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Hype um transkranielle Pulsstimulation Alzheimer heilbar – oder doch nicht?

Seniorin
Hilft TPS? Menschen mit Alzheimer hoffen auf eine wirksame Therapie, doch die Studienlage ist dünn. Foto: iStock

Eine Behandlung mit transkranieller Pulsstimulation lässt Alzheimer-Demenz-Patienten auf Heilung hoffen, bereitwillig zahlen sie dafür viel Geld. Rechtfertigt die medizinische Evidenz die Versprechen der TPSTPS Transkranieller Pulsstimulation-Anbieter? MedWatch ordnet ein.

Suchen Sie im Internet nach Informationen zur Alzheimer-Erkrankung, finden Sie als einen der obersten Treffer die Website „Alzheimer Deutschland“. Bereits auf ihrer Startseite titelt sie: „Alzheimer-Demenz endlich behandelbar!“ Dank transkranieller Pulsstimulation (TPS) könnten Alzheimer-Patienten endlich wieder auf ein normales Leben hoffen. Dabei gilt die Alzheimer-Demenz in medizinischen Fachkreisen doch als unheilbar. Schließlich sterben die Gehirnzellen Betroffener unumkehrbar ab, wodurch ihre geistige Leistungsfähigkeit stetig sinkt und ihre emotionalen sowie sozialen Fertigkeiten bis zu ihrem Tod abnehmen. Weder hat die Wissenschaftswelt die Ursachen der Alzheimer-Demenz vollständig erforscht, noch eine kausale Therapie entwickelt.

Doch die schweizerische Storz Medical AG macht Menschen mit leichten und mittelschweren Alzheimer-Symptomen nun Hoffnung. Unter der Bezeichnung „Neurolith“ stellt sie seit drei Jahren ein Gerät zur transkraniellen Pulsstimulation (TPS) her. Weltweit entstanden bereits 55 Behandlungsstandorte – 42 allein im deutschsprachigen Raum –, deren Aussagen sich ähneln. So preist die Website des Hamburger „TPS-Kompetenzzentrums“, die „in klinischen Studien nachgewiesenen … Stoßwellen-Therapiemethode“, deren „Ziel es ist, die kognitiven Fähigkeiten der Patient*innen zu regenerieren“ und die „die weltweit einzige Zulassung“ erhielt, um die „Alzheimer-Demenz wirksam, sicher und kausal zu behandeln”. Über den revolutionären Erfolg des Therapieverfahrens berichteten bereits Focus Online, Der Standard, T-Online, BILD, Hamburg 1, Servus TV und RTL. Kann TPS diese Erwartungen tatsächlich erfüllen?

Schmerzfrei und nebenwirkungsarm

Ein Neurolith besteht aus drei Komponenten: (1) einem handgehaltenen Ultraschallkopf, der als Druckimpulse gebündelte Ultraschallwellen durch die Schädeldecke von Patienten sendet, (2) einer Infrarot-Kamera, die die Position des Handstücks relativ zum Patientenkopf aufzeichnet, und (3) einer Visualisierungssoftware, die die beschallten Hirnareale anhand zuvor aufgenommener Magnetresonanztomographie (MRTMRT Magnetresonanztomographie)-Bilder des Patienten in Echtzeit markiert. Da TPS nur schwache Ultraschallpulse nutzt und sich selbst 150-mal stärkere Energielevels in Tierexperimenten als sicher erwiesen, gilt das Schallverfahren nach bisherigem wissenschaftlichem Kenntnisstand als risikolos. Laut Storz Medical klagten unter Hunderten seit 2018 behandelten Patienten nur Einzelpersonen über leichte Kopfschmerzen oder Stimmungsschwankungen nach der Ultrabeschallung.

TPS verursacht klinische Effekte …

Dem TPS-Konzept liegt eine mehr als zehnjährige Forschungstätigkeit von Roland Beisteiner, Professor an der Universitätsklinik für Neurologie und Psychiatrie der Medizinischen Universität Wien, zugrunde. Laut eigener Aussage wird er zu „einem kleineren Teil von Storz Medical gesponsert”. Seit 2019 veröffentlichte seine Arbeitsgruppe Forschungsdaten zur TPS in fünf wissenschaftlichen Publikationen. Vier davon beruhen auf Untersuchungen an ein und derselben Probanden-Kohorte aus 35 Alzheimer-Patienten, deren geschädigte Hirnareale Beisteiners Team drei Mal pro Woche für bis zu vier Wochen beschallte. Tatsächlich schnitten die Patienten in neuropsychologischen Testungen nach Therapieende besser ab als vor der Behandlung. Drei Monate später hatten sich ihre Testwerte für Gedächtnisleistung und Sprachvermögen im Durchschnitt sogar um sechs von 100 Punkten verbessert.

Neben kognitiven Einbußen geht die Alzheimer-Demenz mit einem Verlust an Neuronen im Gehirn einher. Beeinflusst TPS auch diese sogenannte Hirnatrophie? Für eine Antwort überprüfte die Wiener Arbeitsgruppe MRT-Bilder der Großhirnrinden von 17 ihrer 35 Probanden. Denn sterben Nervenzellen im Gehirn, nimmt die Hirnmasse ab und die Großhirnrinde wird dünner. Bei 13 der 17 Demenzkranken stoppte TPS den Neuronenverlust nicht. Bei vier Probanden nahm die Dicke ihrer Großhirnrinden nach TPS-Behandlung jedoch nicht weiter ab – wie entsprechend des normalen Krankheitsverlaufs zu erwarten -, sondern sogar zu.

Trugen die Hirnforscher alle Daten der 17 Patienten in ein gemeinsames Diagramm ein, erkannten sie noch etwas: Je mehr sich die Gedächtnis- und Sprachfähigkeiten ihrer Probanden verbesserten, umso weniger atrophisch waren ihre Großhirnrinden. Vorerst fasste Beisteiner zusammen: „Dass eine ultraschallbasierte Hirnstimulation Atrophieprozesse verringern kann, ist völlig neu, muss aber in weiterführenden Studien überprüft werden.

… doch Zweifel bleiben

Kann das Schallverfahren Alzheimer-Symptome also wahrhaftig lindern? Nein, sagen TPS-Kritiker mit Blick auf die Studiendetails. Zur Bewertung der kognitiven Fähigkeiten ihrer Demenzpatienten verwendete Beisteiners Team den CERADCERAD Consortium to Establish a Registry for Alzheimer’s Disease-Test. CERAD steht für „Consortium to Establish a Registry for Alzheimer’s Disease” und gilt als Goldstandard zur Erfassung kognitiver Defizite bei Alzheimer-Demenzen. Im Durchschnitt sinken CERAD-Werte infolge des Krankheitsverlaufs um 7,2 Punkte pro Jahr.

Genau hier liege das Problem, sagt Susanna Saxl-Reisen, stellvertretende Geschäftsführerin der Selbsthilfeorganisation Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V.: „CERAD wurde für diagnostische Zwecke entwickelt und nicht für die Erfassung von Behandlungseffekten. Für letzteres ist es ungeeignet. Da die Studie auf Kontrollgruppen verzichtet, könnten sich die CERAD-Werte ebenso aufgrund eines – TPS-unabhängigen – Lerneffekts verbessert haben.” Beisteiner widerspricht: „Die Alzheimer-Erkrankung schreitet chronisch fort. Nach einigen Monaten sind verschlechterte Testwerte zu erwarten. Publikationen zeigen, dass Wiederholungstests aussagekräftig sind.”

Die Neuropsychologin Tamara Matuz ergänzt aus ihrer Erfahrung in der Alzheimer-Diagnostik in der Neurologie-Ambulanz des Universitätsklinikums Tübingen: „Beisteiners Publikation fußt auf korrigierten CERAD-Werten – ohne zu erläutern, warum und wie die Versuchsdaten mathematisch verändert wurden. Eine derartige Bearbeitung ist unnötig – wie unzählige Publikationen in der Literatur aufzeigen.” Zudem ist unklar, ob die beobachtete Verbesserung um sechs von 100 CERAD-Punkten überhaupt einen Unterschied im Alltagserleben von Alzheimer-Patienten macht.

Lisa Graf, Studienkoordinatorin am Tübinger Hertie-Institut für klinische Hirnforschung erklärt: „Eine solche Aussage könnten nur quantifizierbare Quality of Life – Erhebungen treffen, in denen Demenzpatienten und ihre Angehörigen zu Alltagssituationen befragt werden, also zum Beispiel wie gut sich Betroffene wieder Einkaufslisten merken und verbal ausdrücken können.“

TPS: Dünne Studienlage

Noch ist die Medizinwelt also nicht überzeugt, dass TPS das Leben von Alzheimer-Patienten verbessert. Abhilfe könnten multizentrische, Placebo-kontrollierte, doppelt verblindete und randomisierte Wirksamkeitsstudien an Tausenden Patienten schaffen. Denn nur sie ermöglichen es, wirksame Medikamente und Therapien von Scheinbehandlungen zu unterscheiden.

Tatsächlich behandelte Beisteiners Arbeitsgruppe je etwa die Hälfte der Alzheimer-Patienten an den zwei Standorten Wien und Bad Krozingen. Die Bezeichnung ‚multizentrisch‘ ist also anwendbar. Allen anderen Anforderungen werden die bisherigen Wiener Studien jedoch nicht gerecht. So leben allein in Deutschland 1,6 Millionen Alzheimer-Patienten mit unterschiedlichen genetischen Hintergründen, Krankheitssymptomen und Therapieverläufen. Wie gut spiegeln 35 Einzelfälle diese Vielfalt an Krankheitsschicksalen wider?

Nur streng designte klinische Wirksamkeitsstudien beweisen, welche ArzneimittelArzneimittel Arzneimittel sind Stoffe oder Zubereitungen aus Stoffen, die angewandt werden, um Krankheiten, Leiden, Körperschäden oder Beschwerden zu heilen, zu lindern oder zu verhüten. Es kann sich hierbei ebenfalls um Mittel handeln, die dafür sorgen, dass Krankheiten oder Beschwerden gar nicht erst auftreten. Die Definition beinhaltet ebenso Substanzen, die der Diagnose einer Krankheit nutzen oder seelische Zustände beeinflussen. Die Mittel können dabei im Körper oder auch am Körper wirken. Das gilt sowohl für die Anwendung beim Menschen als auch beim Tier. Die gesetzliche Definition von Arzneimitteln ist im § 2 Arzneimittelgesetz (AMG) enthalten. und Therapieformen verlässlich helfen.

doppelblind: Weder Studienteilnehmer noch Ärzteschaft wissen, wer die zu testende Behandlungsform und wer eine Scheinbehandlung erhält. Das schließt psychologische Kontexteffekte aus.

prospektiv: Es steht im Vorfeld fest, was getestet wird und ab wann ein positives oder negatives Studienergebnis erzielt ist. Das schließt selektive Datenanalysen, Statistikschwächen und Schönrederei aus.

randomisiert: Studienteilnehmer sind nach dem Zufallsprinzip auf Test- und Kontrollgruppen verteilt. Das schließt eine Verzerrung des Studienergebnisses aus, da sich potenziell empfänglichere Studienteilnehmer gleichmäßig in allen Gruppen finden.

multizentrisch: Die identische Studie wird an unterschiedlichen Orten durchgeführt. Das erweitert ihre Aussagekraft auf viele Personengruppen unabhängig von deren genetischen Hintergrund.

Zum Vergleich: Ende 2021 verweigerte die Europäische Arzneimittel-Agentur dem AntikörperAntikörper Protein, den das Immunsystem bei einer Infektion speziell gegen den jeweiligen Krankheitserreger produziert. Körpereigener Abwehrstoff. Aducanumab – über Jahre der Hoffnungsträger der Alzheimer-Therapie – die Zulassung, da die Behörde die Daten zweier klinischer Wirksamkeitsstudien mit 3.300 Alzheimer-Patienten an 348 Behandlungsorten in 20 Ländern über 78 Behandlungswochen als unzureichend einstufte. Schon zuvor hatten sich Medikamenten-Kandidaten verschiedener Pharmaunternehmen gegenüber Placebos als nicht überlegen erwiesen – trotz vielversprechender präklinischer Vorversuche, Tierexperimente und erster klinischer Daten.

TPS: Keine Placebokontrollen

Schließlich sind gerade Placebo-Antworten in der Alzheimer-Therapie bedeutsam. Welcher Langzeitpatient sehnt sich schließlich nicht nach einer effektiven Behandlung? So lindern allein Arztbesuch und Fürsorge – also psychologische Kontexteffekte – die Beschwerden von Patienten. In einer klinischen Studie können sogar Design, Dauer und Teilnehmerzahl die Placebo-Antwort beeinflussen.

Beisteiners bisherigen Studien mit Demenz-Patienten fehlen derartige Gegenüberstellungen mit Placebo-Kontrollgruppen. Weder verblindeten die Wiener ihr Studiendesign, noch randomisierten sie Probanden. „Dabei gibt es 50 Millionen Demenzkranke weltweit“, sagt Susanna Saxl-Reisen von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, „und somit keinen vernünftigen Grund für so eine winzige Probandengruppe. Selbst Studien seltener Erkrankungen umfassen mehr Versuchspersonen”. Roland Beisteiner stimmt teilweise zu: „Unsere Publikationen und klinischen Erfahrungen sind vielversprechend. Für einen definitiven Wirksamkeitsnachweis sind allerdings Placebo‐kontrollierte Studien mit höheren Patientenzahlen erforderlich.” Derzeit führt seine Arbeitsgruppe zwei Studien mit 30 Alzheimer-Patienten beziehungsweise 60 Parkinson-Patienten durch. Ergebnisse werden im Herbst 2022 erwartet.

TPS-Langzeiteffekt: eine Woche

In einer weiteren Studie zur TPS spürte Beisteiners Arbeitsgruppe Langzeiteffekten nach, indem sie bei zwölf gesunden Probanden den für die Fingermotorik zuständigen somatosensorischen Kortex beschallten. Storz Medical feierte in seiner zugehörigen Pressemitteilung die „randomisierte, placebokontrollierte und doppelt verblindete Studie, … die einen scheinkontrollierten Nachweis“ für Langzeiteffekte liefere. Die Studie zeige, dass „TPS … die Feinmotorik und Sensibilität von Muskeln verbessere”.

Die Originalpublikation spiegelt nur manche dieser Behauptungen wider: Die Experimentatoren wussten, ob sie eine echte oder eine Scheinbehandlung verabreichten. Doppelt verblindet war die Studie also nicht. Auch ahnten zwei Drittel der Probanden, welche Behandlungsform sie erhielten. Darüber hinaus deuteten MRT-Messungen eine Woche nach Behandlungsende tatsächlich an, dass der somatosensorische Kortex der Studienteilnehmenden Informationen nun anders verarbeitete. Doch weder verbesserten sich Tastschärfe noch Feinmotorik der Probanden. Der Begriff „langanhaltende Wirkung“ bezieht sich laut den Studienautoren einzig auf die veränderte Art und Weise, wie beschallte Hirnareale Informationen auch noch eine Woche später verarbeiteten. Eine weitere Folgeuntersuchung führte Beisteiners Team übrigens nicht durch.

Werbung auf Hochtouren

Storz Medicals Produktbroschüren interpretieren den Begriff „langanhaltende Wirkung“ dagegen großzügiger. Auch übertragen sie Beisteiners Untersuchungen an gesunden Probanden bedenkenlos auf Alzheimer-Patienten. Sie enthalten eine Abbildung „Verbesserung über 12 Monate“, nach der neuropsychologische Effekte bestehen bleiben, wenn sich Demenz-Patienten alle sechs Wochen mit TPS behandeln ließen. Woher diese Daten stammen, wollte Manfred Schulz, Leiter der Geschäftsentwicklung bei Storz Medical, trotz mehrfacher Nachfrage gegenüber MedWatch nicht beantworten. In Beisteiners Publikationen finden sie sich nicht.

Trotzdem empfehlen auch die meisten der 42 deutschen TPS-Anbieter „nach aktueller Studienlage … eine Behandlungsdauer von 24 bis 36 Monaten”. Nur dann blieben „diese Steigerungen auch nach über einem Jahr bestehen”. Die ersten sechs Therapieeinheiten kosten insgesamt 3.000 Euro, jede Folgebehandlung 300 Euro. Die Gesamteinnahmen pro Patient summieren sich so auf bis zu 10.200 Euro. Weil die Wirksamkeit der TPS nicht belegt ist, erstatten gesetzliche Krankenkassen diese Behandlungskosten nicht; Patienten müssen sie also aus eigener Tasche begleichen. Laut Storz Medical führten 100 Kliniken in 23 Ländern bereits 15.000 Therapiesitzungen durch.

Wirkmechanismus unbekannt

Die aus Patientensicht entscheidende Frage lautet natürlich: Wirkt TPS so, wie es seine Anbieter versprechen? Laut TPS-Praxen soll die transkranielle Pulsstimulation im Gehirn eine Vielfalt von Effekten auslösen: Wachstumsfaktoren ausschütten, Ionenkanäle aktivieren, Stickoxid freisetzen, Blutgefäßsysteme und neuronale Netzwerke erweitern, neue Synapsen bilden und Stammzellen zur Teilung anregen. Nichts davon ist jedoch experimentell nachgewiesen. Auch steht keine dieser Vermutungen in einem kausalen Zusammenhang mit bekannten Biomarkern der Alzheimer-Demenz wie den Ablagerungen von Amyloid-β- und Tau-Eiweißen.

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft fasste gegenüber MedWatch zusammen: „Von einer kausalen Behandlung kann keine Rede sein. Da das Behandlungskonzept nicht überzeugt, haben bereits verschiedene Universitäten von klinischen Studien Abstand genommen.” Auch Roland Beisteiner sagt: „Es handelt sich um keine kausale Therapie, sondern um eine Unterstützung einer rehabilitativen neuroplastischen Umorganisation”. Wie können TPS-Anbieter also beanspruchen, die Ursachen der Alzheimer-Demenz zu beseitigen?

Keine Zulassung, nur CECE Europäische Konformität-Kennzeichnung

Als weiteres Werbeargument erklärt Storz Medical TPS zur „zugelassenen Behandlungsmethode für die Alzheimer-Erkrankung”. Anders als für Arzneimittel existiert für Medizintechnik in der Europäischen Union aber gar kein Zulassungsverfahren, in welchem eine unabhängige Behörde die klinische Wirksamkeit evaluiert. Vor Marktzugang müssen Medizingeräte lediglich eine CE-Kennzeichnung erwerben. Mit ihr erklären Hersteller gemäß Marktüberwachungsverordnung (EU) 2019/1020, dass ihr Produkt alle Anforderungen an die technische Sicherheit sowie den Gesundheits- und Umweltschutz erfüllt. Eine CE-Zertifizierung ist also kein klinisches Qualitätssiegel, sondern eine technische Kennzeichnung. Storz Medicals Neurolith erhielt sie vom TÜV Rheinland.

Wenig neurologische Kompetenz

Auf die sichere Anwendung von TPS ist auch Beisteiner bedacht. In Pressemitteilungen der Universität Wien und in der Februar-Ausgabe 2022 des österreichischen Gesundheitsmagazins Periskop betonte er, dass TPS „besondere neurologische, methodische und Hirnfunktionskenntnisse“ erfordere und „für fachfremde Medizinerinnen und Mediziner der risikofreie Einsatz de facto nicht möglich“ sei.

Allerdings: Nur sieben von 42 TPS-Zentren im deutschsprachigen Raum stehen Fachärzte für Neurologie oder Psychiatrie vor. Elf TPS-Praxen sind auf naturheilkundliche und homöopathische Verfahren spezialisiert. Ein Standort kommt ganz ohne ärztliches Personal aus; eine Ergotherapeutin bietet dort TPS an. Die verbleibenden 23 Neurolith stehen in Privatpraxen für Orthopädie, Chirurgie, Rheumatologie oder Sportmedizin.

Natürlich ist es nicht Storz Medicals Aufgabe, die neurologische Kompetenz seiner Kundschaft sicherzustellen. Dennoch bedauerte Beisteiner gegenüber MedWatch: „Leider fehlen gesetzliche Regulationen für die Anwendung neuer – in diesem Fall hochkomplexer – Hirntherapien durch Nicht-Hirnexperten.”

Wenigstens der Verkauf läuft

Storz Medical nimmt das offenbar weniger genau. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Stat News sagte eine für das Neurolith zuständige Produktmanagerin, dass die Nachfrage durch Alzheimer-Patienten ausreiche, um dessen Verkauf zu rechtfertigen. Brauchbare Alternativen würden Betroffenen schließlich nicht geboten.

Auch Roland Beisteiner hielt gegenüber MedWatch fest, „dass ein erheblicher Teil der Patient:innen nach Wiederholungstherapien fragt“. Gleichzeitig erklärte er aber in einem Periskop-Artikel: „Ausschließlich auf subjektive Patientenerfahrung zu setzen, ist problematisch, da oftmals Placeboeffekte zu tragen kommen … Für eine seriöse Beurteilung des Therapieerfolgs reichen subjektive Bewertungen seitens Betroffener keinesfalls aus.” Dem stimmt Susanna Saxl-Reisen von der Alzheimer Gesellschaft zu: „Natürlich klammern sich Angehörige an jeden Strohhalm – trotz hoher privater Kosten. TPS derart stark mit Heilsversprechen zu bewerben, führt zu starker Nachfrage und schafft für Kliniken den Anreiz, diese Leistungen zu verkaufen.

Über Gerätepreise wollten weder die Storz Medical AG noch ihre Vertriebspartner wie die österreichische PEROmed GmbHGmbH Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Auskunft erteilen. Gebrauchte Neurolith kosten auf dem Online-Marktplatz Bimedis durchschnittlich 206.125 Euro. Im Juni 2022 feierte Storz Medical seinen einhundertsten Geräteverkauf.

Der Kreis schließt sich

Welche Rolle spielt bei all dem nun die Internetseite „Alzheimer Deutschland“, wenn sie erklärt: „Alzheimer-Demenz endlich behandelbar“? Laut Impressum stammen ihre medizinischen Inhalte von Dr. med. Henning Lohse-Busch – dem Seniorautor von Roland Beisteiners TPS-Publikation aus 2019. Die Textbeiträge berichten von einem „medizinischen Wunder“ und einer „Erfolgsquote in der Praxis von 80 %“. Sie lesen sich wie Werbeaussagen, scheinbar untermauert von Patientenerfahrungen und Links zu Presse- und TV-Beiträgen. Dabei lenken sie immer wieder auf nur ein Ziel – eine Liste aller TPS-Praxen zur direkten Kontaktaufnahme. Aufschlussreich ist der Haftungsausschluss der Internetseite: „Alzheimer-Deutschland.de übernimmt keine Haftung für die Wirksamkeit oder Unwirksamkeit der TPS”.

Schließlich weiß nach gegenwärtiger Studienlage niemand, ob TPS funktioniert – auch wenn Tausende Alzheimer-Patienten und ihre Angehörigen in ihrer Verzweiflung bereits Tausende Euro für eine vielleicht unerfüllbare Hoffnung ausgeben. Erbrächte Roland Beisteiners Arbeitsgruppe einen zweifelsfreien Wirknachweis, wäre das für Demenz-Patienten phänomenal. Bis dahin wünscht sich die Deutsche Alzheimer Gesellschaft: „Wann immer Zeitungs- oder TV-Beiträge über derartige experimentelle Behandlungen berichten, stehen unsere Telefone nicht mehr still. Könnten sie bitte kritischer mit solchen Geschichten und der Hoffnung von Menschen umgehen?


Redaktion: Sigrid März, Nicola Kuhrt