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In den Praxen noch nicht angekommen Interview: Psychoonkologie im Rahmen einer Krebsdiagnose

Die Psychoonkologie beschäftigt sich mit den seelischen Auswirkungen von Krebs auf Betroffene und ihr Umfeld. © Priscilla Du Preez / unsplash

Die Psychoonkologie, auch psychosoziale Onkologie genannt, bezeichnet eine wissenschaftliche Fachrichtung, die sich mit den seelischen Auswirkungen von Krebs auf Betroffene und ihr Umfeld beschäftigt. Sie entwickelt zudem Möglichkeiten der Unterstützung. Im Gespräch mit Anja Mehnert-Theuerkauf – Diplompsychologin und psychologische Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt der Verhaltenstherapie an der Uni Leipzig – soll es um die „Erste-Hilfe-Maßnahmen“ gehen, die diesbezüglich in den Praxen von Hausärzten, Onkologen und anderen Fachärzten ergriffen werden, wenn ein Patient eine einschneidende Nachricht erhält.

Nur selten entstehen lebensverändernden Maßnahmen, resultierend aus einer Krebsdiagnose, in einem graduellen Prozess, an den sich ein Patient gewöhnen könnte. Passende Beispiele dürften sein, dass eine Körperextremität auf Grund eines inoperablen Tumors amputiert werden muss. Auch die Aussicht nur noch eine kurze Lebensspanne vor sich zu haben gehört zu solch einem Szenario. Lesen Sie hierzu auch den MedWatch-Artikel zum Thema Psychologische Betreuung nach der Diagnose Krebs. Solche Schock-Nachrichten kommen oft unerwartet und können Patienten überfordern. Sie brauchen die Erfahrungen aus der Psychoonkologie und weitere Maßnahmen.

MedWatch im Gespräch mit Anja Mehnert-Theuerkauf: Was passiert zwischen Ärzt:innen und Patient:innen im Rahmen einer Krebsdiagnose, was bedarf Verbesserungen?© André Heeger

Psychoonkologie und verwandte Fächer im Medizinstudium

MedWatch: Lernen Medizinstudenten im Studium, wie man in solch einer Situation mit dem Patienten umgehen sollte? Gibt es Handlungs-Anweisungen für die bereits praktizierenden Ärzte bezüglich psychologischer und psychoonkologischer Beratungs-Angebote?

Anja Mehnert-Theuerkauf: Studenten lernen das heute durchaus im Medizinstudium. Am UKE Hamburg gibt es zum Beispiel den integrierten Modellstudiengang Medizin Hamburg (iMED) mit psychologischen Fächern im Studium. Aber auch etwa in Leipzig – mit einem noch sehr klassischem Studien-Aufbau – werden medizinische Psychologie und Soziologie und auch Kommunikationskurse angeboten. Das ist wirklich gut gemacht, mit Schauspielpatienten und Rollenspielen. Aber Deutschlandweit betrachtet ist der Anteil solcher Kurse im Studium noch recht gering. Nach der neuen Abbrobationsordnung sollen diese psychologischen Faktoren in der Klinik jedoch stärkere Berücksichtigung finden.

Aber, die Frage ist auch, ob das immer so wichtig und folgerichtig ist. Reine Thorax-Chirurgie ist eher wie ein Handwerk. Hier ist es vielleicht sogar besser, wenn der Operateur nicht zu viel über den Patienten nachdenkt. In manchen Fällen handelt es sich bei medizinischem und psychologischem Wissen um Kompetenzen, die sich gegenseitig ausschließen.

Mediziner zu sein ist ein schwerer Beruf, bei welchem es wichtig ist, sich auch selbst zu schützen.

Kommunikation mit dem Patienten ist dennoch ein sehr wichtiger Aspekt! Wenn jemand nicht mehr heilbar ist, kann trotz alledem immer etwas bis zum Lebensende des Patienten getan werden. Um nur einige Dinge zu nennen: Symptombehandlung, Erhaltung einer gewissen Lebensqualität durch gute Schmerzkontrolle, die Erhaltung eines bestimmten Funktionsstatus, Erhaltung der Mobilität… Dies ist ein Punkt, der immer noch ein wenig hinten anhängt. Heute geht es im Klinikalltag noch verstärkt um „Heilung“ oder „Nichtheilung“.

Keine verpflichtenden Handlungsanweisungen für Ärzte

MedWatch: Gibt es Handlungsanweisungen für Ärzte in Bezug auf die Psychoonkologie?

Mehnert-Theuerkauf: Es gibt keine konkreten Handlungsanweisungen für die Ärzte. Nein.

Allerdings: Bei einem durch das deutsche Krebszentrum zertifizierten Krebszentrum müssen Psychologen vor Ort auf den Stationen sein. Diese sind jedoch bei der Diagnose an sich aus Datenschutzgründen nicht dabei. Sie suchen die Patienten und teils auch die Angehörigen aktiv auf. Diese Psychologen haben einen Fragebogen für die Patienten, wie belastet sie sich momentan fühlen. Auch andere Problembereiche werden hier mit abgefragt. Auf diese Weise kann etwa differenziert werden, wo sich die schwerbelasteten Patienten befinden und diese werden prioritär psychologisch begleitet.

MedWatch: Sollte bei Diagnosestellung immer direkt jemand aus der psychologischen Betreuung dabei sein?

Mehrnert-Theuerkauf: Die Idee ist logistisch sehr schwer umzusetzen und oft manchmal auch gar nicht so nötig. Manche Patienten müssen das erst einmal für sich verdauen und sacken lassen. Aber die Vermittlung und Einbindung ist durchaus wichtig und muss noch mehr werden. Die gesamte Umsetzung muss besser werden. In Praxen findet diese Einbindung so gut wie gar nicht statt.

Lieber keine Coaches in der Psychoonkologie

MedWatch: Bei einer humangenetischen Beratung etwa findet das psychologische Angebot viel mehr Gewicht. Da ist jemand, der berät, erklärt und auch im gewissen Maße auffängt. Es muss doch nicht immer gleich ein Psychologe sein. Wäre so etwas wie ein geschulter Coach denkbar? Das wäre für die Kassen eine günstige Alternative, oder?

Mehnert-Theuerkauf: Ich finde schon, dass dies jemand sein sollte, der eine psychologische Grundausbildung hat. Bitte kein Coach – hier gibt es einfach viel Wildwuchs und das Angebot wäre nicht vergleichbar.

Wichtig wäre, dass die Krebsberatung flächendeckend und niedrigschwellig installiert wird. Es ist wichtig möglichst zeitnah in eine Beratungsstelle zu gehen. Hier findet sich ein besseres Know-how. Besser ist es auch, wenn das Angebot gebündelt ist, es gibt für Krebspatienten auch viele organisatorische Dinge zu klären.

Leistungen der Krankenkassen in diesem Zusammenhang

MedWatch: Was kann der Hausarzt als Beratung abrechnen? Kann er Beratungsgespräche, auch zum Thema der Psychoonkologie, angeben?

Mehnert-Theuerkauf: Nichts kann er abrechnen, oder zumindest nicht viel.

MedWatch: Beratung, Therapie, sportive Angebote – Sport ist sehr hilfreich während einer Krebstherapie. Was kann – von der anderen Seite betrachtet – der Patient von der Kasse erwarten?

Mehnert-Theuerkauf: Heute bekommen Patienten das alles bezahlt. An großen Kliniken gibt es Psychoonkologen, Krebsberatungsstellen, Rehabilitationsmaßnahmen und innerhalb von Tagen bis einer Woche bekommen die Patienten dort Termine. Es liefen Tests, diese Angebote ohne Termin anzubieten. Das lief jedoch nicht gut. Entweder warten die Patienten oder es warten die Berater. Mit Terminvergabe funktioniert das wesentlich besser. Und für schwere Fälle kann man immer noch flexibel bleiben.

Für eine Behandlung bei einem Psychotherapeuten bedarf es allerdings einer Diagnose. Ist eine Therapie von Nöten muss man sich hier auf lange Wartezeiten einstellen, wie bei nicht-Krebs-Patienten auch.

Nach langem Bestreben durch die deutsche Krebshilfe und Fachberatungen wie den Onkologen wurde durchgesetzt, dass die Beratungsstellen ein festes Budget bekommen. Diese können dadurch ganz anders arbeiten und es gibt ein größeres Angebot.

Phasen der Verarbeitung einer schwerwiegenden Diagnose

MedWatch: Was löst eine Krebsdiagnose, eine lebensverändernde Behandlungsmaßnahme oder Konsequenz resultierend aus einer schweren Diagnose aus? Wie gehen die Menschen damit um?

Mehnert-Theuerkauf: Für manche ist es im ersten Moment ein Schock. Die älteren sind manches Mal abgeklärter. Oft folgt eine Orientierungsphase: Vieles ändert sich im Leben, es gibt viel Organisatorisches zu klären, etwa mit dem Arbeitgeber, Fragen wie: „Wo muss ich hin?“ und „Wie geht es danach weiter?“ müssen erörtert werden.

Wichtig zu wissen ist, dass der Mensch in akuten Belastungssituationen erstmal einfach nur funktioniert und sogar relativ stabil ist. Die eigentlichen psychischen Belastungen kommen oft erst am Ende der Therapie. Das ist meist ein halbes bis dreiviertel Jahr danach.

Oft beginnt erst hier die Verarbeitung im Kopf, zu diesem Zeitpunkt werden Patienten eher vulnerabel und anfällig. Man muss auch sagen, viele stecken das Ganze gut weg, sind relativ stabil und nehmen nur kurz eine Psychotherapie in Anspruch. Aber man darf nicht außer Acht lassen, dass selbst zwölf Jahre nach Diagnosestellung die Depressionsrate bei diesen Patienten deutlich erhöht ist im Verglich zur Normalbevölkerung.

Psychoonkologische Maßnahmen bereits ab Beginn der Diagnose

MedWatch: Wie wichtig ist also die psychologische Betreuung und Beratung gerade zu Beginn, also direkt nach der Diagnose?

Mehnert-Theuerkauf: Im Idealfall sollten Patienten von Anfang an informiert werden, dass es psychische Begleitung, Physiotherapie gibt. Eine umfassende und interprofessionelle Versorgung ist wichtig. Die Patienten sollen informiert sein. Die psychosozialen Angebote sind vor allem am Ende einer Therapie stärker gefordert.

MedWatch: Ist es wichtig, dass auch die Ärzte solch einen parallelen Ansatz mitverfolgen?

Es gibt Studien, die zeigen, dass wenn der Arzt die Patienten ganz konkret überweist oder irgendwo anmeldet, ist es für diese einfacher, die Angebote auch wahrzunehmen. Belastung und Bildung spielt hier eine große Rolle. Bildungsferne Schichten, Ärmere, prekäre Situationen im Alltag: hier gibt es wenig Angebote, die auf die Menschen zugeschnitten sind.

Der Erfolg der psychologischen Arbeit lebt von der Selbstwirksamkeit, aber auch vom jeweiligen Bildungsstand. Damit meine ich etwa die eigene Gesundheitskompetenz, die Fähigkeit eines Patienten Ratschläge umzusetzen, Empfehlungen zu folgen. Ein Beispiel: Aufhören zu Rauchen würde vielen helfen. Dennoch befolgen viele diesen Rat nicht.

Manche Personen brauchen hingegen eine sehr kleinteilige Begleitung, so müssen beispielsweise mit ihnen Anträge zusammen ausgefüllt werden. Das bindet Ressourcen. Oft spielt auch eine sprachliche Barriere eine große Rolle.

Langzeitfolgen wie chronische Erschöpfung

MedWatch: Eine Langzeitfolge einer Krebsbehandlung ist die chronische Erschöpfung. Menschen, die eine Krebstherapie hinter sich haben, leiden Jahre später noch unter Antriebslosigkeit. Natürlich kann Niemand gezwungen werden, ein Angebot in Anspruch zu nehmen, aber irgendwie muss da doch mehr ineinandergreifen, ohne dass die Patienten sich um alles selbst kümmern müssen, oder?

Mehnert-Theuerkauf: Ein frühes Eingreifen kann solche Folgen verhindern. Gerade die Psychoonkologie in der niedrigschwelligen Versorgung. Das muss alles mehr ineinandergreifen und viel verzahnter sein.

Keine Psychoonkologie für Angehörige

MedWatch: Auch die Angehörigen müssen aufgefangen werden. Sie leiden mit, versuchen den Erkrankten aufzubauen, geben hierbei selbst viel Energie von sich ab. Können Angehörige ebenfalls betreut werden?

Das ist ein großes Thema. Angehörige werden gar nicht abgefangen, sie können eigentlich nur in die Krebsberatung gehen. Manches Mal gibt es Online-Beratungen. Für eine Psychotherapie braucht man wiederum eine Diagnose. In der Routine kommt der Psychoonkologe bei den Krebs-Patienten einfach mal so vorbei. Das hilft einigen Patienten sehr. Für Angehörige gibt es das in dieser Form nicht.

Ideen für Verbesserungen im Bereich der Psychoonkologie

MedWatch: Was schlagen Sie vor? Wie kann die Situation verbessert werden?

Mehnert-Theuerkauf: Krebsberatungsstellen sind bereits eine super Verbesserung. Es ist jedoch immer eine Ressourcenfrage und es existiert eine Schnittstellenproblematik. Man müsste die Sektoren stationär und ambulant auflösen. Patienten werden untersucht und dann macht der nächste Arzt alles nochmal. Hier braucht es eine bessere Kommunikation und Abstimmung. Das ist alles sehr langatmig, bis sich hier etwas verändert.

Was wir schwerkranken Patienten anbieten können wäre: Sinnzentrierte Therapien, Survivership und Gesundheitsverhalten – also wie kann man trotz Erkrankung gesund leben. Die Altersmedizin ist hierbei ein weiteres wichtiges Thema. Ältere Menschen sind viel viel diverser als die Jungen, das bezieht sich auf die Aspekte wie Beruf, Familie, Reisen… Es ist interessant, wie unterschiedlich die Leute altern. Eine wichtige Fragestellung hierbei ist: Was machen Menschen, die mit einer guten Lebensqualität altern – die die glücklich altern – anders als andere?

Ich wünsche mir mehr Pluralismus in der Krebs-Behandlung. Die Kombination aus persönlichem Gespräch und digitalen Angeboten. Die ambulanten Beratungsstellen sind immer voll, weil die Menschen wirklich gerne kommen.


Beratungsstellen zur Psychoonkologie und weiterführende Links


Das Gespräch mit Anja Mehnert-Theuerkauf zum Thema Psychoonkologie führte Nicole Hagen für MedWatch.