Gefährliche Falschaussagen Mit Energiesymbol, Wasserkrug und Bircher-Müsli gegen Covid-19?

Foto: NIAID

Die durch das neue Coronavirus ausgelöste Pandemie lässt in vielen Ländern die Gesundheitsversorgung zusammenbrechen. Einige Ärzte versprechen derweil, Energiesymbole, Homöopathie oder Rohkost könnten gegen Covid-19 helfen.

In Wuhan, Bergamo, Madrid oder New York standen und stehen viele Ärzte vor extremen Belastungen: Das neue Corona-Virus namens SARS-CoV-2 führt bei bis zu jedem fünften Infizierten zu schweren Atemwegssymptomen und Lungenentzündungen, ein Teil der Patienten muss intensivmedizinisch betreut werden. Nicht nur Heilpraktiker, sondern auch Ärzte verbreiten zahlreiche Falschinformationen – so der deutsche Arzt und SPD-Politiker Wolfgang Wodarg, der die Gefahren durch Covid-19 als Panikmache abtat

Corona: Bircher-Enkel freut sich über schönen Namen des Virus

Eine andere „Koryphäe“ fand in den sozialen Medien viele Zuschauer: Der Schweizer Arzt Andreas Bircher erzählt in einem Interview mit dem Privatsender QS24, wie er zu dem „Hype“ steht. „Der Corona-Virus und die Symptomatik entspricht einer Grippe“, erklärt der Enkel des Erfinders des gleichnamigen Müslis – das Video haben allein bei Facebook über 700.000 Menschen gesehen. Bei jeder Grippeepidemie seien „leider Menschen gestorben“ – neu sei nun insbesondere der schöne Name des Corona-Virus.

Viele Menschen hätten schon Abwehrkräfte gegen das Corona-Virus, behauptet der Mediziner – obwohl Ende letzten Jahres erstmals Ansteckungen von Menschen gefunden wurden. Birchers Überzeugung nach schicke die Natur Krankheiten ohnehin mit Absicht: „Um etwas in Ordnung zu bringen – in der Biologie der Menschen und der Tiere“, die Menschheit solle offenbar korrigiert werden.  

Der Arzt Andreas Bircher vergleicht das neuartige Corona-Virus mit der Grippe. (Foto: Screenshot)

Warme Bäder seien außer für Herzkranke sehr gut, sagt der Arzt: Sie verursachten eine „enorme Abwehraktivierung“, bei über 40 Grad gingen die Viren kaputt. „Die vertragen das nicht“, sagt Bircher. Bei der Spanischen Grippe 1918 habe sein Großvater ein Militärspital geleitet: Auch mit Physiotherapie und mit veganer Frischkost habe er „alle durchgebracht – es ist ihm keiner gestorben“. Das Vitamin D3 sei in Bezug auf den Corona-Virus „sehr wichtig“, behauptet der Arzt – auch mit „lebendiger Pflanzennahrung“ hätten Personen „einen wunderbaren Schutz gegen diesen Virus“. Doch er hat einen weiteren Rat: „Es gibt noch etwas, das hier ganz erstaunlich hilft – das ist die Homöopathie“, sagt Bircher. Er empfiehlt auch ein spezielles Mittel. „Die Homöopathie ist eine Informationstherapie“, erklärt der Arzt – das Virus sei auch ein „Informationsprogramm“, das durch das Virus neutralisiert werde. „Darum ist die Homöopathie sehr wertvoll gerade auch für dieses Virus.“

„Wir erachten die Ratschläge von Herrn Bircher als schädlich“

Der zuständigen Aufsichtsbehörde – die Ärztegesellschaft des Kanton Glarus – waren die Äußerungen Birchers bislang nicht bekannt, sagt Christoph Thalmann vom Vorstand der Ärztegesellschaft. „Die Glarner Ärztegesellschaft vertritt eine dezidiert andere Einschätzung, die im Einklang mit jener des Bundesamtes für Gesundheit steht“, erklärt er. „Wir erachten die Ratschläge von Herrn Bircher als schädlich. Sie gefährden die Gesundheit der Betroffenen, indem sie die COVID-19-Erkrankung verharmlosen.“

Personen mit Verdacht auf eine Covid-19-Erkrankung sollen sich unbedingt telefonisch bei einem Arzt melden und dessen Anordnungen Folge leisten, betont Thalmann. Von weiteren Schritten sieht er allerdings zunächst ab. „Die Glarner Ärztegesellschaft nimmt die Äusserungen zur Kenntnis“, erklärt er. „Sie fokussiert sich aktuell – in enger Zusammenarbeit mit den Behörden – auf die Bewältigung der Krise.“

Mit Krug drauf: Tiroler Arzt empfiehlt Zeichnung gegen das Coronavirus

Auch der Tiroler Mediziner Robert Altrichter verbreitet mehr als fragwürdige Ansichten, die in sozialen Medien weit gestreut werden. Energetische Methoden seien oft „sehr hilfreich“, sagt Altrichter, der nach eigener Aussage Allgemeinarzt und Zahnarzt ist. „Ich wollte gerne eine homöopathische Mischung kreieren, die uns hilft, mit dem Virus leichter und besser umzugehen“, sagt er. Diese „Mischung“ besteht aus einer Zeichnung, die jedermann zuhause nachzeichnen kann. „Das ist ein uraltes Symbol, das jetzt wieder auftaucht – aus gutem Grund“, sagt Altrichter. „Diese Information, dem Körper gegeben, hilft uns, eine antivirale Bereitschaftsimmunität aufzubauen.“

Ein Krug Wasser müsse für 20 Minuten auf die Zeichnung gestellt werden. „Dann ist die Information des Symbols vom Wasser übernommen“, sagt Altrichter – er empfiehlt zweimal täglich ein oder zwei Schluck Wasser, „für die gesamte Familie“ als „Unterstützung auf energetischer Ebene“. Es helfe, das Virus schneller zu bekämpfen. Oder es, „wenn es schon in uns ist“, leichter zu besiegen, sagt der Arzt. „Wir haben es kinesiologisch getestet – es funktioniert“, behauptet Altrichter. „Das kann euren Schutz und Eure Immunität unterstützen.“

Bei der Kinesiologie handelt es sich um ein pseudomedizinisches Verfahren, das keinerlei wissenschaftliche Evidenz oder Plausibilität besitzt. MedWatch hat bei der zuständigen Aufsichtsbehörde nachgefragt, was sie von den Aussagen Altrichters hält. „Die Landeszahnärztekammer für Tirol lehnt solche Äußerungen entschieden ab und verurteilt sie auch“, erklärt ihr Sprecher. „Demgemäß haben wir es der Österreichischen Zahnärztekammer vorgelegt, die dies disziplinarrechtlich überprüfen wird.“ Das Video wurde zwischenzeitlich offenbar gelöscht.

Homöopathie-Hersteller bewirbt Produkte zur Stärkung des Immunsystems

In Deutschland hatte auch die Ärztin Cornelia Bajic – bis letztes Jahr Vorsitzende des Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) – auf Facebook Empfehlungen aus Indien veröffentlicht, nach denen sich bestimmte Globuli zur Prophylaxe gegen Covid-19 eigneten. Auch hiervon hielt die zuständige Ärztekammer Nordrhein wenig, wie eine Sprecherin auf Anfrage von MedWatch mitteilte: Sie schaltete ihre Rechtsabteilung ein. Bajic löschte das Schreiben mittlerweile.

Der Zentralverein betonte wenig später in einer Pressemitteilung, „dass auch für homöopathische Ärzte in Deutschland die Empfehlungen der zuständigen nationalen Gesundheitsbehörden die maßgebliche Orientierung beim medizinischen Umgang mit dem Corona-Virus ist“. Auch wenn es in der Vergangenheit positive Erfahrungen mit Globuli gegeben habe, „empfiehlt der DZVhÄ seinen Mitgliedern Zurückhaltung hinsichtlich jeder Art von homöopathischen Vorsorge- oder Therapie-Empfehlungen im Zusammenhang mit dem ‚Corona-Virus‘.“ Einzelne anderslautende Empfehlungen würden nicht die Position des Verbandes wiedergeben, betonte die Nachfolgerin Bajics, Michaela Geiger.

Doch hieran halten sich nicht alle. Während die Zahl der mit SARS-CoV-2 infizierten Personen in Deutschland derzeit stark steigen, verschickte der hierzulande größte Hersteller homöopathischer Mittel – die Deutsche Homöopathie-Union – ihren Newsletter mit der Überschrift „Den Frühling begrüßen“. Mit dabei: Hinweise zur vermeintlichen Stärkung des Immunsystems. Mit den „richtigen Mitteln“ aus der Homöopathie könne man zur Stärkung der Abwehrkraft beitragen, wirbt der Pharmahersteller auf seiner Homepage. Bleibt zu hoffen, dass nur wenige Menschen denken, sie könnten sich so leicht gegen das Virus wappnen. Und dass sie einfach das tun, was nun empfohlen ist: Möglichst wenig Menschen zu treffen. Um sich nicht anzustecken – und das Virus nicht unbewusst weiterzugeben.

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2 Kommentare zu „Mit Energiesymbol, Wasserkrug und Bircher-Müsli gegen Covid-19?

  1. Ein optimaler Vitamin-D3-Spiegel stärkt tatsächlich das Immunsystem, und einige der Aussagen von Dr.med.Wolfgang Wodarg zu anderen Themen sind durchaus sinnvoll. Bitte schießen Sie nicht über das Ziel hinaus, die Tatsache, dass eine Person bei einigen Dingen danebenliegt, heißt nicht, dass er (oder sie) immer Unrecht hat.

    1. Wie sich der Vitamin D-Spiegel auf das Immunsystem auswirkt, ist ja unklar bzw. ist hier eher Skepsis angebracht (https://www.medizin-transparent.at/vitamin-d-und-das-immunsystem-was-stimmt/). Dass ein klarer Mangel ausgeglichen werden sollte, ist auch klar – aber für die Aussage, dass es “sehr wichtig” sei in Bezug auf Covid-19, gibt es keine validen Belege. Es kann Personen auch in falscher Sicherheit wiegen. Dass Herr Wodarg zu anderen Themen auch etwas sinnvolles gesagt hat, stimmt sicher – der Artikel sollte das nicht bestreiten.. aber seine Aussagen in Bezug auf Covid-19 sind problematisch. Beste Grüße!

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