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Rauchen und Covid Warum sich die Pandemie nicht einfach ausräuchern lässt

Hand mit einer brennenden Zigarette darin
Rauchen soll vor Corona schützen: Die fälschliche Nachricht hält sich hartnäckig. Foto: Lukas / iStock

Hartnäckig hält sich die Nachricht, Rauchen könnte vor einer Corona-Infektion schützen. Was dran ist, woher die Meldung kommt und welche Rolle die Tabakindustrie dabei spielt, hat MedWatch-Autor Martin Rücker recherchiert.

Dass es nicht um Kleinigkeiten geht, macht Carl V. Phillips in seinem Blog schnell klar. „Hier geht es darum, dass jeder für ein paar Monate mit dem Rauchen anfangen sollte, bis die Pandemie vorbei ist.” Der Schutzeffekt, den eine Studie nahelege, sei „absolut gewaltig“, schreibt der US-Amerikaner im April 2020 in seinem Blog.1https://antithrlies.com/2020/04/04/can-smoking-protect-you-against-covid-19/ Phillips war einmal Gesundheitswissenschaftler und ist heute als „Berater“ unterwegs, enge Verbindungen zur Tabakindustrie sind bekannt.2https://antithrlies.files.wordpress.com/2018/09/phillips-cv-aug2018.pdf, siehe auch 3https://tobaccotactics.org/wiki/carl-v-phillips/

Die ersten Meldungen, dass Rauchen einen Schutz vor einer Covid-19Covid-19 Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wird "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt.-Infektion bieten könnte, kursierten bereits kurz nach Beginn der Pandemie. Sie halten sich bis heute. „Immer mehr Belege zeigen: Rauchen schützt vor Corona“, titelt vor einigen Wochen das Schweizer Magazin „Nebelspalter“ – „auch wenn Gesundheitsfachleute es heftig abstreiten“.4https://www.nebelspalter.ch/immer-mehr-belege-zeigen-rauchen-schuetzt-vor-corona Wenig verwunderlich, verbreitet sich die Botschaft auch in den sozialen Medien: „Rauchen hat fast den gleichen protektiven Effekt wie eine Impfung. Tut mir ja leid. Ist halt so“, schreibt ein twitter-Nutzer im April 2021.5https://twitter.com/holmenkollin/status/1379795747663712258 Um im November nachzulegen. Rauchen habe eine vergleichbare Wirkung wie das Impfen, heißt es nun.6https://twitter.com/holmenkollin/status/1463542215217754115

Wo kommen die Meldungen her? Was ist aus wissenschaftlicher Sicht dran? Und welche Rollen spielen Medien und Tabakindustrie für die Verbreitung der „Nachricht“? MedWatch ist diesen Fragen nachgegangen.

I – Der Ursprung der Meldungen

Seinen Anfang nahm alles mit einer Reihe kleinerer Studien zu Beginn der Pandemie. Sie werteten Daten aus einzelnen Krankenhäusern aus und stellten fest: Unter den hospitalisierten Corona-Infizierten war der Anteil der Rauchenden deutlich geringer als in der Gesamtbevölkerung.

Aus der Korrelation wurde in vielen Schlagzeilen schnell Kausalität – und einige Wissenschaftler:innen trugen mit ihren mehr oder weniger steilen Thesen zu einer verzerrten Berichterstattung bei. Wie der griechische Kardiologe Konstantinos Farsalinos, der schon früh mutmaßte, Nikotin „könnte positive Auswirkungen auf Covid-19 haben“.7https://www.qeios.com/read/Z69O8A.13 Viel Resonanz erhielten auch zwei französische Studien mit demselben Ergebnis.8https://www.qeios.com/read/WPP19W.4, 9https://www.qeios.com/read/FXGQSB.2 Auch sie erschienen ohne vorheriges Peer-Review – also ohne qualitätssichernde Begutachtung – auf der offenen, wissenschaftlich kaum bekannten Plattform „qeios“, wobei zwei der Autoren an beiden Arbeiten beteiligt waren. Unter 500 Covid-Patient:innen einer Pariser Klinik fanden sie beispielsweise einen Raucheranteil von nur rund 6 Prozent – im Vergleich zu gut 25 Prozent in der französischen Gesamtbevölkerung. In den Arbeiten – veröffentlicht im April und Mai 2020 – sagen die Autorenteams dem Rauchen auf dieser Basis eine „schützende Wirkung“ nach. Auf Grundlage der Statistik, der Literatur und epidemiologischer Daten führen sie diese „wahrscheinlich“ auf Nikotin zurück.

II – Zweifel an der Unabhängigkeit

Es dauerte einige Zeit, bis Investigativjournalist:innen über die frappante Nähe wesentlicher Autor:innen dieser Studien zur Tabak- und zur E-Zigarettenindustrie berichteten – und über direkte wie indirekte Geldflüsse von der Industrie zu ihnen oder ihren Einrichtungen.10https://www.bmj.com/node/1049794.full

Tabak-Aktivist:innen gegen die „Gesundheitsdiktatur“ I
In Deutschland mühte sich vor allem das „Netzwerk Rauchen“, den angeblich positiven Wirkungen des Rauchens eine Öffentlichkeit zu verschaffen. Der eingetragene „Verein für Tabakliebhaber“ bezeichnet sich selbst als „die einzige Verbraucherschutzorganisation für Tabakgenießer im gesamten deutschsprachigen Raum“ (wobei er als eines der größten Verbraucherschutzthemen das „Markensterben“ hervorhebt), kämpft „gegen jede Art von Gesundheitsdiktatur“ und betrachtet „die sachliche, wissenschaftliche, fundierte Information der Tabakkonsumenten“ als seinen „Schwerpunkt“ – was die Behauptung einschließt, dass es „keinen einzigen“ erwiesenen „Rauchertoten“ gebe.

Zum Thema Corona legt der Verein nahe, dass Rauchende seltener schwere Verläufe verzeichneten. Es bestehe in der Pandemie keine Veranlassung, aufzuhören, „im Gegenteil“ – Rauchen biete den Menschen einen vergleichbaren Schutz wie das Impfen (das die Gruppe ohnehin als „sanitaristischen Menschenversuch“ kritisiert.


Das Labor des Neurobiologen Jean-Pierre Changeux, beteiligt an einer der französischen Studien, habe Mitte der 1990er-Jahre einen sechsstelligen Betrag vom Council for Tobacco Research erhalten, einer Tarnorganisation der Tabakindustrie, die die Gefahren des Rauchens in Zweifel zog und positive Wirkungen von Nikotin zum Thema machte. Recherchen von Le Monde11https://www.lemonde.fr/sciences/article/2012/05/31/guerre-du-tabac-la-bataille-de-la-nicotine_1710837_1650684.html auf Basis von Industriedokumenten lieferten die Belege. Changeux selbst bestätigte die Förderung, verwies jedoch auf sein „Engagement im Kampf gegen das Tabakrauchen und seine dramatischen Folgen für die Gesundheit“ und auf den Umstand, dass das von der Organisation der Tabakindustrie geförderte Projekt unter anderem den „eindeutigen wissenschaftlichen Nachweis der süchtig machenden Wirkung von Nikotin“ erbracht habe, den die Industrie stets bestritten hat.12https://www.bmj.com/content/370/bmj.m3111/rr-0

Stärker scheint das Band des Kardiologen Farsalinos, der sich für das „Dampfen“ einsetzt, und Verbindungen zur E-Zigarettenindustrie unterhält. Sein Labor soll Gelder von ihr erhalten haben.13https://www.bmj.com/content/bmj/373/bmj.n1303.full.pdf In einer weiteren Studie befasste er sich mit Daten von Corona-Patient:innen aus Mexiko. Das Risiko von Rauchenden, an Covid-19 zu erkranken, sei „im Vergleich zu Nichtrauchenden um 23 Prozent geringer“, heißt es darin. Zudem sei das Rauchen „nicht mit einem ungünstigen Ausgang verbunden“. Einen Interessenkonflikt gab das Autorenteam nicht an. Kurz nach der Veröffentlichung jedoch zog das European Respiratory Journal die Arbeit zurück14https://erj.ersjournals.com/content/early/2021/02/18/13993003.02144-2020, vgl. auch 15https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.06.04.20122481v2 – der Grund: Zwei der Mit-Autoren hatten ihre Tätigkeiten als Berater der Tabakindustrie bzw. als Forscher einer griechischen Organisation, die über mehrere Ecken von der Tabakindustrie mitfinanziert wurde, unerwähnt gelassen.16https://retractionwatch.com/2021/04/21/journal-retracts-paper-suggesting-smoking-is-linked-to-lower-covid-19-risk/, siehe auch 17https://www.theguardian.com/science/2021/apr/22/scientific-paper-claiming-smokers-less-likely-to-acquire-covid-retracted-over-tobacco-industry-links Farsalinos selbst ließ eine Anfrage von MedWatch zu seinen eigenen Industrieverbindungen unbeantwortet.

III – Verzerrte Datenlage

Aus der Welt sind die statistischen Zusammenhänge angesichts solcher Verbindungen freilich nicht. Zumal in der Folge mehrere Studien bestätigten, dass Rauchende unter den Erkrankten in Kliniken unterrepräsentiert waren – auch eine Untersuchung der Uniklinik Essen18https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7686708/ und eine unter anderem am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig entstandene Seroprävalenz-Studie mit rund 25.000 Teilnehmenden in mehreren deutschen Städten. Sie fand unter Rauchenden eine geringere Seroprävalenz – also weniger AntikörperAntikörper Protein, den das Immunsystem bei einer Infektion speziell gegen den jeweiligen Krankheitserreger produziert. Körpereigener Abwehrstoff., die darauf hinweisen, dass eine Person die Krankheit bereits durchgemacht hat – als bei Nichtrauchenden. Die Autor:innen machen die Grenzen der Aussagekraft kenntlich und verweisen darauf, dass unter den Teilnehmenden der Studie insgesamt unterdurchschnittlich viele Rauchende waren und zudem womöglich eher solche, die grundsätzlich gesundheitsbewusster sind und daher ein geringeres Risiko für eine Corona-Infektion tragen könnten. Entsprechende Hinweise fehlen bei vielen anderen Studien – doch bald machte sich, von allgemeinen Medien weniger bemerkt, auch in Fachzeitschriften Kritik bezüglich methodischer Schwächen, „Verzerrungen und Wissenslücken“ bder Krankenhaus-Studien breit, „die den falschen Eindruck erwecken könnten, dass Rauchen bei COVID-19 schützend wirkt“.19https://ebm.bmj.com/content/26/6/279 Die Rede ist von einem „Mythos“.20https://www.nature.com/articles/s41533-021-00223-1 Vor allem folgende Vorwürfe machen andere Wissenschaftler:innen:21https://erj.ersjournals.com/content/early/2020/04/29/13993003.01340-2020

Beobachtungsstudien an Erkrankten in Kliniken können allenfalls eine Korrelation, aber keine Kausalität belegen.

Die Stichproben sind bereits deshalb verzerrt, weil die in Krankenhäusern behandelten Covid-19-Patient:innen häufig zu einer Altersgruppe gehören, in der viele regelmäßig Rauchende bereits an den Folgen ihrer Sucht verstorben sind.

Tabak-Aktivist:innen gegen die „Gesundheitsdiktatur“II:

Ein erster Verein namens „Netzwerk Rauchen – Forces Germany e.V.“ mit Sitz in Bonn wurde 2006 gegründet und 2010 von Amts wegen aufgelöst. 2009 hatte sich jedoch bereits das „Netzwerk Rauchen e.V.“ mit Sitz in Worms und zumindest teilweise denselben Personen gegründet. Die Zahl der Mitglieder liegt aktuell nach Auskunft des Vereins bei etwa 100. Dass das Netzwerk besonders großen Einfluss hätte, lässt sich nicht behaupten. Und doch waren seine Aktivitäten Thema in Landtagen.22https://www.landtag.nrw.de/Dokumentenservice/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMP14-56.pdf Seine Vertreter:innen engagierten sich gegen das Nichtraucherschutzgesetz in NRW. Als die „AG Nichtraucherschutz“ der deutschen Piratenpartei in einem Positionspapier zu dem Schluss kam, dass Studien „keinen Zusammenhang zwischen Passivrauchen und Lungenkrebs beweisen“ könnten, wurde dies öffentlich mit dem Einfluss eines Netzwerk-Vertreters in Verbindung gebracht. Der hatte auch in der Piratenpartei eine aktive Rolle.

Methodische Schwächen etwa der Pariser Studie führten dazu, dass auch ehemalige Kettenrauchende, die kurz vor ihrer Corona-Infektion mit dem Rauchen aufgehört hatten, als Nichtrauchende eingestuft wurden. Die kritischsten Covid-Fälle, nämlich jene auf der Intensivstation, blieben zudem ausgeschlossen.

IV – Hypothetischer Nutzen klare Risiken

So ließ sich trotz der Vielzahl an Studien mit ähnlichem Ergebnis lediglich – und mit Einschränkungen – eine Korrelation beobachten. Dass Inhaltsstoffe von Zigaretten eine schützende Wirkung haben könnten, schließen allerdings auch kritische Stimmen nicht aus23https://ebm.bmj.com/content/26/6/279 – für die Hypothese fehlt bislang jedoch ein Beleg.

Medizinische Versuche aus Hiroshima stärkten den Verdacht, dass polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) im Zigarettenrauch die Rezeptoren für Coronaviren an den Zellen hemmen und eine Infektion damit unterdrücken könnten. Gäbe es auf diesem Wege tatsächlich einen „Schutz“ durch das Rauchen, so wäre er teuer bezahlt: Denn PAK sind krebserregend24https://www.ages.at/mensch/ernaehrung-lebensmittel/rueckstaende-kontaminanten-von-a-bis-z/polyzyklische-aromatische-kohlenwasserstoffe-pak und mitverantwortlich dafür, dass das Rauchen weiterhin zu den häufigsten Todesursachen gehört.

Die Studienlage deutet zudem deutlich darauf hin, dass:

  • Rauchen mit einem höheren Risiko für schwere Covid-19-Verläufe verbunden ist,25https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/jmv.26389; 26https://thorax.bmj.com/content/76/7/714
  • der Effekt dosisabhängig eintritt (je mehr eine Person geraucht hat, umso höher ihr Risiko);27https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/2775677
  • Rauchende häufiger an Covid-19 sterben als Nichtrauchende.28https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/2775677

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nahm die Erkenntnisse zum Anlass, eine eigene Rauchen-Aufhören-Kampagne in der Pandemie zu starten.

V – Was Aktivist:innen und Medien aus der Datenlage machen

Dass die Korrelationsstudien methodische Schwächen hatten, sickerte kaum in die mediale Berichterstattung zum Thema Rauchen und Corona. Meist Erwähnung fand hingegen, dass selbst im Falle einer Schutzwirkung von Nikotin oder PAK das Rauchen natürlich gesundheitsschädlich bleibt – häufig jedoch erst in einem der hinteren Absätze. Wer vor allem die Überschriften liest, stößt weiterhin regelmäßig in mehr oder weniger seriösen Medien und selbst in Fachmedien für Gesundheitsberufe auf Botschaften wie: „Übereinstimmende Studien: Raucher infizieren sich deutlich seltener mit Corona“ (Tichys Einblick), „Sind Raucher vor Covid-19 geschützt?“ (Hospital Health Care), „Studie belegt: Raucher haben einen besonderen ‚Corona-Schutz‘“ (Express), „Schützt der Glimmstängel vor Covid-19?“ (24vita.de), „Studie: Warum schützt Rauchen vor Corona?“ (praxisvita.de), „Darum schützt Rauchen vor Corona“ (Berliner Morgenpost), oder „Qualmen statt COVID – warum Rauchen vor SARS-CoV-2Sars-CoV-2 Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.  Da es zunächst keinen Namen hatte, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus" schützt“ (Deutsche Welle).

Besonders bemerkenswert: ein Text im libertären Magazin „Novo Argumente“, verfasst von einem bekannten Raucher-Aktivisten (siehe Kasten) unter dem Titel „Die Seuche ausräuchern“. Er handelt von einer WHO, bei der Fakten „noch nie eine große Rolle gespielt“ hätten, von der „unbequeme[n] Wahrheit, dass Raucher seltener am CoronavirusCoronavirus Name der Virusfamilie, zu der auch das Virus Sars-CoV-2 gehört. erkranken“ und von den „Fake News“, „die Raucher mit unrichtigen und manipulativen Behauptungen zum Tabakverzicht bewegen wollen“. Der Artikel erschien im April 2020. Am Tag nach seiner Veröffentlichung fand er bereits einen prominenten Unterstützer: Den Deutschen Zigarettenverband (DZV). Er verbreitete den Link über seine Website unter der Rubrik „Wissenschaft“. Warum der Verband die Inhalte teilt? Auf MedWatch-Anfrage erklärt DZV-Geschäftsführer Jan Mücke, der Text sei „ein Debattenbeitrag von vielen“, von der Verbreitung könne nicht automatisch auf eine inhaltliche Übereinstimmung geschlossen werden. Doch wie steht der Lobbyverband zu den Positionen, dass rauchen vor Covid-19 schützen könne?

Mücke verweist auf beide Seiten: auf jene Studien, die von einem größeren Risiko für schwere Verläufe ausgehen, und auf solche, bei denen Rauchende unter den Erkrankten unterrepräsentiert waren. Es sei „schwierig“, eine abschließende Aussage zu treffen. Interessant bleibe die Frage, „ob Tabak oder Nikotin in den frühen Infektionswellen auch günstige Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen hatten“, doch durch die neueren Virusvarianten habe dies an Bedeutung verloren. Weil die Omikron-Variante vorrangig die oberen Atemwege infiziere und die Impfung „eine bessere Option“ biete, sich zu schützen, verlören „die postulierten Schutzeffekte von Nikotin […] an Wertigkeit.“ Geklärt werden müsse zudem, „inwieweit geimpfte Raucher ein höheres Risiko für schwere Erkrankungen tragen“.

VI – Run auf Nikotinpflaster und Anstieg der Rauchenden

Die Geschichte der Meldungen über Corona und Rauchen zeigt: Die Pandemie ist zum Schauplatz von Pro- und Anti-Rauchkampagnen geworden. Das blieb nicht ohne Folgen. Nachdem Meldungen auf Basis der wackeligen Studienergebnisse über eine mögliche Schutzwirkung von Nikotin kursierten, sahen sich französische Behörden gezwungen, den Verkauf von Nikotinpflastern einzuschränken – die Meldungen hatten einen solchen Run ausgelöst, dass gesundheitliche Folgen eines exzessiven Konsums der Produkte zu befürchteten waren, wie unter anderem die Pharmazeutische Zeitung berichtete.

Tabakkritische Organisationen wie Unfairtobacco werfen der Tabakindustrie vor, sich mithilfe von Spenden in der Pandemie als Teil der Lösung gesundheitlicher Probleme zu gerieren,29https://unfairtobacco.org/falsche-freunde-tabakindustrie-in-der-coronakrise/#/ und die WHO lehnte einen Corona-Impfstoff aus einer tabakähnlichen Pflanze ab, weil Philip Morris am Hersteller Medicago beteiligt war (Kanada ließ den Impfstoff hingegen zu).30https://www.washingtonpost.com/world/2022/03/25/world-health-organization-medicago-philip-morris/ , 31https://www.pharmazeutische-zeitung.de/kanada-laesst-impfstoff-auf-pflanzenbasis-zu-132014/ DZV-Geschäftsführer Mücke kritisiert das als „ethische Bankrotterklärung“ aus ideologischen Gründen.

Die WHO ließ eine Anfrage von MedWatch dazu unbeantwortet. Ihre Kampagne scheint derweil jedenfalls hierzulande wenig von Erfolg gekrönt zu sein: Die „Deutsche Befragung zum Rauchverhalten“ (DEBRA-Studie) der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zeigte, dass nach langer Zeit der Anteil der Rauchenden in Deutschland im Pandemiejahr 2021 wieder angestiegen ist.32https://www.debra-study.info, vgl. auch 33https://www.aerztezeitung.de/Politik/Corona-treibt-wohl-Raucherquote-nach-oben-425406.html?utm_campaign=SocialMediaShare&utm_source=Story&utm_medium=Twitter  



Redaktion: Angela Bechthold, Nicola Kuhrt, Nicole Hagen

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    https://antithrlies.com/2020/04/04/can-smoking-protect-you-against-covid-19/
  • 2
    https://antithrlies.files.wordpress.com/2018/09/phillips-cv-aug2018.pdf
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    https://tobaccotactics.org/wiki/carl-v-phillips/
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    https://twitter.com/holmenkollin/status/1379795747663712258
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    https://twitter.com/holmenkollin/status/1463542215217754115
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    https://www.qeios.com/read/Z69O8A.13
  • 8
    https://www.qeios.com/read/WPP19W.4
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    https://www.qeios.com/read/FXGQSB.2
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  • 13
    https://www.bmj.com/content/bmj/373/bmj.n1303.full.pdf
  • 14
    https://erj.ersjournals.com/content/early/2021/02/18/13993003.02144-2020
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    https://retractionwatch.com/2021/04/21/journal-retracts-paper-suggesting-smoking-is-linked-to-lower-covid-19-risk/
  • 17
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    https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7686708/
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    https://erj.ersjournals.com/content/early/2020/04/29/13993003.01340-2020
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    https://www.landtag.nrw.de/Dokumentenservice/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMP14-56.pdf
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    https://www.washingtonpost.com/world/2022/03/25/world-health-organization-medicago-philip-morris/
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    https://www.pharmazeutische-zeitung.de/kanada-laesst-impfstoff-auf-pflanzenbasis-zu-132014/
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    https://www.debra-study.info
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    https://www.aerztezeitung.de/Politik/Corona-treibt-wohl-Raucherquote-nach-oben-425406.html?utm_campaign=SocialMediaShare&utm_source=Story&utm_medium=Twitter