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Update: COVID-19-Grundimmunität NKG2C-Rezeptor schützt nicht vor COVID-19

Corona-Viren in der Großaufnahme.
Bild: Felipeesquivel20 / Wikimedia, CC BY-SA 4.0

Die Labor-Praxisklinik Dr. Kübler propagiert auf ihrer Webseite die genetische Untersuchung des NKG2C-Rezeptors: Bei Rezeptorträgern gebe es angeblich eine ausreichende Grundimmunität gegen COVID-19Covid-19 Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wird "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt., eine Impfung müsse dann vermieden werden. Trügerisch, wie MedWatch berichtete. Ein Update.

Der NKG2C-Rezeptor, der laut der Labor-Praxisklinik Dr. Kübler eine Grundimmunität schaffen soll, befindet sich unter anderem auf Natürlichen Killerzellen unseres Immunsystems. Diese gehören zu den Weißen Blutkörperchen und spielen bei der schnellen Abwehr von Krankheitserregern in den Atemwegen eine wichtige Rolle. Der NKG2C-Rezeptor ist einer der Rezeptoren, der Natürliche Killerzellen aktiviert. Aber: Ein einzelner Rezeptor macht noch keine Grundimmunität.

Angaben auf der Webseite der Labor-Praxisklinik Dr. Kübler über eine angeblich vorhandene Grundimmunität gegenüber COVID-19 bei Nachweis des NKG2C-Rezeptors, beziehen sich unter anderem auf eine Studie der MedUni Wien. Aussagen daraus werden durch die Labor-Praxisklinik jedoch vereinfacht verwendet. Denn: Obgleich die Wiener Wissenschaftler:innen zeigten, dass „vor allem Menschen mit teilweise oder gänzlichem Fehlen des NKG2C-Rezeptors schwere Verläufe von COVID-19 entwickeln“ ist ein Umkehrschluss daraus falsch.

Ergebnisse der Studie belegen: Eine deutliche Mehrheit (75 von 79 Probanden) der auf Intensivstationen behandelten Studienteilnehmenden verfügte über das dem NKG2C-Rezeptor zugrundeliegende Gen KLRC2 – gänzlich (homozygot) oder zumindest teilweise (heterozygot). Erstautor Hannes Vietzen berichtet MedWatch: „Der KLRC2 Status ist […] nur ein Risikofaktor der die Wahrscheinlichkeit einer schweren Erkrankung beeinflusst, aber keinesfalls eine absolute Aussage über den Krankheitsverlauf erlaubt.“

Angaben der Labor-Praxisklinik fachlich nicht nachvollziehbar und verunsichernd

Nach der Veröffentlichung des Beitrags auf MedWatch hatten wir weitere Stellen um Stellungnahme gebeten. Das auf Länderebene zuständige Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) antwortete wie folgt: Die Ausführungen der Labor-Praxisklinik Dr. Kübler zum NKG2C-Rezeptor seien „fachlich nicht nachvollziehbar“. Unter anderem „wirken natürliche Killerzellen im Gegensatz zu den durch Impfungen ausgelösten Immunantworten nicht erregerspezifisch. Des Weiteren könnte ein Nachweis eines Mangels des NKG2C-Rezeptors bestenfalls eine Aussage über Teilaspekte der angeborenen, erregerunspezifischen Immunität liefern“.

Nachgehakt hatte MedWatch auch direkt bei der Bayerischen Landesärztekammer. Diese leitete unsere Anfrage an den Ärztlichen Kreis- und Berufsverband München weiter. Der erste Vorsitzende des Verbandes bezog sich in seiner Antwort direkt auf Aussagen der Webseite der Labor-Praxisklinik Dr. Kübler. Einige der dortigen Aussagen zu den Themen COVID-19, SARS-CoV-2Sars-CoV-2 Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.  Da es zunächst keinen Namen hatte, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus"-Impfung bzw. Grundimmunität werden vom Verband als „äußerst kritisch“ gesehen. Die Aussage zu einer „Grundimmunität“ gegen das Corona Virus stehe „nicht im Einklang mit den derzeitigen medizinischen Kenntnissen.“ Und weiter: „Mit solchen, vermeintlich wissenschaftlichen Ansichten werden nach unserer Meinung Patientinnen und Patienten verunsichert.“

MedWatch hatte bei der Ärztekammer zusätzlich angefragt, ob gegen Ulrich Kübler oder die Labor-Praxisklinik bereits Beschwerden vorliegen. Mit Hinweis auf den Datenschutz lehnte der Münchener Kreisverband die Antwort zur personenspezifischen Anfrage ab.

Die Gutachterstelle für Arzthaftungsfragen bei der Bayerischen Landesärztekammer wird übrigens erst dann tätig, wenn es sich um den Vorwurf eines ärztlichen Behandlungsfehlers handelt, der zu einem Gesundheitsschaden geführt hat. Zudem müsste der beschuldigte Arzt einem Gutachtenverfahren zustimmen.

Ivermectin – kein Heilmittel gegen COVID-19

Auch zur medikamentösen Behandlung von COVID-19 äußert sich die Labor-Praxisklinik Dr. Kübler auf ihrer Webseite und kommuniziert gute Ergebnisse zum gesundheitsgefährdenden Ivermectin.

Das Bayerische LGL schreibt hierzu auf unsere Anfrage, dass die auf Küblers Webseite erwähnte Kombination von Ivermectin und Doxcyclin zur Corona-Therapie wissenschaftlich nicht valide belegt sei. Die generelle Verwendung des Parasitenmittels werde nicht empfohlen und außerhalb kontrollierter Studien vom Robert Koch Institut, der Europäischen Arzneimittelbehörde und der WHOWHO Weltgesundheitsorganisation abgelehnt.

Konkrete Aussagen, ob und wie gegen potenziell gesundheitsgefährdende Informationen der Labor-Praxisklinik Dr. Kübler vorgegangen wird, fehlen bisher. Zum heutigen Zeitpunkt (06.09.2022) sind die Angaben weiterhin auf der Webseite Küblers zu finden.


Redaktion: Henrik Müller, Nicola Kuhrt, Nicole Hagen