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Long-Covid-Therapie Wo Hirschhausen falsch liegt – und wo richtig

Umstrittene Szene: Eckart von Hirschhausen bei der Blutwäsche. Screenshot:MedWatch
Umstrittene Szene: Eckart von Hirschhausen bei der Blutwäsche. Screenshot:MedWatch

In der ARDARD Die ARD ist die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland. Im gesetzlichen Auftrag produzieren die Landesrundfunkanstalten der ARD mithilfe des Rundfunkbeitrages nationale und regionale Programme für Hörfunk und Fernsehen, Videotext- und Onlineangebote. rückt Eckart von Hirschhausen Therapieansätze für Long-Covid-Betroffene in den Fokus. Weil für die jede Evidenz fehlt, löst sein Film scharfe Kritik aus. Tatsächlich macht Hirschhausen Fehler – doch nun verstellen die Reaktionen den Blick auf das größere Problem.

Sie sind chronisch erschöpft, leiden an Atemnot, Schwindelanfällen oder kognitiven Störungen: In den ersten beiden Jahren der Pandemie erkrankten weltweit fast 145 Millionen und in Europa mindestens 17 Millionen Menschen an Long-Covid, ergab eine Modellrechnung im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation. Zehn bis 20 Prozent der Corona-Infizierten habe mit mittel- bis langfristigen Symptomen zu kämpfen, schätzt die WHOWHO Weltgesundheitsorganisation – und dass „Millionen“ Menschen – genauer wird es nicht – womöglich noch Jahre lang damit leben müssten.

„Die Pandemie der Unbehandelten“

Diese Menschen jedenfalls rückt der Arzt und Fernsehmoderator Eckart von Hirschhausen ins Zentrum seines Films „Hirschhausen und Long Covid – Die Pandemie der Unbehandelten“. Die ARD strahlte ihn an diesem Montag aus, er steht in der Mediathek und löste teils überschwängliche Publikumsreaktionen aus. Ganz anders die Kritik, die die Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt und der Leiter des Investigativressorts von NDR und WDR, Markus Grill, in Süddeutscher Zeitung und auf tagesschau.de transportierten und sich teilweise zu eigen machten.

Von einem „Bärendienst“ für Long-Covid-Betroffene ist die Rede und von Irreführung. „Im Film jubelt Hirschhausen eine Therapie hoch, für deren Wirksamkeit es keine ernst zu nehmenden Belege gibt und vor deren Anwendung seriöse Ärzte sogar ausdrücklich warnen“, steht da. Auf Twitter legt Christina Berndt nach: „Ein unverantwortlicher Film“, schreibt sie.

Die Kritik entfacht sich am Therapieansatz der Mülheimer Internistin Beate Jaeger, die angibt, schon einer Vielzahl von Long-Covid-Betroffenen mit einer Lipid-Apherese geholfen zu haben: einer Blutwäsche, bei der Fette aus dem Blut gefiltert und Gerinnsel entfernt werden. Das Problem: Es gibt für den Erfolg einer solchen Therapie keine Evidenz, „nicht mal eine Rationale“, wie Julia Weinmann-Menke, Nephrologie-Chefin der Universitätsmedizin Mainz meint. Ob Apherese „für einen Promillebereich der Long-Covid-Patienten das Richtige ist“, ob ein Placebo-Effekt eintrete oder gar keiner, das alles wisse heute niemand. Sie hält den Hirschhausen-Film, der schwer erkrankte Kinder emotional in Szene setzt, für „polemisch“ und es für „ethisch nicht vertretbar“, dass Jaeger ohne Evidenz zahlreiche Patienten mit einer Therapie behandelt, deren Kosten sie privat bezahlen müssen. Es gebe Menschen, die ihre Häuser verpfändet hätten, um die Kosten einer Apherese zu bezahlen, in der Hoffnung, damit Long-Covid-Symptome zu überwinden.

„Prophetin im eigenen Land“

„Wissenschaftlich tätige Ärzte warnen sogar vor dieser Therapie“, heißt es in dem Artikel der Süddeutschen Zeitung. Zitiert wird ein Satz aus einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie, die Weinmann-Menke mit verfasst hat: „Ohne fundierte wissenschaftliche Daten kann keine Empfehlung für die Durchführung dieser Therapieverfahren ausgesprochen werden, auch da es bei ihrer unsachgemäßen Anwendung zu schweren Komplikationen kommen kann.“ Hier wird es schwierig: Im Kern bezieht sich die „Warnung“ auf eine mögliche „unsachgemäße“ Anwendung – was eine reale Gefahr werden kann, wenn vermehrt private Praxen auf den Zug aufspringen und wahllos lukrative Apherese-Therapien anbieten, ohne darin auf besondere Erfahrungen zurückgreifen zu können. Und Menschen sich aus dem Prinzip Hoffnung auf die teure Behandlung einlassen, die nicht frei von Risiken ist.

Hier hat Hirschhausen – der Mitglied im Beirat von MedWatch ist – in der Tat Fehler gemacht. Wenn er von Jaeger als „Prophetin im eigenen Land“ spricht, muss er damit rechnen, dass ihm dies als unwissenschaftliche Lobpreisung ausgelegt wird, dass nur das „Prophetin“ hängen bleibt. Risiken der Blutwäsche fallen in dem Film ebenso unter den Tisch wie Fälle von Patient:innen, in denen die Apherese-Therapie nicht geholfen hat. Dass sich Hirschhausen schließlich kurz nach einer Covid-Infektion, aber frei von jeder Long-Covid-Symptomatik vor seinem Kamerateam selbst einer Blutreinigung unterzieht, ist eine Inszenierung, die weit über gutgemeinte Ziele hinausgeht. Im Rückblick sei er „unglücklich, dass das Bild stärker ist als die Tonspur“, sagt Hirschhausen dazu – weist aber auch darauf hin, dass das Fernsehen um 20.15 Uhr eine emotionalere Darstellung brauche als eine ärztliche Leitlinie.

Long-Covid: „Da ist zu wenig geforscht worden“

Gänzlich verteufelt wird der Therapieansatz in den zitierten Quellen allerdings nicht. Die aktuelle ärztliche Leitlinie zur Behandlung von Long Covid, erstellt von 28 Fachgesellschaften, Zentren und Verbänden, rät „von einer generellen Anwendung“ von nicht evidenzgesicherten medikamentösen Behandlungen oder anderen therapeutischen Verfahren wie der Lipid-Apherese „dringend ab“, verweist zugleich jedoch – ohne dabei konkrete Therapien zu benennen – auf „positive Fallberichte“, weshalb „die Ergebnisse randomisierter-kontrollierter Studien abzuwarten“ seien. Eine Intervention wie die Blutwäsche „sollte vorerst nur in Studien erfolgen“. Die Gesellschaft für Nephrologie will vermeiden, dass Anbieter „z.T. mit primär kommerziell getriebenen Interessen“ ungesicherte Verfahren anbieten und so ihr Geschäft mit „verzweifelten Patienten“ machen. Mit-Autorin Weinmann-Menke bestätigt im Gespräch den Wunsch nach mehr wissenschaftlicher Evidenz.

Das aber betont auch Hirschhausen. Zu klären, was wirklich helfe, „braucht eine saubere Studie – und die gibt es verrückterweise nicht“, sagt er im Film – und mit ähnlichen Worten betont er dies immer weider. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bestätigt diese Sicht, wenn er im Interview mit Hirschhausen bemängelt, dass es keine Behandlung für Long-Covid-Betroffene gibt: „Da ist zu wenig geforscht worden.“

Das ist auch das große Anliegen von Carmen Scheibenbogen, der Leiterin der Immundefekt-Ambulanz an der Berliner Charité. Sie taucht im Artikel der Süddeutschen Zeitung als wesentliche Kronzeugin auf. Ein Zitat von ihr – „Der Film macht mir wirklich Bauchweh“ – hat es zur Überschrift geschafft. Was schon allein deshalb merkwürdig ist, weil Scheibenbogen auch ausführlich im Film von Hirschhausen vorkommt, der wiederum Ehrenmitglied der Charité ist.

Woher die Bauchschmerzen kommen

Tatsächlich ist Scheibenbogen mit der Darstellung der Süddeutschen Zeitung (SZ) nicht einverstanden. „Der Artikel gibt nicht meine Position wieder“, sagt sie am Telefon. Stattdessen: „Ich finde den Film sehr gut und sehr wichtig.“ Ihren Punkt sieht sie darin gut transportiert: „Wir haben ein großes Problem: Es gibt viele Patienten, aber keine Therapie. Die Menschen werden damit alleingelassen. Eigentlich ist es doch ganz einfach: Wenn die Evidenz fehlt, müssen wir für Evidenz sorgen.“ Ihr „Bauchweh“ habe sich auf die Gefahr bezogen, dass „Patienten für viel Geld ungeprüfte Therapien eingehen“ könnten, so Scheibenbogen. Ein Aspekt, der im Film viel Raum einnimmt und in der kritischen Berichterstattung der SZ im Zentrum steht. SZ-Autorin Christina Berndt betont, die Wissenschaftlerin habe ihre Zitate im Kontext autorisiert. Sie habe, so Berndt, auch im Anschluss nicht behauptet, dass sie nicht korrekt wiedergegeben worden sei.

Das Ärgerliche an der Nach-Film-Debatte ist: Die Kritik – so berechtigt sie in Teilen ist – hält sich allzu sehr am Thema Blutwäsche auf. Damit verstellt sie den Blick auf das bedeutend wichtigere Thema, das durchaus erkennbar auch das Anliegen des Filmes ist. Wir wissen bislang viel zu wenig über Long-Covid und noch viel weniger über die Therapie Betroffener – gleiches gilt für die unbekannt hohe Zahl an Menschen, die schon vor der Pandemie am chronischen Erschöpfungssyndrom ME/CFS erkrankt sind. Bei wem verschwinden die Beschwerden von selbst? In welchem Fall bedarf es dagegen medikamentöser oder anderer therapeutischer Ansätze – und wann ist welche Behandlung erfolgversprechend? Dafür braucht es wissenschaftliche Evidenz – die heute fehlt. Welche Hürden gibt es für die Forschung? Wo fehlt es an Geld für klinische Studien, wo stehen regulatorische Hürden im Weg? Diese Diskussion lohnt es zu führen, denn nur dann kann eine verlässliche Aussicht auf Hilfe für Betroffene entstehen. Wir sollten nicht vergessen: Die Ursache dafür, dass Menschen sich aus Verzweiflung an jeden Strohhalm Hoffnung klammern, liegt zu allererst im Mangel an gesichertem Wissen. Das sollten wir ändern.  


Redaktion: Nicola Kuhrt