Seit November 2018 gibt es die Twitter-Initiative „Twankenhaus“, die Missstände und Reformideen im Gesundheitswesen diskutiert. Gestartet wurde es durch rund 50 Menschen aus dem Gesundheitswesen, die sich mehr oder weniger zufällig auf Twitter kennenlernten – und feststellten, dass sie alle die gleichen Probleme haben: Arbeiten im Gesundheitswesen ist heute selten so, wie es sein sollte: Nah am Patienten, genug Zeit etwa für Anamnese und Pflege. Stattdessen Zeitdruck, Überstunden, Schichten ohne Pause. Im „Twankenhaus“ sind alle Professionen vertreten: Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte, Studentinnen und Studenten, Menschen aus dem Rettungsdienst, Patientenvertreterinnen und Vertreter und Physiotherapeutinnen und Therapeuten. Ein erstes Treffen in der echten Welt führte die Aktiven im Frühjahr nach Hamburg, seitdem wird in Arbeitsgruppen diskutiert, Themenwochen etwa zur Realität im Rettungsdienst durchgeführt und Positionspapiere erarbeitet.

Das „Twankenhaus“ versteht sich als Thinktank, in dem jeder Gesundheitsfachberuf seine Stimme hat und einen Einblick in die jeweilige Perspektive liefert. Diese Multiprofessionalität aus Krankenpflegekräften, Rettungskräften, Therapeuten, Ärzten und weiteren Berufen soll es ermöglichen, Probleme aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten.

Im September haben sich die Menschen hinter der Twitter-Initiative in Mainz zu einem eigenen Verein zusammengeschlossen. Wir haben mit einigen der Aktiven aus dem Vereinsvorstand gesprochen:

Katharina Bröhl: Ärztin aus Berlin, steht kurz vor der Prüfung zur Fachärztin für Innere Medizin.

Bettina Frank: Vertritt die Patientensicht im „Twankenhaus“. Sie ist Migräne-Patientin und Gründerin des Migräne-Selbsthilfe-Netzwerks Headbook. Sie ist für Social Media zuständig.

Jochen Stather: Rettungssanitäter und zusätzlich Operationsassistent bei niedergelassenen Orthopäden.

Kathrin Hüster: Seit 18 Jahren Krankenschwester, davon sieben auf Intensivstationen. Sie legt Wert auf Kommunikation auf Augenhöhe zwischen Ärzten, Pflegern und Patienten.

Christian Lübbers: Hals-Nasen-Ohrenarzt aus München und Sprecher des Informationsnetzwerks Homöopathie.

MedWatch: Was will das „Twankenhaus“?

Christian Lübbers: Der Ansatz ist weit gefasst: Wie gelingt es, die Medizin besser zu machen? Wie können Ärzte und Therapeuten wieder mehr Zeit für ihre Patienten haben, ohne im Hamsterrad der budgetierten Medizin zu Dumpingpreisen gefangen zu sein? Mein persönliches Anliegen ist es, die Medizin ehrlicher, ethischer und vor allem menschlicher zu machen, damit weniger Patienten Gefahr laufen, in die Falle der Pseudomedizin zu tappen. Unsere große Stärke ist der direkte Einblick von Beschäftigten. Im Gegensatz zu vielen Standespolitikern wissen wir wirklich, worüber wir reden.

MedWatch: Im Gesundheitssystem ist vieles verbesserungsbedürftig. Durch den Austausch im „Twankenhaus“ über alle Fachbereiche hinaus: Was würden Sie als wichtige gemeinsame Baustellen bezeichnen?

Katharina Bröhl: Finanzierung und Budgetierung (Anmerkung der Red.: Betriebswirtschaftliche Planungsprozesse, Ziel ist die Erstellung eines Budgets, welches die geplante Zukunft eines Unternehmens in Form von Zahlen abbildet) lähmt uns alle und macht uns unglaublich große Schwierigkeiten. Dies ist zum Nachteil für die Patienten, zum Nachteil für die Pflege, den Rettungsdienst, die Ärzte und die anderen therapeutischen Berufe.

MedWatch: Was ist genau das Problem daran?

Jochen Stather: Längst ist es so, dass die Finanzierung des Gesundheitswesens die medizinische Versorgung steuert, die wir alle erhalten: Die Medizin ist nicht primär daran ausgerichtet, was sinnvoll ist, sondern daran, ob und wo eine medizinische Leistung vergütet wird. Dabei müsste es doch umgekehrt sein – erst die Entscheidung über Notwendigkeit und Nutzen und dann Berücksichtigung des Wirtschaftlichkeitsgebots.

Und die Bürger machen sich überhaupt nicht klar, wie sehr die Medizin längst den Regeln des Marktes unterworfen ist.

Bröhl: Die Einführung der DRGs (Anmerkung der Redaktion: abgekürzt „Diagnosis Related Groups“, deutsch: diagnosebezogene Fallgruppen) in den Krankenhäusern war ja gut gedacht, um Kosten und die exorbitanten Liegezeiten einzugrenzen. Doch es ist nach hinten los gegangen und hat die Türe für die Kommerzialisierung der Medizin geöffnet. Zudem stehen hinter vielen Krankenhäusern und auch zunehmend Praxen Investoren, die Gewinne abschöpfen wollen. Es kann nicht sein, dass Krankenhäuser Profit erwirtschaften müssen und dass das Geld, das vorhanden ist, oft in völlig falsche Bereiche gesteckt wird – nämlich in die, die besonders lukrativ sind, das heißt in die interventionelle oder operative Medizin. Alles das führt zur Unterfinanzierung und letztlich auch Unterversorgung in der konservativen Medizin, zum Beispiel in Kinderklinken, in einer guten Behandlung von alten oder psychisch kranken Menschen – das ist nämlich selten profitabel. Aber so funktioniert Medizin nicht.

Dazu kommt eine ausufernde Bürokratisierung in der Medizin. Die Pflegekräfte sind meist damit beschäftigt, irgendwelche Sachen zu dokumentieren, damit etwas abgerechnet werden kann, statt wirklich Pflege am Menschen zu leisten.

Kathrin Hüster: Ich warte noch auf den Tag, an dem ich dokumentieren muss, dass ich auf die Toilette gegangen bin. Ich dokumentiere auf Papier, im PC und noch mal extra etwas für die Geschäftsführung. Bei acht Stunden Pflege heute gehen gern bis zu vier Stunden für Dokumentation drauf. Gute Pflege wird durch die Kassen nicht refinanziert.

MedWatch: Betrifft das nur die Situation in der Klinik?

Bröhl: Auch die niedergelassenen Kollegen werden mit drohender Regressforderungen und überbordender Bürokratie sowie immer neuen Regularien von der Arbeit am Patienten abgehalten. Der Ansatz, Pauschalisierungen einzuführen, war vielleicht nicht falsch, aber das Prinzip ist gescheitert, und darunter leiden wir alle. Geld wird ja leider immer noch wenig genutzt, um zum Beispiel mehr Pflegekräfte einzustellen, neue Personaloffensiven scheitern an schlechter Bezahlung und schlechten Arbeitsbedingungen – die sind auch in den anderen Berufsgruppen seit Jahren immer schlechter geworden. Der Fachkräftemangel ist exorbitant in allen Bereichen. Das sind alles Probleme, die in der Politik und auch in der breiten Öffentlichkeit zu wenig diskutiert werden. Es wird auch mit den falschen Leuten gesprochen. Warum hat die Politik externe Berater, anstatt einmal mit den Leuten zu sprechen, die in den Berufen arbeiten und mit den Patienten zu tun haben?

Hüster: Als ich meine Ausbildungen gemacht habe, gab es noch keine DRGs, da war die Krankenhauswelt noch anders. Das heißt: Ich kenne noch Frühdienste mit neun Kollegen, heute unvorstellbar. Dann kamen die DRGs, das hatte man sich in Australien abgeschaut – und dort sind die längst wieder abgeschafft. Mit den Fallpauschalen wird ja die komplette Behandlung weitgehend unabhängig vom Pflegebedarf im Einzelfall bezahlt.

MedWatch: Was bedeutet das?

Hüster: Für uns, die wir Tag für Tag am Patienten arbeiten heißt das, dass der Aufwand unserer Arbeit nicht gegenfinanziert wird. Außer bei schwersten Pflegefällen, macht es keinen Unterschied, ob ein junger Mensch nach einer leichten Blinddarmentzündung behandelt werden muss oder ein sehr alter Patient mit vielen Begleiterkrankungen und einer nicht unerheblichen Hilfsbedürftigkeit operiert wurde. Das ist ein großes Problem. Im Endergebnis sehe ich heute jeden Tag überarbeitete Assistenzärzte, die völlig erschöpft sind, dazu viele überforderte Pflegekräfte.

MedWatch: Warum machen Ärzte und Pfleger das mit?

Hüster: Es kommt noch stark aus dem grundlegenden Aufopferungsgedanken in der Pflege – das wandelt sich gerade ein wenig. Viele lernen, konsequent Nein zu sagen. Dann gibt es auch den Druck durch die Arbeitgeber, die Gewinnmaximierung schwebt über allem. Geplant wird mit viel zu hohen Fallzahlen, viel zu vielen Patienten und viel zu wenig Personal. Das kommt zudem auch nicht nach. Unser Assistenzarzt betreut dann zum Beispiel die Intensivstation, die Intensivüberwachungspflege und nachts zusätzlich noch den OP. Das kann der nicht schaffen, selbst wenn ich als erfahrene Pflegekraft versuche, das aufzufangen. Dass ist nicht meine Aufgabe, von Haftungsfragen mal ganz abgesehen. Viele gehen völlig am Krückstock.

Ich habe viele Assistenzärzte gesehen, die mit dieser Situation nicht zurechtkommen. Ich sage ihnen dann, dass sie doch bitte mal zu Hause bleiben und sich ausschlafen sollen. Trotzdem kommen sie am nächsten Tag wieder. Wenn ich sehe, dass ein 28-Jähriger Assistenzarzt kurz vor dem Burnout steht, dann läuft definitiv etwas schief, das kann so nicht weiter gehen. Die Leidtragenden sind die Patienten.

Bettina Frank: Definitiv. Auch immer mehr Patienten merken, wie viel schiefläuft, etwa wenn sie beim niedergelassenen Arzt sind. Dieser kann sich ja kaum noch Zeit nehmen, etwa für eine Anamnese, er muss die Patienten schnell durchschleusen und kann sich oft nicht ausreichend um den Einzelnen kümmern. Aber er muss aus wirtschaftlichen Zwängen weitermachen. Der Patient soll bloß keine Zusatzfragen stellen. Die sprechende Medizin muss gestärkt werden, damit Patienten nicht abwandern in Pseudotherapien. Unter diesen Alternativen, die keine sind, verschlechtern sich Erkrankungen, chronifizieren und bedeuten Zusatzkosten für unser Gesundheitssystem.

MedWatch: Sind die DRGs das einzige Problem?

Lübbers: Nein. Der bereits genannte Personalmangel in vielen Bereichen ist eine große Belastung, die schwindende Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung, Übertherapien oder das fehlende Bekenntnis zu evidenzbasierten Medizin und die zunehmende Zahl von Impfverweigerern stellen weitere gravierende Probleme dar.

MedWatch: Welche Forderungen und Vorschläge hat das „Twankenhaus“, hier etwas zu ändern?

Frank: Das Gesundheitssystem muss wieder den Patienten, den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Kliniken sollten zwar rentabel sein, aber keine Wirtschaftsunternehmen mehr. Auch sollten Ärzte nicht gezwungen sein, Patienten wie am Fließband abzufertigen, nur um die Praxis halten zu können. Termine beim Facharzt müssten wieder zeitnaher möglich sein, nicht selten bestehen Wartezeiten von einem halben Jahr und mehr.

Bröhl: Unser Themenspektrum ist breit gefächert: Bisher haben wir uns mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, den Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen, der Situation im Rettungsdienst und den Zusammenhängen von Klimawandel und Gesundheit befasst. Andere wichtige Themen stehen an, wie einer besseren Aus- und Weiterbildung in den Gesundheitsberufen oder eine kluge und verantwortungsvolle Digitalisierung. Zudem befassen wir uns viel mit einer besseren Gesundheitsbildung. Unsere Forderungen entstehen gerade in der Diskussion. Wir stehen nicht mit Plakaten vor dem Bundesgesundheitsministerium, sondern wir überlegen, wie wir in einen zielführenden Diskurs gehen können. Es haben sich mittlerweile verschiedene Arbeitsgruppen gebildet, die Vorschläge erarbeiten.

Lübbers: Ein Ziel unseres Thinktanks ist schon bereits durch den Diskussionsprozess erreicht. Aber darauf aufbauend schreiben wir Positionspapiere in der Hoffnung, dass wir mit dem multiprofessionellen Ansatz unseres Diskurses auch treffendere und vor allem tragfähigere Lösungen für das gesamte Gesundheitssystem finden können.

MedWatch: Denken Sie, dass Sie mit Ihren Forderungen in absehbarer Zeit wirklich etwas erreichen können?

Lübbers: Natürlich sind wir Realisten und wissen, dass wir dieses große Gesundheitssystem nicht in wenigen Jahren umkrempeln können. Aber wir freuen uns, wenn die multiprofessionellen Perspektiven des „Twankenhaus“ frischen Wind in verfahrene Diskussionen bringen können.

Stather: Genau, wir wollen durch den Austausch zwischen den unterschiedlichen Berufsgruppen breit aufgestellte Lösungsansätze entwickeln, die Grundlage für eine echte Änderung im Gesundheitswesen darstellen können.


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