Vorwurf von Interessenkonflikten und Agenda-Setting Wie manche Virologen Vertrauen verspielen

Team „Exit“? Landrat Stephan Pusch, Ministerpräsident Armin Lascht und Virologe Hendrik Streeck Anfang April bei der Vorstellung der Zwischenergebnisse zu der Studie in Gangelt. Land NRW / Uta Wagner

Für den richtigen Umgang mit Covid-19 ist die Menschheit auf die Expertise von Virologen angewiesen. Doch Bonner Forscher gaben bei ihrer Studie zum Kreis Heinsberg wissenschaftliche Ergebnisse teils verzerrt wieder. Und auch andere wie Christian Drosten von der Charité machen sich angreifbar, wenn sie mit möglichen Interessenkonflikten nicht offen umgehen.

Wissenschaftliche Daten und Sicherheit im Umgang mit der Krankheit Covid-19 können Leben retten und ein Leben ermöglichen, das mit möglichst geringen Einschränkungen Ausbrüche bestmöglich verhindert. Doch sind weiter entscheidende Fragen offen. Zwei der wichtigsten: Wie hoch ist die Dunkelziffer der Infizierten – und wie viele infizierte Menschen sterben? Aufklärung zur Lage in Deutschland verspricht eine Studie des Bonner Virologen Hendrik Streeck und seines Kollegen Gunther Hartmann, Direktor des dortigen Instituts für Klinische Chemie und Klinische Pharmakologie. Sie haben die Situation in Gangelt untersucht. Der im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen gelegene Ort erlangte vor einigen Wochen traurige Berühmtheit, da es im Februar vermutlich auf Karnevalsfeiern zu vielen Infektionen kam.

Lars Schaade, Vizepräsident des Robert Koch-Instituts (RKI), bezog sich kürzlich auf die Bonner Studie: Die Zahl aller Infektionen könne etwa dreimal so hoch sein wie die der rund 160.000 bekannten Fälle, erklärte er – in Deutschland hätte es demnach knapp eine halbe Million Infektionen gegeben.

Doch dieser von Streeck und Hartmann vor einem Monat genannte Wert war einerseits falsch, da er vorschnell verkündet wurde: Für das Örtchen Gangelt war die Zahl nach nun korrigierten Berechnungen fünfmal so hoch wie bekannt – und auch dieser ist unsicher, ein Faktor von  vier oder sechs ist trotz der detaillierten Erhebung gut möglich.

Andererseits ist die noch nicht von Gutachtern geprüfte und nicht final veröffentlichte Studie auch aus verschiedenen anderen Gründen stark umstritten. Für viel Kritik sorgte, dass die Agentur Storymachine die PR-Arbeit für die Studie übernommen hatte – die Firma wurde unter anderem vom früheren „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann gegründet. Zusammen mit zwei Konzernen steckte sie nach eigenen Angaben zehntausende Euro in das Projekt. Streeck und seine Partner sahen sich so Vorwürfen ausgesetzt, nicht nur im Interesse der Wahrheitsfindung tätig zu sein – der Deutsche Rat für Public Relations hat eine Prüfung der Arbeit von Storymachine eingeleitet. Nach Medienberichten wurden Stellungnahmen von der Firma sowie Streeck angefordert. Durch mögliche Interessenkonflikte etwa durch Geld von Firmen sowie durch den Anschein, eine Agenda setzen zu wollen, kann die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Arbeiten erheblichen Schaden nehmen. Und dies gefährdet wiederum die evidenzbasierte Entscheidungsfindung unserer Gesellschaft.

Große Versprechen von Forschern aus Bonn

„Bonner Forschungsteam ermittelt Sterblichkeitsrate der SARS-CoV-2-Infektion“, hieß es am Montag in einer gemeinsamen Pressemitteilung der Bonner Uniklinik und Universität. Präsentiert wurden die Ergebnisse, die ein großes Team um Streeck und Hartmann in Gangelt erworben hatte: Ende März und Anfang April hatten die Forscher in der Gemeinde Proben von rund 1000 Einwohnern genommen und bestimmt, bei wie vielen sich Antikörper gegen das SARS-CoV-2 genannte Virus nachweisen lassen. Daraus lässt sich ableiten, ob diese sich bereits früher mit dem Virus infiziert hatten – und wie viele damals noch akut infiziert waren. Die Forscher stellten viele interessante Ergebnisse zusammen: Etwa zu Symptomen, wie einem vorübergehenden Geruchs- und Geschmacksverlust, dass laut der Studie jede fünfte bis jede dritte infizierte Person symptomfrei bleibt, oder zur Ausbreitung der Infektionen in den einzelnen Haushalten.

Derartige wissenschaftlich sowohl aufschlussreich als auch valide Aussagen waren jedoch nicht der Schwerpunkt der Publikation und der Kommunikation zur Studie. Hier heben Streeck und sein Team einerseits auf die Frage ab, wie viele Personen tatsächlich infiziert sind, was sie durch Analysen von Antikörpern auf rund 15 Prozent der Gangelter Bevölkerung beziffern. „Im Zentrum der Studie steht die Sterblichkeitsrate der Infektion“, heißt es andererseits in der Pressemitteilung: Diese sei nun erstmals „genau bestimmt“ worden. Denn wenn man weiß, wie viele Personen tatsächlich infiziert waren und wie viele gestorben sind, lässt sich dieser auch „Infection Fatality Rate“ (IFR) genannte Wert abschätzen.

Foto von Hendrick Streeck.
Streeck ist Direktor des Instituts für Virologie am Uniklinikum Bonn. (Foto: Land NRW / Uta Wagner)

Er ermöglicht es unter bestimmten Annahmen, die Zahl der Infektionen in einem Land über die Anzahl an Todesfälle zu schätzen: Letztere werden im Regelfall deutlich vollständiger erfasst als Infektionen. „Legt man für eine Hochrechnung etwa die Zahl von fast 6.700 SARS-CoV-2-assoziierten Todesfällen in Deutschland zugrunde, so ergäbe sich eine geschätzte Gesamtzahl von rund 1,8 Millionen Infizierten“, heißt es in der Pressemitteilung der Bonner Uni und Uniklinik. „Diese Dunkelziffer ist um den Faktor 10 größer als die Gesamtzahl der offiziell gemeldeten Fälle.“ Mit den Daten „kann nun zum ersten Mal sehr gut geschätzt werden, wie viele Menschen nach einem Ausbruchsereignis infiziert wurden“, erklärt Streeck laut der Pressemitteilung.

Dabei sind die Schätzungen mit erheblichen Unsicherheiten verbunden: Rund zwei Drittel der angeschriebenen Haushalte in Gangelt hat bei der Studie teilgenommen – vielleicht vermehrt jene, bei denen es Krankheitsfälle und Interesse an einem Test gab, sodass es hier zu Verzerrungen gekommen sein könnte. Ein erhebliches Problem für die Schätzung der IFR ist auch, dass es im eigentlichen Studienzeitraum die geringe Zahl von nur sieben Todesfällen gab. Zwischenzeitlich verstarben zwei weitere Patienten. In der Publikation berücksichtigten die Forscher den früheren dieser beiden Todesfälle, was die geschätzte IFR von 0,36 Prozent auf 0,41 Prozent erhöhte. Für die zurückgerechnete Zahl der Infektionen in Deutschland geht dieser eine verstorbene Todesfall mit einer Verringerung der geschätzten Infektionszahl von rund 200.000 Infektionen bundesweit einher.

Ergebnisse lassen sich nicht einfach übertragen

Dabei sind die Daten ja nur in Gangelt mit seinen gut 12.000 Einwohnern erhoben und höchstens für ihn repräsentativ – nicht jedoch für Deutschland oder andere Länder. Das räumt Hartmann auf Nachfrage von MedWatch für die Dunkelziffer auch ein – nicht jedoch für die Infektions-Sterblichkeit: Diese Zahl sei sehr wichtig, „und zwar nicht nur für Gangelt“: Die IFR habe „Relevanz für ganz Deutschland, da die Infektions-Letalität an verschiedenen Orten vergleichbar ist“.

Doch dies stimmt so nicht. Die jeweilige Sterblichkeit hängt wesentlich davon ab, welche Teile der Bevölkerung jeweils infiziert werden. Wenn sich überwiegend junge Menschen anstecken, wie es in Berlin anfangs in Clubs der Fall war, ist die IFR deutlich geringer, als wenn in einem Ort viele Bewohner von Seniorenheimen infiziert werden – die es andernorts wiederum vielleicht gar nicht gibt. Bei der Studie hatten ältere Personen zwar häufiger teilgenommen, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht – doch ist Gangelt von schweren Ausbrüchen unter Senioren verschont geblieben. Hierdurch kann die IFR viel geringer sein als in Regionen, in denen es zu vielen schweren Infektionen in Pflegeheimen kommt.

Foto vom Ortseingang von Gangelt
In Gangelt verbreitete sich das Virus durch Karnevalsfeiern. (Foto: Käthe und Bernd Limburg / Lizenz: CC BY-SA-3.0)

In dem Ort gibt es mit dem Katharina-Kasper-Heim eine Einrichtung mit rund 400 Bewohnern, die meisten hiervon sind Menschen mit Behinderung. 93 der Plätze sind für Senioren. Zur Zahl der Infektionen möchte eine Sprecherin „auf Bitten der Betreuerinnen und Betreuer unserer Bewohner“ zwar keine Angaben machen – es habe aber Infektionen gegeben, sagt sie. „Die Verläufe waren überwiegend leicht.“ Bei der Studie von Streeck waren die Bewohner nicht eingeschlossen: Dies sei zunächst in Erwägung gezogen worden und es habe Austausch mit dem Virologen gegeben, doch sei der Aufwand für eine Testung zu groß gewesen. Todesfälle von Patienten mit Covid-19 gab es im Katharina-Kasper-Heim laut der Sprecherin nicht – genauso wenig wie in einem Pflegeheim mit 80 Bewohnern, das im Ortsteil Breberen gelegen ist.

Während in Gangelt – womöglich durch frühe Testungen und viel Aufmerksamkeit aufgrund des Sonderstatus – auch insgesamt offenbar nur vergleichsweise wenige der erkrankten Menschen starben, trat in ganz Deutschland mindestens jeder dritte Todesfall in einem Pflegeheim oder einer anderen Gruppeneinrichtung auf.

So sagt auch der Epidemiologe Richard Neher vom Biozentrum der Uni Basel auf Nachfrage von MedWatch, zum Schätzen der Infektionssterblichkeit sei die Studie von Streeck und Hartmann „wenig hilfreich“: Sie trage hierzu fast keine Informationen bei. Dabei hatten die Bonner Forscher dies als Schwerpunkt der Studie bezeichnet. Neher hält es außerdem für möglich, dass Streeck und Hartmann einen Fehler bei der Berechnung der Schwankungsbreite gemacht haben: Die Unsicherheit liegt offenbar viel höher, als sie es angegeben haben.

Nachteile der Strategie der Forscher bleiben ungenannt

Viele Medien griffen die auch in der Vorab-Veröffentlichung der Bonner Studie genannte Zahl von möglicherweise über 1,8 Millionen Infektionen auf. „Eigentlich ist eine Dunkelziffer etwas sehr Gutes – und je höher es ist, desto besser ist es“, sagte Streeck am Montag im ZDF. Ein Grund hierfür ist: Wer infiziert war, wird sich womöglich in den Monaten danach nicht mehr anstecken. Und trägt vielleicht zur sogenannten Herdenimmunität bei, er schützt also als bereits immune Person die Gesellschaft insgesamt etwas.

Doch das Erreichen dieser natürlichen Immunität kann allein in Deutschland mit Todesfällen im sechsstelligen Bereich einhergehen. Wie auch eine hohe Dunkelziffer hat sie viele Nachteile: Wenn die Ausbreitung der Infektionen nicht nachvollzogen und gut kontrolliert werden kann, kann es auch zu unerkannten Ausbrüchen in Pflegeheimen oder Kliniken führen. Und es ist bislang unklar, ob auch bei leicht infizierten Personen Langzeitschäden möglich sind. Und ob eine Immunität überhaupt aufgebaut wird, die vor eine Neuinfektionen nach einigen Monaten schützt.

Streeck – der verschiedene, teils schon vor Wochen gestellte Fragen unbeantwortet ließ – hatte mehrfach das Virus als weniger gefährlich dargestellt als andere Experten. So wandte er sich gegen eine Eindämmungsstrategie: „Wir wollen die Infektionen ja nicht komplett unterbinden und eine breite Immunität in der Gesellschaft erreichen“, sagte Streeck Ende März dem „Handelsblatt“. Der Kreis Heinsberg stelle „eine ideale Situation dar, Antworten für den Rest von Deutschland zu finden“, sagte er laut einer Pressemitteilung der Landesregierung. Dessen Landrat Stephan Pusch zeigte sich erfreut, bei der Aufklärung helfen zu können, „wie eine Normalisierung des Alltags von Menschen in ganz Deutschland möglich werden kann“.

Der riskante Plan: Per Hygienekonzept zur Herdenimmunität

Am 9. April, Gründonnerstag, stellen Streeck, Hartmann und der an der Studie beteiligte Bonner Hygiene-Experte Martin Exner zusammen mit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet Zwischenergebnisse vor, die viele Fragen offenließen. Dabei hatte sich die Kölner Medizinethikerin Christiane Woopen nach eigener Aussage dagegen ausgesprochen: Aus den Ergebnissen ließe sich eigentlich nichts ableiten, sagte Woopen, die Laschet zusammen mit Streeck und anderen in seinen Expertenrat für Covid-19 berufen hatte. Der Ministerpräsident plädierte für Lockerungen und sprach in drastischen Worten von einem vorhergehenden „Herunterfahren des gesamten öffentlichen, sozialen, wirtschaftlichen Lebens“. Dabei konnten in Deutschland anders als in vielen anderen Ländern viele Unternehmen weiter arbeiten und Menschen nicht nur zum Supermarkt gehen, sondern sich vergleichsweise frei bewegen.

Voller Aufzug statt großer Disziplin

Jetzt sei der Zeitpunkt für eine neue Phase, bei der die Quarantäne zurückgefahren werden könne, erklärte Streeck. Unter Verweis auf ein Konzept der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, deren Präsident sein Kollege Exner ist, machten die Bonner Forscher einen riskanten Vorschlag: Hiernach sollen zwar schwere Infektionen und Todesfälle, nicht aber leichte Infektionen verhindert werden – unter Verweis auf das Konzept einer Herdenimmunität. Eine Nachverfolgung von Kontakten zur Eindämmung von Infektionen ist für die zweite Phase im Umgang mit der Epidemie in dem Konzept nicht vorgesehen.

Dabei beruht es auf sehr wackeligen Annahmen: „In Deutschland stellt man eine hohe Disziplin fest in der Einhaltung dieser Maßnahmen“, erklärte Exner – Fragen etwa zu Belegen für diese Aussage beantwortete er nicht. Wenige Tage später stiegen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Kanzleramtschef Helge Braun und der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier eng gedrängt in einen Aufzug.

Der in Gangelt festgestellte Infizierten-Anteil von 15 Prozent liege „nicht so weit weg“ von dem Anteil von 60 bis 70 Prozent, bei dem der Effekt der Herdenimmunität zu einer deutlichen Verlangsamung der Ausbreitungsgeschwindigkeit führt, erklärte Hartmann. Auch er zeigte sich überzeugt, dass man den Schweregrad des Erkrankungsverlaufes über Hygienemaßnahmen reduzieren könne. Exner stellte es als wünschenswert hin, dass – durch eine Verringerung der Viruskonzentration bei der Infektion – dennoch eine Immunität ausgebildet wird.

„Unbedingt noch vor Ostern präsentieren“

Dabei ist in Sachen Immunität bei Covid-19 vieles unklar: Das Wissen hierzu sei „recht dünn“, stellten die Forscher in ihrer nun vorgestellten Vor-Veröffentlichung selbst fest. Ob die in Gangelt erhobenen Immunitätswerte „einen Schutz bieten – und wie lange ein solcher Schutz anhält – ist derzeit unbekannt“, schreiben sie.

Klar scheint, dass Streeck und wohl auch einige seiner Kollegen recht überzeugt von ihren Ergebnissen und ihrer Strategie sind. „Der Grund, dass man die Ergebnisse unbedingt noch vor Ostern präsentieren wollte, sei gewesen, dass nach Ostern ja entschieden werden solle, wie es mit den strengen Maßnahmen weitergeht“, gibt „Zeit Online“ einen Satz aus dem Telefonat mit ihm wieder. Es sei Streeck und auch Laschet gelungen, „in der politischen Themen-​ und Prioritätensetzung neue Fakten zu schaffen und Aufmerksamkeit vom Lockdown auf den Exit umzulenken“, schreiben die Wissenschaftsjournalisten Christian Schwägerl und Joachim Budde auf dem Portal „Riffreporter“.

Streeck wurde auch deshalb kritisiert, weil er das Angebot der Agentur Storymachine annahm. Ein weiterer Mitgründer, Michael Mronz, erklärte dies damit, dass er und Streeck schon lange bekannt seien. Die NRW-Landtagsabgeordnete Sarah Philipp kritisierte diese Konstellation als „unlauteren Wettbewerbsvorteil”: Storymachine könne schließlich auf ein Referenzprojekt verweisen, das „bestimmt auch andere Agenturen gerne gehabt hätten“. Ebenfalls mit Mronz bekannt: Ministerpräsident Laschet. Beide setzen sich seit Jahren für eine Olympia-Bewerbung der Rhein-Ruhr-Region ein.

„Auftragswissenschaft für politische Lockerungsbefürworter“

Die Studie rutschte bei Kritikern schnell in den Verdacht einer „Auftragswissenschaft für politische Lockerungsbefürworter“, wie es eben Laschet sein soll. Denn während die Studie viel diskutiert wurde, verbreitete sich die hastig vorgetragene Empfehlung der Forscher in den Medien sehr schnell. Mit zehn Personen hatte die Agentur die Kommunikation übernommen – und postete auf Facebook und Twitter regelmäßig Beiträge zur Untersuchung in Gangelt.

Storymachine wiederum wurde für die Kommunikations-Kampagne finanziell unterstützt von den Unternehmen Deutsche Glasfaser und Gries Deco Company. Heinsberg sei wichtiger Bürostandort des Unternehmens, es gebe enge Verbindungen in die Region – in der die Firma auch den Glasfaser-Ausbau vorangetrieben habe, erklärt eine Sprecherin von Deutsche Glasfaser. Er halte es für wichtig, wissenschaftliche Studien in Zeiten wie dieser „transparent zu dokumentieren“, erklärte Christian Gries, Geschäftsführer der Gries Deco Company, gegenüber MedWatch. In der Vorabveröffentlichung gaben die Forscher nun an, sie hätten keinerlei Interessenkonflikte. Sie verwiesen auf die Förderung in Höhe von rund 65.000 Euro durch das Land NRW, nicht aber auf die Unterstützung in mindestens einem ähnlichen Wert für die Kommunikation der Studie durch Storymachine und seine Partner. Die Studie in Heinsberg sei allein wissenschaftlichen Grundsätzen verpflichtet, erklärt Hartmann auf Nachfrage – sie sei unabhängig vom Einfluss Dritter. „Externe Fachleute zur Verstärkung der Wissenschaftskommunikation in die Öffentlichkeitsarbeit der Wissenschaft mit einzubeziehen, ist eine verbreitete und erwünschte Praxis“, sagt der Forscher.

Scharfe Kritik von Lobbycontrol und durch den Virologen Drosten

Ein Sprecher der Uni Bonn erklärte, er wisse nicht, welchen Wert die Leistungen der Firma Storymachine und ihrer Partner habe. „Die negative Wahrnehmung in dem vorliegenden Fall ist bedauerlich“, sagt er zur Kritik, dass die Glaubwürdigkeit durch die Einbindung von Storymachine offenbar gelitten hat.

Dass hier eine PR-Agentur eine wissenschaftliche Studie mit Partnern aus der Wirtschaft unterstützt hat, sieht Timo Lange von der Organisation LobbyControl als problematisch an, da dies nicht ausreichend transparent genug gewesen sei. „Das beschädigt die Forschung“, sagt er. Ihn habe verwundert, dass laut einer Recherche des Magazins „Capital“ einige Kommunikationsergebnisse offenbar schon vorab feststanden. „Das eigentliche Anliegen der Studie wird damit konterkariert“, sagt Lange. Wissenschaft sei seiner Ansicht nach vor einen Karren gespannt und der Eindruck erweckt worden, dass eine Agenda verfolgt wurde.

Einer der weltweit führenden Coronavirus-Experten ist der Virologe Christian Drosten von der Charité, zuvor hatte er den Lehrstuhl von Streeck in Bonn inne. Diesen kritisierte er bei einer Diskussion am Montag mit sehr deutlichen Worten – wie auch seine Studie: Drosten bezeichnete es als „einen sehr klaren Fall, bei dem ein Forscherteam Falschinformationen gestreut und falsche Wahrnehmungen erzeugt hat, und sogar politische Entscheidungen beeinflusst hat“. Es handele sich laut Drosten um eine „sehr kleine, nicht repräsentative Studie“, die in der Öffentlichkeit „recht aggressiv“ kommuniziert worden sei.

Auch Drosten erhält Drittmittel – wie fast alle Forscher

Der die Bundesregierung beratende Virologe muss sich gleichfalls Fragen zu möglichen Interessenkonflikten stellen. Wie viele Forscher, das RobertKoch-Institut oder die Weltgesundheitsorganisation erhält sein Team derzeit etwa Geld von der Bill und Melinda Gates Stiftung: Für die Entwicklung von „diagnostischen und virologischen Werkzeugen“ über sechs Monate rund 250.000 US-Dollar, wie die Stiftung schreibt – der Virologe hatte die Förderung in einem NDR-Podcast kurz erwähnt. Außerdem hat er eine Leitungsfunktion beim Labor Berlin inne, das zur Charité sowie zu den Vivantes-Kliniken gehört und nach Eigendarstellung 85 Prozent aller Berliner Krankenhausbetten mit Labordiagnostik versorgt.

Gleichzeitig betont Drosten regelmäßig öffentlich, wie wichtig Testungen seien und dass diese der Grund sind, warum in Deutschland keine katastrophalen Zustände durch einen lange unerkannten Ausbruch passiert sind. Dies ist unter Forschern zwar unbestritten – doch profitiert zumindest Drostens Arbeitgeber, die Charité, von erhöhtem Testumsatz.

Wenn er selbst fordern würde, dass mehr getestet werden müsse, und gleichzeitig an Testungen verdienen würde, dann „ist das natürlich ein Konflikt, den man kommunizieren muss“, erklärte Jonas Schmidt-Chanasit vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in der Talkshow von Markus Lanz. In Zeiten wie der aktuellen erzeugten Interessenkonflikte schwierige Probleme, da es ohnehin keine breite Basis an Experten gebe. Für ihn sei Drosten der einzige echte Experte in Bezug auf Coronaviren, erklärte Schmidt-Chanasit in der Talkshow. Auf Nachfrage von MedWatch erklärte Schmidt-Chanasit, dass seine Ausführungen zu Interessenkonflikten sich nicht speziell auf Drosten bezogen hätten.

„Keine direkten Zuwendungen“

Dieser „wurde und wird“ persönlich weder an externen Erlösen vom Labor Berlin noch an sonstigen Einnahmen im Zusammenhang mit Coronatestungen beteiligt, erklärte eine Sprecherin auf Anfrage. Weitere Fragen von MedWatch ließen Drosten und sie teils offen. Etwa: Ob Drosten indirekt etwa  über Zuwendungen oder andere Vorteile an seine Arbeitsgruppe profitiert. „Herr Prof. Drosten erhält keine direkten Zuwendungen von Labor Berlin“, erklärte sie lediglich.

Der Virologe arbeitet seit vielen Jahren auch immer wieder mit der Berliner Biotech-Firma TIB Molbiol zusammen – so Anfang Januar bei der Entwicklung des weltweit ersten Tests für Covid-19. Viele Virologen seien zu ihm gekommen, dank der „schnellen Vorarbeit“ aus der Arbeitsgruppe Drostens habe er eine Lösung für die Diagnostik für Covid-19 anbieten können, erklärte Olfert Landt, Geschäftsführer des Unternehmens, im Deutschlandfunk Kultur. Sie hätten „hin und wieder spaßige Projekte ohne einen kommerziellen Hintergrund gemacht“, erklärt Landt. Drosten „war nie persönlich involviert“, schreibt er – wenn er mal im Institut sei, sage er aber „auch guten Tag“. Aufgrund eines Zufalls sei er Anfang Januar zu Besuch in Drostens Institut gewesen, woraus sich die Zusammenarbeit bei der Entwicklung des Tests ergeben habe.

„Es ist nur Zufall, dass wir eine Firma sind“

Die Umsetzung in ein kommerzielles Test-Kit sei alleinige Arbeit seiner Firma gewesen, erklärt er. Durch Covid-19 habe sich der Umsatz mehr als verfünffacht, doch stände dem eine starke Überlastung der Firma gegenüber: Die Anspannung sei „über alle Grenzen gehend“, sagt Landt. „Es ist geschrien worden, es sind Telefone geworfen worden“ – er selbst habe seit gut zwei Monaten keinen freien Tag gehabt. „Es ist nur Zufall, dass wir eine Firma sind“, sagt Landt. „Im Herzen bin ich Wissenschaftler und Dienstleister.“

Laut Charité-Pressestelle handelt sich „um eine ausschließlich wissenschaftliche Kooperationsbeziehung“, unter anderem bedingt durch die räumliche Nähe in Berlin. „Es gibt keine finanzielle oder wirtschaftliche Beziehung oder sonstige Vorteile“, erklärt die Sprecherin. Das Testprotokoll für SARS-CoV-2 sei umgehend auf der Webseite der Weltgesundheitsorganisation veröffentlicht worden, „sodass jedes Unternehmen darauf zugreifen kann“.

Im NDR-Podcast hatte Drosten erklärt, von Rechnungen für Leistungen für Privatpatienten ginge ein Teil an sein Labor – und es gebe einen „kleinen Gehaltsanteil“, den er aber an seine Mitarbeiter weitergebe. „Das lege ich auch gerne alles offen. Das kann jeder überprüfen, der es will“, sagte Drosten. Die Charité-Pressestelle erklärte, Spenden und Drittmittel erhalte die Charité als Organisation, die diese prüfe „und ordnungsgemäß und nachprüfbar verbucht“.

Unterm Strich hat der wohl bekannteste Virologe Deutschlands offenbar keine deutlichen Interessenkonflikte, doch die Antworten der Charité-Pressestelle ließen Fragen offen. Dies kann problematisch sein, da Verschwörungstheoretiker gerne tatsächliche oder auch vermeintliche Interessenkonflikte ausnutzen, um die Unabhängigkeit der Einschätzung von Forschern pauschal anzuzweifeln (wie auch Boulevardmedien wie die „Bild“ den normalen wissenschaftlichen Diskurs derzeit nutzen, um durch überzogene Debatten Klicks zu generieren.).

„Es ist wichtig, dass hier mit maximaler Transparenz vorgegangen wird, um von vornherein jeden Verdacht auszuräumen, wirtschaftliche Motive könnten eine Rolle spielen“, sagt Timo Lange von LobbyControl. Unterstützung durch Dritte wie etwa Stiftungen werfe immer die Frage auf, welche Interessen dahintersteckten. „Öffentliche Aufgaben wie der Gesundheitsschutz sollten auch zentral öffentlich finanziert werden, das stärkt Glaubwürdigkeit und Vertrauen in Unabhängigkeit und Integrität“, sagt Lange.  

Mitarbeit: Annelie Naumann

Redaktionsteam

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2 Kommentare zu „Wie manche Virologen Vertrauen verspielen

  1. Guten Tag… nur eine kurze Anmerkung .. der Artikel ist insgesamt sehr wichtig und inhaltlich differenziert, leider ist die Überschrift in Kombination mit dem Einführungstext dies nicht. Da der Text sehr lang ist, bleibt dann eventuell nur hängen..ach, der Drosten kungelt auch..und das ist schade, bei diesen doch guten Artikel.

    1. Besten Dank für Ihre Rückmeldung! Ja, der Eindruck der Kungelei sollte nicht erweckt werden – im Teaser hatten wir auch versucht, hier zu differenzieren.

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