Die Absatzzahlen sinken, die Marketing-Ausgaben steigen: Um angesichts wissenschaftlich-kritischer Stimmen die Verkaufszahlen homöopathischer Mittel zu erhöhen, greifen Homöopathie-Hersteller und Pharmaverbände nach Recherchen von MedWatch zu zweifelhaften Methoden.

Nachdem der Umsatz mit homöopathischen Mitteln jahrelang stieg, sind inzwischen schwierigere Zeiten angebrochen. „Der Absatz und Umsatz mit homöopathischen Arzneimitteln ist im ersten Halbjahr 2018 gestiegen“, berichtete der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVHÄ) im vergangenen Oktober unter Berufung auf Zahlen des Marktforschungsinstituts IQVIA, welches in regelmäßigen Abständen umfangreiche Erhebungen über den Pharmamarkt in Deutschland vornimmt. Doch wie MedWatch vorliegende Zahlen für das vergangene Jahr zeigen, handelt es sich wohl eher um einen Trugschluss.

Die vom Zentralverein herangezogenen Zahlen für 2017 und 2018 sind laut IQVIA gar nicht vergleichbar: Das Institut hat 2018 die Datenbasis „homöopathischer“ Mittel im Vergleich zu 2017 erweitert. Der Vorjahresvergleich ergebe daher nicht die tatsächliche Marktveränderung, erklärt eine Sprecherin gegenüber MedWatch. Nach IQVIA-Schätzungen fiel im Gegenteil die Zahl verkaufter Mittel im „niedrig einstelligen Bereich“, sagt sie. Offenbar aufgrund gestiegener Listenpreise oder aufgrund vermehrter Verkäufe höherpreisiger Präparate machten die Hersteller jedoch etwas mehr Umsatz: Dieser stieg im niedrig einstelligen Bereich auf – nach neuer Schätzung und ohne Berücksichtigung möglicher Rabatte – nun rund 780 Millionen Euro an.

Schon im Jahr 2017 hatten die Deutschen seltener zu Homöopathika gegriffen, der Absatz fiel laut IQVIA-Schätzungen im Vergleich zum Jahr 2016 um rund 4 Prozent. Besonders stark war der Rückgang bei ärztlich verschriebenen Präparaten: Zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherungen hatten Ärzte rund 14 Prozent seltener zum Rezeptblock gegriffen.

Homöopathie: „Deutliche Umsatzrückgänge“ bei Einzelmitteln

Wie sieht es etwa beim größten deutschen Homöopathie-Hersteller aus, der zum Schwabe-Konzern gehörenden Deutschen Homöopathie Union (DHU)? Bislang veröffentlichte sie ihren jährlichen Umsatz auf der Homepage, für 2016 habe sich dieser auf 100 Millionen Euro beziffert. In Zukunft will die DHU auf derartige Angaben verzichten: „Leider“ werden Umsätze von Tochterunternehmen von Schwabe zukünftig nicht mehr veröffentlicht, schreibt ein Pressesprecher auf Nachfrage von MedWatch. Jedoch bewege sich der DHU-Umsatz weiterhin um 100 Millionen Euro, versichert er.

Der Geschäftsbericht für 2017 liest sich ernüchternd. „Auch im abgelaufenen Geschäftsjahr setzte sich die negative Berichterstattung zur Homöopathie fort, was sich sehr deutlich im Bereich der Einzelmittel bemerkbar macht und zu deutlichen Absatzrückgängen geführt hat“, schreibt Schwabe. Schon im Geschäftsbericht für 2016 hieß es, angesichts der „deutlichen Absatzrückgänge“ bei den Einzelmittel bestünde „dringender Bedarf, öffentlichkeitswirksam gegenzusteuern“ – außerdem gründete die Firma zu homöopathischen Einzelmitteln ein „Strategieteam“. Im aktuellen Bericht heißt es, Schwabe habe im Mai 2017 eine „Aufklärungskampagne zu diesem Therapiefeld gestartet“. Diese heißt „Homöopathie. Natürlich. Meine Entscheidung!“

Auf der Kampagnenseite erklärt DHU-Geschäftsführer Peter Braun, dass seine Firma seit längerem spontane Anfragen bekäme, „für die Homöopathie Flagge zu zeigen“ – daher habe sie sich entschlossen, diese Initiative zu starten. Von Absatzschwund ist verständlicherweise nicht die Rede.

Auch beim Hersteller Wala sieht es ähnlich aus: Zwar stieg der Umsatz mit einigen rezeptfreien Präparaten. Aber: Der Umsatz im Bereich der hauptsächlich von Ärzten eingesetzten Arzneimittel sei „deutlich rückläufig“, heißt es im Geschäftsbericht für 2017, „was mit der sinkenden Anzahl der anthroposophischen Ärzte und der allgemeinen Homöopathie-Kritik zusammenhängt“.

Kritiker werden diffamiert

Vor einigen Jahren machten Homöopathie-Firmen wie die DHU sowie der Zentralverein Schlagzeilen: Sie sponsorten etwa einen Autoren, der herabwürdigende Artikel über Journalisten veröffentlichte, die wissenschaftlich fundiert über die Homöopathie schrieben. Auf Nachfrage der Süddeutschen Zeitung (SZ) stritten die DHU und andere Firmen eine Diffamierung durch den Autor ab: Obwohl dieser etwa schrieb, ein bestimmter Journalist glänze mit „Halbwissen“, erklärten sie, sie wollten einen „konstruktiven Dialog“ unterstützen.

Auch in den vergangenen Monaten schrieb erneut ein „PR-Berater“ diffamierende Kommentare und Social-Media-Beiträge über Menschen, die die Homöopathie kritisieren. Die DHU distanziert sich auf Rückfrage von ihm.

Angeblicher Patientenverein lobbyiert in Österreich

Auch in Österreich wird mit harten Bandagen gekämpft: Nach einer Recherche der Zeitung „Der Standard“ hat eine PR-Firma laut früheren Mitarbeitern in Online-Foren gefälschte Postings zur Homöopathie veröffentlicht. Wie in Deutschland ist die Homöopathie in Österreich in Bedrängnis: Kürzlich hat die Med-Uni Wien sie nach Protesten von Studierenden als Wahlpflichtfach abgeschafft. Außerdem hat die Wiener Patientenbeauftragte Sigrid Pilz – in Österreich „Patientenanwältin“ genannt – sich deutlich kritisch geäußert: „Die Ärzte, die homöopathische Therapien anbieten, müssen ihre Patienten darauf aufmerksam machen, dass es keine wissenschaftliche Evidenz für Homöopathie gibt und damit auch keine Wirksamkeit erwiesen ist“, sagte Pilz gegenüber dem „Standard“, und brachte ein Verkaufsverbot für unwirksame Präparate ins Gespräch.

Die Reaktionen waren deutlich. „Wessen Interessen vertreten Sie eigentlich, Frau Dr. phil. Pilz?“, ist eine Pressemitteilung der sich selbst „Patientenverein“ nennenden Organisation „Homöopathie hilft!“ überschrieben. Dabei muss sich der Verein diese Frage selbst gefallen lassen: Im Impressum des Vereins dient die Chefin eines PR-Büros als Ansprechpartnerin, die auch für den zum deutschen Schwabe-Konzern gehörenden Homöopathie-Hersteller „Dr. Peithner“ tätig ist. Werbebanner werben auf der Homepage des angeblichen „Patientenvereins“ für die Firma. Und auf Facebook wirbt der Verein beispielsweise mit der Aussage, Homöopathie helfe bei Prüfungsstress – und verlinkt zu einer Homöopathika-Datenbank auf seiner Homepage, auf der ein Mittel des Pharmaherstellers auftaucht.

Als Sponsor ist laut Vereins-Homepage die Österreichische Apothekerkammer mit im Boot. Auf Nachfrage von MedWatch erklärte eine Sprecherin der Kammer: „Bezüglich dem Verein-Sponsoring melden wir uns morgen.“ Eine Rückmeldung erfolgte jedoch auch auf Nachfrage nicht.

Große Pharmaverbände streiten für die Homöopathie

In Österreich wie in Deutschland setzen sich führende Pharma-Lobbyverbände für die Homöopathie ein. In Wien ist es der österreichische Pharmaverband Pharmig, in dem neben Bayer, Boehringer Ingelheim oder Pfizer auch Homöopathie-Firmen wie Dr. Peithner vertreten sind. Nachdem die Patientenbeauftragten Pilz ihre Forderungen aufgestellt hatte, verschickte der Verband eine Pressemitteilung mit der Überschrift „Aufklärung und Information wichtig“. MedWatch fragt nach: Gehört hierzu auch, dass Ärzte und Apotheker darauf hinzuweisen sollten, dass Homöopathika lediglich eine Placebowirkung haben? „Die Wirkung von Homöopathie ist nach wie vor Gegenstand von Fachdiskussionen“, erklärt ein Sprecher auf Nachfrage. Er verwies wiederum an die DHU-Tochter Dr. Peithner, bei der Experten arbeiten würden, „die alle Ihre Fragen gut und fundiert beantworten können“. Außerdem verwies er auf eine von Homöopathen betriebene Webseite. „Meist wird die homöopathische Medizin bei akuten und chronischen Krankheiten als alleinige Therapiemethode angewendet“, ist dort zu lesen.

Ähnlich gehen auch zwei große deutsche Pharmaverbände vor: Der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) und der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie (BPI) werben regelmäßig für die Homöopathie. Der BAH erklärt etwa, die homöopathische „Potenzierung“ sei als „Kraftentfaltung“ zu verstehen, die die Homöopathie von allen anderen Heilmethoden unterscheide. Der Verband betreibt ein eigenes Internet-Portal zur vermeintlich „natürlichen“ Homöopathie, auf dem er Artikel über viele homöopathische Mittel veröffentlicht. So etwa zum Safran, der sehr kostbar sei: „Dieser hohe Preis ist auch interessant für Betrüger“, heißt es auf der Seite. In der klassischen Homöopathie werde potenzierter Safran zum Stillen von Blutungen und zur Linderung von Gemütsstörungen eingesetzt, schreibt der Pharmaverband. Wenn Patienten diesen Informationen bei schweren Verletzungen vertrauen, könnte dies mit gravierenden Folgen für sie einhergehen.

In vielen Ländern ist die Homöopathie unter Druck, wie etwa auch in Spanien: Dort will die Regierung Patienten darüber aufklären, dass es sich lediglich um eine Pseudomedizin handelt, und sie von universitären Lehrplänen streichen. Doch auch hierzulande dürften die Lobbyaktivitäten noch intensiver werden, wenn die Absatzzahlen weiter fallen sollten. Für die Hersteller ergeben sich jedoch weitere Möglichkeiten: „Von herausragender Bedeutung für unser Exportgeschäft ist insbesondere der chinesische Markt“, heißt es etwa im Jahresbericht von Schwabe.

Update vom 28. Februar 2019: Nachträglich wurde ergänzt, dass die Umsatzsteigerungen auch durch vermehrte Verkäufe teurerer Packungen erklärt werden kann, und präzisiert, dass der Vorjahresvergleich von IQVIA aufgrund der Erweiterung der Datenbasis nicht sinnvoll ist. Außerdem haben wir noch den Hinweis auf den Wala-Jahresbericht ergänzt.

Titelfoto: Hinnerk Feldwisch-Drentrup


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