Globuli und Co. Homöopathie-Absatz schrumpft erneut

Büste von Homöopathie-Erfinder Samuel Hahnemann und Packungen von "Schüßler-Salzen" in einer Apotheke
„Schüßler-Salze“ werden teils zur Homöopathie gezählt – selbst wenn deren Erfinder Samuel Hahnemann ein anderes Konzept verfolgt hat. (Foto: hfd / MedWatch)

Bis vor einigen Jahren kauften Deutsche von Jahr zu Jahr immer mehr Globuli und andere homöopathische Mittel – doch der frühere Boom ist offenbar gestoppt: Wie in den Vorjahren wurden im ersten Halbjahr 2020 nach Informationen von MedWatch weniger Packungen homöopathischer Mittel verkauft als im Vorjahreszeitraum.

Gingen im ersten Halbjahr 2019 noch gut 28 Millionen Packungen über die Apothekentische, so sank die Zahl der von Januar bis Juli 2020 verkauften Homöopathika um rund 10 Prozent auf nun 25,5 Millionen, wie das auf den Pharmabereich spezialisierte Marktforschungsunternehmen IQVIA gegenüber MedWatch mitteilte. Mit 87,5 Prozent wurden leicht mehr Packungen von Patienten ohne Verschreibung in der Apotheke verkauft. Die Zahl der auf ärztliches Rezept abgegebenen homöopathischen Mittel sank noch deutlicher: Zu Lasten von privaten Versicherungen wurden 18,4 Prozent weniger Homöopathika abgegeben, zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen 25,8 Prozent weniger.

Diese Rückgänge spiegelten sich auch in Umsatzrückgängen. Während laut den IQVIA-Erhebungen der Listenwert der verkauften Homöopathika im ersten Halbjahr 2019 noch 414 Millionen Euro betrug, sank der Umsatz im gleichen Zeitraum 2020 auf 395 Millionen Euro. Das Marktforschungsunternehmen erhebt die Zahlen auf Basis einer Stichprobe von rund 4.000 der gut 19.000 Apotheken in Deutschland – der echte Umsatz ist aufgrund von Rabatten, die Apotheker ihren Kunden gewähren, geringer. Der aufsummierte Listenpreis aller homöopathischen Mittel, die auf Kassenrezept abgegeben wurden, sank von knapp 9 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2019 auf 7 Millionen Euro.

Hersteller und Homöopathen werben gerne mit „Beliebtheit“

Im Vergleich schrumpfte das Segment der Homöopathika deutlich stärker als der Markt anderer rezeptfreier Mittel: Die Zahl dieser Arzneimittel sank im ersten Halbjahr um gut 4 Prozent, also weniger als halb so stark wie der Homöopathie-Bereich. Auf Rezept wurden etwas mehr Arzneimittel abgegeben als im ersten Halbjahr 2019, die Zahl der rezeptpflichtigen Mittel stieg um 0,3 Prozent.

Globuli-Hersteller betonten frühere Absatz-Steigerungen wie auch die in Umfragen erhobene Beliebtheit der Therapierichtung oftmals, offenbar um die fehlenden Wirkungsnachweise wettzumachen: „Homöopathika immer beliebter“, hieß es etwa im Jahr 2014. „Insgesamt ist festzustellen, dass homöopathische Arzneimittel immer mehr an Bedeutung gewinnen“, erklärte damals eine Vertreterin des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller (BAH), der viele Pharmafirmen vertritt – so auch Homöopathie-Hersteller. „Der Absatz und Umsatz mit homöopathischen Arzneimitteln ist im ersten Halbjahr 2018 gestiegen“, behauptete der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVHÄ) vor zwei Jahren unter Verweis auf IQVIA-Zahlen. Doch waren diese damals gar nicht vergleichbar, da das Unternehmen 2018 mehr Arzneimittel in seiner Analyse eingeschlossen hat als im Vorjahr, wie MedWatch berichtete. Die Zahl verkaufter Mittel sei vielmehr gesunken, erklärte eine IQVIA-Sprecherin auf Nachfrage.

So hatten Hersteller auch in ihren Finanzberichten geklagt: Die Deutsche Homöopathie-Union berichtete im Geschäftsbericht 2017 über „deutliche Umsatzrückgänge“ bei homöopathischen Einzelmitteln – ähnlich war es auch 2018. „Auch im abgelaufenen Geschäftsjahr setzte sich die negative Berichterstattung zur Homöopathie fort, was sich sehr deutlich im Bereich der Einzelmittel bemerkbar macht und zu deutlichen Absatzrückgängen geführt hat“, hieß es. Die Firma kündigte eine Marketingkampagne an, die jedoch offenbar bislang keinen durchschlagenden Erfolg hatte.

Viele Ärztekammern distanzieren sich

Klar ist, dass die Zahl der verkauften Packungen von Jahr zu Jahr schwankt und Veränderungen mit einer gewissen Vorsicht interpretiert werden sollten – gerade in besonderen Zeiten wie angesichts der aktuellen Pandemie-Situation. Offensichtlich ist aber auch, dass die Menschen nicht in größeren Zahlen auf fragwürdige Empfehlungen gehört haben, Homöopathika zur Corona-Prophylaxe einzunehmen, wie es die frühere DZVHÄ-Vorsitzenden Cornelia Bajic verbreitet hatte: Hiernach sei das Mittel „Arsenicum album“ einzunehmen. Doch von derartigen Ratschlägen distanzierten sich sogar ihre Nachfolger beim Homöopathen-Zentralverein – wie auch die Ärztekammer Nordrhein diese schaltete ihre Rechtsabteilung ein.

Unter Ärzten hat die Homöopathie teils keinen leichten Stand: Mehrere Ärztekammern haben in den letzten Monaten deren Anerkennung als „Zusatzbezeichnung“ gestrichen. Die Zahl der berufstätigen Mediziner, die die hierfür nötigen Kurse durchlaufen haben, sank in den letzten Jahren deutlich auf im Jahr 2019 bundesweit nur 5.373 – in Deutschland sind insgesamt gut 400.000 Ärzte berufstätig.

Redaktionsteam

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5 Kommentare zu „Homöopathie-Absatz schrumpft erneut

  1. Das ist ja aus unserer skeptischen Sicht eine erfreuliche Entwicklung. Es scheinen mir allerdings unterschiedliche Daten im Umlauf zu sein, die mir auch in entsprechenden Diskussionen auch schon entgegengehalten wurden:

    Der BPI berichtet in seiner Statistik von 2019 über einen gewachsenen Umsatz für Homöopathika in 2018. Wenn man sich die Grafik (https://www.bpi.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Publikationen/Pharma-Daten/Pharma-Daten_2019_DE.pdf, S. 90) ansieht, ist in der Tat kein Rückgang erkennbar. Auch der BPI bezieht sich auf Daten von IQVIA.

    Der BAH Berichtet im Arzneimittelmarkt 2016 (https://www.bah-bonn.de/bah/?type=565&file=redakteur_filesystem%2Fpublic%2FBAH_Zahlenbroschuere_2016_web.pdf, S. 34) von einem Umsatz von 621 Mio € bei einem Absatz von 54 Mio Packungen, in 2019 von einem Umsatz von 677 Mio € bei einem Absatz von 53 Mio Packungen. (https://www.bah-bonn.de/de/publikationen/zahlen-fakten/, S. 36)

    Wie ist diese Diskrepanz der Daten zu erklären?

    1. IQVIA hat im Jahr im Laufe des Jahrs 2018 seine Datenbasis für Homöopathika erweitert – es wurden mehr Mittel als homöopathisch eingestuft (der Markt ist ja sehr unübersichtlich und heterogen). Weil mehr Mittel eingerechnet wurden, sind die Zahlen für 2018 teils höher als für 2017, obwohl die Mittel im Schnitt seltener verkauft wurden, wie IQVIA mir gesagt hat – die Zahlen sanken also. Die Herstellerverbände transportieren diese Botschaft offenbar ungern; ich hatte dies auch unter https://medwatch.de/2019/02/27/absatz-sinkt-weiter-wie-lobbyisten-fuer-die-homoeopathie-kaempfen/ etwas aufgedröselt.

      Eigentlich lassen sich die Zahlen für 2018 nicht mit den Vorjahren vergleichen – und offenbar auch nicht mit 2019. Aber auch nach den IQVIA-Zahlen, die der BAH zitiert, sank die Zahl der verkauften Packungen von 2018 auf 2019 ja trotz der Datenerweiterung in 2018 leicht.

      Leider ist es dann nochmal etwas komplizierter, da IQVIA insbesondere für den Umsatz zwei verschiedene Berechnungsgrundlagen hat – es gibt einerseits eine Auswertung “IMS PharmaScope”, bei der der Umsatz anhand des Listenpreises berechnet wird – die Zahlen haben sie uns zur Verfügung gestellt. Die Herstellerverbände zitieren teils den “IMS OTC® Report” von IQVIA, bei dem die tatsächlich erzielten Einnahmen herangezogen werden – also Rabatte berücksichtigt werden, die Apotheken ihren Kunden einräumen.

    1. Ja, IMSHealth ist ein anderes Marktforschungsunternehmen, das wie IQVIA Verkaufsdaten erhebt – aber offenbar im Bereich Homöopathie den Markt nicht so umfassend erfasst.

  2. Die Apotheken haben mit den Zuckerkügelchen eine höheren Gewinn als mit vielen Medikamenten. Ich habe meine Apotheke mal auf die Probe gestellt. Auf meine Frage, warum sie mir nicht gesagt hat, dass keinerlei Wirkstoff in den Kügelchen vorhanden ist, antwortete sie: ” Nach unserer Erfahrung sind die Kunden, die Globuli wünschen nicht interessiert an kritischer Aufklärung.” (da hilft nur Apothekenwechsel)

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