Corona Umstrittener Tierarzt wirbt für gefährliches Wundermittel Chlordioxid

Foto: Ein Arzt mit blauer Haube und Mundschutz, nicht genau zu erkennen, steht auf einer weißen Fläche.
Umstritten: Tierarzt Dirk S. aus Hamburg. (Foto: Annie Spratt, Unsplash)

Unzählige Tierbesitzer haben den Hamburger Tierarzt Dirk S. in den vergangenen Jahren angezeigt. Sie werfen ihm falsche Behandlungsmethoden vor und Tierquälerei. Dennoch kann er weiter praktizieren. In sozialen Netzwerken propagiert er derweil das gesundheitsgefährliche Bleichmittel Chlordioxid – es soll die Rettung bringen im Kampf gegen Corona. Behörden und Tierärztekammer schauen zu.

Dirk S. kennt den Ausweg aus der Corona-Pandemie. In Bolivien jedenfalls habe man nach anfänglichen Zögern umgeschwenkt: Hier „heilt“ man mit Chlordioxid jetzt Corona-Patienten. Leider werde es in Deutschland als Verfehlung angesehen, das Mittel einzusetzen, schreibt Dirk S. in einer Rundmail. Auf seinem Telegram-Account teilt er ein Video, in dem Chlordioxid zum „universellen Gegenmittel“ erklärt wird, die NASA habe das sogar 1987 bestätigt. Er fordert seine mehr als 8000 Follower auf, auch zu Aktivisten für Chlordioxid zu werden, um „die Sache ans Tageslicht“ zu bringen.

Man könnte diesen Umstand mit einem Kopfschütteln abtun. Doch so einfach ist es nicht: Dirk S. ist ein überaus aktiver wie umstrittener Tierarzt aus Hamburg. Kürzlich hat er eine Anzeige gegen die Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz Hamburg (BVG) und eine weitere gegen einzelne BVG-Mitarbeiter eingereicht. Weil diese ihm in 2014 angeblich zu Unrecht untersagt haben, das Mittel Chlordioxid in seiner Praxis einzusetzen.

Diese Klage ist gleichsam der Höhepunkt einer Auseinandersetzung zwischen Gesundheitsbehörden, der Tierärztekammer Hamburg, der Staatsanwaltschaft Hamburg und dem Tierarzt selbst. Seit mindestens neun Jahren laufen Verfahren, gibt es Anzeigen gegen ihn. Dennoch kann der Tierarzt weiter praktizieren und in sozialen Netzwerken wie Facebook und Telegram für allerhand alternative Mittelchen und das nach Meinung von Experten gesundheitsgefährliche Chlordioxid werben. Zahlreiche Tierbesitzer sehen dem Treiben ratlos zu. Sie werfen ihm und seiner Praxis vor, ihre Tiere falsch behandelt zu haben – nicht nur riet er zum Einsatz von Chlordioxid, auch veraltete Operationsmethoden sollen zum Einsatz gekommen sein. Von Tierquälerei ist die Rede. Einige Tiere sollen in Folge einer Behandlung in der Praxis von Dirk S. gestorben sein.

Goldgräber entdeckt Chlordioxid-Wunder

Tierarzt Dirk S. schwört seit Jahren auf Chlordioxid. Richtig bekannt wurde das Mittel in Deutschland 2014 durch Jim Humble. Der Amerikaner, der früher Goldgräber gewesen sein und dabei auf die „heilende“ Wirkung von Chlordioxid gestoßen sein will, berichtete damals auf einer Esoterikmesse von der besonderen Wirkung seines Mittels. Es helfe gegen Aids, Krebs, Herpes, Demenz. Humble nannte es stolz „Miracle Mineral Supplement“, kurz MMS.

Tierarzt Dir S. steht am Rednerpult des Spirit of Health-Kongresses
Tierarzt Dirk S. referiert über alternative Heilmittel auf einem “Spirit of Health”-Kongress. (Screenshot: MedWatch)

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hatte damals bereits von der Einnahme des Mittels abgeraten, 2015 kam eine Warnung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hinzu. MMS ist kein Arzneimittel, es ist nicht in hochwertigen Studien geprüft und danach zugelassen, weder für die Behandlung am Menschen noch am Tier, schreibt das BfArM. Und weiter: MMS ist eine hochreaktive chemische Verbindung aus Chlor und Sauerstoff: Chlordioxid. Es hat eine stark oxidative Wirkung. Auf Haut und Schleimhaut wirkt es reizend bis ätzend. Industriell wird es als Mittel zur Desinfektion sowie zum Bleichen verwendet. Es ist ein giftiges Gas mit stechendem, chlorähnlichem Geruch.

Dessen ungerührt spricht Dirk S. weiter über seine „faszinierenden“ Erfahrungen mit Chlordioxid, er nennt es beinah zärtlich „Molekül X“, so auch 2018 auf dem „Spirit of Health“-Kongress in Berlin. Gern berichtet er über seinen Kampf für die Tierhalter, die sich die viel zu teuren Behandlungen und Produkte nun mal oft nicht mehr leisten könnten.

Hamburg. Er stelle „aus der Chemikalie Chlordioxid ein Arzneimittel her, das zu Anwendung und Abgabe an Tiere, hier einen Hund zur postoperativen Nachversorgung, bestimmt ist.“ S. wird über die Bedenklichkeit seines Handelns hingewiesen und ihm wird die Möglichkeit gegeben, sich dazu zu äußern. Das Verfahren endete damals mit dem Verbot an ihn, Chlordioxid abzugeben.

Er habe eine zunehmende Spaltung in der Gesellschaft beobachtet, sagt er. Aber er könne doch Tierhalter nicht wegschicken, nur weil sie kein Geld hätten, ihr Tier zu behandeln. Er spricht von verschiedenen „alternativen“ Heilmitteln und „über eine Substanz, die ihn immer wieder zu Stauen brachte.“ Er habe zunächst gar nicht gewusst, warum es funktioniere, aber das tue es. Wer mehr dazu wissen wolle, könnte sich ja auf seiner Website schlau machen.

Später schreibt Tierarzt S. auch ein Buch „(Keine) Menschlichkeit in der Tiermedizin“ heißt es, es erscheint im Jim Humble Verlag. Im Klappentext ist zu lesen:

Dirk S., Tierarzt in Hamburg, zeigt nicht nur auf was mit Chlordioxid (Molekül X, wie er es nennt) und anderen nicht konventionellen Heilmethoden in der Tierpraxis erreicht werden kann, sondern auch die Missstände, die durch Gesetze, Behörden, Lobbyisten, Pharmazeuten und nicht zuletzt auch durch Tierärzte selbst, zu ihrem eigenen Vorteil aufrecht erhalten werden.

Er schildert in dem Buch einige Fälle, in denen kranke Tiere dank Gabe des Moleküle X wieder gesunden: Ein Terrier etwa, der lahmte und wegen eines krummen Rückens Schmerzen hatte, ein Hund mit einer lebensbedrohlichen Tetanusinfektion und ein Fohlen mit geschwollenen Gelenken.

Fälschlich Penis amputiert, Knochen durchbohrt, im Keller vergessen?

In der Realität sieht es anders aus: Immer wieder kommt es zu Anzeigen und Beschwerden durch Tierhalter. Sie werfen Dirk S. vor, dass ihre Tiere in seiner Praxis falsch behandelt wurden – was in der Realität meist schwer zu belegen ist. „Die genaue Anzahl der Anzeigen kann ich Ihnen leider nicht nennen, da teilweise in einem Verfahren mehrere Anzeigen zusammen bearbeitet werden und eine statistische Erfassung der Anzeigen nicht erfolgt“, schreibt die Sprecherin der Generalstaatsanwaltschaft Hamburg auf Anfrage an MedWatch. Einige Verfahren wegen unterschiedlicher Tatvorwürfe seien bereits abschließend bearbeitet und eingestellt worden, da ein hinreichender Tatverdacht gegen den Beschuldigten nicht begründet werden konnte. In weiteren Verfahren dauerten die Ermittlungen unverändert an. 

MedWatch hat mit vielen Tierhaltern gesprochen, einige waren bereit, ihre Erfahrung hier zu schildern. Keiner von ihnen möchte namentlich genannt werden. Tierarzt Dirk S. sei in der Szene als „klagefreudig“ bekannt, davor haben sie Angst. Wir haben auch ihre Namen hier in Folge abgekürzt.

Seine Bulldogge musste nach einer unprofessionell durchgeführten Kreuzband-OP durch Dirk S. mühevoll wieder auf die Beine gebracht werden, berichtet Nico C. gegenüber MedWatch. 2018 habe Dirk S. seine Hündin behandelt, eine sogenannte Tibial Plateau Leveling (TPLO) sollte durchgeführt werden. Eine TPLO ist ein Operationsverfahren in der Tiermedizin. Dabei wird die Tibia, das Schienenbein, durchtrennt und durch speziell dafür vorgesehene Platten wieder verschraubt.

Foto: In einer Plastiktüte steckt das dicke Plastikkabel, dass dem operierten Hund wieder aus dem Bein entnommen werden musste.
Plastikschnur, dem Bein des operierten Hundes entnommen. (Foto:privat)

Nach der Operation des Kreuzbandrisses habe Dirk S. für die weitere Behandlung Chlordioxid empfohlen. Das hat Nico S. allerdings nicht genutzt. Seiner Hündin ging es auch Tage nach der OP durch Tierarzt S. nicht besser. Also ließ er sie bei einem anderen Tierarzt untersuchen. Der stellt eine „hochgradige Lahmheit“ fest. Das Kniegelenk zeigte eine „massive Verdickung“, im Röntgenbild zeigte sich, dass gar keine TPLO durchgeführt worden war. Stattdessen war der ganze Knochen an zwei Stellen durchbohrt worden, vermerkt der nachbehandelnde Tierarzt. In einer Operation entfernte dieser dann einen 3 Millimeter dicken und steifen Faden aus dem Bein des Tiers. Der Faden, vermutlich aus Polyester, saß so locker, dass ein Nadelhalter darunter geschoben werden konnte. „Eine völlig veraltete Operationstechnik“, sagt Hundehalter Nico S., immer noch erschüttert.

Marco S. schildert MedWatch seine Erfahrung mit der Praxis Dirk S. im Jahr 2012. Er hatte seinen Kater wegen eines blutigen Hautausschlags dorthin gebracht. „Ich dachte, ein anderer Kater hätte ihn vielleicht gebissen“, erinnert sich Marco S. Am Ende wurde dem Tier wegen eines angeblichen Tumors der Penis amputiert. Das Tier war bei Abholung derart verstört und verklebt, dass Marco S. es in eine andere Klinik brachte. Behandelt wurde der Kater durch den Sohn von Dirk S., der ebenfalls in der Praxis tätig ist. Es stellte sich heraus: der Kater hatte gar keinen Krebs, sondern nur einen Hautausschlag. „Ich war mit dem Nerven am Ende“, erinnert sich der Tierbesitzer.

Markus und Miriam S. erstatteten kurz vor Weihnachten 2019 Strafanzeige wegen des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz gegen Steven S., den Sohn des Tierarztes Dirk S. Er ist in der gemeinsamen Praxis tätig.

Nach der Operation wurde Alicia den Eheleuten übergeben. Sie brachten die Hündin in ihren Wohnwagen, wo sie sich erholen sollte. Doch ihr Zustand habe sich Verlauf des Tages immer weiter verschlechtert. Markus S. versuchte über den Tag hinweg vergebens, jemanden über die Notfall-WhatsApp-Nummer der Praxis zu erreichen. Erst am späten Abend gegen 22:30 Uhr habe Steve S. reagiert.

Foto: Hundebesitzerin M. Surace mit ihrer heißgeliebten Alicia.
Hundebsitzerin M. Surace mit ihrer geliebten Alicia. (Foto: privat)

Der Zustand der Hündin hatte sich derart verschlechtert, dass sich Steven S. dann zu einem Luftröhrenschnitt entschlossen habe. „Er hat uns dann wieder weggeschickt mit der Zusage, Alicia über Nacht zu beaufsichtigen“, berichtet Markus S. Das sei aber offenbar nicht passiert, erst am Morgen sei der Arzt wieder in die Praxis gekommen. Er habe Markus und Miriam S. dann in einen Kellerraum geführt, dort lag die Hündin. Tot, auf einer schmutzigen Decke in einer Nische. Mit einem Loch in der Kehle.

Bisher haben die Behörden die Anzeigen des Ehepaars S. abgewiesen, da es keine Anhaltspunkte gebe, dass der Tierarzt vorsätzlich gehandelt habe. Man müsse nachweisen, dass der Arzt Schmerzen und auch Leiden des Hundes billigend in Kauf genommen habe und dessen Tod billigend in Kauf genommen habe. „Ein bloßes sorgfaltswidriges (fahrlässiges) Handeln des Beschuldigten bei der Behandlung ihres Hundes erfüllt die genannten Strafbestände hingegen nicht“, schrieb die Generalstaatsanwaltschaft Hamburg an das Ehepaar S.

Dirk S. weist alle Vorwürfe zurück

Gegenüber MedWatch gibt sich die zuständige Behörde, die Behörde für Justiz und Verbraucherschutz (BJV), in Hamburg sehr knapp: Die gegen den Tierarzt Dirk S. erhobenen Vorwürfe sind der Tierärztekammer und den zuständigen Behörden bekannt und werden im Hinblick auf mögliche Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz, das Heilmittelwerbegesetz und das tierärztliche Berufsrecht geprüft. „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Auskünfte zu den einzelnen Verfahren erteilen können.“

Und Tierarzt S. selbst? Der weist auf MedWatch-Anfrage die Vorwürfe der Tierhalter zurück, wie auch die Kritik am Einsatz und der Bewerbung von Chlordioxid. „Seit mehr als 10 Jahren kenne ich die hervorragende Wirkung von Chlordioxid-Lösung.“ Die sich ergebenden Auseinandersetzungen mit der BGV Hamburg und der Justiz hätten keine Anhaltspunkte für irgendein Vergehen gegen das Arzneimittelheilgesetz gezeigt.

Tierarzt Dirk S.: Werbung für Chlordioxid auf Telegram. (Screenshot: MedWatch)

In seiner Praxis werde Chlordioxid-Lösung wegen der leider immer noch unklaren Rechtslagenicht verwendet. „Es ist aber nicht verboten, Patienten darüber zu informieren, damit sie es selbst zubereiten und anwenden. Es ist auch nicht verboten, darüber zu schreiben“, erklärt Dirk S.

Zum Vorwurf der Tierquälerei sagt Dirk S., dies sei „völlig absurd. In manchen Gehirnen tobt so viel Unrat. Die Person, die so etwas sagt, behauptet auch, wir seien Betrüger. Ihr sehr alter Hund konnte trotz des Einsatzes meines Sohnes nicht gerettet werden und verstarb.“

In seiner Antwort an MedWatch wechselt Dirk S. mehrfach das Thema: Man könnte doch auf den Internetseiten von durch ihn geschätzten Menschen verfolgen, „was sich in Lateinamerika tut: COVID-19 ist auch in schweren Fällen mit Clo2-Lösung easy heilbar, so wie ich es schon lange vermutet habe. Inzwischen ist Bolivien quasi COVID – frei.“

Tatsächlich ist Bolivien seit dem 24. Januar ein Hochrisikogebiet. Das Auswärtige Amt schreibt: „Bolivien ist von COVID-19 stark betroffen. Bolivien ist mit Wirkung vom 24. Januar 2021 als Gebiet mit besonders hohem Infektionsrisiko (Hochinzidenzgebiet) eingestuft.“

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