Fragen und Antworten zu Covid-19 Sind viele Corona-Tests nicht einfach falsch positiv?

Foto von einem Nasenabstrich bei einem Mann
(Foto: Raimond Spekking / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Viele Leserinnen und Leser fragen, ob es nicht sein kann, dass ein großer Anteil aller positiven Tests falsch ist. Für unsere Aktion zu Fragen und Antworten zu Corona recherchierten wir hierzu – und kommen zu einem recht klaren Ergebnis.

Handelt es sich bei Covid-19 in Deutschland nicht teils um eine Fake-Pandemie, die durch falsch-positive Tests hervorgerufen oder zumindest übertrieben dramatisiert wird? Dies behaupten nicht nur Verschwörungstheoretiker, sondern auch angesehene Wissenschaftler etwa vom Deutschen Netzwerk evidenzbasierte Medizin (EbM-Netzwerk) stellten dies als plausibel hin. Klar ist: Jeder Test – und so auch der für Covid-19 verwendete PCR-Test – kann beispielsweise durch Verwechslungen oder technische Probleme falsche Ergebnisse liefern. Sowohl falsch-positive wie auch falsch-negative. Und wenn es unter den getesteten sehr wenig infizierte Menschen gibt und die sogenannte Spezifität des Tests nicht gut genug, kann ein größerer Teil der positiven Ergebnisse falsch sein.

Was sind Sensitivität und Spezifität?

Die PCR-Tests sollen feststellen, ob das Erbgut des Virus SARS-CoV-2 in einer Probe vorliegt und sich der getestete Mensch also infiziert hat. Falls es eine Ansteckung gegeben hat, kann der Test entweder korrekt-positiv sein – oder falsch-negativ, wenn er nicht anschlägt, obwohl der Mensch sich infiziert hatte. Falls er sich nicht ansteckt hatte, kann der Test entweder korrekt-negativ sein – oder falsch-positiv, wenn dieser trotzdem anschlägt.

Die Sensitivität des Tests entspricht dem Anteil der infizierten Personen, bei denen der Test korrekt-positiv ist. Die Spezifität misst, ob der Test nur bei infizierten Menschen anschlägt: Sie berechnet sich als Anteil der korrekt-negativen Tests unter allen Tests, die bei nicht-infizierten Menschen durchgeführt wurden. Die Spezifität ist demnach 100 Prozent, wenn es keine falsch-positiven Testergebnisse gibt.

Ist also ein Großteil der positiv getesteten Menschen eigentlich völlig gesund? Nach einer Anfrage von MedWatch veröffentlichte das Robert-Koch-Institut (RKI) kürzlich Informationen zur Zahl der infizierten Menschen, die typische Corona-Symptome aufweisen. In den ersten Wochen von Covid-19 in Deutschland meldeten die Gesundheitsämter teils für über 96 Prozent der positiv Getesteten, für die Angaben zum Krankheitszustand vorlagen, dass sie typische Symptome aufweisen. Im Sommer waren dies teils nur für rund 75 Prozent bis 66 Prozent der Fall – doch in den vergangenen Wochen stieg der Anteil wieder auf über 80 Prozent. Allerdings sind die Meldungen der Ämter oft nicht vollständig: Für rund jeden vierten bis jeden dritten Fall melden diese keine Informationen zum Krankheitszustand – also weder ob Symptome vorliegen noch ob keine Symptome vorliegen. Gleichzeitig werden Symptome, die erst einige Zeit nach dem Test auftreten, offenbar oftmals nicht nachgemeldet.

Die Zahlen zeigen: Im Sommer wurden viel mehr junge Menschen ohne Symptome oder mit leichten Verläufen getestet als im Frühjahr – damals konnten viel weniger Personen getestet werden. Da sich in den letzten Monaten ältere Menschen viel seltener angesteckt haben als im Frühjahr, sind die Hospitalisierungs- und Sterberaten derzeit niedrig.

Tausende Tests müssten falsch-positiv sein

Doch wie oft sind die PCR-Tests nun falsch positiv? Umfassende Studien fehlen bislang. Wissenschaftler wie das EbM-Netzwerk oder auch der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts gingen in Publikationen teils davon aus, dass gut 98 Prozent oder gar nur 95 Prozent aller Tests bei Menschen ohne Corona-Infektionen auch negativ sind. Doch diese beiden Spezifitäts-Werte wären sehr schlecht – und widersprechen völlig der Realität: Bei den derzeit wöchentlich gut einer Millionen Tests müssten entsprechend 20.000 oder gar 50.000 Tests falsch-positiv sein, doch so viele positive Tests gab es in den letzten Wochen gar nicht. Teils waren laut RKI-Veröffentlichungen nur 0,6 Prozent aller Tests überhaupt positiv, die korrekt-positiven miteingeschlossen. Die Spezifität muss also deutlich über 99 Prozent liegen.

Die PCR-Tests wurden so entwickelt, dass sie Abschnitte des Virus-Erbguts detektieren, die nur bei SARS-CoV-2 existieren – sodass die Tests tatsächlich sehr spezifisch sind. Bei Auffälligkeiten, die etwa auf Kontaminationen hindeuten, führen Labore in der Regel Kontrolluntersuchungen durch. So gehen das RKI und Laborspezialisten davon aus, dass die Spezifität über 99,9 Prozent liegt. Gregor Hörmann von der Med-Uni Wien, der auch Vereinsmanager der Österreichischen Gesellschaft für Laboratoriumsmedizin und Klinische Chemie ist, erklärte gegenüber MedWatch, dass bei Screening-Untersuchungen nur elf von rund 16.000 Proben positiv gewesen seien – davon hätten sich zehn als richtig positiv herausgestellt. Dies entspricht einer Spezifität von gut 99,99 Prozent. Bei freiwilligen Tests an hessischen Lehrern waren von über 46.000 Tests sechs positiv, was demselben Wert entspricht – oder gar 100 Prozent, wenn alle sechs korrekt-positiv waren. Und in Mecklenburg-Vorpommern waren laut dem dortigen Landesamt für Gesundheit und Soziales im Juni von 61.498 Abstrichen nur 50 positiv, was einer Quote von 0,08 Prozent entspricht.

Falsch-negative Tests könnten das relevantere Problem sein

Auch wenn die Spezifität zwischen Laboren etwas variieren mag, so ist es dennoch augenscheinlich unplausibel, dass ein größerer Teil der positiven Tests falsch ist. Für das Verständnis des Infektionsgeschehens könnten ohnehin die falsch-negativen Tests wichtiger sein: PCR-Tests haben zwar eine sehr hohe Sensitivität – sie detektieren das Virus also äußerst zuverlässig, auch wenn es nur in sehr geringen Mengen vorliegt. Doch in der Frühphase einer Infektion lässt es sich teils noch nicht nachweisen, sodass infizierte Personen teils negativ getestet und manchmal bei der Kontaktnachverfolgung übersehen werden. So können sie zu unerkannten Infektionsquellen werden, wenn die Ansteckung nicht später noch bekannt wird.

Sie können uns gerne auch Ihre Fragen an kontakt@medwatch.de schicken.

Das Projekt wird von der Robert-Bosch-Stiftung unterstützt.

Redaktionsteam

Um unabhängig recherchieren zu können, brauchen wir Ihre Hilfe.

Unterstützen Sie jetzt unser Crowdfunding auf der Plattform Steady.

12 Kommentare zu „Sind viele Corona-Tests nicht einfach falsch positiv?

    1. Hier im Artikel geht’s ja um die Frage, ob ein relevanter Teil der Tests falsch-positiv sind. Die bislang geringe Zahl der Todesfälle lässt sich ja damit erklären, dass viel mehr junge, vergleichsweise leicht erkrankte Menschen positiv getestet wurden. Mit den aktuellen Anstiegen der Infektionen unter älteren Menschen ist absehbar, dass die Zahl der Todesfälle auch deutlich steigen wird – doch passiert dies eben mit einigen Wochen Verzögerung. Die Zahl der hospitalisierten Patienten ist in den letzten Wochen zusammen mit den Infektionszahlen wieder deutlich gestiegen (Tabelle 3 in https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Okt_2020/2020-10-13-de.pdf?__blob=publicationFile).

    1. Hier im Artikel geht’s ja um die Frage, ob ein relevanter Teil der Tests falsch-positiv sind. Die bislang geringe Zahl der Todesfälle lässt sich ja damit erklären, dass viel mehr junge, vergleichsweise leicht erkrankte Menschen positiv getestet wurden. Mit den aktuellen Anstiegen der Infektionen unter älteren Menschen ist absehbar, dass die Zahl der Todesfälle auch deutlich steigen wird – doch passiert dies eben mit einigen Wochen Verzögerung.

  1. Sie übersehen bei Ihrer Recherche, dass es für den PCR-Test kein standardisiertes Verfahren gibt. Jedes Labor bestimmt selbst, ab wann jemand als positiv gilt. Die Labors validieren ihre Tests in der Regel selbst.
    Sie berücksichtigen auch mit keinem Wort den Ct-Wert. Es gibt keinen festen Wert, bei dem man den Cut-Off zur Infektiösität setzt. Es gibt Wissenschaftler, die gehen von 17, andere von 24 oder 30 aus. Kein seriöser Wissenschaftler geht bei einen Ct-Wert von über 30 von einer Infektion aus. In den deutschen Labors wurden zuletzt Werte von über 40, teilweise über 45 noch als positive Fälle gewertet. Da jedes Labor eigene Tests benutzt und Sie nicht wissen, wie der Ct-Wert bei den von Ihnen genannten Beispielen gesetzt wurde, können Sie diese Ergebnisse nicht auf PCR-Tests allgemein übertragen. Das ist ein schwerwiegender Fehler in Ihrer Recherche, der zu der ganz falschen Annahmen führt, dass die PCR-Tests generell fast 100% genau sind.

    1. Hallo Herr Strasser,

      dass die Spezifität zwischen Laboren leicht variieren kann, habe ich ja im Artikel geschrieben – dennoch ist es ja möglich, abzuschätzen, wie plausibel es ist oder inwiefern es möglich ist, dass ein relevanter Teil aller positiven Tests in Deutschland falsch ist.

      Mit der PCR wird bestimmt, inwieweit eine Infektion mit SARS-CoV-2 vorliegt – dies ist unter anderem zur Eindämmung per Kontaktnachverfolgung und zum Verständnis der epidemiologischen Lage sehr wichtig. Die Frage der Infektiosität ist auch relevant und interessant, doch gibt es hier noch keine etablierten Standards – auch wenn es an höheren Cycle Thresholds natürlich plausibel ist, dass Menschen nicht mehr infektiös sind.

      Schöne Grüße
      Hinnerk Feldwisch-Drentrup

      1. Mir wird nicht klar, wie man über die Plausibilität eines Tests urteilen kann, bei dem man nicht weiß, wie die Ergebnisse zustande kommen, da ein entscheidender Parameter nicht angegeben wird. Die NYT ging in einem Artikel davon aus, dass 3/4 der Positivfälle einen Ct-Wert von über 30 hatten und man bei diesen Fällen nicht von einer Infektion sprechen kann.
        Das würde bedeuten, dass man allein durch das Setzen eines anderen Cut-Off-Wertes 75% falsch positive Fälle hätte. Das führt doch die Aussage über die Spezifität des Tests ad absurdum, wenn es keine wissenschaftlich belegte Grundlage für diesen Wert gibt und der willkürlich vom Testlabor selbst gesetzt wird. Eine realistische Einschätzung für die falsch-positiv-Quoten können Sie nur abgeben, wenn Sie wissenschaftlich belegen, ab welchem Ct-Wert man von einer Infektion sprechen kann und dann herausfinden, wie hoch der Anteil derjenigen ist, die über diesem Wert liegen. Bis dahin ist die Zahl der PCR-Test-Positiven reine Kaffeesatz-Leserei.
        Der Test wurde übrigens entwickelt, um bei Kranken einen verantwortlichen Erreger festzustellen, nicht um eine epidemiologische Lage einzuschätzen. Wenn ich das richtig sehe, hat Drosten das daraus gemacht.

        1. Hallo Herr Strasser,

          der PCR-Tests wird zur Feststellung von Infektionen genutzt, indem Virus-Erbgut detektiert wird. Um die Frage der Infektiosität geht es hier nicht, für diese gibt es noch keine allgemein etablierten Verfahren. Die Frage der Infektiosität ist natürlich interessant und wichtig, jene der Infektion jedoch gleichfalls – so für die Kontaktnachverfolgung. Ob Virus-Erbgut und somit eine Infektion vorliegt lässt sich mit dem PCR-Test wie im Artikel beschrieben sehr zuverlässig bestimmen. Anders als Sie schreiben, ging es im Artikel der New York Times eigentlich nicht um die Frage, ob eine Infektion vorliegt, sondern insbesondere um die Frage, ob Personen infektiös sind.

          Schöne Grüße
          Hinnerk Feldwisch-Drentrup

  2. Hallo,

    bitte nennen Sie die Primär-Quellen inkl Link für folgende Aussagen:
    1) So gehen das RKI und Laborspezialisten davon aus, dass die Spezifität über 99,9 Prozent liegt.
    2) Gregor Hörmann von der Med-Uni Wien, … , erklärte …, dass bei Screening-Untersuchungen nur elf von rund 16.000 Proben positiv gewesen seien – davon hätten sich zehn als richtig positiv herausgestellt. Wo ist das veröffentlicht?

    MfG

  3. Gehen wir von einer für einen PCR-Test sehr hohen Spezifität von 99,9 Prozent aus und testen 100.000 gesunde Personen. Dann können davon 100 Personen gesund sein und dennoch als COVID19 positiv eingestuft werden.
    Wie kann unsere Politik dann Grenzwerte von 35 bzw. 50 ” positiv Getestete” als Maßstab für ihre Entscheidungen nutzen?

    1. Hallo,

      eine Spezifität von 99,9 Prozent wäre für die “Corona-PCR” nicht sehr hoch, wahrscheinlich liegt sie – wie im Artikel dargelegt – deutlich höher.

      Bei den 100.000 Menschen handelt es sich um ein Missverständnis: Die Schwellwerte von 35 oder 50 Fällen beziehen sich auf 100.000 Einwohner – nicht auf 100.000 Tests. Es wird ja nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung getestet.

      Schöne Grüße
      Hinnerk Feldwisch-Drentrup

Wir freuen uns über kritische Kommentare, Feedback und Vorschläge. Wir bitten darum, Kommentare sachlich zu halten und auf Beleidigungen zu verzichten – und behalten uns vor, Kommentare ansonsten nicht zu veröffentlichen. Bitte belegen Sie Ihre Aussagen nach Möglichkeit auch mit Links oder anderen Verweisen. Wir prüfen alle Kommentare vorab und schalten sie frei - insbesondere am Abend oder am Wochenende geschieht dies teils zeitverzögert. Besten Dank und schöne Grüße vom MedWatch-Team!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.