Verbreitung von Mythen Wie Kommunen Stimmung gegen das Impfen machen

(Screenshot des Elternratgebers)

In Elternratgeber einiger Städte wie Limburg oder Bad Nauheim finden sich äußerst fragwürdige Informationen: So sei es für Kinder besser, Krankheiten wie Röteln durchzumachen. Nach Anfrage von MedWatch wurden die Aussagen teils verteidigt, teils wurden Seiten aus dem Ratgeber entfernt.

„Gesund groß werden“ ist das Kapitel im Elternbegleitbuch überschrieben. Es geht auch um Impfungen: „Generell besteht in Deutschland keine Pflicht zu impfen“, heißt es – angesichts der seit Anfang des Monats geltenden Masernimpfpflicht etwas veraltet. Jeder könne sich selbst entscheiden, ob er sich oder sein Kind impfen lässt, sagt das Elternbegleitbuch. Es gibt Argumente fürs Impfen – so schützten Impfungen vor dem Risiko, durch Krankheiten wie Diphtherie oder Polio geschädigt zu werden oder zu sterben. Bei einer guten Durchimpfung der Bevölkerung könnten Krankheiten stark eingedämmt oder ausgerottet werden, schwere Komplikationen durchs Impfen seien selten. Und: „Impfungen sind für den Staat billiger als die Folgeschäden.“

Vermeintliche Argumente gegen das Impfen kommen direkt im Anschluss. „Eine durchgemachte Kinderkrankheit bietet im Gegensatz zur Impfung meist einen lebenslangen Schutz (zum Beispiel Röteln)“, heißt es etwa – und der Zeitpunkt für Impfungen sei „willkürlich und hat nichts mit der natürlichen Entwicklung des Kindes zu tun“. Impfungen seien besonders für Säuglinge „oft eine Strapaze“, Zusätze in den Impfstoffen seien „nicht unumstritten“ und die Reinheit der Impfstoffe könne „problematisch“ sein. Dabei ist dies wissenschaftlich gesehen falsch. „Achtung“, heißt es danach: Es handele sich nicht um eine Impfempfehlung. Diesbezügliche Überlegungen seien zu individuell und könnten nur im persönlichen Arztgespräch ausreichend berücksichtigt werden.

Auszug aus dem Ratgeber des Projekts „Elternbegleitung von Anfang an“. (Screenshot)

Erarbeitet wurden die Infos von den Städten Bad Nauheim und Limburg, unter anderem vom Projekt „Elternbegleitung von Anfang an“. Die hessische Landesregierung hat es vor knapp zehn Jahren mit rund 100.000 Euro unterstützt: Das Projekt „leistet einen wichtigen Beitrag dazu, Maßnahmen zu entwickelt, die systematisch und konsequent an den Lebensbedingungen der Familien ausgerichtet sind“, erklärte der frühere Landessozialminister Stefan Grüttner im Jahr 2013.

Wie bewertet das Ministerium die Aussagen nun? „Es ist richtig, dass eine Person, die eine Masern- oder Rötelnkrankheit durchgemacht hat, in der Regel lebenslang gegen die Erkrankung geschützt ist“, erklärt eine Sprecherin – wie auch geimpfte Personen. Impfungen seien „wirksame vorbeugende Maßnahmen“ – insbesondere jüngere Kinder könnten bei Impfungen Stress empfinden, doch halte dieser „üblicherweise nur kurzzeitig an“ – und er könne verringert werden.

Das Buch sei vom „Lokalen Bündnis für Familie“, und dem Familienzentrum „Müze“ erstellt worden, erklärt eine Sprecherin der Stadt. Die Koordinierungsstelle des lokalen Bündnisses ist bei der Stadt angesiedelt. „Müze“ verbreitet auch sonst fragwürdige Informationen – etwa in Vorträgen einer Heilpraktikerin zur Homöopathie: Diese referiert laut Vortragsankündigungen, wie Globuli bei Insektenstichen, Tierbissen sowie Kreislauf- und Schocksituationen eingesetzt werden kann. „Sie erhalten konkrete Anweisungen, was zu tun ist, welche Globuli sie brauchen und ein Skript, das Sie im Bedarfsfall informiert.“ Die „harmonisierende Wirkung der Homöopathie“ soll Kindern mit Depressionen oder Lernproblemen helfen.  

Robert-Koch-Institut dementiert

Verteilt wird das Elternbegleitbuch mit den fragwürdigen Informationen zu Impfungen von den sogenannten Limburg-Paten. Dies sind laut der Stadt „engagierte, ehrenamtlich tätige Menschen mit Wissen über das Thema Familie, Kinder und Betreuung“ – sie würden Eltern neugeborener Kinder „persönlich zum Nachwuchs gratulieren“ und ihnen das Elternbegleitbuch überreichen. Die Paten seien in speziellen Kursen geschult, erklärt die Sprecherin. Die Informationen aus dem Buch stammten von der Ständigen Impfkommission, die zum Robert-Koch-Institut (RKI) gehört. Limburg habe kein eigenes Gesundheitsamt und daher nicht die nötige Expertise. „Die Informationen des RKI erscheinen uns eine gute Quelle zu sein“, sagt sie. Ziel sei es, auf das Thema aufmerksam zu machen und zu sensibilisieren.

Kommen die „Argumente“ zum Impfen tatsächlich von der Bundesbehörde? „Diese Sätze können nicht vom RKI stammen“, erklärt deren Sprecherin gegenüber MedWatch. Und tatsächlich finden sich auf der Behördenhomepage viele Aussagen, die den „Argumenten gegen das Impfen“ widersprechen. Auch sogenannte Kinderkrankheiten könnten dramatisch verlaufen, heißt es dort – Röteln würden bei Schwangeren teils schwere Fehlbildungen des Ungeborenen verursachen, eine zweimalige Impfung schütze „zu fast 100 Prozent“. Die Annahme, dass Säuglinge Impfungen schlechter vertrügen als ältere Kinder, sei „nicht belegt“ – und es gebe keine Hinweise, dass Mehrfachimpfstoffe die Immunabwehr überlasten.

„Aussagen sind keine Argumente“

Es handele sich um einen klaren Fall von „False Balance“, sagt Philipp Schmid, der an der Uni Erfurt zur Aufklärung über Impfungen forscht. Unterschiedliche Positionen zu wissenschaftlichen Fragestellungen sollten vielmehr anhand der tatsächlichen Evidenzlage gewichtet und präsentiert werden. Außerdem: „Aussagen sind keine Argumente“, sagt Schmid. „Eine Aussage muss bewiesen werden, um als Argument zu gelten“ – sonst handele es sich um eine bloße Behauptung. Bei den Aussagen der Kommunen sei dies der Fall. „Eine informierte Entscheidung wird nicht ermöglicht“, sagt er.

Wenn die „Argumente“ nicht vom RKI kommen – woher dann? Auf erneute Nachfrage behauptet eine Sprecherin der Stadt Limburg, es sei alles zu lange her. „Im Einzelnen können wir nach den Jahren nicht mehr nachvollziehen, woher die Informationen im Wortlaut kamen“, sagt sie. Und: „Die Argumente gegen das Impfen halten wir heute für problematisch.“ Da die Informationen als Ringbuch zusammengefasst sind, werden die noch verbleibenden rund 400 Exemplare der Gesamtauflage von 1500 nun händisch Seiten entfernt: Die Stadt werde „im Buch ab sofort die Contra-Argumente rausnehmen, bis eine überarbeitete Version des Buches verfügbar ist“.

Zur Masern-Impfpflicht würden außerdem Informationen eingefügt. „Bei der Überarbeitung werden wir uns am Robert-Koch-Institut und der Ständigen Impfkommission orientieren“, erklärt die Sprecherin.

Es sei keine Impfempfehlung ausgesprochen worden

Limburg habe bei dem Elternbegleitbuch mit der Stadt Bad Nauheim zusammengearbeitet, die dieses gleichfalls vertrieb. „Ob die Stadt Bad Nauheim das Buch und die Informationen darin noch an andere Städte weitergegeben hat, ist uns nicht bekannt“, erklärt die Sprecherin. Eine Sprecherin aus Bad Nauheim lässt die Frage offen, welche weiteren Kommunen die Informationen genutzt haben. Die Stadt nahm das Dokument nach der Anfrage von MedWatch von der Homepage des Projekts „Elternbegleitung von Anfang an“. Die Informationen würden an die neue Gesetzeslage angepasst, „um Eltern aktuelle Informationen an die Hand zu geben“.

Von den Inhalten distanziert die Sprecherin sich allerdings nicht: Es handele sich „nicht um unsere Meinung, sondern um eine Sammlung von Pro- und Contra-Argumenten“, sagt sie. „Da die für eine Impfentscheidung maßgeblichen Überlegungen zu individuell sind, wurde damit keine Impfempfehlung ausgesprochen.“

Experte sieht schädlichen Einfluss

Bei den Eltern könnten die „Argumente“ jedoch einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. „Das Präsentieren von Falschinformationen ohne Korrektur kann nachweislich zu geringerer Impfakzeptanz in der Bevölkerung führen“, sagt Gesundheitswissenschaftler Philipp Schmid. „Eine Warnung, die sich von den angeführten ‚Argumenten‘ gegen das Impfen distanziert, diese aber nicht korrigiert, wird wenig am schädlichen Einfluss solcher Aussagen ändern.“

Generell arbeiteten Kommunen mit stark beschränkten Ressourcen, sagt Schmid. Dennoch dürfe der Umgang mit Falschinformationen nicht auf die leichte Schulter genommen werden. „Eine stärkere Vernetzung der Gesundheitskommunikation der Verantwortlichen auf Bundes-, Landes und Kommunalebene mit akademischen wissenschaftlichen Forschungsteams ist notwendig.“

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Ein Kommentar zu „Wie Kommunen Stimmung gegen das Impfen machen

  1. Impfinformationen??? Nein!
    Vorsätzliche Verunsicherung und Desinformation durch die altbekannten “Argumente” der “eigenverantwortlichen Impfentscheidung”. So etwas in Informationen für junge Eltern vorzufinden, entsetzt. Die unfassbaren relativierenden Statements der öffentlichen Stellen dazu zu lesen, noch weit mehr.
    Ist alles noch viel schlimmer, als man angesichts täglicher Arbeit an der Desinformationsfront eh schon glaubte?

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