Falschnachrichten zu Covid-19 „Die Misstrauenskommunikation funktioniert“

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Wir bekämpfen nicht nur eine Epidemie – wir bekämpfen auch eine Infodemie“, erklärte der Generalsekretär der Weltgesundheitsorganisation Dr. Tedros auf der Münchener Sicherheitskonferenz: Falschnachrichten seien ähnlich gefährlich wie das Virus. Behörden wie das Robert-Koch-Institut beobachten die Lage zwar teils, wie ihr Präsident Robert Wieler kürzlich erklärte. „Tatsächlich besitzen wir nicht genügend Ressourcen, um diesen Falschinformationen auch jedes Mal etwas entgegenzusetzen“, räumte er ein.

Wie verbreiten sich diese in den sozialen Medien? Ein Team der Uni Münster hat dies auf Facebook untersucht. Wir sprachen mit dem Kommunikationswissenschaftler Thorsten Quandt, Sprecher des Zentrums zur Erforschung digitalisierter Öffentlichkeiten in Münster, sowie seiner Mitarbeiterin Svenja Boberg hierüber.


Medwatch: Wie kamen Sie dazu, Falschinformationen zu Covid-19 zu untersuchen?

Thorsten Quandt: Wir arbeiten schon länger in einem Projekt, das sich mit Populismus und Propaganda auseinandersetzt. Beispielsweise haben wir uns mit Bots und Wahlen auseinandergesetzt – also letztlich systematischen Versuchen, die Öffentlichkeit zu beeinflussen, die letztlich Desinformationen sind. Aus dem Zusammenhang war es relativ logisch, sich mit Falschnachrichten in Zeiten von Corona auseinanderzusetzen. Der zweite Punkt war, dass wir alle auch auf solche Meldungen gestoßen sind. Die Ibuprofen-Nachricht habe ich auch bekommen – über Bekannte aus dem universitären Umfeld. Man würde sagen, dass sie eigentlich erkennen müssten, dass das gefälscht ist. Uns hat dann natürlich interessiert: Was ist da eigentlich los?

Svenja Boberg: Mir ist schon im Januar eine Meldung zu dieser Drucksache aus dem Bundestag 2012 in die Timeline gespült worden, wo die Regierung eine Simulationsstudie für einen pandemischen Verlauf von einer Krankheit untersucht hat – mit dem Hinweis, dass die Regierung das ja schon lange gewusst hat. Dann kam eigentlich schon die Idee auf, Daten zu sammeln und da reinzuschauen. Es ist ja noch eine ziemlich unsichere Informationslage und daher natürlich für einige umso spannender, Verwirrung zu stiften und falsche Informationen in Umlauf zu bringen.

Svenja Boberg untersucht zusammen mit Thorsten Quandt Falschnachrichten zur Coronakrise. (Foto: Susanne Lüdeling)

Medwatch: Im betrachteten Zeitraum von Januar bis März haben Sie keine bemerkenswerte Menge an Falschnachrichten festgestellt. Hat Sie das überrascht?

Quandt: Man sollte sich nicht an dieser relativ geringen Prozentzahl aufhängen. Wir haben geguckt, was die Fact-Checker geprüft haben, und haben das abgeglichen mit dem, was wir in den untersuchten Medien gefunden haben. Das ganze dunkle Gemunkel fällt da nicht rein, wo angedeutet wird, das alles in Zweifel zu ziehen ist und wahrscheinlich nicht stimmt, was Wissenschaftler oder die Politik gesagt haben. Davon wird es mehr geben.

Wir haben gesehen, dass offene Lügen nicht sehr häufig auftauchen. Auch in anderen Zusammenhängen wird im propagandistischen Bereich nicht mit Lügen operiert: Wenn etwas falsifizierbar ist, ist es leicht als Fabrikation zu identifizieren. Die Leute finden dann sehr schnell heraus, dass es Unsinn ist. Viel besser funktionieren indirekte Versuche über die Zerstörung von Vertrauen – oder indem Institutionen und das Gesellschaftssystem als solches in Zweifel gezogen werden.

MedWatch: Wie sieht dies aus?

Quandt: Wenn diese relativ wenigen Nachrichten einen Resonanzraum auf YouTube finden, werden sie zum Teil millionenfach angeguckt. Da geht es gar nicht darum, dass die Ursprungsmenge hoch ist, sondern es ist vielleicht die eine Botschaft, die verfängt und irgendwann ein virales Eigenleben bekommt.

Die viel stärkere Wirkung ist eine sekundäre. Weil die Quelle gar nicht mehr so wichtig ist: Die Leute hören es über verschiedene Kanäle, es wird eine eigene Wahrheit daraus. Das haben wir übrigens auch bei den Wahlen nie so gesehen: Da ist es nicht so, dass zum Beispiel interessierte Drittstaaten wie Russland massenhafte Kampagnen gegen Angela Merkel fuhren, sondern ihre indirekte Botschaft war: „Naja, das demokratische System funktioniert eben auch nicht mehr so richtig oder es ist nicht mehr so gut, wie es früher war.“

Man könnte zwar einen Reporter nach Moskau schicken, der in die Supermärkte geht und Klorollen vergleicht. Aber das macht natürlich keiner – es geht glaube ich eher darum, eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen.

Boberg: Wir haben uns ja gezielt Alternativmedien angeschaut und nicht allgemein, was an Verschwörungstheorien oder „Fake News“ herumgeistert. Alternativmedien versuchen auch im äußeren Erscheinungsbild klassische Medien zu spiegeln.

Quandt: RT Deutsch etwa schreibt ja nicht irgendwelche Lügengeschichten, sondern etwas wie: „Im Westen werden jetzt die Supermärkte leer gekauft und bei euch ist großes Chaos, bei uns ist es total entspannt. Wir sitzen alle auf der Dachterrasse und die Supermärkte in Moskau sind noch prall gefüllt.“ Was da natürlich auch nicht mehr so hundert Prozent korrekt war, aber es ist auch fast eine Meinung. Da kann man jetzt nicht wirklich verifizieren oder falsifizieren. Man könnte zwar einen Reporter nach Moskau schicken, der in die Supermärkte geht und Klorollen vergleicht. Aber das macht natürlich keiner – es geht glaube ich eher darum, eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen.

MedWatch: Welche Medien haben Sie denn betrachtet?

Quandt: Insgesamt waren es 32, die die breite Menge der Alternativmedien am besten repräsentieren. Zum Beispiel RT Deutsch oder Sputnik, die wirklich von Fremdstaaten gesteuert sind. Im medizinischen Bereich sind Impfverschwörungen sehr beliebt. Wir haben nicht spezialisiert medizinorientierte Medien angeguckt, aber wir sehen schon, dass im Bereich rechtsnationaler Medien sich diese inzwischen mit den Verschwörungstheoretikern zusammentun. Da gibt es wirklich unheilige Allianzen, da steht offenbar politisches Kalkül dahinter. Wir nennen das Crossover-Extremismus: Wenn etwa Leute, die aus einer Wellness-Richtung kommen, sich mit rechten Spinnern zusammentun. Quandt: Das sind teilweise Gruppierungen, die einen sehr starken Wunsch nach Ordnung und Autorität haben. Das erklärt, warum Verschwörungstheorien und so ein rechtskonservatives Weltbild manchmal gut zusammenpassen. 

MedWatch: Wie haben Sie denn den Begriff „Falschnachricht“ abgegrenzt?

Quandt: Eine Falschnachricht war etwas, wo wir ganz klar einen falschen Nachrichtenkern haben. Thesen wie „Corona ist nicht schlimmer als die Grippe“ sind schwerer zu falsifizieren. RT Deutsch hatte beispielsweise eine Nachricht, dass das neuartige Coronavirus sich wahrscheinlich durch einen Unfall in einem Biowaffenlabor verbreitet hat. Dann gibt es Nachrichten, in denen behauptet wird, das neuartige Coronavirus sei Teil eines Plans, um Impfstoffe unter das Volk zu kriegen. Aber die wilderen Verschwörungstheorie verschwinden meist. Die, die sehr plausibel klingen, verbreiten sich eher.

Thorsten Quandt ist Sprecher des Zentrums zur Erforschung digitalisierter Öffentlichkeiten an der Uni Münster.

Eine Verschwörungstheorie kann ja durchaus auch richtig sein. Man kann sie aktuell letztlich weder verifizieren noch falsifizieren. Der Punkt ist nur, dass ein normales Medium diese Behauptungen eigentlich nie bringen würde, weil man es nicht nachrecherchieren kann.

Bei Meldungen von und mit Wolfgang Wodarg gab es wahnsinniges Feedback. Eigentlich würde man fragen, wen es interessiert, wenn ein über 70-jähriger, der jetzt nicht irgendwie aktiv in der Forschung ist, irgendwas erzählt? 

MedWatch: Haben Sie auch untersucht, wie oder warum alternativen Medien dies alles tun? Geht es um Clickbaiting oder gibt es auch andere Gründe?

Quandt: Clickbaiting haben wir gesehen. Derartige Meldungen kamen allerdings etwas später in größerem Maße rein, als Corona ein feststehender Ausdruck war und es Aufmerksamkeit erzeugte.

Boberg: Warum sie das machen kann man sehr gut aus den Daten ablesen: Es geht darum, Meldungen zu verbreiten, die konträr zu dem sind, was gerade in der Politik oder in den sonstigen Medien los ist. Aussagen wie „Die bereiten sich nicht genug vor, das wird alles eine riesige Katastrophe, aber die Politik macht nichts“. In dem Moment, wo die Politik was macht, kommen dann eher Themen zum Vorschein wie „Man muss an die Wirtschaft denken“, „Die Maßnahmen sind zu streng“ oder “Die wollen uns in unseren Bürgerrechten beschneiden“.

Quandt: Die Motivation ist natürlich eine gewisse Spekulation auf Basis dessen, was wir da sehen und lesen – sicher kann man es natürlich nicht wissen. RT Deutsch oder Sputnik haben einen politischen Auftrag. Bei offen rechtsnationalen Gruppierungen geht es am Ende des Tages darum, Misstrauen in das System zu säen. Und zwar in die Demokratie als solche, nicht nur eine bestimmte Regierung. Und es gibt absolute Wirrköpfe.

MedWatch: Kann man generell sagen, welche Auswirkungen solche Falschnachrichten aus alternativen Medien haben – für die Gesundheit wie auch für die Demokratie?

Quandt: Bei absoluten Falschnachrichten ist das Gute, das die Leute das relativ gut identifizieren können: Sie gucken sich das an, wie solide und gut gemacht es aussieht und ob es ein paar Quellen gibt, die sie kennen. Dann wird es eher nicht geglaubt. Wenn sie es als Falschnachricht identifizieren, ist die Wirkung relativ gering oder sie sagen sogar sofort, dass es Quatsch ist. Wenn sie es schwerer identifizierbar machen und an den Alltag der Leute anknüpfen, dann steigt natürlich die Glaubwürdigkeit und die Gefahr, dass die Menschen auf dieser Basis handeln. Es gibt anekdotische Befunde, dass Leute solchen Empfehlungen dann folgen. Und die Misstrauenskommunikation funktioniert: Die Leute fangen dann an zu zweifeln oder handeln falsch. Das sind zwei Wirkungen, die man auf jeden Fall auch aus der Literatur ableiten kann.

Boberg: Bei unserem Datensatz haben wir ja eine Inhaltsanalyse und keine Wirkungsstudie gemacht. Aber was man auf jeden Fall in den Daten sieht, ist, dass natürlich auch an Feindbildern gearbeitet wird – an der Pharma-Industrie als Impfstoffhersteller etwa. Dieser ganze Kosmos ist da präsent.

MedWatch: Es ist ja schon so, dass die Firmen verdienen wollen.

Quandt: Das Grundproblem ist: Die Narration, also die Erzählung von den Geschehnissen, ist eine andere. Tatsächlich wird erzählt, dass es ein System gibt, das aus irgendwelchen Industriellen, irgendwelchen „großen Personen“ besteht, die Menschen wie Marionettenspieler an den Fäden tanzen lassen. Und es gibt immer quasi ein weiteres Interesse dahinter. Das heißt: Auch das Gewinninteresse von Pharma-Unternehmen wird eigentlich immer als Indikator für deren Boshaftigkeit gesehen. Genauso bei der Regierung, die praktisch immer als ein sinistrer Verschwörer dasteht oder immer als entweder unfähig oder als wirklich boshaft interessengeleitet. Daraus entsteht dann ein Weltbild: Die gegen uns – oder der Marionettenspieler, der uns dazu bringen will, falsche Dinge zu tun, und wir sagen euch dann, wie es richtig ist. Und dieses „Wir sagen euch, wie es richtig ist“: Das sind oftmals wirklich gefährliche Empfehlungen, wie jetzt bei Corona. Das sieht man, wenn Leute dann einfach alles nicht mehr glauben, was in der Öffentlichkeit gesagt wird. Dann ist alles falsch, was Jens Spahn sagt oder was Herr Drosten sagt – der ist dann eben auch ein Repräsentant des Systems, und deswegen müsse er lügen. Und dann kann man ihm nichts glauben. Und jeder, der Drosten widerspricht, wird automatisch zu jemand, der die Wahrheit sagt.

Man glaubt lieber einem 73-jährigen Polit-Rentner, der auch das Label „Arzt“ hat: Seine Aussage stimmen, weil er eben nicht Teil dieses Systems ist, auch wenn es natürlich Unsinn ist.

Vorher mussten sie vielleicht arbeiten, jetzt sitzen sie zu Hause, sind vielleicht auf Kurzarbeit und sind den ganzen Tag im Netz und haben nichts anderes zu tun, als sich mit Corona auseinanderzusetzen.

MedWatch: Haben Sie einen Unterschied festgemacht zwischen Falschmeldungen in normalen Zeiten und jetzt in der Pandemiezeit, die für viele nochmal eine extreme Situation ist?

Quandt: Ich glaube, die Aufmerksamkeit ist höher. Ich habe schon eine ganze Reihe unangenehmer Rückmeldungen bekommen, die ich sonst auch ab und an bekomme, aber jetzt war es gehäuft. Die Leute sind jetzt sehr viel zuhause und haben viel ungenutzte Zeit, sitzen am Computer, versuchen auch diese Unsicherheit des eigenen Lebens in den Griff zu kriegen. Und das führt zu so einer Art Beschleunigung der Phänomene. Auch bei Verschwörungstheoretiker-Gruppen: Vorher mussten sie vielleicht arbeiten, jetzt sitzen sie zu Hause, sind vielleicht auf Kurzarbeit und sind den ganzen Tag im Netz und haben nichts anderes zu tun, als sich mit Corona auseinanderzusetzen. Dazu kommt, dass das Interesse in der Gesellschaft höher ist. Wir sind alle davon betroffen. Es gibt Zeitkontingente, die jetzt frei sind, um weiter zu spekulieren und solche Verschwörungstheorien in Umlauf zu bringen. Dass das zu einer Art Verdichtung führt, ist plausibel.

MedWatch: Sie haben darauf hingewiesen: Es gibt viele Faktenchecker-Teams, die auch aktiv sind. Reicht das, was gemacht wird?

Quandt: Ein klares Jein vom Wissenschaftler. Ich glaube, Transparenz herzustellen und hervorragenden Journalismus zu machen und unabhängige Prüfinstanzen zu haben – da kann man nicht genug davon haben in einer Demokratie. Die lebt ja davon, dass sie Informationen hat, die geprüft werden, die diskutiert werden. Insofern finde ich das toll, dass es die gibt und dass es so Leute gibt, die dann nochmal Sachen nachprüfen, mit verschiedenen Gruppen reden und versuchen herauszufinden, was da stimmt oder nicht stimmt. Gleichzeitig muss man sagen: Sie könnten den Output von Fact-Checkern verhundertfachen, doch bestimmte Gruppierungen werden Sie damit nicht mehr erreichen. Sobald die Leute sich von einer Debatte abgekoppelt haben und in dieses Glaubenssystem reinkommen. Wenn der Glaubensgrundsatz ist, dass die Gegenseite versucht, zu betrügen, zu lügen – es gibt eine große Verschwörung und jede Verlautbarung ist Teil dieser Verschwörung – dann sind diese Menschen nicht mehr erreichbar. Im Gegenteil. Sie sagen dann höchstens noch: „Guck doch mal an, was die für einen Aufwand betreiben, um uns zu überzeugen“. Behauptet wird, dass dies doch ein weiterer Beweis dafür ist, dass es in Wahrheit eine ganz schlimme Situation geben muss. Sonst würde die Gegenseite ja gar nicht so ein Popanz betreiben und ständig sagen „Wir prüfen das“. Es ist diesen Menschen also selbst ein weiterer Beweis dafür, dass es eine Verschwörung geben muss. Die erreichen Sie nicht mehr.

MedWatch: Was bleibt dann noch?

Quandt: Wichtiger als die Verschwörungstheoretiker ist tatsächlich die Gruppe der nicht religiös Überzeugten –  also die „normalen Menschen“. Sie sagen: „Ich brauche Informationen, ich suche Informationen. Ich finde die nicht. Ich finde auch das Angebot der Medien jetzt nicht überzeugend genug. Gibt es eine unabhängige Instanz, die mir Antworten geben kann, die jetzt nicht Teil von A oder B ist?“ Sie muss man erreichen, und da kann mehr Prüfung nie schaden. Ich finde auch ganz ehrlich, dass wir da mehr Unterstützung bräuchten in der Gesellschaft. Das Grundproblem ist natürlich, dass der Journalismus das aufgrund seiner Finanzierungsgrundlage in Teilen nicht mehr leisten kann.

MedWatch: Welche Aufgabe sehen Sie da auf Seiten der Behörden? Das RKI sagt, dass sie es nicht schaffen, sich der Falschnachrichten anzunehmen. Was sollten Behörden und staatlichen Institutionen machen?

Quandt: Das ist eine schwierige Frage. Ich weiß nicht, ob ich es gut fände, wenn das RKI anfangen würde, so eine Art Quasi-Journalismus zu betreiben. Die EU hat das gemacht, als sie selbst als Akteur aufgetreten in so einer Art Propagandakrieg ist. Ich weiß nicht, ob man sich da nicht selbst zu einem Teilnehmer in einem Scharmützel macht, was vielleicht gar nicht geführt werden sollte. Wichtiger wäre, glaube ich, dass wir dritte Instanzen haben, unabhängige Instanzen. Mir wäre es lieber, das wäre ein unabhängiger Journalismus im Bereich Gesundheit, der das betreibt. Ich würde mir wünschen, es würde Geld in Stiftungen oder ähnliches gesteckt. sodass das Geld nicht in den Händen des Staates ist. Sonst erforscht der Staat sich an der Stelle auch selbst – und das ist dann nicht glaubwürdig.

MedWatch: Aber könnten die Behörden und staatliche Einrichtungen vielleicht in positiver Richtung mehr machen – also mehr verlässliche Nachrichten online stellen oder besser informieren, sodass Verschwörungstheorien vielleicht weniger geglaubt wird?

Quandt: Die WHO macht das ja, sie legt zum Beispiel Mythen offen. Das finde ich auch gut. Das sehen sich wiederrum Journalistinnen und Journalisten an und dann geht es in die Öffentlichkeit. Das funktioniert über Bande. Ich glaube nicht, dass große Teile der Bevölkerung auf die Seiten der WHO gehen und sich das Debunking ansehen, weil das gar nicht deren übliche Informationsnutzung ist. Ich glaube, dass ein Podcast etwa von Herrn Drosten am Ende des Tages fast mehr bringt, weil sich den wahrscheinlich mehr Leute anhören und dann sagen: Das ist ein glaubwürdiger, unabhängiger Wissenschaftler und nicht Herr Spahn. Den YouTube-Kanal von Spahn bzw. dem Bundesministerium für Gesundheit gucken sich natürlich auch Leute an, aber Spahn wird als politische Figur wahrgenommen und nicht als unabhängige Instanz. Und das ist, glaube ich, an der Stelle sehr wichtig.

Boberg: Ich finde es ganz schwer, zu sagen, wer besser kommunizieren muss, weil wir uns das nicht wissenschaftlich angeguckt haben. Das ist eben auch eine persönliche Einschätzung. Aber es ist natürlich immer hilfreich, wenn etwa Diskussionen um die Herkunft der Daten des RKI oder der Johns-Hopkins-Universität gar nicht erst aufkommen, sondern das klar und transparent kommuniziert ist. Im persönlichen Umfeld hatten wir auch einige Corona-Fälle, und da war eben schon auf Basis des örtlichen Gesundheitsamts eine Art von Informationsvakuum. Dazu haben wir aber nicht geforscht und können nicht sagen, inwiefern da auch Misstrauen gestiftet wurde. Aber klar: Desto weniger Unwissenheit da ist, desto besser.

Quandt: Diese Differenzierung ist wichtig: Man muss unterscheiden zwischen Personen, die als politische Akteure in einer öffentlichen Debatte wahrgenommen werden wie der Gesundheitsminister Spahn, oder dem Gesundheitsamt: Behördliche Information im Nahbereich ist etwas anderes. Da kann man natürlich viel verbessern, weil sie natürlich auch nicht immer unter diesem politischen Vorbehalt gesehen werden. Aber sobald es um so jemanden wie Spahn geht, bewegen sie sich im politischen Raum. Dasselbe ist ja uns passiert mit der Studie: Sobald der „Spiegel“ oder irgendjemand anderes darüber berichtet, werden wir sofort plötzlich auch zu einer Art politischen Akteur, obwohl wir gar kein Eigeninteresse in dem Sinne haben. Mich interessiert Journalismus und öffentliche Kommunikation als Forschungsfeld. Wir gucken uns auch noch den Journalismus an, das ist der andere Teil des Datensatzes – was dort in der Zeit passiert ist.



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3 Kommentare zu „„Die Misstrauenskommunikation funktioniert“

  1. Wieder mal gut gemacht. Interessant, dass die Realität bestimmte Gruppen nicht mehr erreichen kann. Da spart man sich doch die Impfgegner künftig.

  2. Herr Quandt stellt hier Behauptungen auf, ohne sie begründet zu haben.

    “Das heißt: Auch das Gewinninteresse von Pharma-Unternehmen wird eigentlich immer als Indikator für deren Boshaftigkeit gesehen.”

    Naja, wenn eine Firma Pfizer 10 Milliarden Dollar damit verdient, dass ein medizinisher Grenzwert gesenkt wurde, dessen Senkung von vielen Medizinern bezweifelt wird, dann kann man das ja wohl tun. Hierzu empfehle ich diese SWR-Produktion: https://www.youtube.com/watch?v=PC1Dw1lfLtI

    Oder “Da gibt es wirklich unheilige Allianzen, da steht offenbar politisches Kalkül dahinter. Wir nennen das Crossover-Extremismus”

    Links, rechts, geradeaus, halbrechts, halblinks, das ist Gesäßgeographie. Die ersten Linken waren diejenigen nach der Franz. Revolution, die das Neue wollten. Crossover ist politikwissenschaftlich nicht zu halten. Ich habe Politikwissenschaften und Politische Soziologie studiert und kann das ein wenig beurteilen. Zudem darin Kalkül feststellen zu wollen, ist für mich schon arg verschwörungstheoretisch. Ich denke, dass die Leute unsicher sind, weil sie mit den ganzen Informationen und den daraus geschlossenen Maßnahmen überfordert sind.

    Oder: “Das Grundproblem ist natürlich, dass der Journalismus das aufgrund seiner Finanzierungsgrundlage in Teilen nicht mehr leisten kann.”

    Auch hier Einspruch. Medien können die Krise meistern, wenn sachlicher aufgelistet wird. Mit analogo.de versuche ich, datenjournalistisch möglichst viel Wissen aufzulisten, ohne etwas unter den Teppich zu kehren. Ist auch nicht perfekt, aber muss denn jede Provinzzeitung die Nachrichten der ganzen Welt abdecken?

    OK, dass sich RT Deutsch als „von Fremdstaaten gesteuerter“ Sender die negativen Aspekte Deutschlands rauspickt, kann man verstehen. Ist damit vielleicht eine Art Correctiv der vom „Eigenstaat gesteuerter“ Sender Tagesschau. Das ist meine Meinung – unter Bezug auf Art. 5 GG. Bin mal gespannt, ob sie das jetzt hier löschen.

    Falsch soll RT natürlich nicht berichten. Aber wer widerlegt denn den Sender, bitte? Auch im Bezug des Wuhan Labors? Dort muss es chaotisch zugegangen sein. Dass die Chinesen keine Recherchen zulassen, macht es natürlich nicht einfacher. Aber etwas abzustreiten, wo es weder widerlegt noch bewiesen ist, halte ich für ungut.

    Fazit: Je mehr Informationen vorliegen, desto besser.

Wir freuen uns über kritische Kommentare, Feedback und Vorschläge. Wir bitten darum, Kommentare sachlich zu halten und auf Beleidigungen zu verzichten – und behalten uns vor, Kommentare ansonsten nicht zu veröffentlichen. Bitte belegen Sie Ihre Aussagen nach Möglichkeit auch mit Links oder anderen Verweisen. Wir prüfen alle Kommentare vorab und schalten sie frei - insbesondere am Abend oder am Wochenende geschieht dies teils zeitverzögert. Besten Dank und schöne Grüße vom MedWatch-Team!

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