Weitere Artikel Eierstockkrebs: Warum Frauenärzte auf dem Ultraschall beharren

Ultraschallbild eines Eierstocks.
Foto: Nevit Dilmen, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Wenn Frauen ihren Gynäkologen aufsuchen, wird ihnen gern eine Früherkennungsuntersuchung angeboten. Oft handelt es sich dabei um eine sogenannte „Individuelle Gesundheitsleistung“ (IGeL), sie ist durch die Versicherten selbst zu bezahlen. Häufig stimmen die Frauen dem Angebot zu – in der Hoffnung, dass sich so eine schwere Erkrankung vermeiden lässt. Doch nicht für jede IGeL gilt dies uneingeschränkt: Ein Negativbeispiel ist das Ultraschall-Screening der Eierstöcke. Viele Frauenärzte bieten diese Früherkennungsmaßnahme dennoch an.

Nutzen und Wirkung des Screenings sind wissenschaftlich nicht belegt, es wird daher auch nicht von den Krankenkassen übernommen. Im Gegenteil: Experten raten von der Maßnahme ab. In den medizinischen Leitlinien, die Handlungsempfehlungen für Ärzte beinhalten, wird der Ultraschall ohne Verdacht ebenfalls nicht angeraten.

Das wissenschaftliche Team des „IGeL-Monitors“, das seit vielen Jahren gängige Selbstzahler-Leistungen untersucht, hat den Ultraschall bei Eierstockkrebs analysiert und bewertet diesen negativ:

Eine im Juni 2011 veröffentlichte große Studie bestätigte, was andere Studien bereits angedeutet haben: Mit Ultraschalluntersuchung sterben gleich viele Frauen an Eierstockkrebs wie ohne Untersuchung. Diese und andere Studien zeigen jedoch, dass Frauen durch Fehlalarme häufig unnötig beunruhigt und sogar eigentlich gesunde Eierstöcke entfernt werden. Eine erneute Suche nach aktuelleren Studien im Juli 2014 bestätigte unsere Bewertung.

Auch „gesundheitsinformation.de“ – eine Seite des unabhängigen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) – kommt zu keinem guten Ergebnis:

Letztlich wurde nur bei etwa 10 Prozent der Frauen, die aufgrund eines Verdachts beim Früherkennungs-Ultraschall operiert wurden, tatsächlich Eierstockkrebs festgestellt. Bei den anderen 90 Prozent hätten die Eierstöcke also im Nachhinein gar nicht entfernt werden müssen.

Genau diese Informationen hatte nun die Bertelsmann Stiftung in einer Pressemitteilung vom 5. Dezember 2019 aufgegriffen, als sie ihren jüngsten Report zur Überversorgung im deutschen Gesundheitssystem veröffentlichte.

Nach einer aktuellen Versichertenbefragung ist die Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung beim Gynäkologen die zweithäufigste IGeL-Leistung. Das berichtet die Bertelsmann Stiftung in ihrer aktuellen Publikation „Überversorgung – eine Spurensuche“. Demnach entfallen auf sie 13,8 Prozent aller ärztlichen IGeL-Leistungen. Nur der Anteil der Leistungen im Rahmen der Glaukomfrüherkennung liegt mit 18,1 Prozent noch höher. Innerhalb eines Dreijahreszeitraumes bekamen 19 Prozent aller Befragten eine Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung als IGeL-Leistung angeboten oder haben selbst nach dieser gefragt.

Eierstockkrebs

Jährlich erkranken in Deutschland etwa 7.500 Frauen an Eierstockkrebs, 5.500 sterben daran. Damit ist es die fünfthäufigste durch eine Krebserkrankung bedingte Todesursache bei Frauen. Jeder zehnte Eierstockkrebs geht auf vererbte Fehler in den Genen zurück. Verständlich, dass sich Frauen Untersuchungen wünschen, bei denen ein Tumor frühzeitig entdeckt wird, sodass der Krebs rechtzeitig bekämpft werden kann. Der Ultraschall der Eierstöcke kann aber nach der aktuellen Studienlage nicht bewirken, Eierstockkrebs zu verhindern, auch wenn dies Frauen durch ihren Gynäkologen nahegelegt wird.

Angesichts der weiten Verbreitung der Untersuchung in den Frauenarztpraxen lässt sich vielleicht auch die Reaktion der Frauenärzte auf die Publikation der Bertelsmann Stiftung erklären: Am 6. Dezember reagierten die „Frauenärzte im Netz“ – dahinter stehen der Berufsverband der Frauenärzte (BVF) und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) – ziemlich ärgerlich auf die Publikation von Bertelsmann Stiftung und IQWiG:

Was also veranlasst die Bertelsmann-Stiftung, in einer Pressemitteilung vom 05.11.2019 zu behaupten, dass nur bei jeder zehnten Eierstockoperation ein bösartiger Tumor gefunden wird und daraus den Schluss zu ziehen, der frauenärztliche Ultraschall sei Überdiagnostik, die den Frauen eher schadet als nutzt?

Die Gynäkologen schreiben, dass bei jeder zweiten Operation der Eierstöcke, die wegen eines verdächtigen Ultraschallbefundes durchgeführt wird, tatsächlich eine bösartige Veränderung gefunden werde. Die anderslautenden Angaben auf der Seite „gesundheitsinformation.de“ stammte unter anderem aus Untersuchungen aus den Jahren 2001 bis 2005“. Sie sei veraltet und „sollte heute nicht mehr verwendet werden“. 

Doch das stimme nicht, erklärt nun wiederum das IQWiG. Der Vorwurf, die Aussage des Instituts beruhe auf veralteten Studien, sei falsch:

Die vom Board der Frauenärzte selbst in der Pressemitteilung als heute relevante ‚Folge-Untersuchung‘ benannte Studie aus dem Jahr 2016 ist auch eine zentrale Quelle der IQWiG-Information und als solche zitiert. Aus ihr stammt auch der zentrale Befund, dass nur bei jeder zehnten Eierstockoperation nach verdächtigem Ultraschallbefund in der Früherkennung ein bösartiger Tumor gefunden wurde.

Die Kritik der Frauenärzte wird an vielen Stellen weiter durch das IQWiG widerlegt.

Die Aussagen der Frauenärzte etwa, dass bei jeder zweiten Operation der Eierstöcke, die wegen eines verdächtigen Ultraschallbefundes durchgeführt wurde, tatsächlich eine bösartige Veränderung gefunden wurde, beziehe sich wiederum auf eine Studie, die die Erfahrungen einer einzelnen brasilianischen Klinik mit 131 Frauen beschreibt. „Wir sind offen gesagt erschrocken, dass das Board der Frauenärzte diese Studie anführt, um die Ergebnisse internationaler Vergleichsstudien mit über 200.000 Frauen infrage zu stellen“, sagt Jürgen Windeler, Leiter des IQWiG.

Frauenärzte halten Studie für aussagekräftig

Die Frauenärzte halten auf Nachfrage von MedWatch weiter an ihrer Position fest. Auch mit einer weiteren Studie, die das IQWIG zwar in seinen Quellen nennt, die es aber nicht in die Bewertung des Ultraschalls mit einbezieht. In dieser Studie von J. R. van Nagel wurden 46.000 Frauen mit einer jährlichen Ultraschall-Untersuchung gescreent.

Tatsächlich weise die Studie zahlreiche methodische Mängel auf, kritisieren hier die Experten des IQWiG. So galt das Ultraschall-Screening in dieser Studie etwa jungen Frauen mit einer familiären Eierstock-Krebsbelastung, 43,8 Prozent hatten einen familiären Brustkrebs-Hintergrund. Es wurde also keine „normale“ Frauengruppe untersucht. Dennoch wurden die Ergebnisse der „besonderen“ Frauen dann mit der „normalen“ Bevölkerung verglichen.

Auch fehlten sämtliche Angaben, um einen Vergleich zwischen den zwei Gruppen sinnvoll beurteilen zu können. Es sei guter wissenschaftlicher Standard, in einer Tabelle die Basisangaben zu den beiden Gruppen gegenüberzustellen – etwa: Alter, Zahl der Untersuchungen, Angaben zum Sozialstatus. Tatsächlich fehle in der Arbeit jede dieser Informationen, nicht einmal das Durchschnittsalter der Frauen sei zu finden. „Auf die Frage des Nutzens gibt diese Arbeit keine Antwort“, urteilt das IQWiG.

Die Frauenärzte sehen das leicht anders. Sie erklären:

Die Achillesferse dieser Studie war, dass es leider keine randomisierte Vergleichsgruppe gab, sondern dass nur mit den ‚üblichen‘ Zahlen zu Stadien und Mortalität des Ovarialkarzinoms verglichen wurde. Weil es für die Einführung einer Früherkennungsmethode als Screeningverfahren – also auf Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung für alle – randomisierte Studien braucht, berücksichtigt das IQWIG diese Studie nicht. Trotzdem ist sie aussagefähig, wenn es um die Frage geht, ob der Ultraschall als Früherkennungsmethode sinnvoll sein KANN, solange die Untersuchung nicht zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung abgerechnet wird.

Doch auch hier kommen die beiden Seiten nicht überein. „Die Frauenärzte versuchen zwischen ‚Screening‘ und ‚individueller Früherkennung‘ zu unterscheiden“, schreibt das IQWiG. Dafür gebe es inhaltlich keine Grundlage: Ob eine Frau oder eine Million Frauen untersucht wird, spiele keine Rolle. Bei der Abwägung von Nutzen und Schaden müssen dieselben Maßstäbe gelten. Und auch im Sinne einer informierten Entscheidung ist die Situation dieselbe. Auch bei einem organisierten Screening muss jede einzelne Person sorgfältig so informiert werden, sodass sie eine persönliche Entscheidung treffen kann.

„Untersuchung hat nur Schaden“

Für Ingrid Mühlhauser, ehemalige Vorsitzende des Netzwerks Evidenzbasierte Medizin und aktuell Vorsitzende des Arbeitskreises Frauengesundheit, ist die Debatte seitens der Frauenarztverbände unbegreiflich. „Beide Verbände waren doch Teil der Gruppe, die die Leitlinie erarbeitet hat“, erklärt sie. Wenn sie gefragt wird, würde sie stets auf eine informierte Entscheidung des Einzelnen pochen. Denn: „Diese Untersuchung hat in den allermeisten Fällen keinen Nutzen. Nur Schaden.“

Sie geht davon aus, dass so gut wie keine Frau über diesen Sachverhalt aufgeklärt wird. „Es gibt dazu ja auch keine systematischen Evaluationsdaten und keine Pflicht der Frauenärzte und Frauenärztinnen, über ihr Handeln Rechenschaft abzulegen“, sagt Mühlhauser. „Das ist der eigentliche Skandal.“

Transparenzhinweis: MedWatch hat in den Jahren 2018 und 2019 im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung eine Studie zu schlechten Gesundheitsinformationen im Internet erstellt und dafür ein Honorar erhalten. Infos hierzu finden Sie auch auf unserer Transparenz-Seite.

 

Redaktionsteam

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8 Kommentare zu „Eierstockkrebs: Warum Frauenärzte auf dem Ultraschall beharren

  1. Liebe MitarbeiterInnen von MedWatch,
    Ich möchte zu den IGeL-Leistungen der FrauenärztInnen folgendes Erlebnis berichten. Vor gut 14 Monaten wies ich den Hochglanzprospekt (früher nur ein doppelseitig bedrucktes DINA 4 Blatt!) der angebotenen IGeL-Leistungen meiner Gynäkologin zurück und weigerte mich auch diesen zu unterschreiben. Ich wurde harsch darauf hingewiesen, dass die Krankenkassen diese Unterschrift verlangen würden. Ich unterschrieb trotzdem nicht. Das hatte dann zur Folge, dass ich zur Vorbereitung der Blutdruck-Messung in meine Patientenakte einsehen konnte und dort in roter Schrift zu lesen war, dass „die Patientin sich frech weigert“ den IGeL-Prospekt zu unterschreiben. Mehrere Diskussionen mit Personal und meiner Ärztin folgten und zumindest der Eintrag ist aus meiner Akte verschwunden. Nun ist mein Einzugsgebiet nicht mit sonderlich vielen GynäkologInnen gesegnet, so dass ich mich entschloss dort in Behandlung zu bleiben. Ende letzten Jahres war nun wieder eine Vorsorgeuntersuchung fällig und ich informierte mich bei meiner Krankenkasse, ob ich diesen IGeL-Flyer unterschreiben müsste. Die meinten nur, dass ich besser unterschreiben sollte, um bei eventuellen Forderungen seitens der Praxis diese keine Einwilligung meinerseits für etwaige private Untersuchungen vorweisen könnte. Die ganze weitere Vorgehensweise der Frauenarzt-Praxis, sowie der Vermerk in meiner Patientenakte interessierte die Krankenkasse nicht.
    Ich finde diese Vorgehensweise wirklich schlimm, nicht nur wegen dieser -mit meiner Unterschrift- aktiv abzulehnenden Untersuchungen, sondern auch wegen des Vertrauensverhältnisses zwischen Ärztin/Arzt und PatientInnen.
    Liebe Grüße und einen großen Dank für Ihre Arbeit.

    Annette Janssen

  2. Liebes MedWatch-Team,

    interessanter Artikel! Sicherlich ist es richtig, dass in den Gynäkologie-Praxen versucht wird den mageren GKV-Umsatz mit IGeL aufzubessern. Kann ich gut nachvollziehen. Aber dazu darf man sicherlich keine Patientin überreden. Über die unklare Studienlage sollte man Patientinnen selbstverständlich aufklären.

    Persönlich lege ich Wert auf diese Ultraschalluntersuchung. Ich bin aber sowieso Selbstzahler und bestimme immer welche Untersuchung ich möchte und welche nicht. Das ist aber natürlich eine ganz andere Situation!

    Ich fühle mich einfach besser mit der regelmäßigen Sonographie, vor allem weil ich schon ein ziemlich großes Myom hatte und an den Eierstöcken Zysten. Daher wäre es mir lieber eine falsche Warnung (also kein Krebs) als keine Warnung zu bekommen.

    Schöne Grüße

    Beatrix

  3. Liebes MedWatch-Team,

    das ist sehr interessant. Bei mir wurde durch die Ultraschall-Untersuchung ein bösartiger Tumor entdeckt – ich bin dankbar für diese Untersuchung und die folgende Operation.

    Liebe Grüße

    1. Es freut uns sehr, dass Sie den Krebs besiegt haben. Die Kritik des IQWiG besagt nicht, dass durch den Ultraschall nie ein Tumor gefunden wird. Es ist allerdings so, dass mit oder ohne die Früherkennungsuntersuchung gleich viele Frauen an Eierstockkrebs erkranken. Durch die Früherkennungsuntersuchung werden Frauen unnötig oft die Eierstöcke entfernt – ohne dass sie dadurch einen gesundheitlichen Vorteil hatten.

      Herzlicher Gruß, Nicola Kuhrt für das MedWatch-Team

  4. Bei mir wurde Ende Oktober 2017 ein Ultraschall gemacht, ohne Ergebnis, meine Beschwerden als Wechseljahrbeschwerden abgetan. Anfang Januar 2018 wurde Eierstockkrebs 4a festgestellt

  5. Die Vereinnahmung und gar Verteidigung von methodisch höchst kritikwürdigen Studien durch die Frauenärzte mit dem Ziel, die eigene Position gegenüber dem IQWiG zu verteidigen, erschreckt. Es scheint vielleicht als Vergleich etwas krass, aber genau dies ist das Vorgehen der pseudomedizinischen Szene, wenn mit “vielen Studien, die die Wirksamkeit unserer Methode XXX beweisen”, gewunken wird.
    Ein Beispiel dafür, wie selbst Teile der Ärzteschaft weit davon entfernt sind, die Grundsätze der evidenzbasierten Medizin ernstzunehmen. Dass eine solche Position selbst gegenüber dem IQWiG und nicht irgendwo in Kommentarspalten vertreten wird, macht mich einigermaßen fassungslos. Und zeigt den dringenden Bedarf, Medizinstudium und Fortbildung der Mediziner noch mehr auf Evidenzbasierung (und Kenntnisse in Medizinstatistik) auszurichten.

  6. Ich glaube nur mit Ultraschallbefunden kann der Gynäkologe eine Krankheit oder Veränderungen beschrieben. Das betrifft die Operation der Eierstöcke konkret, wo die meisten Frauenärzte nur mit Ultraschall arbeiten. Danke für die interessante Statistiken der Frauen.

  7. Vielen Dank für die Weitergabe dieses Artikels über Eierstockkrebs. Meine Mutter glaubt, dass sie Eierstockkrebs haben könnte. Ich werde sie wissen lassen, dass sie einen Gynäkologen aufsuchen und darüber nachdenken sollte, einen Ultraschall machen zu lassen.

Wir freuen uns über kritische Kommentare, Feedback und Vorschläge. Wir bitten darum, Kommentare sachlich zu halten und auf Beleidigungen zu verzichten – und behalten uns vor, Kommentare ansonsten nicht zu veröffentlichen. Bitte belegen Sie Ihre Aussagen nach Möglichkeit auch mit Links oder anderen Verweisen. Wir prüfen alle Kommentare vorab und schalten sie frei - insbesondere am Abend oder am Wochenende geschieht dies teils zeitverzögert. Besten Dank und schöne Grüße vom MedWatch-Team!

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