Nach MedWatch-Recherchen kommen im Dokumentarfilm „Eingeimpft“ von David Sieveking fragwürdige Forscher zu Wort, die Gelder von Anti-Impf-Lobbyorganisationen erhalten. Wir haben nachgefragt, wie Produzenten, Förderer und weitere Experten dies bewerten.

Produzent Carl-Ludwig Rettinger erklärt, der Film nehme die Sorgen von Sievekings Partnerin – einer Impfskeptikerin – ernst und käme nach „ausführlicher, sicher subjektiver aber insgesamt ausgewogener Recherche“ zum Schluss, dass es sinnvoll ist, zu impfen. Er betont, dass auch der frühere Leiter der Ständigen Impfkommission oder der Chef des Paul-Ehrlich-Instituts Klaus Cichutek ausführlich zu Wort kämen. Der Film mache sich die Aussagen der Forscher nicht zu eigen.

Sieveking erklärt auf Nachfrage, er habe sich entschieden, die Impfgegnerszene um den früheren Molkereifachmann Hans Tolzin nicht aufzunehmen – dieser stellt die wissenschaftlich nachgewiesenen Krankheitsauslöser von Tetanus, Polio oder Ebola in Abrede oder erklärte, Homosexualität sei „heilbar“. In seinem Blog kritisiert er „Eingeimpft“ zwar als nicht radikal genug, findet aber auch lobende Worte. Der Verleih des Films hatte ihm schon vor Monaten die Möglichkeit gegeben, den Film zu sichten: Die Ansprache von Institutionen, Vereinen und Verbänden sei ein wesentlicher Schlüssel bei der Vermarktung von investigativen Dokumentarfilmen, erklärt eine Sprecherin. „Bei ‚Eingeimpft‘ sind wir frühzeitig in den offenen Dialog gegangen und haben sowohl Impfbefürworter, Impfkritiker und Initiativen für individuelle Impfentscheidung zu Pressevorführungen eingeladen oder mit personalisierten Sichtungs-Links versorgt“, sagt sie.

Der Impfkritiker Steffen Rabe lobt den Film in höchsten Tönen. „In einer für die so hochpolarisierte Impfdiskussion vorbildlichen Art und Weise recherchiert er in beiden ‚Lagern‘, sucht und findet kompetente und relevante Ansprechpartner sowohl bei deutschen Behörden als auch bei kritischen Wissenschaftlern“, schreibt er. Seine in dem Film festgehaltene Recherche sei „in weiten Teilen grottenschlecht und tendenziös“, fast hingegen der „Spiegel“ den Film zusammen. Er selber würde niemals sagen, dass sein Film „der Weisheit letzter Schluss“ ist, sagt Sieveking.

Was sagen die Fernsehsender und Förderanstalten zu der Produktion?

Der laut Verleih mit mehr als 50 Kopien startende Dokumentarfilm wurde von vielen öffentlich-rechtlichen Sendern gefördert – diese wollen zur Höhe der Förderung nicht Stellung nehmen. „Es gab Fragen, ob der Film zum Schluss nicht zu impf-unkritisch geworden ist – und gleichzeitig waren andere Redakteure eher der Meinung, sie könnten hier die Leute verunsichern und vom Impfen abbringen, und sie in Gefahr bringen“, sagt Sieveking.

MedWatch hat bei allen Fernsehsendern sowie den Förderanstalten nachgefragt, wie sie den Film und die zugrundeliegende Recherche bewerten und wie sie auf die Kritik von Experten reagieren. Außerdem haben wir uns erkundigt, inwiefern es für die Anstalten jeweils tolerabel ist, dass gefördete Filme Verschwörungstheorien verbreiten – und ob sie es für notwendig erachten, auf erhebliche Interessenskonflikte aufmerksam zu machen.

(Foto: Andreas Praefcke / Wikimedia, CC-BY 3.0)

„Auf der Suche nach Antworten schildert der Film alle relevanten Positionen und bezieht neue Forschungsansätze mit ein“, schreibt Sonja Scheider, zuständige Redaktionsleiterin des Bayerischen Rundfunks in einer Stellungnahme, auf die sich auch die Koproduzenten „Arte“ und RBB beziehen. Obwohl im Presseheft mit „investigativen Impf-Recherchen“ geworben wird, erklärt die Redakteurin, es handele sich weder um eine Wissenschaftsdokumentation noch eine Investigativ-Reportage. Nach ihrer Ansicht spielten die Statements vom „Symposium“ in Leipzig eine sehr untergeordnete Rolle, sodass eine Aufklärung von Interessenskonflikten nicht angemessen gewesen wäre. Der Film verbreite keine Verschwörungstheorien, sondern versuche vielmehr, „die vielfältigen existierenden Positionen rund um das Thema Impfen widerzuspiegeln“. Sieveking habe „einen künstlerischen Beitrag zu einem kontroversen Thema realisiert“, erklärt die Film- und Medienstiftung NRW, die den Film mit einem Produktionsdarlehen von 140.000 Euro gefördert hat. Die Förderungen der Filmförderungsanstalt FFA und des Deutschen Filmförderfonds in Höhe von weiteren gut 142.000 Euro sei großteils automatisch und nach einem kulturellen Eigenschaftstest erfolgt. Für die Verleihförderung sei die gesellschaftspolitische Relevanz des Themas und die Reputation des Regisseurs ausschlaggebend gewesen.

„Wir üben keinerlei Zensur und mischen uns in die kreative Umsetzung eines Projektes selbstverständlich nicht ein“, erklärt das Medienboard Berlin-Brandenburg, welches den Film mit 100.000 Euro gefördert hat. Der Regisseur stelle sich selbst und seine persönlichen Konflikte in den Fokus und liefere einen interessanten Beitrag zur Diskussion. „Dass er dadurch Kontroversen und Ablehnung auslöst, ist gewollt, und wir sehen das als Beitrag zur durchaus legitimen Diskussion um die Impfung von Kleinkindern.“

Die Psychologin Betsch kann das Statement des Medienboards nicht nachvollziehen. „Da bleibt einem irgendwie die Spucke weg“, sagt sie. „Man darf alles behaupten und der Leser muss dann selbst herausfinden, was wahr ist oder falsch – und wenn in der Zwischenzeit ungeimpfte Kinder sterben, ist das Schicksal.“

Die FDP-Gesundheitspolitikerin Katrin Helling-Plahr. (Foto: Büro)

AOK will zukünftig „inhaltlich qualitätssichernd eingreifen“

Die FDP-Bundestagsabgeordnete Katrin Helling-Plahr hat in Sachen des Films eine kleine Anfrage an die Bundesregierung gerichtet – in der Antwort verweist diese insbesondere auf die Kunstfreiheit. Die Fachanwältin für Medizinrecht erklärt gegenüber MedWatch, sie habe gehofft, dass die Bundesregierung sich inhaltlich positioniert. „Das tut sie aber leider nicht“, sagt sie. „Dass die Filmförderung unabhängig von Inhalten arbeitet, ist schon klar – nichtsdestotrotz hätte eine Distanzierung durchaus erfolgen können.“ Durch den Film werde der Eindruck erweckt, dass jeder zum Impfexperten werden kann, wenn er etwas recherchiert. „Offenbar wird die wissenschaftliche Evidenz auf die gleiche Stufe gestellt wird mit dem, was die Schwägerin von der Nachbarin von der Oma gehört hat.“ Gleichzeitig kritisiert sie, dass die Bundesregierung jüngst die Mittel für Impfaufklärung um 10 Prozent gekürzt hat – diese sollten vielmehr erhöht werden.

Die mediale Perzeption und der Diskussionsbedarf von „Eingeimpft“ zeige die Relevanz des Filmes deutlich, sagt Koproduzent Hessenfilm – und verweist darauf, dass der Film für mehrere Filmpreise nominiert wurde. Doch zumindest bei einem Festival wird es Konsequenzen geben: Der Film wurde von den Veranstaltern des Filmfestes Emden-Norderney für den „AOK-Filmpreis“ nominiert, es gewann ein anderer. „Eingeimpft“ könne zu einer Verunsicherung in Sachen Impfen führen, „was nicht in unserem Sinne ist“, erklärt ein Sprecher der AOK Niedersachsen. Für die Zukunft werde die AOK als Stifter des Preises in der Kategorie „Gesundheit“ bei der Nominierung „inhaltlich qualitätssichernd eingreifen und gegebenenfalls ein Veto einlegen“.

(Titelfoto: Pixabay)


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