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„Welt­verhütung­stag“ Internationale Organisationen unterstützen fragwürdige Bayer-Kampagne

Screenshot der Logos der Unterstützerorganisationen

Die Pharmafirma Bayer betreibt eine Kampagne zu Verhütungsfragen und hat den „Weltverhütungstag“ mit initiiert. Die Inhalte bewerten Experten als klar werbend, dennoch wird sie durch UN-Organisationen und Ärzteverbände unterstützt. Die Weltgesundheitsorganisation hat sich in Folge unserer Recherche von der Kampagne distanziert.

Wenn am heutigen Donnerstag der dreizehnte Weltverhütungstag begangen wird, dürfte die Marketingabteilung von Bayer äußerst zufrieden sein. Dem Konzern ist es gelungen, mehr als ein Dutzend große Organisationen als Unterstützer für seine Kampagne „Your Life“ zu gewinnen, zu der auch der Weltverhütungstag gehört. Unter den Unterstützern sind der Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen UNFPA, die US-Regierungsorganisation USAID oder Fachverbände von Ärzten. Der Weltverhütungstag sei ein „jährlich von Bayer organisiertes Ereignis“, schreibt etwa die Ärzteorganisation „European Society of Contraception and Reproductive Health“. Aufgabe sei es, junge Menschen informierte Entscheidungen zur Familienplanung zu ermöglichen. Die Fachgesellschaft bezeichnet sich als „unabhängig“ – obwohl sie von Pharmafirmen wie Bayer unterstützte Kongresse ausrichtet.

Auch die zu den Vereinten Nationen gehörende Weltgesundheitsorganisation WHOWHO Weltgesundheitsorganisation verlinkte auf einer Internetseite zum Weltverhütungstag direkt zur Kampagne des Pharmaherstellers – die Organisation erhält für andere Zwecke Gelder von Bayer. Auf Nachfrage bezeichnete ein Sprecher die veröffentlichte Webseite mit dem Bayer-Link als „Fehler“, die Verbindung wurde inzwischen gekappt. „Der Weltverhütungstag ist kein WHO-Tag“, erklärt er. Dennoch nutzt die WHO den Tag weiter als Gelegenheit, „wichtige Informationen zur öffentlichen Gesundheit“ bekannt zu machen. Auf unsere Frage, wie es zu dem „Fehler“ kam, antwortete der Sprecher nicht.

Auch deutsche Einrichtungen nutzen den Weltverhütungstag als Anlass, ihre Botschaften in die Medien zu bringen – so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Etwas mehr Kondome, weniger Pillen: Die Behörde stellte anlässlich des heutigen Tages kürzlich eine Umfrage zum Verhütungsverhalten vor. Dabei ließ sie allerdings unerwähnt, was es mit dem Jahrestag auf sich hat, der 2007 eingeführt wurde.

Bayer wirbt für die Pille: „Werf einfach eine in den Mund und schluck sie runter”

Bayer listet auf seiner Kampagnenseite viele Partner auf, die die Kampagne und den Tag unterstützen – so der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen UNFPA, die US-Regierungsorganisation USAID oder Fachverbände von Ärzten. Auf der in den sozialen Medien intensiv beworbenen Plattform findet sich auch ein Vergleich von Verhütungsmethoden: Bei hormonellen Mitteln ist etwa erwähnt, dass es zu Stimmungsschwankungen kommen kann – aber es gibt keine Hinweise auf Depressionen als mögliche Nebenwirkungen. In der EU müssen inzwischen auch Suizidrisiken im Beipackzettel erwähnt werden, auch hierzu kein Wort. „Die Pille nimmt man genauso ein, wie andere Tabletten”, heißt es vielmehr auf Bayers Kampagnenseite. Und: „Werf einfach eine in den Mund und schluck sie runter.”

Abbildung und Text, wie die Pille einzunehmen ist.
Auszug von der Kampagnenseite „Your Life“ von Bayer.

Dass die WHO auf eine derartige Webseite verwiesen hat, bezeichnet Christiane Fischer als „Katastrophe“ – sie ist Geschäftsführerin der Ärzteinitiative „Mein Essen zahle ich selbst“ und seit 2012 Mitglied des Deutschen Ethikrats. „Die Firma versucht, damit seine Produkte zu pushen“, erklärt sie, der Jahrestag sei „pure Werbung“. Eigentlich ist Werbung für rezeptpflichtige ArzneimittelArzneimittel Arzneimittel sind Stoffe oder Zubereitungen aus Stoffen, die angewandt werden, um Krankheiten, Leiden, Körperschäden oder Beschwerden zu heilen, zu lindern oder zu verhüten. Es kann sich hierbei ebenfalls um Mittel handeln, die dafür sorgen, dass Krankheiten oder Beschwerden gar nicht erst auftreten. Die Definition beinhaltet ebenso Substanzen, die der Diagnose einer Krankheit nutzen oder seelische Zustände beeinflussen. Die Mittel können dabei im Körper oder auch am Körper wirken. Das gilt sowohl für die Anwendung beim Menschen als auch beim Tier. Die gesetzliche Definition von Arzneimitteln ist im § 2 Arzneimittelgesetz (AMG) enthalten. verboten, so auch für die Pille oder Hormonspiralen. Erlaubt sind aber Kampagnen wie der Weltverhütungstag, solange wie bei der Bayer-Seite keine Produkte speziell hervorgehoben werden. „Es ist ein sehr geschicktes Mittel, weil man erstmal denkt, es sei unabhängig“, sagt Fischer.

Sie fordert, dass die Homepage wiedergeben sollte, was im BeipackzettelBeipackzettel Fertigarzneimittel dürfen ausschließlich zusammen mit einer Packungsbeilage ausgeliefert werden. Das Arzneimittelgesetz (AMG) gibt vor, wie der Beipackzettel eines Medikaments gestaltet sein muss. Es muss die vorgegebenen Angaben in festgelegter Reihenfolge beinhalten. Dazu gehören unter anderem der Name des Medikamentes, Anwendungsbereiche, Gegenanzeichen, Vorsichtsmaßnahmen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, Dosierung und Nebenwirkungen. Der Beipackzettel ist in erster Linie für die Anwender des Medikamentes verfasst. Damit dieser für Menschen ohne Fachwissen verständlich ist, durchlaufen Beipackzettel einen Lesbarkeitstest. Sie werden z.B. durch das BfArM oder das PEI geprüft und genehmigt, bevor sie in den Umlauf kommen. als Nebenwirkung steht. „Es ist eine Gruppe gesunder Frauen, die beworben wird. Ich denke, man müsste bei hormonellen Verhütungsmitteln generell mehr auf Nebenwirkungen aufmerksam machen.“

Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen erklärt sich auf Nachfrage als „Teil einer Koalition von insgesamt 17 Organisationen“. „Wir machen dies, um sicherzustellen, dass junge Menschen Informationen für aufgeklärte Entscheidungen zu ihrer sexuellen und reproduktiven Gesundheit haben“, erklärt ein Sprecher. Für weitere Fragen werde auf der Plattform von Bayer an Ärzte verwiesen, sie selbst diene nur der „allgemeinen Information“. Die Organisation würde Kooperationen mit Firmen vorab darauf untersuchen, ob diese sich Menschenrechten und der Umwelt verpflichten und ein sozial verantwortliches Verhalten vorweisen können.

Kein Problembewusstsein: „Was Frauen wissen sollten, wird nicht erforscht“

UNFPA zeige kein Problembewusstsein „was die Glaubwürdigkeit von Gesundheitsinformationen durch Pharmafirmen betrifft“, sagt die Hamburger Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser, die auch Vorsitzende des Arbeitskreises Frauengesundheit ist. Sie findet es sehr bedauerlich, wenn Frauen auf derartige Informationen angewiesen sind. „Das ist ja nicht das, was den Frauen eigentlich zusteht“, erklärt sie. Frauen sollten Informationen erhalten, die dem neuesten Stand der Wissenschaft entsprechen.

Auf Bayers Webseite gehe hingegen „völlig unter“, wieviel Unsicherheit hinter vielen Aussagen steht. Offenbar würde die von Bayer finanzierte Kampagne auch Hormonspiralen propagieren – mit dem Argument, dass man leicht die Einnahme der Pille vergessen könnte. Einige für Frauen sehr relevante Fragen würden kaum erforscht, sagt Mühlhauser – so etwa die Frage, wie gut geeignet Hormonspiralen für junge Frauen sind. Möglichkeiten wie die Kupferspirale würden „total vernachlässigt“, sagt sie. „Studien zu Fragen, die für Frauen, aber nicht für die Industrie relevant sind, werden so gut wie gar nicht finanziert.“

Mehrere weitere Organisationen, die Bayer als Unterstützer nennt, verteidigen auf Nachfrage ihre Teilnahme an der Kampagne. Die Partner des Weltverhütungstags hätten „unterschiedliche Strategien“, die zusammen die Effektivität der Kampagne sicherstellen, erklärt Beth Schlachter, Geschäftsführerin von „Family Planning 2020“ – die Initiative wird von der Gates-Stiftung sowie der Bundesregierung und ist bei der UN-Stiftung ansässig. Ihre Organisation habe keine Gelder für die Teilnahme erhalten, betont Schlachter. Die britische Hilfsorganisation „Marie Stopes“ erklärt gleichfalls, dass sie als Gegenleistung keine Unterstützung oder Vergütung von Bayer erhalten habe.

Screenshot des Kanals von Bayer zum Weltverhütungstag auf Chinesisch.
Bayer bietet aufwendig gestaltete Kampagnenseiten auf vielen Sprachen an – so auch in einem Kanal auf der in China viel genutzten App WeChat.Der Vater der Wissenschaftsjournalistin Irene Habich nimmt über Jahre ein verunreinigte Blutdruckmittel mit dem Wirkstoff Valsartan. Dann erkrankt er an Prostatakrebs. Für MedWatch hat die Journalistin ihre persönlichen Eindrücke festgehalten und aufgeschrieben, wie ihr Vater mit der Unsicherheit umging. 2012, das ist einigermaßen lange her: Damals wird Barack Obama gerade zum zweiten Mal Präsident der USA und Markus Lanz übernimmt „Wetten, dass?“. Im Jahr 2012 ist mein Vater 69 Jahre alt und hat vor kurzem noch einmal geheiratet. Er scheint glücklich zu sein, mit seiner neuen Frau. Mein Vater genießt sein Leben, ist aktiv und gesund. Nur sein Blutdruck, findet sein neuer Hausarzt, gehe manchmal zu stark in die Höhe. Er verschreibt ihm zum ersten Mal den Blutdrucksenker Valsartan von 1 A Pharma, 160 Milligramm täglich. Ebenfalls im Jahr 2012 stellt der chinesische Medikamenten-Hersteller Zhejiang Huahai Pharmaceutical das Produktionsverfahren von Valsartan um. Von nun an entsteht als Beiprodukt unbemerkt der krebserregende Stoff N-Nitrosodimethylamin (NDMA). Weil die Chinesen so billig produzieren, lassen sich Pharmakonzerne weltweit von ihnen beliefern. Auch 1 A Pharma gehört zu den Kunden. Als ich erfahre, dass mein Vater blutdrucksenkende Mittel nimmt, halte ich das für unnötig. Ich selbst habe bereits Artikel darüber geschrieben, dass es oft schon genügt, sich mehr zu bewegen und Stress abzubauen, um den Blutdruck zu reduzieren. Mein Vater ist zwar im Grunde ein eher sanftmütiger Mensch. Er lässt sich aber von Kleinigkeiten schon einmal vorschnell aus der Ruhe bringen. Ich gebe ihm die Nummer eines Arztes, der leichten Bluthochdruck zunächst ohne Medikamente behandelt. Doch die Nummer verlegt er immer wieder aufs Neue. Immerhin: Er scheint den Blutdrucksenker gut zu vertragen. Mein Vater wird Valsartan mehr als sechs Jahre lang nehmen.

PSA-Werte fallen nicht mehr, Abklärung per Biopsie empfohlen

Wie die meisten Männer in seinem Alter lässt mein Vater regelmäßig seinen PSA-Wert bestimmen – einen Marker zur Früherkennung von Prostatakrebs. Manchmal steigen die Werte an, wobei es sich aber bloß um Entzündungen handelt. Ansonsten ist er bei bester Gesundheit. Sein eigener Vater wäre fast hundert geworden. 2015 bekommt meine Schwester ein Kind und mein Vater wird zum ersten Mal Opa. Im Herbst 2017 erfahre ich von meiner Schwester, dass mein Vater zur MRTMRT Magnetresonanztomographie-Untersuchung ins Krankenhaus muss. Die PSA-Werte fallen nicht mehr. Ich versuche, das nicht so schlimm zu finden, und mich mit dem zu beruhigen, was ich über Prostatakrebs weiß. Er ist überaus häufig, die Überlebensraten sind hoch. Weil er vor allem ältere Männer betrifft, heißt es, man sterbe damit, nicht daran. Und der PSA-Wert ist ohnehin immer eine Frage der Interpretation. Per Google suche ich weiter gezielt nach beruhigenden Informationen. Mein Vater mailt mir seine MRT-Scans zu. Medizinerdeutsch: Drei suspekte Areale in der Prostata eines 72-jährigen Patienten. „Wahrscheinlich maligne“, ein Score von 4 auf einer Skala von 1-5. Immerhin: Keine Knochenmetastasen, keine Lymphknotenmetastasen. Abklärung per Biopsie empfohlen. Ich gestehe mir den Ernst der Lage jetzt zum ersten Mal ein. Am Tag der Biopsie schickt mir die Frau meines Vaters eine SMS: „Bin gerade aus dem Krankenhaus zurück“, schreibt sie – mein Vater fühle sich noch „beschissen“. Er habe Blut und Schmerzen beim Wasserlassen. Die Untersuchung war unangenehmer als erwartet, das Ergebnis ist es auch. Die OP wird für Februar angesetzt und fällt genau auf meinen Geburtstag. Wir einigen uns darauf, dass das Glück bringen wird. Ich wohne mittlerweile in Frankreich und werde nicht dabei sein, beschließe aber, kurz darauf für längere Zeit nach Deutschland zu kommen und meinen Vater in der Rehaklinik zu besuchen.

Rückruf: Medikamente, die von Huahai produziertes Valsartan enthalten

Doch einmal dort angekommen, will mein Vater plötzlich niemanden mehr sehen. Nach drei Wochen fahre ich trotzdem hin, für einen Tag von Hamburg ins verschneite Nordhessen. Mein Vater verbringt die meiste Zeit allein in seinem Zimmer und beobachtet zwei Pferde, die draußen auf einer schlammigen Koppel stehen, obwohl ihr Anblick ihn traurig macht. „Die dauern mich so, die Pferdle“, beschreibt er es in seinem badischen Dialekt, in den er in emotionalen Momenten verfällt, obwohl er seit Jahrzehnten im Ruhrgebiet lebt. Wir verbringen einen gemeinsamen Nachmittag, an dem ich mich ihm sehr nahe fühle. Nach einem Abendessen beim Italiener fahre ich zurück. Insgesamt sechs Wochen lang muss mein Vater in der Rehaklinik Beckenbodentraining machen. Er muss notieren, wie viel er trinkt und seine Einlagen wiegen, um zu bestimmen, wie gut er den Urin halten kann. Eine Prostata-OP kann, muss aber nicht dauerhaft inkontinent machen. Mein Vater erzählt am Telefon jedes Mal, zu wie viel Prozent er nun „wieder dicht sei“. Eine Textnachricht nach der Reha: „Bin seit Dienstag wieder zu Hause – und es geht mir immer besser – mache fleißig die Übungen und halte die Empfehlungen bei der Entlassung ein.“ Ich fahre für eine Woche zu ihm. Er wird jetzt eher müde als vor der Krankheit und reagiert deutlich öfter gereizt auf seine Frau. Da sei jetzt einfach öfter mal dieses Bedürfnis nach Ruhe, sagt er. Er ist aber auch wieder fröhlich und verbringt viel Zeit mit meiner kleinen Nichte, die jetzt schon groß genug ist, ihm auf den Rücken zu klettern. Am 4. Juli 2018, zwei Monate, nachdem mein Vater aus der Rehaklinik entlassen wurde, gibt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) den EU-weiten Rückruf von Medikamenten bekannt, die von Zhejiang Huahai Pharmaceutical produziertes Valsartan enthalten. Ein „akutes Risiko für Patienten“ bestehe aber angeblich nicht. Mein Vater erfährt erst aus der Zeitung davon und ruft seinen Arzt an. Der hatte zwar die Info des BfArM erhalten: Auch weil die Gefährdung darin als so gering dargestellt worden sei, habe er seine Patienten aber nicht von sich aus kontaktiert, wird er mir später am Telefon sagen. Mein Vater bittet den Arzt um ein anderes Rezept, und druckt ihm außerdem noch eine Liste mit den betroffenen Chargen und Präparaten aus dem Internet aus. Dass das Valsartan aus China seinen Prostatakrebs ausgelöst haben könnte, auf die Idee kommt mein Vater zunächst gar nicht.

Neben NDMA wird auch NDEA festgestellt

Genau wie er werden auch die anderen Patienten allein gelassen, müssen sich Informationen selbst zusammensuchen. Erst sind angeblich nur einzelne Chargen betroffen, dann doch alle, dann noch weitere Präparate. Neben NDMA wird N-Nitrosodiethylamin (NDEA) in den untersuchten Proben festgestellt: Eine weitere wahrscheinlich krebserregende Substanz, die schon vor 2012 in chinesischem Valsartan enthalten war. Und nicht nur in China, auch in Indien gab es bei Billigproduzenten Probleme. Die europäische Arzneimittelagentur EMA veröffentlicht eine Risikokalkulation. Demnach soll es bei der langjährigen Einnahme von verunreinigtem Valsartan zu „nur“ etwa 22 zusätzlichen Krebsfällen auf 100.000 Patienten gekommen sein. Selbst wenn diese Zahl stimmen sollte – allein in Deutschland nahmen 2017 rund 900.000 Patienten das Mittel. Was, wenn mein Vater einer von den Betroffenen ist? Ein deutscher Experte vergleicht die schädliche Wirkung eher mit der von fünf Zigaretten pro Tag – was mir nicht unbedingt wenig erscheint. Die Tante eines Bekannten hat ebenfalls Valsartan genommen und einen Tumor entwickelt, zum Glück gutartig. Es könnte natürlich auch Zufall sein. Das Problem: Das verunreinigte Valsartan hat zwar relativ sicher Menschen krankgemacht. Dabei bleibt es aber schwierig bis unmöglich, das im Einzelfall konkret zu beweisen. Ich sehe mir eine Videobotschaft von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) an. Nach dem Bekanntwerden des Skandals hatte er wochenlang geschwiegen. Nun stellt er den Entwurf eines Gesetzes „für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung“ (GSAV) vor. Ein für Spahn „ganz wichtiger Punkt“, der sich damit ändern soll: Patienten sollen bei Rückrufen von Medikamenten von der Zuzahlung befreit werden. Meinem Vater und alle anderen, die jahrelang einem Krebsrisiko ausgesetzt waren, würden also künftig fünf Euro rückerstattet. Mir bleibt unklar, wie das Gesetz verhindern soll, dass in China hergestellte Billigarzneien der Gesundheit von Menschen schaden.

Rückruf über Rückruf

Noch das ganze letzte Jahr über wird es immer wieder Rückrufe von Valsartan geben. Von einem grundlegenden Umdenken sind die Pharmakonzerne weit entfernt, das zeigt auch das Beispiel Novartis. Die Schweizer Firma hatte Valsartan bisher selbst hergestellt, in Irland, England und der Schweiz. Es war daher frei von NDMA gewesen. Im vergangenen Herbst berichtete jedoch das Schweizer Fernsehformat „Rundschau“, dass auch Novartis längst geplant hatte, die Produktion nach China zu verlegen – um Valsartan dort ausgerechnet von Zhejiang Huahai Pharmaceuticals herstellen zu lassen. Ob man trotz des Skandals an diesem Plan festhalte, dazu wollte sich Novartis nicht äußern. Im Herbst 2018 besucht mich mein Vater in Frankreich. Wir essen zusammen Muscheln am Strand. Es sei für ihn die schönste Zeit seit seiner OP gewesen, wird er mir später sagen. Seinen PSA-Wert lässt er immer noch regelmäßig testen, obwohl der Arzt meint, das sei nicht nötig, er hält ihn für geheilt. Warum ich diesen Beitrag geschrieben habe? Um zu zeigen, dass die Opfer von Valsartan mehr sind als Zahlen in der Statistik. Es sind Menschen wie mein Vater, die gerne leben, sich mit fast 70 noch einmal verlieben und kleine Enkeltöchter haben, die ihnen auf den Rücken klettern. Und ganz einfach deshalb dürfen Skandale wie dieser nicht ohne Konsequenzen bleiben. Im März 2019, noch während ich diesen Artikel schreibe, ruft der Pharmakonzern Heumann Chargen seines Blutdrucksenkers Losartan zurück. Sie enthalten wahrscheinlich krebserregende Nitrosamine. Ein „akutes Patientenrisiko“ besteht angeblich nicht. Fotos: Irene Habich

Hinweis:

Weitere Informationen für Patienten, die Bluthochdruckmittel mit Valsartan eingenommen haben, gibt es bei der Verbraucherzentrale. Patienten sollten ihre Medikamente nicht eigenmächtig absetzen – fragen Sie in Zweifelsfällen Ihren Arzt, ob Ihr Medikament betroffen ist. Weitergehende ausführliche Informationen gibt es auch beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: hier und hier.

Auch die Dachorganisation „International Planned Parenthood Federation“ sagt, dass Bayer einer von vielen Partnern sei, mit denen der Verband für bessere Aufklärung zu Verhütungsfragen zusammenarbeite. Zu ihm gehört auch „pro familia“ – dessen Bundesverband den Weltverhütungstag laut einer Sprecherin teils nutzt, „um auf bestimmte Themen rund um Verhütung aufmerksam zu machen“. Jedoch sehe Pro Familia seine Pressearbeit zum Weltverhütungstag „keinesfalls als Werbung für eine Bayer-Kampagne“. Dem Verband sei Unabhängigkeit von Pharmafirmen ohnehin ein großes Anliegen. „Der pro familia Bundesverband betreibt keine kommerzielle Zusammenarbeit mit Bayer“, erklärt die Sprecherin.

Fragen zur Verhütung: Bayer sieht sich als Aufklärer

Der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sei es wichtig, Anlässe zu nutzen, „zu denen das Thema Verhütung öffentliche Aufmerksamkeit erfährt“, erklärt die Behörde auf Nachfrage. So wolle sie der Bevölkerung einen Zugang zu qualitätsgesichertem, neutralem Wissen ermöglichen.

Diese finden sich zwar vielleicht auf der Webseite der BZgA – nicht jedoch auf Bayers Kampagnenseite zum Weltverhütungstag. „Man weiß es ja, das ist auch zigfach untersucht worden: Diese Websites der Hersteller geben verzerrte Informationen an“, sagt Mühlhauser. Die Kampagne von Bayer würde lediglich „etwas Aufklärung über die Verhütungsalternativen“ bieten, erklärt Sonia Grover, Präsidentin des Fachverbands „International Federation of Paediatric and Adolescent Gynaecology”. „Diese Online-Informationen ist daher in Ländern verfügbar, in denen es oft nur sehr begrenzte Aufklärungsinformationen zu sexueller und reproduktiver Gesundheit gibt.“

Der Pharmakonzern selbst sieht naturgemäß keine Probleme mit seiner Kampagne – diese sei „gut etabliert“ und würde sexuelle Rechte und Aufklärung über Verhütungsfragen „weltweit in den Fokus setzen“. Die Formulierung, dass Frauen die Pille „einfach einwerfen“ sollten, solle lediglich die Einnahme erklären. Die Webseite könne außerdem keine vollständige Analyse des Nutzens und der Risiken der verschiedenen Verhütungsarten bieten, hier verweist Bayer an die Frauenärzte. „Als global führender Hersteller von hormoneller Verhütung fühlt Bayer sich verantwortlich, seine Expertise und anerkannte Historie in Bezug auf Frauengesundheit einzusetzen, um die Aufklärung über reproduktives Wohlbefinden zu verbessern“, erklärt der Konzern.