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Covid-19-Immunität Per Rezeptor durch die Pandemie?

Hat sie den NKG2C-Rezeptor und müsste sich nicht impfen lassen? Ein Labor aus München macht hierzu riskante Aussagen. (Foto: iStock)
Hat sie den NKG2C-Rezeptor und müsste sich nicht impfen lassen? Ein Labor aus München macht hierzu riskante Aussagen. (Foto: iStock)

Ein Labor in München bietet die Untersuchung eines Rezeptors im Blut an, der vor einem schweren Covid-Verlauf schützen und eine Impfung überflüssig machen soll. Diese MedWatch Recherche erläutert, was hieran nicht stimmen kann.

Viele Faktoren bestimmen Schweregrad und Verlauf einer Covid‑19-Erkrankung, darunter auch der individuelle Immunstatus. Wann geimpft werden sollte, beantwortet der Münchner Arzt Ulrich Kübler auf der Website seiner Labor-Praxisklinik einfach: „Nur, wenn Sie keine vorbestehende Grundimmunität gegenüber dem CoronavirusCoronavirus Name der Virusfamilie, zu der auch das Virus Sars-CoV-2 gehört. SARS-CoV-2Sars-CoV-2 Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.  Da es zunächst keinen Namen hatte, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus" aufweisen.“ Eine Immunkompetenz gegen das Virus könne durch den Nachweis des NKG2C-Rezeptors, den das Labor anbietet, getestet werden.

NKG2C-Rezeptor entscheidend für Immunstatus?

Zu den weißen Blutkörperchen des menschlichen Immunsystems gehören unter anderem Natürliche Killerzellen (NK). Sie reagieren auf unbekannte Oberflächenstrukturen von virenbefallenen oder entartenden Körperzellen und spielen bei der schnellen Abwehr von Krankheitserregern in den Atemwegen eine wichtige Rolle. Aktiviert werden sie mithilfe verschiedener Rezeptoren auf ihrer Zellmembran. Der NKG2C-Rezeptor ist einer davon. Ihn haben Wissenschaftler:innen bereits seit über zwei Jahrzehnten im Blick.  

Es stellte sich heraus, dass auch der Genotyp des Rezeptors für den Schutz vor Leiden relevant sein kann. Da unsere Erbinformation von einem doppelten Chromosomensatz gespeichert wird, haben wir in den Körperzellen von jedem Gen zwei Kopien. Laut einer Studie zu HIV macht es beispielsweise einen Unterschied, ob das NKG2C-Rezeptorgen KLRC2 doppelt (homozygot +/+), nur einfach (heterozygot +/-) oder aber gar nicht (homozygot -/-) vorhanden ist. Fehlte das Gen einfach oder komplett, war das Ansteckungsrisiko mit dem HI-Virus signifikant erhöht und der Verlauf einer Erkrankung schlimmer.

Auch zur Rolle des NKG2C-Rezeptors bei Covid-19Covid-19 Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wird "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. wird geforscht. Eine in der Fachzeitschrift Genetics in Medicine veröffentlichte Studie des Zentrums für Virologie der Medizinischen Universität Wien zeigt, dass NKG2C-abhängige Abwehrmechanismen den Verlauf von Coronainfektionen beeinflussen könnten.

Rezeptor NKG2C: Keine Sicherheit vor schwerem Covid

Die Wiener Studie schloss 361 SARS-CoV-2-positive Österreicher:innen mit ein, von denen drei Viertel stationär versorgt wurden. Letztere waren deutlich älter als die positiv Getesteten in Heimquarantäne und hatten häufiger für schweres Covid bekannte Risikofaktoren wie Dickleibigkeit, Bluthochdruck oder COPD. Träger des dem NKG2C-Rezeptor zugrundeliegenden KLRC2-Gens fanden sich sowohl unter intensivmedizinisch behandelten Patienten als auch Personen mit milden Symptomen.

Studien-Erstautor Hannes Vietzen, erklärt auf Anfrage von MedWatch: „Der KLRC2-Status ist (…) nur ein Risikofaktor, der die Wahrscheinlichkeit einer schweren Erkrankung beeinflusst aber keinesfalls eine absolute Aussage über den Krankheitsverlauf erlaubt“.

NKG2C bietet also keinen eindeutigen Schutz vor einer schweren Erkrankung. Fehlt das Gen zum Rezeptor erhöht sich lediglich die Wahrscheinlichkeit für eine intensivmedizinische Behandlung. Sein bloßer Nachweis – wie von der Münchner Praxislabor-Klinik von Ulrich Kübler angeboten – stellt demnach keine Grundimmunität gegenüber SARS-CoV-2 fest.  

NKG2C-Checker: Zum Laborstatus

Wir wollten dennoch herausfinden, wie Interessierte ihren NKG2C-Rezeptor-Status ermitteln lassen können. Neben der Labor-Praxisklinik fand MedWatch keine kommerziellen Labore, die eine KLRC2-Genanalyse für Personen außerhalb von Studien anbieten. Auf der Webseite der Praxislabor-Klinik Dr. Kübler liegt zwar ein begleitender Auftragsschein für Proben bereit, daraus wird aber nicht ersichtlich, welche Proben für die Analyse des Rezeptors benötigt werden und von wem diese entnommen werden dürfen. Auch fehlen Angaben darüber, ob der Rezeptor selbst oder sein Gen untersucht wird. MedWatch hakte schriftlich in München nach. Eine Antwort lehnte Kübler prompt ab, da MedWatch „unter Umständen unser Know-how ausforschen wolle.“

Humangenetiklabore unterliegen strengen Richtlinien, die von der am Robert-Koch-Institut ansässigen Gendiagnostik-Kommission anhand des seit 2010 geltenden Gendiagnostikgesetzes erarbeitet wurden. Eine Richtlinie zur Qualitätssicherung beschreibt Mindeststandards – auch zur Qualifikation der Mitarbeitenden und Qualität der Methoden – stets mit Bezug zum allgemein anerkannten Stand der Wissenschaft und Technik. Größere Labore wie Humangenetik Köln oder MVZ Labor Volkmann deklarieren auf ihren Webseiten Qualifikationen des Personals, Zertifizierungen nach ISO- oder ESO-Normen und ihre freiwillige Akkreditierung bei der Deutschen Akkreditierungsstelle.

Die Suche nach Informationen zu konkreten Zertifizierungen ist auf der Webseite der Labor-Praxisklinik Dr. Kübler vergebens. Das Impressum ist unvollständig. Neben der Rechtsform fehlen dort unter anderem Pflichtangaben zum Beruf und zu beruflich geltenden Vorschriften, zur zuständigen Kammer und Aufsichtsbehörde. Angehörige der Heilberufe müssen diese Informationen im Impressum der geschäftlichen Webseite parat halten, damit Verbraucher:innen wissen, wohin sie sich bei Verstößen gegen eine Berufspflicht wenden können.

Befund des NKG2C-Labors : zweifelhaft

MedWatch liegt ein Befund der Labor-Praxisklinik Dr. Kübler zum NKG2C-Rezeptor – vor.  Er stammt von einer Frau, die starke Vorbehalte gegen die Impfung mit mRNA-Vakzinen hat. Laut Ergebnis des Labors wurde bei ihr der Rezeptor nachgewiesen. Für sie ein Beweis, dass sie sich nicht zu impfen brauche. Das müsse auch ihr Arbeitgeber akzeptieren, der zum Zeitpunkt des Befundes Anfang des Jahres nur Geimpften oder Genesenen erlaubte, im Unternehmen zu arbeiten.

Für die Untersuchung sei der impfkritischen Frau von einem Arzt Blut entnommen worden.  Blutabnahme und Laboruntersuchung habe sie an die 300 Euro gekostet; dabei habe sie jedoch Geld gespart, weil an dem Tag gleich einer ganzen Gruppe Blut abgenommen worden sei und so auch nur einmal der Bote für den Versand bezahlt werden musste. Da der Preis der Rezeptorbestimmung online nicht nachzuprüfen war, riefen wir im Labor an und erhielten folgende Information: Die Bestimmung des NKG2C-Rezeptors, um zu testen, ob man eine Grundimmunität gegenüber SARS-CoV-2 habe oder nicht, koste 266,50 Euro. Der Nachweis des Rezeptors gelte allerdings nicht als Bescheinigung über eine Impfbefreiung.

Für genetische Beratungen und Untersuchungen mit medizinischer Notwendigkeit kommen die gesetzlichen Krankenkassen in der Regel auf. Das gilt jedoch nicht für Tests aus persönlichem Interesse.

Ausschnitt eines anonymisierten Befundes der Labor-Praxisklinik zum NKG2C-Rezeptor. (Foto: MedWatch)

Auf dem Befund der Impfkritikerin findet sich ein Kommentar, wonach „NKG2C-positive NK-Zellen potente antivirale Effektorzellen sind, die das Ausmaß von SARS-CoV2-Infektionen begrenzen können“. Ob das KLRC2-Gen homo- oder-heterozygot vorliegt, steht nicht im Befund. Und auch, dass Infizierte mit vorhandenem Rezeptor-Gen zu Intensivpatienten werden können, bleibt unerwähnt.  

Die getestete Frau geht derweil davon aus, dass sie „niemandem ein Intensivbett“ wegnehme, wie sie in einer Nachricht an die MedWatch-Autorin schreibt, da bei ihr der NKG2C-Rezeptor vorhanden sei.

Riskante Empfehlungen

Die Labor-Praxisklinik Dr. Kübler weist online darauf hin, dass „Covid-19 auch ohne Impfung medikamentös behandelbar“ sei. Es gebe „gute Ergebnisse zu Ivermectin“. Ivermectin – eben jenes Mittel gegen Parasiten, dessen Wirksamkeit in Bezug auf SARS-CoV‑2 bisher nur in Zellkultur in für den menschlichen Organismus toxischen Konzentrationen untersucht wurde und vor dessen Anwendung gegen Covid-19 gewarnt wird.

Auf der Webseite von Küblers Labor findet sich außerdem direkte Kritik an mRNA-Impfstoffen: Diese „können keinesfalls als individuelle Heilversuche, sondern maximal als Linderungsversuch bezeichnet werden.“ Eine irritierende Aussage, werden die Impfstoffe doch zur Vorbeugung einer Infektion mit SARS-CoV-2 verabreicht, und nicht zur Heilung. Ein angeblicher Artikel, der diese Kritik an mRNA-Impfstoffen unterstützen soll, ist nur als kurze Zusammenfassung erhältlich und wurde nie in einem Journal mit wissenschaftlichem Peer-Review veröffentlicht.

Zur Impfung gegen Covid-19 gibt es einen Reiter auf der Webseite der Labor-Praxisklinik überschrieben mit: „Der Impfstoff wird uns nicht erlösen.“ Dort steht, dass die Gesellschaft „auf die Immunen angewiesen“ sei, die ein „Recht auf Freiheit haben und darauf, Ihren Immunstatus zu erfahren.“ Bei „Nachweis einer gegebenen zellulären Abwehrlage“ (möglich über die Analyse des NKG2C-Rezeptors im Labor Küblers), erübrige sich eine Impfung – sie müsse dann gar vermieden werden.

Medizinisch gesehen ist das nicht nachvollziehbar. Die Analyse des Rezeptor-Gens KLRC2 allein erbringt keinen Nachweis einer zellulären Abwehrlage, die eine schwere Covid-Erkrankung verhindert, wie bereits oben erläutert. Das Münchener Labor erwähnt die Wiener Studie dennoch mehrfach.

Deutliche Ansage des NKG2C-Experten

Vietzen, Erstautor der Rezeptorstudie aus Wien, ergänzt gegenüber MedWatch, dass unklar sei, wie NKG2C2+ NK Zellen mit anderen Komponenten der Immunantwort interagieren. Es sei „wichtig zu erwähnen, dass Covid-19 eine multifaktorielle Erkrankung ist. Die genetische Prädisposition der Patientinnen und Patienten ist dabei nur ein Aspekt.“

Kurzum: Gegen Covid-19 hilft kein einfaches Rezept – und auch kein einzelner Rezeptor.


Redaktion: Henrik Müller, Nicola Kuhrt