Ein junges Paar, zwei kleine Töchter: Im Dokumentarfilm „Eingeimpft“ erzählt Regisseur David Sieveking, wie seine Partnerin und er vor der Entscheidung stehen, ob ihre Kinder geimpft werden sollen oder nicht. Sieveking macht sich auf die Suche, spricht mit Wissenschaftlern, Ärzten und Impfkritikern und macht aus seiner Geschichte einen Film. Der Regisseur nennt es die „emotionale Reise von einem Kerl, der einen Lernprozess durchmacht“. Das Buch zum Film ist bereits erschienen, die Aufregung vor Filmstart ist jetzt groß: Wird dieser Film neue Antworten auf angeblich offene Fragen zum Thema Impfen offenlegen, Orientierung für verunsicherte Eltern bieten? Wir haben den Film angesehen und ebenfalls recherchiert. Ergebnis: „Eingeimpft“, so unschuldig, offen und ehrlich Sievekings Familiengeschichte daherkommt, ist die Geschichte einer Verunsicherung. Sie spielt mit der Angst von Eltern, und sie liefert Impfkritikern Nahrung für ihre Verschwörungstheorien. Und Ungenauigkeiten sowie Falschdarstellungen wecken beim Zuschauer ein falsches Bild. „Ich glaube, es ist überhaupt nicht möglich, das Thema als Einzelperson zu durchdringen“, sagt Sieveking selbst.

Für seine Doku hat David Sieveking mit vielen Menschen gesprochen. So mit einem Anthropologen, der am staatlichen dänischen Statens Serum Institut arbeitet und zur Frage forscht, inwieweit insbesondere Lebendimpfstoffe positive Effekte haben können, die über den direkten Impfschutz hinausgehen. Der Chef des in Deutschland für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) Klaus Cichutek schildert ihm, dass in sehr seltenen Fällen Nebenwirkungen auftauchen können – doch dass der Nutzen diese bei weitem überwiege. Sieveking ist selbst eigentlich auch von den Vorteilen von Impfungen überzeugt, doch widmet er sich zunehmend den Risiken, vor denen seine Partnerin Angst hat. „Irgendwelche Metalle sind da drin, irgendwas ist da drin damit das überhaupt funktioniert“, sagt sie.

Buch voller Verschwörungstheorien ist „interessant“

Doch seine Recherchen baut Sieveking auf einige äußerst problematische Quellen, wie wir auch in einem auf Zeit Online veröffentlichten Artikel zeigen. So ist im Film prominent zu sehen, wie er das Buch „Die Impfentscheidung“ liest. „Das ist interessant“, sagt er dabei. „Eines ist klar: Impfen macht krank!“, heißt es in der Beschreibung des Buches bei Amazon. Was soll der Verweis auf ein Buch, dass bekanntermaßen voller Verschwörungstheorien steckt? Dies sei „ein typisches Buch, das Eltern, die sich kritisch informieren, lesen“, erklärt der Regisseur auf Nachfrage von MedWatch – daher zeige er es im Film. Dabei ist ihm klar, dass der Buchautor „ohne Belege krude Verschwörungstheorien verbreitet“. Der Autor des Buches argumentiert beispielsweise, die Pharmaindustrie würde Kinder durch Impfungen absichtlich krank machen, womöglich um anschließend mehr Arzneimittel verkaufen zu können. Warum lässt Sieveking das unkommentiert stehen? Er könne nicht jede Situation umfassend erklären, sagt uns der Regisseur – da müsse er dem Zuschauer auch ein bisschen vertrauen, dass dieser das Buch nicht für das entscheidende hält.

Auf ähnliche Weise überlässt Sieveking dem Zuschauer die Einschätzung der Lage, als der Regisseur sich bei einem Vortrag eines anthroposophischen Arztes über Nebenwirkungen von Impfungen informieren möchte. „Wenn er sagt, dass Impfen die stärkste Manipulation ist, die es gibt, spricht es für sich – dass er selber ziemlich manipulativ ist“, erklärt Sieveking gegenüber MedWatch – doch habe er „auch einige wichtige und richtige Fakten“ von ihm erfahren. Im Film sagt der Regisseur, der Vortrag klinge zwar etwas idiologisch, aber immerhin handele es sich um einen promovierten Mediziner. „Wenn ich sagen würde: Das ist ein Freak, dass fand ich alles Quatsch, was er gesagt hat, dann würde man fragen, wieso er im Film vorkommt“, sagt er.

Sieveking befragt vermeintlich „unabhängige“ Experten

Später fährt Sieveking zu einem „Internationalen Symposium“ in Leipzig, bei dem es um Aluminium-basierte Wirkverstärker für Impfungen geht. Da habe er gemerkt, dass es eine seriöse wissenschaftliche Szene gibt, die sich auch mit dem Thema Impfkomplikationen und Impfnebenwirkungen kritisch auseinandersetzt, sagt Sieveking. Was ihm jedoch lange unbekannt bleibt: Nach Recherchen von MedWatch wurde die Veranstaltung vollständig vom impfkritischen „Children’s Medical Safety Research Institute“ (CMSRI) bezahlt, deren Gründerin Clair Dwoskin laut einem US-Journalisten Impfungen als „Holocaust des Gifts“ bezeichnet hat. Zusammen mit dem umstrittenen britischen Aluminium-Forscher Chris Exley leitete sie das Leipziger Symposium.

Exley behauptete dort, Alu-Zusatzstoffe könnten „toxische Ereignisse“ erzeugen – obwohl die Wirkverstärker und mögliche Nebenwirkungen schon lange gut untersucht sind. Er hat bislang nach eigenen Angaben mehr als eine halbe Million Euro von Dwoskins CMSRI erhalten, in dessen wissenschaftlichem Beirat er sitzt. „Warum glauben Sie, versuchen die Behörden, die Wahrheit zu verschweigen“, heißt eines der Themen des Symposiums. In anderen Vorträgen geht es etwa darum, dass Impfungen angeblich Autoimmunerkrankungen auslösen würden.

„Mit Ausnahme der Narkolepsie bei Pandemrix ist bei keinem in Deutschland zugelassenen Humanimpfstoff belegt worden, dass eine Autoimmunkrankheit durch die Impfung verursacht wurde“, erklärt die Pressesprecherin des PEI hingegen. Bei diesem inzwischen nicht mehr verwendeten Mittel habe eine PEI-Studie Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für die Schlafkrankheit Narkolepsie gefunden. „Die Durchführung und Veröffentlichung der Studie zeigt, dass das PEI an der größtmöglichen Sicherheit von Impfstoffen interessiert ist und wissenschaftlich objektiv zu allen Aspekten informiert“, erklärt die Sprecherin.

„Wir kennen die tatsächlichen Risiken nicht, da objektive Forschung niemals gemacht wurde“, sagt im Film hingegen die umstrittene Forscherin Lucija Tomljenovic von der kanadischen University of British Columbia, die gleichfalls Gelder vom CMSRI erhält.

„Ich denke, so eine allgemeine Aussage kann nicht richtig sein“, erklärt Timo Lange vom Verein „Lobbycontrol“. Unabhängige Forschung sei wichtig – „und zwar auch unabhängig von solchen Organisationen, die sich verdächtigt gemacht haben, eine Agenda zu fahren.“ Auch das CMSRI wolle seine Ziele erreichen, sagt Lange. Er fordert, dass der Interessenshintergrund von Wissenschaftlern thematisiert wird – insbesondere bei Forschern, die an umstrittenen Fragen arbeiten.

Titelfolie von Exleys Vortrag beim Leipziger Symposium – mit CMSRI-Logo.

„Meiner Ansicht nach liegt da kein Interessenskonflikt vor, den ich im Film hätte thematisieren müssen“, erklärt Sieveking auf Nachfrage. Die Statements würden nicht mal eine Minute des Films ausmachen – da sei die Frage, ob es angemessen sei, genau alles aufzudröseln. Das „Holocaust“-Zitat von Dwoskin hält er für „überzogen“. Alu-Forscher Exley erklärt auf Nachfrage, Dwoskin sei eine „intelligente Frau“, die ihre eigenen Ansichten zu Impfungen habe. „Ich halte das Symposium überhaupt nicht für eine tendenziöse oder irgendwie obskure Veranstaltung, nach allem was ich weiß“, sagt Sieveking, der nach eigener Aussage lange nicht wusste, wer Dwoskin und was ihr CMSRI ist. „Ich erhebe keinen Anspruch auf Wissenshoheit und auch mir kann man einen Bären aufbinden“, sagt der Regisseur – doch habe ihm bislang niemand eine Falschbehauptung nachweisen können.

Der Film bedient diffuse Ängste

Doch Sieveking verstrickt sich mehrfach in Widersprüche. „Die Angst vorm Impfen ist gefährlich“, sagt er im Film – genau dies werfen ihm Experten vor. „Neben akuten allergischen Reaktionen steht ein breites Spektrum chronischer Erkrankungen im Verdacht, durch Impfungen ausgelöst zu werden – von Asthma und Diabetes bis hin zu multipler Sklerose“, sagt er etwa im Film – und zeigt eine Animation eines Jungen im Rollstuhl mit Atemmaske. Um die Gefühlslage eines Elternteils in dieser Situation darzustellen finde er dies „total legitim“, sagt Sieveking: Schließlich sei es nur eine Illustration und sein Film sei keine Informationsbroschüre. Und das, obwohl er auf Nachfrage sagt, der Verdacht eines Zusammenhangs mit Multipler Sklerose sei seiner Einschätzung nach ausgeräumt. Im Film heißt es hingegen lediglich, eine Verbindung sei wissenschaftlich „noch nicht“ nachgewiesen und werde von Behörden bezweifelt.

Die Kritik, dass er diffuse Ängste bedient, sei in Ordnung, sagt Sieveking. „Aber ich glaube, in der Filmdramaturgie ist der Zuschauer schlau genug, das einzuordnen“, sagt er – es spiele „wirklich nur eine untergeordnete Rolle“. So verweist er darauf, dass seine Partnerin und er am Ende seinen zwei Töchtern einige Impfungen geben, nachdem eine Masern-Epidemie in Berlin ausgebrochen ist.

Interessenlagen werden nicht offengelegt

Der Film zeige Beispiele, was passiert, wenn Menschen nicht wissen, wie man wissenschaftliche Informationen einordnet, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Jan Oude-Aost. „Was dem Film auch fehlt ist, auf die Metaebene zu gehen. Ich glaube, die meisten Zuschauer sind durch den Film eher verwirrt.“ Der Film habe auch gute Momente, aber er verlange dem Publikum viel ab. „Es ist eine Illusion, alles selber bewerten zu können wie bei Digitalkameras“, sagt Oude-Aost.

Für die Psychologin Cornelia Betsch ist es wichtig, Interessenslagen offenzulegen. „Man wird dazu verleitet, Interessenskonflikte eben nur da zu sehen, wo es der Geschichte dienlich ist – und das untergräbt das Vertrauen in die Gesundheitsorganisationen“, sagt sie. Der Film sei vielleicht gut gemacht, aber für die Vermittlung von Wissen kontraproduktiv. Die Professorin für Gesundheitskommunikation kritisiert auch, dass die Berichterstattung über das Thema teils problematisch ist. „Im Moment entsteht aus beiden Perspektiven ein wir-gegen-die: Es entsteht das Gefühl, es gäbe zwei Meinungen, die gleich verteilt wären“, sagt sie. „Beim Impfen geht es aber nicht um Meinungen: Natürlich kann man den Schutz seines Kindes wichtiger oder unwichtiger empfinden – aber es geht doch vor allem um Evidenz.“

Am morgigen Mittwoch lesen Sie in Teil 2, wie Fernsehsender und Förderanstalten sowie weitere Experten auf die MedWatch-Recherchen reagieren.
(Fotos: Flare Film / Screenshots)


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