Deutsche Gesundheitsbehörden versagen beim Schutz von Patienten vor gefährlicher Pseudo-Medizin: Eine gemeinsame Recherche des ARD-Politikmagazins Kontraste und MedWatch für den STERN hat aufgedeckt, wie die Überwachung und Strafverfolgung bei einem gefährlichen „Wundermittel“ wie MMS (Miracle Mineral Supplement) über Jahre vernachlässigt wird. Wir haben Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, kurz IQWiG, um eine Einschätzung gebeten.  Als unabhängiges wissenschaftliches Institut untersucht das IQWiG seit nun schon 14 Jahren den Nutzen und den Schaden von medizinischen Maßnahmen für Patientinnen und Patienten.

MedWatch: Herr Windeler, Sie haben einmal erklärt, dass es im Bereich der Therapiesicherheit von zugelassenen Arzneimitteln ein gut funktionierendes Kontrollsystem gebe. Doch das, was nicht in diesen Bereich gehört, sei gar nicht reguliert. Besonders bei den Produkten, die in eine Grauzone fallen, machten sich das die Hersteller oft sehr geschickt zu Nutze. Wie könnte und sollte diese Grauzone – auch im Sinne des Verbraucherschutzes – in eine evidenzbasierte Zone verwandelt werden?

Jürgen Windeler, Leiter des IQWiG (Foto: IQWiG)

Jürgen Windeler: Es gibt ja Regelungen, etwa im Heilmittelwerbegesetz. Nehmen wir das Beispiel Nahrungsergänzungsmittel: Diese Produkte darf man bewerben und verkaufen, aber man darf keine überzogenen gesundheitlichen Versprechungen machen, also nicht so tun, als wirke ein solches Mittel gegen eine bestimmte Erkrankung, wie ein Arzneimittel. Diese Regelungen sind aber nur wirksam, wenn ihre Einhaltung auch kontrolliert wird. Eine besonders wirkungsvolle Regelung ist das Arzneimittelgesetz: Neue Arzneimittel werden auf ihre Wirksamkeit und Unschädlichkeit geprüft, bevor sie verkauft werden dürfen. Es gibt eigentlich keinen logischen Grund, so eine Zulassung vor dem Marktzugang nicht auch für andere Dinge einzuführen, etwa Medizinprodukte oder Produkte der sogenannten Alternativmedizin. Das klappt aber eben nur bei neuen Produkten, die noch eine Zulassung benötigen. Für all das, was bereits auf dem Markt ist, ist diese Regelung ein stumpfes Schwert. Und gerade im Alternativmedizin-Sektor ist ja vieles ein alter Hut.

MedWatch: Wie bewerten Sie dann, dass Produkte wie die ätzende Chlorbleiche MMS auf Kongressen wie kürzlich dem „Spirit of Health“ in Berlin zur Einnahme, zum Einlauf oder zur Infusion bei Krebs, Autismus oder vielen anderen Krankheiten beworben werden?

Windeler: Menschen dürfen vieles behaupten, auch Dinge, die mir sehr missfallen. Man kann solche Kongresse kaum verbieten, und selbst wenn man es könnte, würde das nicht viel helfen. Die Menschen – sowohl die Anbieter als auch die Empfänger solcher Heilsbotschaften – würden einfach auf andere Kanäle ausweichen. Es geht daher nur über mehr Aufklärung, und zwar von allen Seiten: Ämter, Initiativen zur Patientenberatung, Anbieter von Gesundheitsinformationen und Medien, die auf Gefahren und mangelnde Evidenz hinweisen. Eine kritische Öffentlichkeit ist unabdingbar.

MedWatch: Einem Verkäufer von MMS, der letztes Jahr in erster Instanz zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, haben die Richter zu Gute gehalten, dass er „durch das zögerliche Verhalten der überörtlichen Behörden bei der Einschätzung von ‚MMS‘ bestätigt fühlen durfte“: Erst gut vier Jahre nach Start seines Online-Shops gab es die erste Warnung vom BfR, erst nach sieben Jahren stufte das BfArM es als bedenklich ein. Inwiefern gibt es Ihrer Ansicht nach Handlungsbedarf bei der Verfolgung von Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz und Heilmittelwerbegesetz?

Das IQWiG hat unter anderem den gesetzlichen Auftrag, Vor- und Nachteile von medizinischen Verfahren zu bewerten, also zum Beispiel verschiedene Arzneimittel oder Operationsverfahren untereinander zu vergleichen.

Windeler: Vor allem im Nachhinein ist immer leicht gesagt, dass die Behörden schneller hätten reagieren müssen. Wenn ein Gesundheitsamt oder eine andere Behörde ein Verbot ausspräche, das nicht von der Gesetzeslage gedeckt ist, würden dieselben Richter die Verbote einkassieren und die Ämter rügen – und zwar zu Recht. Es braucht viel Fingerspitzengefühl, um einschätzen, welche Relevanz eine Handlung oder ein Produkt hat, auch um diesem nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Und es gibt mehrere Toleranzschwellen. Wenn Erwachsene in nicht lebensbedrohlichen Situationen mit Bachblüten experimentieren wollen, etwa in Stresssituationen Rescue-Tropfen ausprobieren, dann ist das zwar unwirksam, aber das Produkt an sich ist harmlos. Wenn eine Therapie oder ein Produkt dagegen Nebenwirkungen hat, was in Ihrem Beispiel ja der Fall ist, sieht das schon anders aus. Wenn es dann noch bei Kindern angewendet werden soll, erst recht bei besonders schutzbedürftigen Kindern, ist die Grenze wirklich überschritten: Dann müssen die Behörden reagieren.

 

 

 

MedWatch: Karl Broich, Direktor des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, hat einmal gesagt: „Der Föderalismus hat seine Vorteile, aber bei solchen Dingen, wo eben konkret Patientensicherheit in Gefahr ist, würden wir uns schon manchmal wünschen, da stärker auch selber tätig werden zu können.“ Inwiefern halten Sie dies für sinnvoll?

Windeler: Zunächst sollte man der Frage nachgehen, warum manche Landesbehörden Fälle nur zögerlich prüfen oder sie nach Möglichkeit wegdelegieren. Wenn sich zeigt, dass der gesetzliche Ermessensspielraum für die Landesbehörden zu groß ist, muss man den unter Umständen einengen, sodass es nicht mehr vom Bundesland oder gar Regierungsbezirk abhängt, ob eine Behörde einen Fall wirklich prüft. Das gilt nicht nur für Heilpraktiker, sondern auch etwa für Medizinprodukte wie Hüftgelenke. Und wo der Föderalismus tatsächlich ein verlässliches, bundesweit ähnliches Vorgehen verhindert, muss man über eine Zentralisierung von Aufgaben nachdenken, also etwa dem BfArM ein Mandat zur Überprüfung erteilen. Die Verbraucher müssen sicher sein können, dass ihre Anliegen zuverlässig geschützt werden.

MedWatch: Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die Szene der Heilpraktiker in Deutschland? Der Berufsstand ist nicht zuletzt seit den drei Todesfällen in Brüggen-Bracht in der Kritik, Gröhe hat dennoch lediglich die Prüfungsstandards vereinheitlicht. Heilpraktiker dürfen weiterhin Arzneimittel herstellen, Infusionen legen, und gänzlich ungeprüfte Therapien anwenden.

Windeler: Auf die Frage, wie mit Heilpraktikern umzugehen ist, gibt es – grob gesagt – drei Antworten. Erstens könnte man verlangen, dass diese Menschen eine standardisierte, wissenschaftlich fundierte Ausbildung durchlaufen müssen, bevor sie auf Patientinnen und Patienten „losgelassen“ werden. Das wirft allerdings die Frage auf, was diesen Beruf dann noch von anderen Gesundheitsberufen wie etwa Physiotherapeuten oder Ärzten unterscheiden würde – und ob sich Menschen, die Heilpraktiker werden möchten, auf eine solche standardisierte Ausbildung einlassen würden. Jedenfalls würde eine staatlich geregelte Ausbildung den Beruf aufwerten; darüber muss man sich im Klaren sein.

Zweitens kann man die Abschaffung des Heilpraktiker-Berufs verlangen. Das kann aber mit der grundgesetzlich verbrieften Berufsfreiheit kollidieren. Abgesehen davon müsste es sehr lange Übergangsfristen geben. Und die Leute würden mit ihren Problemen ja weiterhin zu irgendwem gehen, von dem es heißt, er oder sie kenne sich aus. Drittens, und das scheint mir derzeit der sinnvollste Weg zu sein, kann man die Tätigkeiten, die Heilpraktiker anbieten dürfen, gesetzlich einschränken – ihnen also zum Beispiel verbieten, Krebskranke zu therapieren, Injektionen zu geben, Arzneimittel herzustellen und auszuhändigen und so weiter, wie es ja in vielen Kantonen der Schweiz schon geschehen ist.

Die meisten Menschen, die zum Heilpraktiker gehen, suchen dort ohnehin andere Dinge als bei ihrer Ärztin, die sie bei ernsten Erkrankungen ja weiterhin aufsuchen. Zum Problem wird das erst, wenn Heilpraktiker Produkte abgeben, die nicht zugelassen sind, riskante Therapien verordnen oder von notwendigen Therapien abraten. Da fehlt dann wirklich eine klare, einheitliche Reaktion der Landesbehörden.

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