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Mangelernährung in Kliniken Mangelernährung: Mehr Drostens braucht das Land!

Krankenhausessen
Mangelernährt im Krankenhaus: Obst und Gemüse verzweifelt gesucht. Foto: Leser

Wissenschaftlich ist alles klar: Ernährungstherapie ist ein unerlässlicher Teil bei der Behandlung vieler schwerer Krankheiten. Unser Gesundheitssystem jedoch erkennt diese Notwendigkeit nicht an und sorgt so für Mangelernährung im Krankenhaus – deshalb ist politisches Handeln geboten. Dazu kommen wird es wohl erst, wenn Wissenschaftler:innen und Fachgesellschaften auf die Barrikaden gehen. Es ist höchste Zeit dafür, meint MedWatch-Autor Martin Rücker in seinem Kommentar.

Seit 20 Jahren keine Veränderung

Die Resolution des Europarats fällt deutlich aus: „Inakzeptabel“ sei die hohe Zahl von Klinikpatient:innen mit Mangelernährung, heißt es darin. Es folgt eine lange Liste dringend angeratener Gegenmaßnahmen, verabschiedet unter Beteiligung der deutschen Regierung. Das war 2003. Doch was antwortet das Bundesgesundheitsministerium fast 20 Jahre danach auf die Frage, was aus all den Empfehlungen wurde: Keine Ahnung. Unverblümter lässt sich ein politischer Bankrott nicht erklären.

Nichts wurde aus den Empfehlungen. Dabei ist längst belegt, dass Mangelernährung kein Einzelschicksal, sondern Massenphänomen in einer chronisch kranken Gesellschaft ist. Noch immer ist jeder vierte stationär Behandelte mit wichtigen Nährstoffen kritisch unterversorgt. Das sorgt für längere Klinikaufenthalte, schlechtere Heilungsverläufe, mehr Todesfälle. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGEDGE Deutsche Gesellschaft für Ernährung) mahnte im DGE-Ernährungsbericht 2019 erneut vor diesem „gravierenden“ Gesundheitsproblem – und wieder verhallte der Ruf ungehört.

Belegt ist auch, dass Kliniken mit einem guten Ernährungsmanagement etwas ausrichten können. Könnten, besser gesagt, denn die wenigsten tun dies. Für das Bundesgesundheitsministerium aber ist dieser Missstand bislang kein politisches Thema, sondern eine Frage, um die sich die Kliniken schön selbst kümmern sollen. Weil sie sich mit ernährungskompetentem Personal, konsequenter Ernährungstherapie und bedarfsgerechter Verpflegung vermeintlich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen könnten.

Ist das noch naiv oder schon dreist? Allen muss klar sein, dass diese Rechnung nicht aufgehen kann, solange Kliniken unter dem Sparzwang des unseligen, auf Fallpauschalen basierenden DRG-Regimes gezwungen sind, in ernährungstherapeutischen Maßnahmen nur die Kosten und nicht den Nutzen zu sehen.

Bei jedem fünften Krebstoten gilt nicht die Erkrankung als Todesursache, sondern die Folgen von Mangelernährung: So lange dies so ist, den meisten Tumorpatient:innen (neben vielen anderen, die davon entscheidend profitieren würden) aber eine Ernährungstherapie verwehrt wird, ist politisches Handeln geboten. Die Verweigerung der Verantwortlichen in Ministerien und Parlamenten ist es, die Menschenleben kostet.

Was muss gegen Mangelernährung im Krankenhaus getan werden?

Was zu tun ist, liegt längst offen auf dem Tisch: Ein Screening des Ernährungszustandes aller schwer Erkrankten bei der Klinikaufnahme. Die garantierte Einhaltung der DGE-Qualitätsstandards für eine ausgewogene Klinikverpflegung. Multiprofesionelle Ernährungsteams zur Betreuung von Menschen mit Risiko einer Mangelernährung. Das alles wird ohne Vorgaben und verbindliche Stellenschlüssel nicht Realität werden. Die Einrichtungen brauchen zudem das nötige Geld für eine gesunde, individuell optimierte Verpflegung. Die Fallpauschalen müssen wenigstens den Geldbedarf für eine gesunde Verpflegung abdecken – wozu der Bedarf überhaupt erst zu ermitteln wäre, was bis heute nicht geschieht.

Doch nicht nur in den Kliniken besteht Handlungsbedarf. Diätassistent:innen sollten Standard in Pflegeheimen, die Essen-Standards der DGE auch dort sowie in Schulen und Kitas verbindlich umgesetzt werden, weil dies Fehl- und Mangelernährung entgegenwirken kann.

Um die Kompetenz zu erhöhen, müssen ernährungsmedizinische Inhalte fester Bestandteil des humanmedizinischen Studiums und der Ausbildung für andere Gesundheitsberufe werden. Und nicht zuletzt brauchen Erkrankte einen Rechtsanspruch auf Ernährungstherapie als Kassenleistung auch im ambulanten Bereich, schließlich erhalten selbst die meisten Diabetes-Erkrankten oder Tumorpatient:innen mit starkem Gewichtsverlust keine kompetente Beratung. Ja, all dies kostet – wird unter dem Strich jedoch Geld sparen, weil es gesellschaftliche Folgekosten verringert, die wir heute tragen.

Mangelernährt im Krankenhaus? Es braucht Protest!

Die To-do-Liste in Sachen Mangelernährung ist so lang, weil es gilt, Versäumtes aufzuholen. Ein Grund dafür ist, dass die Bedeutung der Ernährung für unsere Gesundheit, die Relevanz von Ernährungstherapie für den medizinischen Erfolg aller wissenschaftlichen Evidenz zum Trotz grotesk unterschätzt wird. Das liegt auch an den Wissenschaftler:innen selbst. „Die deutsche Ernährungswissenschaft braucht einen Christian Drosten“, brachte es die frühere DGE-Präsidentin Ulrike Arens-Azevedo auf den Punkt. Sie vermisst: Jemanden, der es vermag, ernährungswissenschaftlichen Positionen in der Öffentlichkeit zu einer starken Präsenz zu verhelfen.

Wie recht sie damit hat! Wer weiß schon, wie heute der DGE-Präsident heißt? Oder dass es eine Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin gibt? Eben. Vor allem die medizinischen Fachgesellschaften und Verbände spielen bislang eine klägliche Rolle. Gerade sie müssen sich professionalisieren, öffentlich wahrnehmbar werden – und politischer, wollen sie etwas erreichen.

Raus aus dem Elfenbeinturm, rein in die Bild-Zeitung: Zugespitzt gesagt, muss dies die Aufgabe sein für jede Person an der Spitze jener wenigen Verbände und Gesellschaften, die die nötige Fachkompetenz mitbringen, um Politik in die richtige Richtung zu schubsen. Es reicht nicht, in Journals und bestenfalls noch dem Ärzteblatt zu sagen, was richtig ist – jedenfalls dann nicht, wenn sich etwas ändern soll. Idealerweise erhalten sie Unterstützung von Patientenvertretungen, die diesem Namen gerecht werden und die bislang in entscheidenden Gremien wie dem Gemeinsamen Bundesausschuss keine Impulse setzen.

Bisher tun die Verantwortlichen in der Politik nichts, um das „gravierende“ Gesundheitsproblem Mangelernährung zu bekämpfen. Nur mit einer starken Allianz aus Patient:innen und Wissenschaftler:innen dürfte sich daran etwas ändern.