Netzwerk evidenzbasierte Medizin zu Covid-19 Angesehener Fachverband verbreitet irreführende Infos und fragwürdige Empfehlungen

Screenshot der Homepage des EbM-Netzwerks

Ausgerechnet bei Stellungnahmen des Deutschen Netzwerks für evidenzbasierte Medizin gibt es mehrere Aussagen, die falsch, irreführend und unbelegt sind – oder auch als Verschwörungstheorie angesehen werden können. Das Netzwerk erklärte zeitweilig sogar, derzeit seien keine einschneidenden Maßnahmen nötig, die über die übliche Hygiene hinausgehen. Fragen von MedWatch ließ es größtenteils unbeantwortet.

Bei der aktuellen Corona-Pandemie verbreiten sich falsche und irreführende Informationen schnell – insbesondere, wenn sie von Ärzten ausgehen. Aktuell kommen irreführende Informationen nicht nur etwa von Ärzten, die esoterische Zeichen oder homöopathische Globuli als Corona-Schutz empfehlen, sondern auch vom früheren SPD-Bundestagsabgeordneten Wolfgang Wodarg, der lange das Gesundheitsamt Flensburg leitete, oder dem pensionierten Mainzer Virologie-Professor Sucharit Bhakdi: Beide sind mit irreführenden oder fragwürdigen Aussagen bekannt geworden sind. Auch angesehene Forscher wie der Bonner Virologe Hendrik Streeck oder der Berliner Lungenspezialist Torsten Bauer machten sich teils für vermehrte Infektionen oder gar eine Herdenimmunität stark, die jedoch von Experten als zu gefährlich angesehen werden – und beantworteten Fragen von MedWatch hierzu nicht.

Doch auch Stellungnahmen des Deutschen Netzwerks für Evidenzbasierte Medizin (EbM) lösten nun vielerorts Überraschung aus – ausgerechnet: Dessen Mitglieder haben sich eigentlich den höchsten Standards der Wissenschaft verpflichtet. Von dessen aktueller Stellungnahme, die den Titel „Wo ist die Evidenz?“ trägt, müsse man sich „angesichts des Stands der Wissenschaft deutlich distanzieren“, erklärte die Genfer Virologin Isabella Eckerle – und auch ihr Kollege Christian Drosten kritisierte diese deutlich.

Das Netzwerk hat sich schon mehrfach zu Fragen um Covid-19 positioniert. Viele der Forderungen etwa zu repräsentativen Erhebungen, evidenzbasierten Entscheidungen oder zu besserer Kommunikation des Forschungsstands entsprechen der langjährigen Linie des angesehenen Vereins. Doch es finden sich auch Aussagen, die falsch, irreführend, widersprüchlich oder unbelegt sind.  

„Es ist unmöglich, zum jetzigen Zeitpunkt abzuschätzen, ob durch unbeeinflusste rasche Ausbreitung der Erkrankung oder durch ein Hinauszögern der Ausbreitung und eine dadurch bedingte Verlängerung des gesamten Erkrankungszeitraums der größere Schaden angerichtet wird“, erklärte das Netzwerk etwa im April. Dabei sahen dies viele Experten auch nach den Ausbrüchen in Wuhan oder Bergamo und aufgrund von Modellierungsstudien damals deutlich anders – auch da keine spezifische Therapie für die Krankheit verfügbar war. Es sei „nicht auszuschließen, dass die Covid-19 Pandemie eine ernstzunehmende Bedrohung darstellt“, schrieb das Netzwerk außerdem – und dass nicht-pharmakologische Maßnahmen womöglich das einzige sei, was getan werden könne. Genauso gut sei es aber möglich, dass die Maßnahmen mehr Schaden anrichteten als die Pandemie, behauptete das EbM-Netzwerk. Und widerspricht sich gleich selbst: Die Maßnahmen erschienen „unter Abwägen der Pro- und Contra-Argumente derzeit sinnvoll“, hieß es damals – obwohl derartige Abschätzungen als nicht möglich hingestellt worden waren.

In einer weiteren Stellungnahme folgte Ende August Kritik an der Medienberichterstattung etwa zu fehlenden Einordnungen von Fallzahlen. Teils sicher berechtigt, teils sehr absolut: Selbst in Leitmedien würden zur Beschreibung des Infektionsrisikos über Monate lediglich Fallzahlen ohne Bezugsgrößen und unter Verwendung unpräziser Bezeichnungen benutzt, hieß es dort. „Dabei wird nicht zwischen Testergebnissen, Diagnosen, Infektionen und Erkrankungen differenziert.“ Jedoch haben zahlreiche Artikel sich mit diesen Themen durchaus immer wieder beschäftigt.

Mehr als „übliche Hygiene“ soll nicht nötig sein?

Anfang September erklärte das Netzwerk nun: „Der momentan zu verzeichnende Anstieg an Test-positiven ohne gleichzeitige Zunahme von Hospitalisierungen, Intensivbehandlungen und Todesfällen rechtfertigt derzeit keine einschneidenden Maßnahmen, die über die übliche Hygiene hinausgehen.“ Nur Händewaschen und in die Armbeuge niesen also – mehr braucht es nicht zur Bewältigung der Pandemie? Quarantäne- und Isolierungsmaßnahmen, Kontaktnachverfolgungen, Schließungen von Clubs und anderen Veranstaltungen mit vielen Menschen auf kleinem Raum, Auflagen für Chöre – alles umsonst? Auch um zu verhindern, dass es zu unkontrollierten Ansteckungen kommt und in einigen Wochen womöglich tausende Menschen schwer erkranken und sterben?

MedWatch schickte bereits vor einer Woche den Vorstandsvorsitzenden hierzu wie auch zu zahlreichen anderen Punkten Fragen, die jedoch größtenteils unbeantwortet blieben. Als Ansprechpartner ist bei der aktuellen Stellungnahme der Vorsitzende des EbM-Netzwerks Andreas Sönnichsen genannt, der auf mehrere Anfragen nicht reagierte. Er ist Allgemeinmediziner an der Med-Uni Wien. Diese hatte sich im April von Äußerungen von ihm distanziert. „Andreas Sönnichsen war im Rahmen der Corona-Pandemie mit relativierenden Äußerungen zu Vorsorgeuntersuchungen, zur Intensivtherapie bei Covid-Erkrankung und zum Schutz älterer Menschen zitiert worden“, erklärt ein Unisprecher auf Nachfrage. So hatte er laut der Zeitung „Die Presse“ gesagt, es sei „irre, was wir da machen“: Der ganze Staat werde lahmgelegt nur um „die wenigen, die es betreffen könnte, zu schützen“. Diese Äußerungen würden „keine institutionelle Position der Universität darstellen“, auch wenn Uniangehörige natürlich frei seien, ihre Meinung zu sagen.

Er fände es falsch, wenn als Argument für einen Lockdown herangezogen wird, dass dies Menschenleben rettet: „Weil es nicht stimmt“, sagte Sönnichsen laut einem Interview. „Natürlich retten wir Leben, aber wir machen die Menschen nicht unsterblich, wir verhindern nur, dass sie an Corona sterben.“ Dass bei Corona ein Lockdown durchgeführt wird und bei schweren Grippe-Wellen nicht sei nur deswegen der Fall, „weil Covid-19 neu ist, weil ein Medienhype daraus gemacht wurde und weil man nicht wusste, was auf uns zukommt“, sagte der Vorsitzende des EbM-Netzwerks.

Werte für Corona-Tests falsch eingeschätzt

Als falsch einzustufen sind auch Angaben des Netzwerks zu den Tests auf Sars-CoV-2, bei denen mittels einer so genannten PCR-Methode Sekret aus Abstrichen auf Gensequenzen des Virus untersucht wird. Die Vizevorsitzende des EbM-Netzwerks Dagmar Lühmann, die am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf arbeitet, bezifferte in einem auch vom EbM-Netzwerk veröffentlichten Fachartikel die sogenannte Spezifität des Tests unter Alltagsbedingungen auf lediglich 95 Prozent – was hieße, dass bis zu fünf Prozent aller Tests ein falsch-positives Ergebnis hätten. Damit wäre der Test für die meisten Zwecke völlig unbrauchbar, wie Lühmann in dem Artikel vorrechnete, wenn es nur wenige Infektionen gibt: Fast alle positiven Ergebnisse wären dann falsch-positiv.

Lühmann hatte sich in ihrem Artikel dabei auf einen Aufsatz im „British Medical Journal“ bezogen und behauptet, dass dessen Autoren einen derartigen Wert für realistisch gehalten hätten – dabei hatten diese ihn nur „zu illustrativen Zwecken“ herangezogen. Eigentlich ist schon seit Monaten klar, dass der Anteil der falsch positiven Ergebnisse viel geringer sein muss – denn insgesamt sind teils weniger als 1 Prozent aller Tests positiv.

Teils nur ein falsch Positiver bei 16.000 Tests

Doch dass ein erheblicher Teil hiervon falsch-positiv ist, wie Lühmann oder viele Verschwörungstheoretiker behaupten, ist offenbar falsch. Denn die Spezifität der PCR-Tests liegt über 99,9 Prozent, erklärt das RKI. Dies sagt auch Gregor Hörmann von der Med-Uni Wien auf Nachfrage von MedWatch. Hörmann ist auch Vereinsmanager der Österreichischen Gesellschaft für Laboratoriumsmedizin und Klinische Chemie. Bei Screening-Untersuchungen seien von rund 16.000 Proben nur elf positiv gewesen, sagt Hörmann – davon hätten sich zehn als richtig positiv herausgestellt. Dies entspräche einer Spezifität von gut 99,99 Prozent. Zwar fehlen bislang übergreifende, unabhängige Untersuchungen der Testgüte, doch ähnliches hatten auch andere Labore berichtet. „Ich wundere mich sehr, dass auch Ärzte solchen Unsinn in die Welt setzen“, sagte Drosten in einem Podcast der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu Berichten über hohe Anteile falsch-positiver Tests – und meinte damit eigentlich Mediziner wie Wodarg. In Laboren würde nicht einfach ein positiver Test gemeldet, sondern eine medizinische Diagnose gestellt und auch validiert. Das falsch-positives Ergebnis rausgingen „passiert so gut wie nie“, sagte Drosten.

Auf den Demonstrationen gegen die Einschränkungen zur Eindämmung von Covid-19 treten teils Ärzte neben Anhängern Reichsbürgern oder Anhängern der Verschwörungsideologie „QAnon“ auf. (Foto: hfd / MedWatch)

Wenn sehr wenige Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert sind und verdachtsunabhängig getestet wird, führe auch ein Test mit 99,9 prozentiger Spezifität zu mehr falsch- als richtig-positiven Befunden, erklärt das EbM-Netzwerk in seiner Stellungnahme – erst bei einer Spezifität von 99,99 Prozent könnte ein ungezieltes Testen halbwegs verwertbare Ergebnisse erzielen. Doch obwohl diese Werte offenbar nicht unrealistisch sind, ist die Empfehlung des Netzwerks drastisch: Neben repräsentativen Stichproben sollten Testungen „auf Hochrisiko-Gruppen beschränkt werden“, erklärt es. Dies hieße wohl, dass nur etwa sehr enge Kontaktpersonen mit klaren Symptomen getestet würden – und viele Infektionen unerkannt blieben.

Verschwörungstheorie vom EbM-Netzwerk?

„Die derzeitige Teststrategie und Informationspolitik erweckt eher den Anschein, dass die positiven Testergebnisse ohne Bezug zur Menge der durchgeführten Tests und ohne Bezug zur Bevölkerung benutzt werden, um die derzeitige Strategie zur Eindämmung der COVID-Pandemie zu rechtfertigen“, heißt es außerdem in der Stellungnahme. Viele Verschwörungstheoretiker dürften hier zustimmen. Die deutsche Teststrategie sei teuer und „mit hoher Wahrscheinlichkeit nutzlos“, heißt es weiter. Dass der frühere Anstieg der positiven Tests nicht mit einem Anstieg von in Kliniken behandelten Patienten verbunden ist „weckt doch erhebliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Tests“, schreibt das Netzwerk – während viele Experten dieses Phänomen damit erklären, dass zuletzt die positiv getesteten Personen im Durchschnitt deutlich jünger waren als im März oder April.

Das Deutsche Netzwerk für evidenzbasierte Medizin

Das EbM-Netzwerk wurde vor 20 Jahren gegründet und versteht sich selbst als „das deutschsprachige Kompetenz- und Referenzzentrum für alle Aspekte der Evidenzbasierten Medizin“. Seine Vision: „Alle Patientinnen und Patienten, Bürgerinnen und Bürger erhalten eine gesundheitliche Versorgung, die auf bester Evidenz und informierten Entscheidungen beruht.“ Das EbM-Netzwerk setzt sich ein für eine wissenschaftsbasierte Medizin – etwa in Stellungnahmen wie „Wissenschaft nicht durch politische Willkür ersetzen!“

Längere Passagen der Stellungnahme drehen sich auch um die Frage, wie viele der mit Sars-CoV-2 infizierten Personen versterben. Hierzu wurde lange Zeit die sogenannte Fallsterblichkeit kommuniziert, die von der Weltgesundheitsorganisation als Anteil der verstorbenen Menschen an der Zahl der erfassten Fälle definiert wird. Aufgrund der Dunkelziffer liegt dies deutlich über der so genannten Infektionssterblichkeit, also dem Anteil der verstorbenen an allen infizierten Menschen – da viele Infektionen nicht erfasst werden. Ähnlich wie oftmals auch Hendrik Streeck aus Bonn behauptet das EbM-Netzwerk, dass die Sterblichkeit lange viel zu hoch geschätzt wurde – obwohl es immer klar war und auch kommuniziert wurde, dass anfangs nur die Fallsterblichkeit geschätzt werden konnte und dass dies nicht mit der Infektionssterblichkeit zu verwechseln ist.

An mehreren Stellen verstrickt sich das EbM-Netzwerk in Widersprüche: Mal fordert es in der Stellungnahme, dass unbedingt die Dunkelziffer berücksichtigt werden müsse, mal berücksichtigt es diese selbst nicht – wenn es etwa darum geht, zu argumentieren, dass es sehr wenig infizierte Personen und womöglich viel mehr falsch-positive Tests gibt.

Korrekturen sind offenbar nicht geplant

Die Argumentationen des EbM-Netzwerks bezeichnete Drosten teils als „Neglect von wissenschaftlichen Prinzipien“, es gebe sehr viele Fehler. Dies sehen die nicht explizit genannten Autoren der Stellungnahme jedoch offenbar anders – in einer nicht explizit kenntlich gemachten Änderung wurde lediglich nach einigen Tagen ohne Begründung ein Halbsatz geändert: Demnach seien einschneidende Maßnahmen weiterhin nicht nötig, „sofern diese nicht durch hochwertige Forschung vorab geprüft oder parallel begleitet sind“. Vorher war stattdessen nur auf die übliche Hygiene verwiesen worden.

Und auch der Artikel der Vizevorsitzenden, die für Alltagsbedingungen eine Spezifität von 95 Prozent angenommen hatte, ist weiterhin online. „Der EbM-Netzwerk Vorstand stützt die Aussagen von Frau Lühmann“, erklärt die frühere Vorsitzende Ingrid Mühlhauser. Lühmann erklärte auf Anfrage, ihr sei es nicht darum gegangen, die Spezifität von PCR-Tests näher abzuschätzen, die kommunizierten Beispiele seien nur Rechenbeispiele gewesen. Es solle ein kritischer Leserbrief mit Replik erscheinen – eine Korrektur des Artikels ist offenbar nicht geplant.

Stellungnahmen treffen auf Widerhall

Derweil werden die Stellungnahmen schon vielfach in sozialen Medien geteilt – oft von Verschwörungstheoretikern, die sich hier offenbar bestätigt sehen. Auf den Artikel von Lühmann nimmt unter anderem ein Thesenpapier von mehreren Gesundheits- und Politikwissenschaftlern Bezug, die teils die Bundesregierung, den Bundestag oder das Robert-Koch-Institut beraten – hierunter der Kölner Gesundheitswissenschaftler Matthias Schrappe, der Leiter des Betriebskrankenkassen-Dachverbands Franz Knieps, der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel oder der Bremer Pharmazeut Gerd Glaeske, der auch Mitglied des MedWatch-Beirats ist. Das Team fordert eine kritischere Abwägung der ergriffenen Schritte zur Eindämmung von Covid-19.

Allerdings geht es in seiner Abschätzungen gleichfalls von einer Spezifität von 95 Prozent aus und bezeichnet diese als „hervorragend“, obwohl sie im Widerspruch zur Realität steht. Und obwohl die PCR-Tests nicht dem Ziel dienen, akute Infektiosität nachzuweisen – sondern nur eine aktuelle oder kürzliche Infektion auch dann, wenn Personen nicht mehr infektiös sind – sprechen sich die Forscher dafür aus, nur positive Tests von infektiösen Personen als korrekt zu werten. Und auch sie verstricken sich in ihrem Thesenpapier teils in Widersprüche. Nicht nur das EbM-Netzwerk nimmt es mit der Wissenschaftlichkeit also nicht so genau, offenbar politisch motivierte Interpretationen und Aussagen finden sich praktisch überall. Doch wenn der eigene Anspruch jener der Evidenz ist, dann wiegen falsche oder irreführende Aussagen besonders schwer.

Update vom 30.9.2020: Im Artikel hieß es zunächst, dass Klaus Püschel Pathologe sei. Dies wurde korrigiert.

Redaktionsteam

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18 Kommentare zu „Angesehener Fachverband verbreitet irreführende Infos und fragwürdige Empfehlungen

    1. Wenn er in Deutschland seinen Facharzt gemacht hat, dann ist die offizielle Bezeichnung „Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie“, ich meine auch dem ist so.

  1. Die Stellungnahme des EbM-Netzwerks hat gewiss handwerkliche Mängel, aber sollte wir uns nicht darauf versteifen immer die absolute Wahrheit oder Deutungshoheit für uns zu beanspruchen. Die Stellungnahme sollte in meinen Augen dazu beitragen auch kritischer mit den Fakten umzugehen und allen Seiten gehör zu schenken. Was auch bedeutet nicht nur Virologen das Wort zu überlassen. Zwei Punkte sind in meinen Augen entscheidend:
    1. Ist die PCR mit ihrer hohen Sansitivität ein geeignetes Screeninginstrument um asymptomatische Personen zu testen, die keine Krankheitssymptome zeigen und keinen Risikokontakt (Kontakt zu COVID-19-Fall oder Risikogebiete) hatten? Zumal der Test dann keine Aussage zur Infektiosität zulässt, bzw. die Ct-Werte von den meisten auch medizinischen Kollegen und den Gesundheitsämtern nicht betrachtet werden. Vor allem ist es sinnvoll diesen Test in einer Bevölkerungsgruppe ungezielt einzusetzen, die nachweislich mit einem sehr geringen Risiko schwer erkrankt?
    2. Dies führt auch direkt zu meiner nächsten Anmerkung. Der Einschätzung von individuellen Risiken und daraus folgernd von Risiken für die Gesamtpopulation. Prof. Marc Bonten (UMC Utrecht) hat für die Bevölkerung der Niederland berechnet, dass in der Altersgruppe der 20-29jährigen das absolute Risiko einer Hospitalisierung wegen COVID-19 bei 0,01% liegt (zu versterben bei 0,000015%). Vergleicht man jetzt dies mit der Gruppe der 70-79jährigen haben diese ein 20-fach erhöhtes Risiko hospitalisiert zu werden und ein 616-faches zu versterben (absolutes Risiko, 0,19%; 0,09%), verglichen mit der jungen Altersgruppe. In der Altersgruppe der 80-89jährigen steigt das Risiko relativ gesehen auf das 36-fache und zu versterben um das 3010-fache (absolutes Risiko, 0,35%, 0,45%). Nicht betrachte sind die aktuell nicht abschätzbare Langzeitschäden, die aber hauptsächlich nur die hospitalisierten Patienten betreffen. Rechtfertigen diese Zahlen die getroffenen Maßnahmen, wenn geeignetere, zielgerichtet Maßnahmen den gleichen präventiven Effekt hätten? Immer unter der Maßgabe einer nicht stattfinden Überlastung des Gesundheitssystems.
    Daraus abgeleitet wäre es nicht dann zielführend, die gesamte Strategie auf den Schutz der besonders Gefährdeten auszurichten, statt Maßnahmen und Einschränkungen mit wenig Evidenz für alle Teile der Bevölkerung umzusetzen. Die Tests könnten dann zielgenauer dort angewendet werden, wo auch eine erhöhtes Schutzniveau für gefährdete Teile der Population resultiert. Ebenso lassen wir jedem die individuelle Entscheidung, welches Risiko er eingehen möchte. Dort wo es notwendig ist, sollten evidenzbasierte Maßnahmen institutionalisiert werden (Krankenhaus, Pflegeheime, etc,), um für vulnerablen Gruppen das Schutzniveau direkt zu erhöhen, jeweils abhängig von der aktuellen epidemiologischen Lage.

    1. Besten Dank für den Kommentar. Ein paar Antworten:

      – Die Frage, wieviele falsch-positive Ergebnisse die PCR-Tests ergeben, ist eine interessante – bislang gibt es nur Abschätzungen hierzu. Es ist nicht leicht, systematische Erhebungen hierzu zu machen. Doch klar ist, dass die Spezifität sich in ganz anderen Bereichen als jenen der 95 % bewegt, die in den zwei Veröffentlichungen als unter Alltagsbedingungen realistisch hingestellt wird. Ob bei Screening von Populationen mit realistisch niedriger Prävalenz ein relevanter Teil der positiven Ergebnisse falsch sind, ist unklar – es sieht wohl eher nicht so aus. Es ist ja klar, dass ein positiver PCR-Test ein schlechter Indikator für die Infektiosität ist – das behauptet aber wohl auch niemand anders.
      – Welche Studien gibt es dazu, dass Langzeitschäden hauptsächlich/nur die hospitalisierten Patienten betreffen? Wenn “geeignetere” Maßnahmen denselben Effekt haben, dann sind diese natürlich vorzuziehen – doch was geeigneter ist, ist bislang halt kaum abzuschätzen. Sie schreiben: “Ebenso lassen wir jedem die individuelle Entscheidung, welches Risiko er eingehen möchte” – das lässt sich leider so nicht realisieren, da viele Menschen über ihr Risiko nicht selbst bestimmen können – so Menschen in Pflegeeinrichtungen, in denen junge Menschen arbeiten. Das Infektionsgeschehen unter jungen Menschen hat natürlich einen wesentlichen Einfluss auf Infektionen von älteren Menschen.

      1. Die PCR hat eine Spezifität und Sensitivität in der Praxis von fast 100%, jedenfalls sehen wir das aktuell so bei uns. Bei anderen Erkrankungen setzen wir die PCR auf Grund der Sensitivität ein, wenn wir Erkrankungen vermuten, also symptomatische Patienten haben, warum nicht auch bei SARS-CoV-2? Zielloses Testen von asymptomatischen, bringt in meinen Augen keinen Benefit. Ich würde ihnen widersprechen, was die Bewertung der PCR angeht, eine positive PCR die nichts zur Infektiosität aussagt, wird in der Praxis und der allgemeinen Bevölkerung mit infektiös gleichgestellt. Auch mild erkrankte können an Langzeitfolgen leiden, aber ich denke es ist die Minderheit, obwohl hier noch viel Forschungsarbeit notwendig ist. Das haben wir aber auch bei vielen anderen Infektionserkrankungen und stellt keine Besonderheit dar. Nur lenken wir jetzt die Aufmerksamkeit enorm darauf um die präventiven Maßnahmen auf Bevölkerungsebene hiermit zu begründen.
        Es gibt geeignetere Maßnahmen, z.B. kostenlose FFP-2 Masken für Risikogruppen, Antigentests oder POCT-PCR für Besucher und Personal in Pflegeheimen, Hygiene-Fachpersonal verpflichtend auch in Pflegeheimen, Schulungen des Pflegepersonals, ausreichende personelle Ausstattung von Gesundheitseinrichtungen. Alles Maßnahmen mit nachgewiesener Evidenz aus Jahrzehnten Krankenhaushygiene und Infektionsprävention. …und wirksamer als Altagsmasken im Supermarkt. Wir müssen dort intervenieren, wo Transmissionen stattfinden, die Familienfeiern und privaten Treffen kann der Staat nicht kontrollieren. Danach folgen die Gesundheitseinrichtungen und da müssen wir einfach konsequent die Maßnahmen umsetzen und schnelle Testmöglichkeiten haben. Hier nur als Beispiel, durch die „wenig zielführenden“ Tests bei Reiserückkehrer hat sich die Dauer der Befundübermittlung im Krankenhaus von 12 Stunden auf bis zu 48 Stunden erhöht.

  2. Wer Andersdenkende in die Ecke “Verschwörungstheoretiker” stecken will, ist offenbar nicht in der Lage, echte Argumente auszutauschen. Schade – wird auch hier praktiziert.

    Wer anerkannten Fachleuten unterstellt, diese würden irreführende/fragwürdige Aussagen machen und dies dann auch noch mit dem Urteil von sog. “Faktencheckern” begründen, dessen Artikel muss man nicht weiter lesen, denn es ist kein Fachartikel sondern Propaganda (lt. Kriterien dafür in der einschlägigen Fachliteratur).

    Gerade die sog. Faktenchecker, oftmals von ganz bestimmten Leuten finanzierte Nichtfachleute (allerdings mit einem Journalismusabschluss), deren Aufgabe es zu sein scheint, ausschließlich Regierungslinie zu halten, sind in der Regel weit von fachlicher Kompetenz entfernt zu verorten.

    1. Das EbM-Netzwerk hat sich in Sachen “übliche Hygiene” ja selbst schon korrigiert – dass etwa die angenommene Spezifität von 95 Prozent aus dem Artikel zum “anlasslosen Testen” völlig falsch ist, ist ja auch klar.

  3. @Fred Hotner

    Sie scheinen sich von der obigen Darstellung persönlich angegriffen zu fühlen. Subjektive Auffassungen und verletzte Eitelkeiten sind aber keine geeignete Basis für Aussagen zu wissenschaftlichen Sachverhalten und Streifragen.

    Auch “anerkannte Fachleute” können sich irren. Auch “anerkannte Fachleute” können eine persönliche, politische und sonstwie geartete Agenda verfolgen – das sollten sie zwar nicht, wenn sie möglichst objektiv wissenschaftlich arbeiten möchten, aber der Status “Fachexperte” feit weder gegen Irrtümer, persönliche Interessen und menschliches Versagen noch gegen Kritik.
    Außerdem erfolgt die Kritik an diesen “anerkannten Fachleuten” zumeist ebenfalls von “anerkannten Fachleuten”. Begründete und nach Möglichkeit evidenzbasierte Gegenpositionierungen und Kommentare sind in der Wissenschaft Gang und Gäbe. Das ist Teil des wissenschaftlichen Diskurses.

    Irrtümer, verkürzte und schlichtweg falsche Darstellungen zu korrigieren, ihnen widersprechende Befunde gegenüberzustellen und all dies einzuordnen, ist Inhalt und Aufgabe der von Ihnen so abgewerteten Faktenchecks im (wissenschafts-)journalistischen Bereich.

    Die ernstzunehmenden Faktenchecker, denen ich folge, machen sich in der Regel die Mühe, sachlich und nachvollziehbar zu argumentieren und seriöse, prüfbare Quellen und Belege für ihre Aussagen anzuführen.

    Mir fällt auf, dass viele es als regelrechten Angriff auf ihr Selbst zu werten scheinen, wenn Positionen entkräftet werden, die sich mit ihren persönlichen Ansichten decken.

    Es wäre hilfreich, solche Positionen als unabhängig vom eigenen Selbst zu begreifen und sie weniger emotional aufzuladen. Das erscheint mir umso wichtiger, je weniger man aufgrund fehlender eigener Expertise dazu imstande ist, Positionen angemessen zu bewerten und einzelnen davon den Vorrang zu geben.

  4. Guten Tag, und danke für Ihre Auseinandersetzung mit dem Text des EBM-Netzwerkes. Ich habe fünf Anmerkungen.

    1. Leider ist die Verwirrung allgegenwärtig. Alle, die sich öffentlich äußern, laufen Gefahr von der Wirklichkeit eingeholt zu werden, egal ob Drosten, Streeck, das Netzwerk oder die Gruppe um Schrappe und Glaeske, Sie und ich.

    2. Dass die Evidenz für viele Maßnahmen fehlt, ist ja kaum von der Hand zu weisen – obwohl sicherlich viele Anstrengungen unternommen werden. Doch (gute) Wissenschaft braucht Zeit und die Zahl der inzwischen zurückgezogenen Covid-19-Studien steigt.
    https://retractionwatch.com/retracted-coronavirus-covid-19-papers/
    Es ist inmitten der pandemischen Lage offenbar gar nicht so leicht, gute Wissenschaft zu produzieren. Da sei dem EBM-Netzwerk empfohlen, aus dem Klagemodus rauszukommen und zu zeigen, wie die Designs der geforderten Studien aussehen könnten. Wird nämlich sicher nicht so leicht, den Virus- und den resultierenden Gesellschafts-Pudding an die Wand zu nageln.

    3. Für eine Auseinandersetzung mit dem Text des EBM-Netzwerkes hätte ich mir eine bessere journalistische Einordnung gewünscht. Ist ja nicht alles doof, was in der Stellungnahme steht. Schon der Einstieg Ihres Textes beginnt mit der Bewertung – ohne zunächst die pros und cons etwas auszudifferenzieren. Schade.

    4. Es gibt Beifall von der falschen Seite für den EBM-Netzwerk-Text? Das ist in einer offenen Gesellschaft kaum zu vermeiden. Jede*r bedient sich dessen, was der Aufrechterhaltung des eigenen Weltbildes dient. Das ist eine Art psychischer Zwangshandlung, der sich jede*r nur mit Mühen und einer gewissen Introspektionsfähigkeit entziehen kann.
    Den ganzen Text so undifferenziert zu verdammen, hat leider auch dieses Geschmäckle.

    5. Herr Püschel ist Rechtsmediziner.

    Beste Grüße vom Zettmann

    Conflict of interest: Mitglied im EBM-Netzwerk.

    1. Hallo Herr Zettmann,

      besten Dank Ihnen noch für den Kommentar – leider hatten wir übersehen, ihn freizuschalten, daher folgen auch jetzt erst die Antworten:

      1. Genau – deshalb ist es wichtig, auf den aktuellen (Wissens-)Stand zu verweisen und dies im Auge zu behalten. Aber dass Spezifitäten für die PCR von 95% oder auch 99% nicht plausibel, sondern praktisch ausgeschlossen sind, ist ja bereits seit Monaten klar – daher verwundert es, dass das EbM-Netzwerk den Artikel mit diesen Annahmen veröffentlicht und er nicht korrigiert wird.

      2. Zustimmung.

      3. Es ging beim Artikel darum, aufzuzeigen, dass das EbM-Netzwerk falsche, irreführende, widersprüchliche oder unbelegte Aussagen in seinen Veröffentlichungen zu Covid-19 veröffentlicht – etwas, das ich so nun überhaupt nicht erwartet hätte und was seinen eigenen Ansprüchen natürlich zuwiderläuft. Verwundert war ich auch, dass das Netzwerk Fragen hierzu großteils bislang nicht beantwortet hat. Dass nicht alles doof ist, was in der Stellungnahme steht, ist im Artikel ja erwähnt – aber etwa die Forderung nach mehr Studien ist eben eine Binsenweisheit. Der Einstieg sollte aufzeigen, dass vielerlei Mediziner falsche oder irreführende Informationen zu Covid-19 verbreiten; vom EbM-Netzwerk hätte man dies wohl am wenigsten erwartet.

      4. Beifall von falscher Seite muss man ertragen, wenn die vorgebrachten Argumente stimmen. „Beifall“ dafür, dass es praktisch keine richtig-positiven Tests bei angenommen Spezifitätswerten von 95% oder 99% gibt, sollte man aufgrund der absurden Annahmen vermeiden. Dass viele der Forderungen aus dem Positionspapier sich für bessere Studien oder bessere Kommunikation stark machen, ist ja im Artikel erwähnt. Diese sind aber weder überraschend noch sonderlich ausgefeilt, wie Sie auch schrieben – konkrete Vorschläge für Studiendesigns hätte es ja auch schon im März geben können. Das Überraschende an der Stellungnahme ist für mich hingegen, dass sie derart viele Probleme enthält, dass die Änderung nicht klar kommuniziert wurde, oder dass das EbM-Netzwerk viele Fragen hierzu nicht beantwortet.

      5. Danke für den Hinweis, ist korrigiert.

      Schöne Grüße
      Hinnerk Feldwisch-Drentrup

  5. Ich finde das einen ziemlich schwachen Faktencheck. Rhetorische Fragen zu stellen ersetzt keine Argumente. Ein PCR-Test ist natürlich keine medizinische Diagnose, da kann Herr Drosten als nicht praktizierender Mediziner noch sehr mit dem Fuß auf dem Boden aufstampfen. Drei Links auf Artikel, die sich mit den Hintergründen zum Krankheitsgeschehen beschäftigen, machen nicht wett, dass in den täglichen Nachrichten der Pandemieverlauf mit der Fieberkurve der Neuinfektionen (also Neu-Positiv-Getesteten) abgebildet wird. Und natürlich wurde zu Beginn mit der Case-Fatality-Rate die Sterblichkeit massiv überschätzt, eben weil niemand Einblick in die Dunkelziffern hatte und entsprechende Studien dazu viel zu spät auf den Weg gebracht wurden. Die angeblich korrekte und klare Kommunikation fand nicht statt, weil diese darin bestanden hätte zu sagen “Wir können keine Zahlen angeben, weil wir die Dunkelziffern nicht kennen.” Aber Zahlen wirken halt so attraktiv objektiv und den Disclaimer liest dann doch keiner mehr (wie beim Kleingedruckten mit den Cookies, was man so wegdrückt…) Die 3,4% aus Wuhan sind ja noch jedem ein Begriff (die in der Öffentlichkeit auch nicht nach oben korrigiert wurden, als in Wuhan die Opferzahlen nach oben korrigiert wurden, aber da war China schon nicht mehr interessant) und wer sich daraus alles Horrorzahlen abgeleitet hat (schon vergessen, wir bräuchten 60% Durchseuchung auf 80 Mio. Einwohner mit 15% Hospitalisierung – da kam ja die Krankenhausüberlastung her – und geschätzter Tödlichkeit von 1% ergab die berühmte halbe Million Tote – da wurde selbst auf Drosten nicht gehört, der die IFR bei bis zu 0,8% sah, dann eben 400.000 Tote, denn wir griffen ja immer zur schlimmsten Annahme).
    Für eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem EbM-Papier (was wir ja dringend brauchen, diese Diskussion), wäre ein solcher Faktencheck erleichtert um die Polemik sicher hilfreich, es blieben aber wenig Fakten und viel Behauptung/Meinung übrig (nämlich was halt die andere Seite so meint, denn wenn es Evidenz gäbe, wäre das beim EbM schon angekommen…).
    Ich bin dann schon auf den Faktencheck gespannt, der den Aufsatz zur nichtvorhandenen Maskenevidenz zerlegt, der in der Fachzeitung für Hygiene erschien…

    1. Dass die Case-Fatality-Rate die Sterblichkeit überschätzt war ja eben von Anfang an völlig klar und wurde auch gesagt, wenn auch nicht immer. Ich glaube übrigens nicht, dass ein größerer Teil der Bevölkerung sich an Zahlen wie der erwähnten 3,4% aus Wuhan erinnert; Herr Wieler hat Ende Februar eine Sterblichkeit von 1 bis 2% erwähnt, was ja offenbar zumindest keine massive Überschätzung ist; Drosten hat in den Anfangstagen des Podcasts Werte von 0,1 bis 0,5% erwähnt. Das jetzt so darzustellen, dass Anfangs alles falsch dargestellt wurde, ist doch nicht evidenzbasiert.

      Dass Medien oftmals nicht gut gearbeitet haben ist klar, ich habe dies auch kritisch beleuchtet: https://uebermedien.de/48452/zahlen-kurven-trends-worauf-es-bei-corona-statistiken-ankommt/ – nur anders als in den Stellungnahmen des EbM-Netzwerks teils dargestellt gab es auch positive Beispiele, die pauschale Kritik finde ich da nicht hilfreich.

      Und dass das EbM-Netzwerk offensichtlich falsche Annahmen wie die einer Spezifität von 95% (unter Alltagsbedingungen) oder auch 99% (unter angeblichen “Laborbedingungen”) sowohl veröffentlicht als auch nicht korrigiert, widerspricht doch völlig den eigenen Ansprüchen.

  6. Ich muss mich der Kritik an den Faktencheck anschließen. Dieser funktioniert doch wie alle, die ich bisher zu den abweichend meinenden Experten wie Wodarg, Bhakdi, Püschel et al gelesen habe, nämlich nach dem Motto: Weil Experte A y behauptet, kann Experte B mit x nicht Recht haben (wie das der Rechtswissenschaftler Schwab in seinem umfangreichen Dossier “Meinungsfreiheit und wissenschaftlicher Diskurs in der
    Corona-Krise” formuliert hat). Nichts zur Sache tragen Verweise bei, dass Verschwörungstheoretiker sich diese Einschätzungen zunutze machen, dienen aber dafür der Diffamierung und behindern freies Denken und Forschen, weil sie nur Distanzreflexe provozieren. Auch das Einstreuen von Adverben wie “sogar” in der Formulierung, wie etwa das Netzwerk “erklärte zeitweilig sogar, derzeit seien keine einschneidenden Maßnahmen nötig, die über die übliche Hygiene hinausgehen” , vermittelt suggestiv eine Grenze des Erlaubten, die vom Netzwerk offenbar überschritten worden ist, ohne dass ich am weiteren Text ein Argument finde, was an dieser Aussage grundsätzlich falsch im Sinne von aberwitzig, verboten oder `Wie-können-die-nur?` sein soll. Schließlich argumentiert das Netzwerk auf der Basis der Forderung, dass nur evidenzbasierte Erkenntnisse solche einschneidenden Maßnahmen rechtfertigen können . Und dass es bezüglich der NPIs nur geringe Evidenz gibt, wird ja selbst von Ihnen nicht bestritten.

    Mir scheint, dass sich Wissenschaftsjournalismus mal selber hinterfragen sollte. Ich verstehe deren Aufgabe so, komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge auf einfache Weise zu erklären. Hier lassen sich aber Wissenschaftsjournalisten in die Rolle eines Türstehers drängen, der darüber entscheiden soll, wer jetzt “Recht” hat und Zugang in den wissenschaftlichen Diskurs in den Medien bekommen soll und wer nicht. Soviel verstehe ich als medizinischer Laie als studierter Philosoph von Wissenschaft aber schon, dass es in den wenigsten Fällen wissenschaftlichen Streits um das Bestreiten von Fakten geht, sondern um die Einschätzung derselben. So bestreitet Wodarg etwa (um mal den Lord Voldemort der Experten zu benennen, dessen Name man nicht mehr nennen darf, ohne selbst ins mediale Totenreich der Verschwörungstheoretiker verbannt zu werden) z.B. gar nicht die Neuheit des Sars Cov II, wie vielerorts von Fakteencheckern behauptet wurde, ordnet sie nur anders als Drosten ein (nämlich als Mutation der Corona-Viren). Eine objektive Aussage, wer also Recht hat, lässt sich wissenschaftlich seriös gar nicht treffen und ist daher selbst unwissenschaftlich und dient nur der Eindämmung des offenen wissenschaftlichen Diskurses.

    Ich würde mich freuen, wenn Wissenschaftsjournalisten sich (wieder?) in den Dienst des wissenschaftlichen Diskurses stellen würden, was konkret heißt: Die unterschiedlichen wissenschaftlichen Einschätzungen und Positionen zum Virus und zu den Maßnahmen verständlich erläutern und es dem Leser selbst zu überlassen, welcher Meinung er folgen will, oder nicht.

    1. Hallo Herr Müllers,

      danke für Ihren Kommentar. Zu den Punkten:

        Aussagen von Experten muss man natürlich immer dahingehend prüfen, ob diese belegt und richtig sind.
        Aussagen sind natürlich nicht deshalb falsch, wenn Verschwörungstheoretiker sie für ihre Zwecke nutzen – aber man kann und sollte meines Erachtens durchaus darauf hinweisen, wenn falsche Aussagen eigentlich angesehener Experten von Verschwörungstheoretikern für ihre Zwecke eingesetzt werden.
        Die Aussage, dass keine einschneidenden Maßnahmen nötig sind, “die über die übliche Hygiene hinausgehen”, ist ja äußerst pauschal und vom EbM-Netzwerk inzwischen korrigiert – wenn auch nicht in transparenter Weise. Es handelt sich meines Erachtens nicht um eine “wissenschaftliche” Aussage, da sie pauschal, unbelegt und nicht näher spezifiziert ist.
        Komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge einfach zu erklären ist ein Teil, aber nicht der Kern des Wissenschaftsjournalismus (auch PR-Leute erklären) – Aufgabe von Journalisten ist die kritische Reflexion und Einordnung. Hier eben auch: Es ist ausgeschlossen, dass die vom EbM-Netzwerk verbreiteten Spezifitätswerte von 95% oder 99% plausibel oder zutreffend sind – hierbei handelt es sich ja nicht um begründete Einschätzungen, sondern um klare Falschinformationen.
        Viele Wissenschaftsjournalisten, die ich kenne, hinterfragen ihre Arbeit durchaus regelmäßig – etwa innerhalb der Wissenschaftspressekonferenz oder der jährlichen Tagung “Wissenswerte”. Seien Sie herzlich willkommen!

      Schöne Grüße
      Hinnerk Feldwisch-Drentrup

  7. Sehr geehrter Herr Feldwisch-Drentrup,
    Sie bezeichnen Frau Dr. Lühmann und andere Kolleginnen aus dem DNEbM als VerschwörungstheoretikerInnen und bringen Sie in Zusammenhang mit Esoterikern etc. Ist das guter Wissenschaftsjournalismus? Welche Kriterien zeichnen denn Verschwörungstheorien aus und wie viele davon sind hier erfüllt?
    Eigentlich kritisieren Sie ja die Annahmen in einem Rechenmodell, dass Frau Lühmann – wohlgemerkt in einem anderen Artikel und nicht in der Stellungnahme – als Rechenbeispiel nutzt. In der Stellungnahme selbst werden Werte für die Spezifität einmal 99,9% und einmal 99,99% angegeben. Die Argumentation zielt auf den Positiv Prädiktiven Wert (PPV).
    Darf ich Sie fragen, von welcher Testgüte des PCR-Tests Sie ausgehen und auf welche Quelle Sie diese stützen? Haben Sie versucht, mit den von Ihnen angenommenen Werten für Sensitivität, Spezifität und Prävalenz den PPV zu berechnen? Ich komme auf Werte zwischen 4 und 42%. Würde ein solcher PPV ein flächendeckendes Screening rechtfertigen? Antworten auf diese Fragen wären doch der Anfang einer konstruktiven Diskussion.
    Ebenso faktenbasiert könnte man versuchen, den Nutzen der nichtmedikamentösen Maßnahmen (“social distancing”, Schulschließungen, Masken, …) gegen ihren möglichen Schaden aufzuwiegen.
    Wir Vertreter der Evidenzbasierten Medizin neigen dazu, die großflächige Einführung gesundheitsorientierter Maßnahmen, für die der Nutzen (noch) nicht nachgewiesen ist, entweder sehr kritisch zu sehen oder bessere Studien zu fordern. Dasselbe gilt für nicht oder nicht ausreichend validierte Tests. Dafür bekamen wir in den vergangenen Jahren viel Zuspruch. Tun wir dies nun im Rahmen der Pandemie, werden wir mitunter als Verschwörungstheoretiker hingestellt. Das ist schade.
    Viele Grüße
    Fritz Scheibler

    1. Hallo Herr Scheibler,

      danke Ihnen für den Kommentar. Zu Ihren Punkten:
      – Im Artikel wird Frau Lühmann nicht als eine Verschwörungstheoretikerin bezeichnet. Die Aussage aus dem Positionspapier, dass die Teststrategie und Informationspolitik den Anschein erwecke, dass die positiven Testergebnisse ohne Bezug zur Menge der durchgeführten Tests und ohne Bezug zur Bevölkerung benutzt würden, um die derzeitige Strategie zur Eindämmung der COVID-Pandemie zu rechtfertigen, finde ich sehr fragwürdig und auf der Ebene einer Verschwörungstheorie. Ähnliche Annahmen wie jene von Frau Lühmann, die für die “Alltagsbedingungen” eine Spezifität von 95% angesetzt hat, werden wie geschrieben auch von Verschwörungstheoretikern genutzt – aber deshalb muss sie ja keine sein.
      – Im Artikel geht es nicht nur um die verschiedenen Stellungnahmen, sondern auch um den Artikel zum “Anlasslosen Testen”, den das EbM-Netzwerk bis heute nicht korrigiert hat (https://www.ebm-netzwerk.de/de/medien/pdf/ebm-9_20_kvh_journal_anlassloses-testen.pdf); der Wert von 95% wird dort als plausibel hingestellt (“Alltagsbedingungen”; falsches Zitat, dass BMJ-Autoren den Wert für realistisch hielten), obwohl er offenkundig völlig unplausibel und unmöglich ist. In der Stellungnahme wird als einziger begründerter Wert eine Spezifität von 98,6% genannt, die höheren Werte werden dort als spekulativ eingeführt (“auch ein Test mit einer 99,9%igen Spezifität”). Zur Spezifität habe ich kürzlich nochmal geschrieben: https://medwatch.de/2020/10/16/sind-viele-corona-tests-nicht-einfach-falsch-positiv/ Es ist völlig klar, dass der PPV bei schlechter Spezifität und niedriger Prävalent sehr ungünstig sein kann – aber es macht meines Erachtens keinen Sinn, hier über hypothetische und offensichtlich falsche Werte zu spekulieren (95%, 98,6%, 99%). Es gibt außerdem meines Wissens nach praktisch niemand, der ein flächendeckendes Screening für gerechtfertigt hielte. Aber mit den völlig falschen Annahmen für die Spezifität (95%, 98,6%, 99%) ist das EbM-Netzwerk doch offensichtlich auf einem falschen Gleis.
      – Für faktenbasierte Nutzen-Risiko-Abwägungen bin ich jederzeit zu haben – doch stattdessen erklärte das Netzwerk pauschal, es seien keine einschneidenden Maßnahmen nötig, “die über die übliche Hygiene hinausgehen”. In der derzeitigen Lage gibt es das schwierige Problem, dass es für viele Fragestellungen keine guten Studien gibt; Testungen auf Hochrisiko-Gruppen zu beschränken, wie das Netzwerk es empfiehlt, halten sehr viele Experten in Deutschland wie auch vielen anderen Ländern offenkundig für einen völlig falschen Weg.

      Bessere Studien zu fordern ist immer richtig und unterstützenswert. In den Veröffenltichungen des EbM-Netzwerks zu Covid-19 gibt es jedoch verschiedene Falschaussagen, unbelegte und widersprüchliche Behauptungen. Angesichts der ansonsten in der Regel ja guten Arbeit des Vereins hat mich das sehr verwundert.

      Schöne Grüße
      Hinnerk Feldwisch-Drentrup

  8. Lieber Herr Feldwisch-Drentrup,
    vielen Dank für Ihre Antwort. Aus Ihrem ersten Spiegelstrich lese ich immerhin einen etwas umständlichen Versuch einer Teil-Entschuldigung heraus, auch Ihnen erneut ein Bezug zu Verschwörungstheorien herausgerutscht ist.
    Sie bleiben mir jedenfalls die Antwort schuldig, von welcher Sensitivität und Spezifität des PCR-Tests Sie persönlich aktuell ausgehen (Bei welchen Grenzwert für den Test? In welcher Population?).
    Mit großem Interesse habe ich Ihren Artikel zur Testgüte des PCR-Tests gelesen. Tatsächlich berücksichtigen Sie jedoch keinerlei methodische Kriterien, die bei der Validierung von medizinischen Tests üblicher Weise der Standard sind (nachzulesen z.B. im „Memorandum“ des GMDS 1990). Alle von Ihnen angeführten Studien bzw. Testreihen entsprechen frühen explorativen Phasen der Testvalidierung. Auf den Hinweis von Herrn Strasser (Kommentar zu Ihrem Artikel), dass für einen „validierten“ Test ein prospektiv festgelegter Grenzwert vorhanden sein muss, sind Sie in Ihrer Antwort nicht weiter eingegangen. Auch werden Tests üblicher Weise in sogenannten Phase 3 Studien in nicht-selektionierten Populationen durchgeführt („freiwillige Tests an hessischen Lehrern“ entsprechen diesem Kriterium jedenfalls eher nicht). Üblicher Weise wird des Weiteren ein sogenannter Goldstandard definiert. All dies ist mir aus Ihren Ausführungen noch unklar. Wenn Sie von einer Spezifität von „mindestens 99,99%“ ausgehen, drängt sich dem Leser die Frage nach der möglichen Präzision dieser Schätzung auf. Ein Konfidenzintervall von 0,005% (um diese Aussage statistisch abzusichern) würde eine beachtliche Stichprobengröße erfordern. Ist das Alles in den von Ihnen angegebenen Studien gegeben?
    Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: es ist klar, dass in der aktuellen Krisensituation all diese Kriterien noch nicht erfüllt sein können. Dafür trägt niemand die Schuld. Trotzdem ergibt sich für die heute angenommene Testgüte des PCR-Tests aus meiner Sicht ein beträchtliches Unsicherheitsspektrum. Jemanden (oder einen ganzen Fachverband) in irgendeine „Ecke“ zu stellen, der aufgrund der (noch) sehr unsicheren Datenlage für seine/ihre Sensitivitätsanalysen etwas größere Spannen annimmt, als Sie dies offensichtlich für richtig halten, ist m.E. wenig hilfreich.
    Vorschlag:
    Würden Sie uns Lesern Ihre persönliche Schätzung von Se und Sp des PCR-Tests verraten, könnte man mit der aktuell angenommenen Prävalenz für Deutschland (oder bestimmter Teilpopulationen) und Ihren angenommenen Testgütekriterien einen Positiv Prädiktiven Wert berechnen. Bei Unsicherheiten bzgl. der Sicherheit der Schätzer für Se, Sp und Präv würde man anschließend ein paar Sensitivitätsanalysen berechnen, um die Auswirkungen möglicher Fehler der Annahmen abschätzen zu können. Danach könnte man erste Aussagen über den Informationsgehalt des Tests wagen (ganz zu schweigen von seinem „Nutzen“, dafür bedarf es noch ganz anderer Studien; s. „Memorandum“).
    „Testungen auf Hochrisiko-Gruppen zu beschränken, wie das Netzwerk es empfiehlt, halten sehr viele Experten in Deutschland wie auch vielen anderen Ländern offenkundig für einen völlig falschen Weg.“ Auch diese Aussage ist sehr pauschal. Welche Zielgruppe ist denn nach Ihrer Meinung die Richtige (unser Gesundheitsamt hat dafür jedenfalls noch keine klare Antwort)? Welcher PPV würde sich voraussichtlich in der von Ihnen vorgeschlagenen Gruppe ergeben?
    Guter Medizinjournalismus ist leider schweißtreibend, evidenzbasierte Medizin ebenfalls.
    Viele Grüße

    1. Hallo Herr Scheibler,

      wie gesagt habe ich Frau Lühmann oder andere Personen im Artikel nicht als Verschwörungstheoretiker bezeichnet, sondern dort eben geschrieben, dass die Aussage fragwürdig ist, dass die positiven Testergebnisse .. benutzt würden, um die Strategien zu rechtfertigen. Einer Entschuldigung bedarf es entsprechend nicht.

      Dass etwa der von Drosten et al. entwickelte PCR-Test auf SARS-CoV-2 validiert wurde, ist ja wohl unstrittig (siehe zum Beispiel https://www.eurosurveillance.org/content/10.2807/1560-7917.ES.2020.25.3.2000045); genauso, dass umfangreiche Untersuchungen nicht vorliegen. Eindeutig ist, dass die in Publikationen des EbM-Netzwerks als plausibel hingestellten Werte für die Spezifität (95%, 98,6%, 99%) unsinnig sind, und dass diese offenbar erheblich höher liegt.

      Das RKI empfiehlt seit jeher Tests an symptomatischen Menschen vorzunehmen, es kann hier jedoch auch gute Ausnahmen geben. Es ist meines Erachtens nach unstrittig, dass eine Infektion mit SARS-CoV-2 mit einer so hohen Spezifität möglich ist, dass auch in Populationen mit niedriger Prävalenz nur verhältnismäßig wenig falsch-positive Ergebnisse erzielt werden. Ob dies in jedem Labor so erfolgt, darf gerne bezweifelt werden – aber insgesamt ist die Relevanz dieser Fragestellungen angesichts der Datenlage in meinen Augen niedrig und Vorstellungen völlig irrig, ein größerer Teil der positiven Tests sei falsch-positiv.

      Schöne Grüße
      Hinnerk Feldwisch-Drentrup

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