Homöopathie gegen Covid-19? Wie Pseudomedizin gegen das neue Corona-Virus beworben wird

Das SARS-CoV-2 genannte neue Coronavirus in einer elektronenmikroskopischen Aufnahme. Foto: NIH

Gegen das neue Corona-Virus werden vielerorts unwissenschaftliche Methoden angepriesen: So von der bekannten Homöopathie-Ärztin Cornelia Bajic – auf Nachfrage von MedWatch schaltete sich die zuständige Ärztekammer ein. In China verwendet offenbar ein Großteil der Patienten auch traditionelle Medizin. Mit unklarem Nutzen.

Angesichts der auch in Deutschland zunehmenden Verbreitung des neuen Coronavirus berichten viele Medien auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse – doch es gibt auch Hinweise und Ratschläge, die gefährlich werden können. So Tipps, Vitamine oder vermeintliche „natürliche“ Antibiotika könnten vor dem Virus schützen.

Die Verbände von Homöopathen halten sich bislang zurück, was Empfehlungen zum Umgang mit der Covid-19 genannte Krankheit angeht. Nicht so jedoch die Ärztin Cornelia Bajic: Sie ist Vorstand bei der Hufelandgesellschaft – dem Dachverband der Ärztegesellschaften für Naturheilkunde und Komplementärmedizin – und bis 2019 auch Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte: Das indische Gesundheitsministerium empfehle „Arsenicum album C30“, schrieb Bajic in einem Brief, den sie bei Facebook veröffentlichte.

Auszug aus dem von Bajic auf Facebook veröffentlichten Schreiben. (Foto: Screenshot)

Hierbei handelt es sich wissenschaftlich gesehen um hochverdünntes und somit ungiftiges Arsen. Dosierempfehlung laut dem Schreiben von Bajic: Drei Zuckerkügelchen pro Woche. Falls Patienten mit Corona-Virus „im näheren Umfeld“ bekannt sind, sollte man zur Prophylaxe drei Kügelchen täglich einnehmen. „Sollten Sie bei sich selber den Verdacht auf eine Coronavirus Infektion haben, melden Sie sich bitte umgehend zunächst telefonisch in der Praxis.“ Dabei gibt es offenbar keine derartige Empfehlung des indischen Gesundheitsministeriums.

Kammer schaltet Rechtsabteilung ein

Wie bewertet dies die zuständige Ärztekammer Nordrhein? MedWatch fragte nach, ob das Vorgehen aus dem Schreiben Bajics dem Stand der Wissenschaft und seinen Empfehlungen entspricht – und wie die Kammer in derartigen Fällen vorgeht, um Patienten zu schützen. Die ärztlichen Körperschaften in Nordrhein-Westfalen unternehmen mit dem Gesundheitsministerium „derzeit alles, um Ärzteschaft und die Bevölkerung nach dem aktuellen Stand des Wissens über Prophylaxemöglichkeiten aufzuklären“, sagt eine Sprecherin am Samstag – und verwies auf eine Erklärung mit Hinweisen für Patienten. Die „anderslautende Facebookempfehlung“ von Bajic habe die Pressestelle „an unsere Rechtsabteilung zur Prüfung gegeben“. Zwischenzeitlich wurde der Post von Bajic gelöscht.

Laut einem Beitrag im Community-Bereich der österreichischen Zeitung „Der Standard“ ist das Corona-Virus unter dortigen Homöopathen auch ein Thema: Mehrere Apotheken hätten auf Nachfrage homöopathische Präparate angeboten. „Es sind genug lagernd, ein Fläschchen kostet 17,90 Euro. Einnahme als Einmalgabe, fünf Globulis lutschen und nach zehn Minuten nochmals fünf Globulis“, habe eine Apotheke erklärt.

Auch österreichischen Apothekern drohen Strafen

„Kein Einsatz von homöopathischen Mitteln gegen ‚Coronavirus‘“, erklärte die Österreichische Apothekerkammer in einem eigenen Schreiben, das in Sozialen Medien geteilt wurde. Apotheken hätten bei der Marktkommunikation die Zielsetzung zu beachten, „das wissenschaftliche Ansehen der Apothekerschaft zu bewahren und auszubauen sowie das darauf gründende Vertrauen der Öffentlichkeit in den Berufsstand zu sicher.“ Die Kammer will notfalls eingreifen, wenn Apotheker Homöopathie empfehlen. „Derartiges Verhalten wird unverzüglich beim Disziplinarrat zur Anzeige gebracht“, erklärte sie.

Auf Twitter inzwischen wieder gelöschte Distanzierung des Homöopathie-Herstellers Boiron. (Foto: Screenshot)

Auch in der Schweiz war die Homöopathie Thema: Der Nationalrat Hans-Peter Portmann empfahl ein homöopathisches Mittel zur Prophylaxe von Covid-19. „Wir empfehlen nicht, dass unsere Produkte zur Behandlung oder Prävention von Symptomen des Coronavirus eingesetzt werden“, erklärte jedoch später der Hersteller des Mittels, die Firma Boiron, in einem inzwischen wieder gelöschten Tweet.

Großteil aller chinesischer Patienten nutzt TCM

Echte Medizin für Patienten mit Covid-19 gibt es nicht, mögliche Wirkstoffe werden derzeit noch erforscht – manche Mediziner haben Hoffnung, dass Arzneimittel gegen andere Krankheiten auch gegen das Virus helfen können. Daher können ansonsten nur die Symptome behandelt werden. In China – wo bislang rund 95 Prozent der weltweit gut 85.000 gemeldeten Fälle aufgetreten sind – werden laut eines Artikels der „South China Morning Post“ (SCMP) aus Hongkong vier von fünf Patienten mit traditioneller chinesischer Medizin (TCM) behandelt – chinesische Staatsmedien hatten sogar fälschlicherweise geschrieben, ein bestimmtes TCM-Mittel sei geeignet.  

Die Nationale Gesundheitskommission Chinas empfiehlt, TCM neben „westlicher“ Medizin zu nutzen, schreibt SCMP. Die Zeitung zitiert eine Klinikärztin aus Peking, TCM habe den Vorteil, die „innere Balance“ der Patienten zu verbessern. „Traditionelle chinesische Medizin hat aktiv dazu beigetragen, die Gesundungsrate zu verbessern und die Sterberate zu reduzieren“, erklärte der Sprecher der Gesundheitskommission in Peking. Ein Arzt aus der Stadt Guangzhou, der wegen der „Sensibilität des Themas“ nicht mit Namen genannt werden wollte, sah dies jedoch deutlich anders. „Diese Patienten wären auch wieder gesund geworden, wenn sie die chinesische Medizin nicht genommen hätten“, sagte er der Zeitung. „Zumindest in meinem Krankenhaus möchte ich nicht, dass so viele Patienten TCM nehmen, da wir sonst nicht die Wirksamkeit der westlichen Medizin untersuchen können.“

Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Forschung

Im kürzlich veröffentlichten Abschlussbericht einer Expertenkommission der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die nach China gereist ist, wird mehrfach auf TCM eingegangen. „Die chinesische Regierung hat eine Serie von großangelegten Notfall-Forschungsprogrammen gestartet“, heißt es dort: Neben der Untersuchung des Virus-Erbguts und antiviraler Medikamente listet die Kommission auch TCM auf, noch vor der Impfstoffentwicklung. Bei einer langen Liste von „Wissenslücken“, die in Bezug auf das Virus bestehen, ist auch die Effektivität von TCM aufgeführt. „Die Verwendung von Traditioneller Chinesischer Medizin ist weit verbreitet, deren Effekte vollständig untersucht werden müssen“, heißt es in dem Bericht.

Teils machen sich deutsche TCM-Anwender offenbar Sorgen um ihre Präparate aus China – und mögliche Kontaminationen. Hier gibt die Sonnen-Apotheke Bad Kötzting Entwarnung: Die Ausgangsstoffe „stammen aus der Ernte des Jahres 2019 – vor dem Ausbruch der aktuellen Corona-Viren“, schreibt die Apotheke auf ihrem Internetauftritt. Ansonsten hat sie aber auch einen Rat, bei dem viele Experten zustimmen werden: „Wir empfehlen die üblichen Hygienemaßnahmen in jeder Erkältungs- und Grippe-Saison.“

In Deutschland sind mittlerweile mehr als hundert infizierte Menschen erfasst worden, Großveranstaltungen wie die Reisemesse ITB Berlin wurden abgesagt. Doch Impfgegner lassen sich vom Corona-Ausbruch bislang nicht abschrecken: In Hannover fand dennoch am Samstag eine Demonstration unter dem Motto „Für freie Impfentscheidung – gegen Zwangsmaßnahmen!“ statt, in drei Wochen ist eine weitere Demo in München geplant, unter Teilnahme des Präsidenten-Neffens Robert F. Kennedy. Die Demos richten sich unter anderem gegen die Masernimpfpflicht, die am gestrigen Sonntag in Kraft getreten ist. „Uns erreichen gerade ganz viele Nachfragen“, erklärten die Organisatoren Samstagfrüh. Es gäbe die Insiderinfo, dass die Veranstaltungen in Hannover und München wegen des Coronavirus nicht mehr stattfinden. „Das stimmt nicht!“, erklärten sie. „Die Veranstaltungen finden wie geplant statt!“ Offen bleibt, ob die zuständige Gesundheitsbehörde in München zu einer ähnlichen Einschätzung kommen wird.

Update vom 2. März 2020, 18:48 Uhr: Zwischenzeitlich hat der Hersteller Boiron seine Distanzierung auf Twitter wieder gelöscht.

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