Wer eine wirksame Behandlung verschiebt, riskiert unter Umständen sein Leben – oder das anderer. Das zeigte im Jahr 2017 der tragische Fall eines siebenjährigen Jungen aus Italien. Das Kind hatte eine einfache Mittelohrentzündung. Doch die Eltern lehnten die Therapie mit Antibiotika ab und setzten stattdessen auf Homöopathie. So konnte die Entzündung auf das Gehirn des Jungen überspringen. Ins Krankenhaus brachten die Eltern ihn erst, als er bereits bewusstlos war. Dort starb er kurz später.

Ausgerechnet in der Geburtshilfe, wo es auf eine zügige und wirksame Behandlung besonders ankommt, sind Homöopathie und andere esoterische Rituale nach wie vor weit verbreitet. Das zeigen Dokumente der Qualitätssicherung für außerklinische Geburten, eine Umfrage unter Berliner Kreißsälen und E-Mails von Klinik-Mitarbeitern. Obendrein stehen homöopathisch behandelnde Hebammen teils der Impfgegnerschaft nahe.

Ein Blick in das Programm des Hebammenkongresses gibt einen Eindruck von den Ritualen, für die sich Hebammen interessieren. Veranstaltet wird der Kongress alle drei Jahre vom Deutschen Hebammenverband (DHV). Im Jahr 2016 gab es unter anderem die Vorträge „Blüten für die Seele – Bach-Blütentherapie im Wochenbett” und „Kristallklänge begleiten ins Leben”, in diesem Jahr „Mit Schüßlers-Salzen mehr Energie in Schwangerschaft und Wochenbett” oder „Trauma rund um Schwangerschaft und Geburt – Homöopathie als erste Hilfe”.

Umfrage: Homöopathie kommt unter der Geburt zum Einsatz

Wie häufig Globuli und andere homöopathische Produkte von Hebammen bei Hausgeburten und in Geburtshäusern verabreicht werden, zeigen die Jahresberichte der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe (QUAG). Träger der Gesellschaft sind der DHV und der Bund freiberuflicher Hebammen (BfHD). Beide Verbände haben ihre Mitglieder dazu verpflichtet, außerklinische Geburten zu dokumentieren. Die Berichte zeigen, dass der Einsatz von Homöopathie als „begleitende Maßnahme” bei den jährlich rund 10.000 außerklinischen Geburten stetig zurückgeht. Im letzten Berichtsjahr (2017) wurden Homöopathika aber immerhin noch bei mehr als einem Drittel der Geburten verabreicht.

Dass sich die homöopathische Erstversorgung nicht auf den außerklinischen Bereich beschränkt, legt eine telefonische Umfrage von MedWatch bei 22 Berliner Kreißsälen nahe. In nur zwei der befragten Kreißsälen wurde die Frage „Setzen Sie Homöopathie unter der Geburt ein?” verneint. Auf Nachfrage wurde in beiden Fällen erklärt, das liege nicht an einem Verbot durch die medizinische oder pflegerische Leitung oder gar an Skepsis unter den Hebammen. Es fehle lediglich die nötige Fortbildung in Homöopathie.

Die Hebammen, die die Frage bejahten, berichten, dass Homöopathika unter der Geburt unter anderem für folgende Zwecke eingesetzt werden: „Zur Einleitung und Kontrolle der Wehen” in einem Kreißsaal der Charité. Außerdem „gegen Schmerzen und psychische Belastung” in einem Kreißsaal der Vivantes-Kliniken Berlin. Das DRK-Klinikum Köpenick und das Vivantes Klinikum am Urban werben auf ihren Webseiten explizit mit Homöopathie zur Schmerzbehandlung. In einem Caritas-Krankenhaus werden laut einer der Hebammen Arnica-Globuli sogar Neugeborenen verabreicht. „Wir haben hier den ganzen Schrank voll”, sagt eine Hebamme aus dem Kreißsaal eines Berliner DRK-Klinikums.

Hebammen lassen sich teils als Heilpraktikerinnen ausbilden

Woher kommt dieser Hang zur Homöopathie unter Hebammen? In der Hebammenausbildung spielen Globuli und Co. jedenfalls kaum eine Rolle. „Hebammenschulen sind an die gesetzliche Ausbildungs- und Prüfungsverordnung gebunden”, sagt Verena Groß, Koordinatorin des Bachelor-Studiengangs Midwifery an der Hochschule Osnabrück. Tatsächlich sucht man Begriffe wie „komplementär”, „alternativ”, „homöopathisch” oder gar „Bachblüten” in der Verordnung vergebens. „Es ist wahrscheinlich, dass die meisten Schülerinnen im Rahmen der praktischen Ausbildung komplementärmedizinische Maßnahmen wie zum Beispiel Homöopathie und Akupunktur kennen lernen”, sagt Groß. Eine Mitarbeiterin der Hebammenschule der Vivantes-Kliniken sagt, dass Homöopathie nur am Rande der Ausbildung vorkämen, viele Hebammen sich aber privat weiterbildeten, etwa zur Heilpraktikerin.

Hebammen sind entsprechend ihrer Berufsordnungen zu regelmäßigen Fortbildungen verpflichtet. Angeboten werden diese unter anderem von Hebammenverbänden und externen Anbietern, manchmal auch von Kliniken selbst. Der Großteil der Fortbildungen ist evidenzbasiert. Das fordern selbst Hebammenverbände explizit. So schreibt der Hebammenverband Nordrhein-Westfalen in seinen FAQ: „Die Fortbildungen sollten evidenzbasiert konzipiert sein (wissenschaftlich und auf Expertise begründet)”. Trotzdem findet man auf der Homepage des Landesverbandes selbst diverse Angebote für Homöopathie-Fortbildungen. Auch manche Kliniken nehmen es mit der Wissenschaftlichkeit ihrer internen Fortbildungen offenbar nicht so genau. Laut der Hebamme eines Berliner Vivantes-Krankenhauses habe das Unternehmen eine „Klinikfortbildung in Homöopathie bei uns im Haus” angeboten, an der sowohl Hebammen als auch Ärzte teilgenommen hätten.

Einer der bekanntesten externen Anbieter von Homöopathie-Fortbildungen ist der Arzt und Homöopath Friedrich Graf. In Sprangsrade in Schleswig-Holstein bietet er Seminare für 150 Euro pro Teilnehmer an. Laut Webseite können Hebammen damit das „Homöopathie-Zertifikat des Deutschen Hebammenverbands” erwerben. Graf ist außerdem Autor der Bücher „Homöopathie unter der Geburt”, von „Homöopathie und die Gesunderhaltung von Kindern und Jugendlichen” und von „Nicht impfen – was dann?”.

Auf die Frage von MedWatch, wie der DHV zu nicht-evidenzbasierten Kursen für Hebammen stehe, antwortet die Pressestelle: „Hebammen behandeln Mütter und ihre Kinder verantwortungsvoll und wägen die Mittel ab. Wenn eine nebenwirkungsarme Behandlung zum gewünschten Ergebnis führt, ist dies gut.” Trete die Wirkung nicht in der angemessenen Form und Zeit ein, müssten andere Maßnahmen ergriffen werden.

Hochschwangere mit Fieber erhielt immer neue Globuli

„Es wird immer so dargestellt, als wenn man mit Homöopathie und Co. nichts falsch machen kann”, sagt Tara Franke, Hebamme und Leiterin des Weiterbildungszentrums „Herztöne” in Minden. „Aber das stimmt nicht – wer die wirksame Behandlung verschiebt, kann Mutter und Kind gefährden.” Wie die Konsequenzen einer für Globuli verschobenen Behandlung aussehen können, zeigt ein Fall, den das Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) öffentlich gemacht hat. Eine Mutter berichtet dort, wie sie als Hochschwangere Fieber bekam. Statt sie ins Krankenhaus zu schicken, empfahl ihre homöopathische Ärztin ihr aber immer neue Globuli. Als der Ehemann die Frau mehr als 24 Stunden später doch noch ins Krankenhaus brachte, hatte ihre Plazenta bereits begonnen, die Versorgung des Kindes zu drosseln. Ein Notkaiserschnitt konnte zwar noch abgewendet werden, aber die Frau musste den Rest der Schwangerschaft liegend verbringen.

Auch Franke hat vor 25 Jahren an einem Seminar von Friedrich Graf teilgenommen und als Hebamme einige Jahre Homöopathie und Bachblütentherapie angewendet. Im Rahmen ihres Fortbildungsinstitutes hat sie anfangs auch Fortbildungen für Hebammen in Homöopathie angeboten. „Als ich dann begonnen habe, mich mit der Studienlage zu beschäftigen, wurde mir klar, dass weder die Homöopathie noch Bachblüten auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage stehen.” Heute bietet sie nur noch evidenzbasierte Fortbildungen an. Dass viele Hebammen „alternativen” Heilmethoden zugeneigt sind, habe vielleicht damit zu tun, dass sie kaum Medikamente geben dürfen, vermutet Franke. Tatsächlich dürfen Hebammen laut ihrer Berufsverordnungen nur ausnahmsweise ohne ärztliche Anweisung verschreibungspflichtige Medikamente einsetzen, darunter betäubungsmittelfreie krampflösende oder schmerzstillende Mittel, ein Lokalanästhetikum zur Dammnaht oder Wehen hemmende Mittel bei einer Notfalleinweisung ins Krankenhaus. Die Ausnahmen hängen vom Bundesland ab. Nicht-verschreibungspflichtige Mittel, darunter homöopathische Globuli, dürfen Hebammen dagegen eigenständig verabreichen.

„Kein Platz für Homöopathie an universitären Einrichtungen”

Ein Arzt der Charité-Geburtsmedizin hat auf Anfrage zunächst eine schriftliche Stellungnahme abgegeben, diese später aber ohne Begründung zurückgezogen. Aus der E-Mail geht hervor, dass auch in der Charité Globuli von Hebammen genutzt werden, unter anderem bei verzögertem Geburtsverlauf, bei zu straffem Muttermund, bei Angstzuständen oder unregelmäßigen Wehen. Dass die Charité der Homöopathie in ihren Häusern eine Bühne schenkt, wurde bereits in der Vergangenheit kritisiert. So konnte man im Jahr 2018 auf den Seiten der Kinderonkologie lesen, die Homöopathie biete „auch bei schwersten Krankheitszuständen Heilung oder eine Verbesserung der Beschwerden“. Aus empirischer Sicht sei „die Wirkung homöopathischer Höchstpotenzen unbestritten“. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, kommentierte damals gegenüber MedWatch: „Ich persönlich glaube, dass die Homöopathie an universitären Einrichtungen keinen Platz hat.” Nach Protesten in den sozialen Medien und einer Anfrage von MedWatch nahm die Charité die Webseite offline.

Von Skelettantennen und tellurischer Energie

In der E-Mail Seitens des Vertreters der Charité-Geburtsmedizin heißt es, dass Homöopathika auch zum Wohlbefinden der Gebärenden beitragen. Ein möglicher Grund hierfür ist der Placebo-Effekt. Allerdings setzt eine solche Abwägung voraus, dass Hebammen wie Ärzte sich über die Placebo-Natur hochverdünnter Globuli bewusst sind, und sie ihre Patienten darüber aufklären. Gerade das jedoch ist zweifelhaft. Auf dem diesjährigen Ärztekongress für Homöopathie in Stralsund gab es einen „Hebammentag” mit Vorträgen exklusiv für Hebammen. In der Ankündigung des Vortrags einer homöopathisch behandelnden Ärztin stand zu lesen: „Gerade in hochakuten Situationen wie der Geburt wirkt die Homöopathie innerhalb von Minuten, wenn das richtige Mittel zum Einsatz kommt.” Weiter stand dort: „Wenn wir die Grundlagen der Homöopathie und 40 der bewährten homöopathischen Mittel verstanden haben, können wir 80 Prozent der funktionellen auftretenden Geburtsbehinderungen (Anm. d. Red.: gestörte Geburtsverläufe) zu Hause sowie in der Klinik effektiv behandeln.” Valide Studien, die diese Behauptungen belegen, gibt es nicht.

Die Ärztin, die den Vortrag gehalten hat, ist Ortrud Lindemann. Sie gehört zu einer Gruppe von Homöopathen, die im Jahr 2014 nach Liberia reisten, um dort Ebola-Infizierte mit homöopathischen Mitteln zu behandeln. Dem Spiegel teilte sie damals mit: „Wir sind dazu bestimmt, dem Volk Liberias zu helfen im Kampf gegen Ebola mit homöopathischen Mitteln.” Allerdings wurde ihr der Zugang zu den Patienten verwehrt. Heute bietet Lindemann regelmäßig Fortbildungen für Hebammen und Laien an. Einen Eindruck der Inhalte ihrer Seminare gibt der Workshop „Bone Breathing”, der aktuell von Lindemanns Gesundheitszentrum „Marenostrum” in Barcelona angeboten wird. In der Beschreibung des Workshops steht unter anderem: „Vergessen Sie nicht, dass die elektromagnetische Skelettantennenfunktion (die Knochen sind kristalline Strukturen) Energie absorbiert und überträgt.” Und: „Gotische Kirchen und Kathedralen sind Instrumente, die die tellurische Energie der Kirche verstärken.” Auf die Anfrage von MedWatch und das Angebot, die wissenschaftlichen Quellen dieser Aussagen offenzulegen, hat Lindemann nicht reagiert.

Homöopathie bei drohendem Abort?

Laut der Webseite der Charité arbeiten im Team der Geburtsmedizin rund 60 Hebammen. Mindestens 18 davon haben laut des durch MedWatch befragten Arztes eine Ausbildung in der klassischen Homöopathie. Ausgebildet wird das Team unter anderem im Chiron-Bildungs- und Gesundheitszentrum in Cunewalde (Sachsen). Der Begriff „Placebo” kommt auf der Internetseite des Chiron-Zentrums nicht vor. Dafür bietet das Chiron-Zentrum aktuell das Online-Seminar „Homöopathie in der Geburtshilfe” an. Unter den Anwendungen für Homöopathie, die dort explizit besprochen werden, sind „Drohender Abort”, „Blutungen in der Schwangerschaft”, „Brustentzündungen” im Wochenbett und „Fieberhafte Infekte” bei Neugeborenen oder Säuglingen. Neben Homöopathie-Fortbildungen für Hebammen gibt es bei Chiron Seminare mit Titeln wie „Impfen kritisch betrachtet” oder „homöopathische Behandlung von Kinderkrankheiten”, darunter bei „Masern, Mumps und Röteln”. Diese Nähe der Homöopathie zur Impfgegnerschaft könnte auch die Impfskepsis unter Hebammen erklären: Eine Umfrage des Robert-Koch-Instituts im Jahr 2008 hat ergeben, dass rund 20 Prozent der 549 befragten Hebammen auf dem damaligen Hebammenkongress der Aussage zustimmten: „Homöopathische Behandlung kann Impfungen überflüssig machen.” Ein Viertel der Befragten lehnte eine Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln für Kinder ab. Nur 18 Prozent war selbst gegen Keuchhusten geimpft, und weniger als die Hälfte gegen Diphtherie. Beides sind durch Standardimpfungen vermeidbare Infektionskrankheiten, die gerade bei Neugeborenen zu lebensgefährlichen Komplikationen führen können.

Neuere Zahlen zur Impfquote unter Hebammen gibt es nicht. Auf die Frage, ob der DHV alle seine Mitglieder auffordere, sich nach STIKO-Empfehlungen impfen zu lassen, antwortet die Pressestelle: „Der Hebammenverband gibt grundsätzlich keine Empfehlung zur Lebensführung seiner Mitglieder.” Wenn es nach den Plänen der Bundesregierung geht, müssen sich zukünftig fast alle Hebammen zumindest gegen Masern impfen lassen – bis auf jene, die als freie Hebammen ausschließlich Hausgeburten begleiten.

Foto: freestocks.orgUnsplash


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