Fragen und Antworten zu Corona Wie tödlich ist Covid-19?

Foto aus einer Intensivstation
(Foto: picture alliance)

Sie fragen, wir antworten: Zusammen mit der Berliner Zeitung und der Westdeutschen Zeitung beantworten wir die drängendsten offenen Punkte zu Covid-19. Eine Leserin wollte wissen: Wie tödlich ist Covid-19?

Von Beginn der Pandemie an war es eine der wichtigsten Fragen: Wie hoch ist die Sterblichkeit bei Infektionen mit dem Virus Sars-CoV-2. Ende Februar sagte der Präsident des Robert Koch-Instituts Lothar Wieler, dass laut den damals vorhandenen Daten vielleicht 1 bis 2 Prozent der infizierten Menschen sterben könnten. Bei der saisonalen Grippe gebe es Todeszahlen von 0,1 bis 0,2 Prozent, erklärte Wieler – also um einen Faktor von zehn geringer.

Wie ist die Lage nun? Die Frage der Sterblichkeit ist eine recht schwierige, bis heute ist vieles noch offen. Ein Grund ist, dass teils unklar ist, wie viele Menschen durch Covid-19 sterben. Manchmal mag es sein, dass Menschen mit gemeldeter Infektion gar nicht an der Krankheit sterben, sondern etwa durch einen Tumor oder einen Verkehrsunfall. Doch laut einer Erhebung deutscher Pathologen war bei 86 Prozent der von ihnen durchgeführten Obduktionen Covid-19 die Todesursache – viele Patienten hätten sonst wohl noch mehrere oder auch viele Jahre leben können. Außerdem wird nicht jeder Corona-Todesfall unbedingt erkannt, insbesondere in Ländern, in denen weniger getestet wird.

Viele Faktoren können die Sterblichkeit verändern

Es gibt verschiedene Kennzahlen, die etwas Aufschluss geben: Einerseits etwa die Fallsterblichkeit – hier wird die Anzahl der Covid-19-Todesfälle durch die Zahl aller erfassten Fälle geteilt. Doch im Laufe der Pandemie und an verschiedenen Orten läuft die Fallerfassung teils äußerst unterschiedlich: Bei schweren, zunächst unkontrollierten Ausbrüchen wie in Wuhan oder Bergamo wurden hauptsächlich schwere Verläufe erfasst, hier liegt die Sterblichkeit naturgemäß viel höher. Und auch in Deutschland wurden anfangs viel weniger Tests durchgeführt und wahrscheinlich nicht so viele Infektionen mit leichten Verläufen erfasst wie in den letzten Wochen und Monaten. Daher kann die Fallsterblichkeit extrem schwanken.

Alternativ kann andererseits die sogenannte Infektionssterblichkeit betrachtet werden: Hier wird die Zahl der Todesfälle durch die Zahl aller Infektionen geteilt, die Unterschiede in der Fallerfassung sollen also keine Rolle spielen. Dafür ist es aufwendig, herauszufinden, wie viele Infektionen es gab, da viele nicht erfasst werden. Dies geht etwa über repräsentative Tests auf Antikörper, über die der Anteil der zuvor infizierten Bevölkerung geschätzt werden kann – die insbesondere dann sehr aufwendig sind, wenn sich nur wenige Menschen infiziert haben.

Doch es gibt noch weitere Faktoren, die für Unsicherheit bei diesen Zahlen sorgen: Die Sterblichkeit ist deutlich anders, wenn sich einerseits insbesondere junge, gesunde Menschen anstecken, wie es offenbar in Deutschland derzeit überwiegend der Fall ist – oder wenn sich das Virus andererseits überwiegend etwa in Pflegeheimen ausbreitet und ältere Menschen erkranken. Denn eins ist klar: Ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen etwa der Lunge, des Herzens, mit Bluthochdruck oder auch Übergewicht haben häufiger einen schweren Verlauf. Wenn Kliniken überlastet sind und Patienten nicht optimal versorgt werden können, oder Intensivbetten ohnehin kaum zur Verfügung stehen, ist die Sterblichkeit wiederum höher als bei guter medizinischer Versorgung.

Große Studien geben Hinweise

Inzwischen liegen einige Untersuchungen vor – wenn diese großteils auch noch nicht von Fachkollegen begutachtet, sondern vorab online veröffentlicht wurden. Eine der größten Studien wurde in England durchgeführt: Rund 100.000 zufällig ausgewählte Jugendliche und Erwachsene führten einen Antikörpertest durch und wurden in die Analyse aufgenommen. Nach der Studie waren rund sechs Prozent positiv. Hieraus errechneten die Forscher eine Infektionssterblichkeit von 0,9 Prozent. Ethnische Minderheiten, Krankenpfleger und Ärzte waren überdurchschnittlich häufig infiziert. Rund jede dritte Person gab an, keine Symptome gehabt zu haben. Bei Männern lag die Infektionssterblichkeit mit 1,07 Prozent deutlich höher als bei Frauen, bei denen der Wert bei 0,71 Prozent lag. Es starben nur äußerst wenige infizierte Menschen, die jünger als 45 Jahre alt waren – in der Altersgruppe von 45 bis 64 Jahren lag die Infektionssterblichkeit bei 0,52 Prozent, bei über 75-Jährigen starben sogar 11,64 Prozent der infizierten Menschen. Laut den Autoren könnte die über alle Altersgruppen berechnete Infektionssterblichkeit jedoch bei 1,58 Prozent liegen, wenn auch Infektionen in Pflegeheimen mit berücksichtigt werden.

Eine groß angelegte Studie aus Spanien, die gleichfalls keine Menschen in Pflegeheimen umfasste, kam zu ähnlichen Werten: Die Infektionssterblichkeit lag bei Männern zwischen 1,1 Prozent und 1,4 Prozent, bei Frauen zwischen 0,58 Prozent und 0,77 Prozent. Für Männer ab dem 80. Lebensjahr errechneten die Forscher Werte von 11,6 Prozent bis 16,4 Prozent, für Frauen waren diese weniger als halb so hoch.

Eine Studie aus Genf, die im Fachmagazin „Lancet Infectious Diseases“ veröffentlicht wurde, fand eine etwas geringere Infektionssterblichkeit. Gründe für die Unterschiede gibt es eben viele: Die Verbreitung von Vorerkrankungen kann zwischen Ländern genauso variieren wie die Qualität der Gesundheitsversorgung – aber es kann auch Unterschiede zwischen der Datenerhebung und Studiendurchführung geben.

In die Studie zu Gangelt flossen nur wenige Todesfälle ein

In einer noch nicht begutachteten Übersichtsarbeit schrieb der Medizinstatistiker John Ioannidis von der US-amerikanischen Stanford-Universität, dass die Sterblichkeit „relativ maßvoll“ sei und vielleicht bei 0,24 Prozent liegen könne. Kollegen von ihm kritisierten seine Auswertung jedoch teils stark, da einige der von ihm herangezogenen Studien nur die Sterblichkeit in bestimmten Bevölkerungsgruppen untersucht haben und sich nicht auf die gesamte Bevölkerung übertragen ließen. Autoren einer anderen Übersichtsstudie berechneten über Landesgrenzen hinweg eine Infektionssterblichkeit von 0,68 Prozent – sie warnten jedoch, dass aufgrund einer möglichen Untererfassung von Todesfällen der Wert wahrscheinlich zu gering sei.

Aus Deutschland gibt es bislang wenig Untersuchungen hierzu. Im Mai stellte der Bonner Virologe Hendrik Streeck Ergebnisse seiner Erhebung aus die im Kreis Heinsberg gelegene Gemeinde Gangelt vor: Demnach hatte sich jeder fünfte oder sechste Einwohner angesteckt, abhängig von statistischen Annahmen – gut 20 Prozent hiervon ohne Symptome. Doch bei dem bislang noch nicht in einer Fachzeitschrift erschienen Artikel berücksichtigten die Autoren zunächst nur sieben, später neun Todesfälle – und errechneten hiermit eine Infektionssterblichkeit von rund 0,4 Prozent. Streeck und seine Koautoren wurden dabei vielfach kritisiert: Nicht nur für fragwürdige Hochrechnungen der Dunkelziffer von ganz Deutschland, sondern auch für PR-Unterstützung aus dritter Hand.

Sterblichkeit in Gangelt offenbar deutlich höher

Inzwischen hat sich die Zahl der Corona-Todesfälle in Gangelt aber ungefähr verdoppelt: Bislang wurden 15 Todesfälle gemeldet. Zwar kann die Infektionssterblichkeit nicht einfach um diesen Faktor erhöht werden, da sich etwa auch die Zahl der Infektionen verändert hat. Doch dürfte klar sein, dass die Infektionssterblichkeit in Gangelt deutlich höher ist als zunächst angenommen – auch da seit Juni nur wenige einzelne Neuinfektionen gemeldet wurden, die Gesamtfallzahl sich also wohl nicht deutlich erhöht hat. Streeck spricht dennoch weiter über Sterblichkeitswerte von rund 0,4 Prozent – so Mitte August im Dom zu Münster oder kürzlich gegenüber der „Welt am Sonntag“. Fragen hierzu ließen er und sein Kollege Gunther Hartmann offen.

Streeck behauptet außerdem regelmäßig, die Sterblichkeit sei zehnfach kleiner als „uns täglich suggeriert“ werde. Dabei vergleicht er offenbar die Infektionssterblichkeit mit der Fallsterblichkeit, also Äpfel mit Birnen.

Infektionssterblichkeit der Grippe wohl erheblich kleiner

Und wie sieht die Sterblichkeit bei Infektionen mit Sars-CoV-2 im Vergleich zur Grippe aus? Für diese ist die Datenlage allerdings fast immer noch viel schlechter als bei Corona, da die Zahl der Todesfälle nur indirekt grob geschätzt wird – und die Zahl der tatsächlichen Infektionen kaum bekannt ist, da womöglich jede zweite Grippe-Infektion ohne Symptome verläuft. Die Autoren einer Studie zum 2009 verbreiteten Schweinegrippe-Virus H1N1pdm09 berechneten, dass es vielleicht einen bis zehn Todesfälle pro 100.000 Infektionen gibt – dies entspricht einer Infektionssterblichkeit von 0,001 bis 0,01 Prozent. Andere Schätzungen gehen von einer einem Wert von rund 0,04 Prozent aus. Die meisten Experten würden annehmen, dass die Infektionssterblichkeit der Grippe zwischen 0,02 Prozent und 0,08 Prozent liegt, sagt Marm Kilpatrick von der University of California in Santa Cruz auf Nachfrage. Dies wäre erheblich geringer als jene von Covid-19. Die von RKI-Chef Wieler im Februar genannten Werte für die Grippe-Sterblichkeit von 0,1 bis 0,2 Prozent bezogen sich womöglich auf die Fallsterblichkeit.

Fazit: Die Frage, wie hoch die Sterblichkeit von Covid-19 ist, lässt sich zurzeit nicht klar beantworten. Nach den derzeitigen Daten verlaufen wohl bislang 0,5 bis 1 Prozent der Infektionen tödlich – doch dies hängt unter anderem stark von der Population ab, in der es zu Ansteckungen kommt. Dringend zu klären ist auch die Frage nach Langzeitschäden. Denn selbst wenn Covid-19 nicht tötet, treten diese in manchen Fällen auf. Wohl auch bei Patienten mit eigentlich milden Verläufen, die etwa keine schwere Lungenentzündung hatten.

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