.

Das pharmakritische Magazin „arznei-telegramm“ warnte schon 1971 vor dem Mittel, das Magazin stern berichtete 1978 unter dem Titel „Tausend Kinder klagen an“ über Duogynon und die Schädigungen. In den 1970er Jahren wurde das Mittel in vielen Ländern vom Markt genommen, in Deutschland erst 1981. Der Duogynon-Hersteller Schering, der später vom Pharmakonzern Bayer übernommen wurde, hatte 1969 selbst Tierversuche durchgeführt. Bei einigen Dosierungen gab es Missbildungen, Föten starben ab. Die Auffälligkeiten wurden offenbar weggeschoben. Die Versuchsgruppe sei zu klein gewesen, hieß es später. Doch interne Dokumente belegen, dass Mitarbeiter von Schering versuchten, die belastenden Daten nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen.

Vergeblich klagten erstmals in den 1980er Jahren Betroffene auf Schadenersatz. Ein kausaler Zusammenhang zwischen der Einnahme von Duogynon und einer Missbildung sei nicht belegt, hieß es seitens des Herstellers Schering und so auch bei Bayer. Die Ansprüche seien zudem verjährt. Ob die Duogynon-Wirkstoffe für die Fehlbildungen verantwortlich sind, wird auf wissenschaftlicher Ebene bis heute kontrovers diskutiert.

Duogynon: Studie nicht-öffentlich vergeben

„Das BMG glänzt erneut durch Zurückhaltung von wichtigen Informationen und Nicht-Beteiligung der Betroffenen und des Parlaments“, erklärt auch Martina Stamm-Fibich (SPD). Sie ist stellvertretende Vorsitzende des Petitionsausschusses. Das BMG erkläre nicht, warum das nicht-öffentliche Vergabeverfahren gewählt wurde.

Die vermeintlich „ausgewiesenen Experten“ der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg widmeten sich nach eigener Aussage der „Erforschung des 20. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung der Geschichte Hamburgs und Norddeutschlands“ – der einzige bisher ausmachbare Mitarbeiter mit Kenntnissen auf dem Gebiet Duogynon habe sich bereits kritisch geäußert zu den Vorwürfen der Betroffenen bezüglich Kausalität und Fehlverhalten des damaligen Gesundheitsamtes BGA.

Stamm-Fibich erklärt zudem, dass das Gesundheitsministerium eine Erklärung, warum die Betroffen gänzlich an einer Mitarbeit zur Aufarbeitung der Geschehnisse gehindert werden, verweigere. Die Politikerin hat am Donnerstag Einwand erhoben gegen die Beendigung des Petitionsverfahrens zu Duogynon, da noch zu viele offene Fragen zur Studie im Raum stünden. Dies wird nach der Wahl zu klären sein.

oliver schwarz Stammtisch

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Das Hormonpräparat Duogynon wurde in den 1960er- und 1970er als Schwangerschaftstest genutzt.

Mögliche Fehlbildungen durch Duogynon

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