Mangelernährung im Krankenhaus Krankenhausessen: Labbriges Graubrot mit „mystery meat“

Mangelernährt im Krankenhaus: Angebot in einer Kölner Klinik. (Foto: Leser)
Mangelernährt im Krankenhaus: Angebot in einer Kölner Klinik. (Foto: Leser)

Essen soll zur Gesundheit beitragen, so auch Krankenhausessen – doch viele Menschen machen in Krankenhaus und Klinik schlechte Erfahrungen mit der Verpflegung. MedWatch ist Berichten seiner Leser:innen nachgegangen und hat die Krankenhäuser um Stellungnahme zum Essen gebeten.

Wie Menschen im Krankenhaus mit Essen versorgt werden, hat Einfluss auf ihren Heilungsverlauf: Nachdem MedWatch über die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Ernährungsmanagement in Kliniken berichtet hatte, erreichten uns zahlreiche Zuschriften. In Kommentaren, per E-Mail und über soziale Medien berichteten Leser:innen von ihren Erfahrungen mit Krankenhausessen aus Klinik und Co.

Mit einem positiven Beispiel und einigen Fotos meldete sich eine Frau nach dem Aufenthalt im Baseler Claraspital:

Dieses Positivbeispiel ist eine Ausnahme – die meisten Leser:innen sind in ihren Berichten alles andere als angetan. MedWatch hat einige Beispiele aufgegriffen, die Klinikträger um Stellungnahmen gebeten und sie dazu befragt, wie ihr Ernährungsmanagement aufgestellt ist.

Essen im Krankenhaus: Mangel bei individuellen Bedürfnissen

Probleme gibt es den Schilderungen zufolge etwa beim Umgang mit besonderen Bedürfnissen. Eine Mutter berichtet von der unklaren Kennzeichnung von Lebensmitteln beim Krankenhausaufenthalt ihres Kindes, das aufgrund einer Zöliakie zwingend auf glutenhaltige Produkte verzichten sollte. „Hauptsächlich Kohlenhydrate und Zucker im Überfluss“, fasst ein anderer Leser seine Erfahrungen im Evangelischen Krankenhaus Hagen-Haspe zusammen. Ein stark gezuckerter Joghurt als Nachtisch sei auch einem Diabetiker verabreicht worden, der „vorher nur Zwieback bekommen“ habe. „Sicher ein Einzelfall, dessen Rahmenbedingungen wir auch nicht kennen“, erklärt eine Kliniksprecherin knapp auf Anfrage von MedWatch.

Nähere Angaben, etwa zur Zahl der Ernährungsfachkräfte, machte das Krankenhaus auf Anfrage nicht. Es erklärt, die einschlägigen Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) für die Klinikverpflegung würden eingehalten – was keineswegs in allen Häusern der Fall ist. Wie etabliert die Standards sind, ist unklar. Von der DGE kontrollieren und zertifizieren lassen sich bislang nach Angaben der Fachgesellschaft allerdings weniger als fünf Prozent der Kliniken.

Krankenhausessen: Frisches Obst und Gemüse von vielen vermisst

Beim Klinikessen geht es nicht nur um den Geschmack, sondern auch um die Gesundheit. Wissenschaftlich gut belegt ist, dass die Nährstoffversorgung im Krankenhaus gerade bei schweren Erkrankungen Einfluss auf den Heilungsverlauf haben kann. Wichtige Voraussetzung: eine gesunde Zusammenstellung von nährstoffreichen Lebensmitteln.

Daran hapert es aus der Sicht einer ganzen Reihe von Patient:innen. Eine MedWatch-Leserin typisiert die übliche Kost bei einem Krankenhausaufenthalt als „labbriges Graubrot mit mystery meat“ (zu Deutsch etwa: rätselhaftes Fleisch). Frisches Obst und Gemüse vermissten viele bei ihrem Krankenhausessen. Dies veranschaulichen sie mit Fotos vor allem von Frühstück und Abendmahlzeiten – wie ein Patient, der diese Mahlzeit zur Aufnahme in das Krankenhaus Porz erhielt:

Standard Krankenhausessen
Frisches Obst und Gemüse? Aufgenommen im Krankenhau in Köln-Porz.

Die Pressestelle des Krankenhauses lässt eine MedWatch-Anfrage zu seiner Speisenversorgung unbeantwortet und meldet sich auch auf eine telefonische Rückrufbitte nicht zurück.

Sogar noch karger ist das Bild, das ein Mann nach eigener Angabe aus der Asklepios-Klinik im hessischen Lich übermittelt, wo er im Februar 2022 behandelt wurde:

karges Krankenhausessen
Brot, eine Scheibe Käse, Margarine: Essen im Krankenhaus im hessischen Lich.

Zwei Scheiben Brot, eine davon offenbar ein Toastbrot, eine Scheibe Käse, zwei Packungen Margarine – ein ausgewogenes Frühstück ist das nicht. Das Abendessen sei ähnlich zusammengestellt, berichtet der Leser. Ein Sprecher der Asklepios-Kliniken konnte dies nicht nachvollziehen: „Das abgebildete Frühstück ist nicht repräsentativ“, erklärt er. Die Patient:innen könnten sich ihr Essen aus einer Menükarte selbst zusammenstellen und erhielten schon deshalb üblicherweise eine „variantenreichere Kost“.

Das Klinikum in Lich sei bis Mitte 2021 sogar DGE-zertifiziert gewesen, in eigenen Erhebungen hätten sich 70 Prozent der Menschen zufrieden mit dem Essen gezeigt. Die Zertifizierung ließ es auslaufen, weil dies Aufwand und Kosten bedeute, aber keinen Nutzen bringe. Der DGE-Standard gelte aber weiter. Das abgebildete Foto stufte der Sprecher als sogenanntes „Zugangsessen“ bei einer ungeplanten Aufnahme ein, bei der noch keine Abfrage der Essenwünsche erfolgen konnte. Zur ernährungsphysiologisch ungünstigen Lebensmittelzusammensetzung in diesem Fall äußerte er sich nicht.

Mangelernährung im Krankenhaus? Offener Brief führte nicht zu Änderung

Von einem Patienten der München Klinik Bogenhausen erreichten uns diese Fotos, aufgenommen im Februar 2022, die ebenfalls eine eher ungünstige Nährstoffzusammensetzung nahelegen:

Auf MedWatch-Anfrage betont die München Klinik, ihren Patient:innen eine „täglich wechselnde Menü-Auswahl“ anzubieten und die DGE-Standards vertraglich vereinbart zu haben. „Eine mögliche Einschränkung im Rahmen dieses breiten Angebots richtet sich stets nach der medizinischen Indikation“, heißt es in der Stellungnahme.

Anders als die meisten anderen Häuser nennt die München Klinik Zahlen, wie viel Geld sie für Lebensmittel pro Patient:in und Tag ausgibt: Die reinen Warenausgaben liegen demnach „je nach Regel- bzw. Wahlleistung“ zwischen fünf und 13 Euro.

Fünf Euro pro Person und Tag entsprechen dem Schnitt, den das Deutsche Krankenhausinstitut 2018 in einer Befragung ermittelte, wobei die Tendenz in Relation zur Preisentwicklung seit Jahren sinkt. Im MedWatch-Interview deutete Gerald Gaß – der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhaus Gesellschaft – an, dass die Erlöse der Kliniken mit den derzeitigen Preissteigerungen auch bei Lebensmitteln nicht Stand hielten und diese Entwicklung nur zu Lasten der Qualität gehen kann.

Die Träger haben es nicht in der Hand, die von vielen Patient:innen und Ernährungsexpert:innen geforderte Qualität zu liefern, so die Botschaft. Sie passt zur Geschichte eines MedWatch-Lesers: Er schickte uns einen Offenen Brief, mit dem er sich vor wenigen Jahren gemeinsam mit rund 100 Patient:innen über das Essen in einer niedersächsischen Klinik beschwert hatte. Ein darauf folgendes Gespräch mit einem Klinikverantwortlichen habe jedoch nicht zu Änderungen geführt, sondern nur zur Erklärung, „warum das Essen ist, wie es ist“.

Essen, wie es ist – Im Marienkrankenhaus Siegen bedeutete dies in der Wahrnehmung einer weiteren Leserin im Januar 2021: Kein Obst und Gemüse, Ballaststoffe „Mangelware“. Ihr Bild zeigt ihr Frühstück am Tag nach einer Blinddarmoperation.

karges Krankenhausessen
Nach einer Blinddarm-OP: Das morgendliche Essen im Krankenhaus…

Ein Sprecher des Marienkrankenhauses gibt sich nach MedWatch-Anfrage viel Mühe, den Fall aufzuklären. Er führt Gespräche mit den verantwortlichen Bereichen und geht abschließend von einem „Kommunikationsproblem“ aus: So sei Obst und Gemüse mutmaßlich kurz nach dem Eingriff „nicht angezeigt“ gewesen. Individuelle Wünsche könnten hier im Widerspruch zu den medizinischen Anordnungen stehen.

Grundsätzlich ist das Klinikum den Sprecherangaben zufolge überdurchschnittlich aufgestellt: Während andernorts keine Ernährungsfachkräfte angestellt sind oder eine Stelle 600 Patient:innen zu betreuen hat, kümmern sich in Siegen drei Diätassistentinnen in Vollzeit um bis zu 429 Menschen. Die eigene Küchengesellschaft halte die DGE-Standards.

Krankenhausessen: Wer die Wahl hat…

In ihren Rückmeldungen betonen viele Kliniken, dass die Patient:innen zwischen verschiedenen Angeboten das passende aussuchen könnten. Doch mit der Auswahl scheint es ebenfalls Probleme zu geben – selbst in Privatkliniken. An einem Sonntag im vergangenen November sei er planmäßig in der Helios Privatklinik Siegburg aufgenommen worden, erst am folgenden Donnerstag habe er sein Essen auswählen können, schreibt uns ein Mann. Er ärgert sich nicht nur über Brot und Brötchen, die „mehrmals so hart und trocken“ gewesen seien, dass das Personal sie gar nicht erst ausgegeben habe, sondern auch über seine Erfahrung mit den Wahlmenüs: Die „Schweinelende“ mit „Polenta-Gnocchi“ hätte sich als „schnöde Frikadelle“ und „stinknormale Billignudeln“ entpuppt:

Wunsch und Realität von Krankenhausessen
Bewerbung und Wirklichkeit…

Im Helios Klinikum Krefeld, vom Nachrichtenmagazin Focus zuletzt regelmäßig als „Top-Krankenhaus“ eingestuft, werde zwar durchaus versucht, die Essensplanung individuell abzusprechen, heißt es in einer weiteren Zuschrift aus unserer Leserschaft. Nur: Wer zum entscheidenden Zeitpunkt nicht auf dem Zimmer sei, erhalte „ohne Berücksichtigung von Diagnose oder individuellen Bedarfen eine fleischhaltige Standard-Kost“, so eine Schilderung aus der gastroenterologischen Station in der Zeit um den Jahreswechsel.

Für die meisten Patient:innen sei zudem keine Anpassung des Essens an den individuellen Ernährungszustand erfolgt. Für Menschen mit Mangelernährung sei zwar auf dem Flur Sonderkost angeboten worden. Wer sie sich aufgrund von eingeschränkter Mobilität nicht selbst holen konnte, habe sie jedoch nicht sicher erhalten.

Eine Sprecherin der Helios-Kliniken wollte die beiden Schilderungen aus Siegburg und Krefeld nicht kommentieren und auch konkrete Fragen etwa zur Berücksichtigung der DGE-Standards ließ sie offen. Ihrer Aussage zufolge würden jedoch alle stationär behandelten Patient:innen auf Mangelernährung gescreent. Ein flächendeckendes Screening gibt es in der deutschen Kliniklandschaft üblicherweise nicht.

Fazit zum Essen in deutschen Krankenhäusern

Nicht-repräsentativ, Kommunikationsprobleme – während sich die Einzelfälle retrospektiv schwer beurteilen lassen, kann die Masse der Rückmeldungen kaum darüber hinwegtäuschen, dass aus Sicht der Patient:innen ein Problem besteht. Die Forschung hilft bisher kaum weiter: Interessanterweise gibt es keine aktuelle Studie zum Klinikessen. Während Qualität und Nährstoffgehalt der Verpflegung in Schulen und Kitas in den vergangenen Jahren wissenschaftlich untersucht wurden, ist das Speisenangebot in dieser Hinsicht ein blinder Fleck.


Lesen Sie zum Thema auch den Kommentar von Martin Rücker: Mangelernährung im Krankenhaus: Mehr Drostens braucht das Land!

Redaktion: Angela Bechthold, Nicola Kuhrt, Nicole Hagen

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