Im Jahr 2016 verhängte die Disziplinarkammer des französischen Ärzteverbands ein zweijähriges Berufsverbot gegen den Arzt und Anthroposoph Jean-Jaques Dewitte. Sechs Jahre zuvor hatte er eine Patientin, die an Brustkrebs erkrankt war, mit einem Mistelextrakt namens Viscum Album fermente behandelt – und ihr offenbar falsche Hoffnungen gemacht. Die Frau hatte eine Alternative zur Chemotherapie gesucht. Insgesamt 28 Mal injizierte DeWitte der Frau die Flüssigkeit unter die Haut, rund um den bösartigen Knoten in ihrer Brust. Doch statt ihren Zustand zu verbessern, verschlechterte sich der Zustand der Patientin zusehends, ihre Brust entzündete sich und die Schmerzen nahmen stark zu. Trotzdem führte Dewitte die Behandlung fort. Als die Patientin im Jahr 2012 herausfand, dass es sich bei der Misteltherapie nicht um eine wissenschaftlich anerkannte Krebsbehandlung handelte – wie es DeWitte versichert hatte – reichte sie Beschwerde bei der Ärztekammer ein. Das Ergebnis der Untersuchung sollte die Frau nicht mehr erleben. Sie starb am 18. März 2013.

Seit über 100 Jahren setzen Anthroposophen Mistelextrakte bei Krebs ein. Doch ihr Nutzen ist bis heute höchst umstritten. Damit steht die Therapie stellvertretend für die Methoden der anthroposophischen Medizin. Denn sie alle beruhen auf einem Verständnis von Mensch und Kosmos, von Gesundheit und Krankheit, dass mit der wissenschaftlichen Naturerkenntnis nur wenige Berührungspunkte hat. Lange Zeit führte die anthroposophische Medizin damit ein Nischendasein. Nun aber versuchen anthroposophische Ärzte, ihre Methoden gezielt in die Universitäten und die akademische Literatur zu bringen. Zu diesem Zweck haben sie sich zweifelhafte Daten, Interpretationen, Professuren und Interessenkonflikte geschaffen. Die Strategie folgt einem Masterplan, der gemeinsam von finanzgewaltigen Förderern und anthroposophischen Medizinern erarbeitet wurde.

Der Mistelextrakt Viscum Album fermenté, den Dewitte seiner Patientin injiziert hatte, ist das Produkt der Iscador AG, einem Hersteller anthroposophischer Mittel mit Sitz in Arlesheim in der Schweiz. Die Region um Arlesheim ist so etwas wie der geografische Mittelpunkt der Anthroposophie. Einen Ort weiter, in Dornach, steht das Weltzentrum der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, das Goetheanum. Der Bau, ein Beton-Monolith mit wenigen rechten Winkeln, wurde vom Gründer der Anthroposophie höchstpersönlich entworfen – von Rudolf Steiner. In Arlesheim gründete dessen Geliebte, die holländische Ärztin Ita Wegmann, in den 1920er und 30er Jahren die Weleda AG und das erste anthroposophische Krankenhaus, die heutige Klinik Arlesheim. Außerdem gründete sie hier, direkt neben der Klinik, zusammen mit Rudolf Hauschka, dem Gründer der Firma Wala, den Verein für Krebsforschung. Seit 1935 werden dort verschiedene Mistelpräparate hergestellt, seit 1949 am eigens dafür eingerichteten Institut Hiscia. Unter den Produkten aus Arlesheim ist auch Viscum album fermenté, in Deutschland unter dem Markennamen Iscador erhältlich.

Anthroposophische Medizin – Grundannahmen

Seit nunmehr 70 Jahren dreht sich fast die gesamte „Forschung“ am Verein für Krebsforschung um die Mistel. Doch bis auf einen kurzen Hinweis, dass die Beeren der Pflanze Zellgifte enthalten, ist über den Wirkmechanismus der Produkte, die hier hergestellt werden, nichts publik geworden.

Der Glaube an ihre Wirksamkeit beruht traditionell auch auf ganz anderen Annahmen. Einen ersten Einblick in diese Ideenwelt bietet ein Artikel aus der Deutschen Apotheker-Zeitung vom September 2015. Darin erläutert die anthroposophische Kinderärztin Michaela Glöckler die Grundlagen der anthroposophischen Medizin – damals leitete Glöckler die „medizinische Sektion“ des Goetheanums. Ihrem Artikel zufolge besteht der Mensch aus vier sogenannten Wesensgliedern: dem physischen Leib, dem Ätherleib, dem Astralleib und der Ich-Natur.

Der Begründer der Anthroposophie: Rudolf Steiner.

„Schon ein oberflächlicher Blick auf den Zusammenhang von Natur und Mensch zeigt, wie der Mensch die kristallinen Strukturen seines Körpers mit den Mineralien der ihn umgebenden Natur gemeinsam hat, schreibt Glöckler. „Werden und Vergehen, Leben und Sterben“ entsprächen als „Gesetzmäßigkeit“ dem Ätherleib. Das Seelenleben bestehe aus „Atmung, Bewegung, Bewusstsein, Schmerz und Triebleben“ und sei in seiner Gesamtheit der „Astralleib“. Als viertes Wesensglieds nennt Glöckler die Ich-Natur, unsere „Fähigkeit, lebenslang zu lernen und immer wieder neu und anders kulturschöpferisch tätig zu sein“. In einem Teilsatz schreibt Glöckler von den „geistigen Ursachen von Krankheit und den heilenden Möglichkeiten der Natur mit ihren Substanzen und Prozessen“. Tiefer steigt aber auch sie nicht auf das Thema ein.

Wie Krankheit aus anthroposophischer Sicht genau zu verstehen ist, lässt sich in dem Buch „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen“ von Rudolf Steiner und Ita Wegmann von 1925 nachlesen. „Man muß in dem Wesen des Krankseins eine intensive Verbindung des astralischen Leibes oder der Ich-Organisation mit dem physischen Organismus sehen“, schreibt das Gründerpaar dort.

„Das Heilen muß in einem Loslösen des Seelischen oder Geistigen von der physischen Organisation bestehen. […] Der bloße physische Organismus könnte niemals einen Selbstheilungsvorgang hervorrufen. Ein solcher wird in dem ätherischen Organismus angefacht.“

Laut Glöckler gelingt dies mit den richtigen Substanzgruppen aus dem Mineral-, Pflanzen-, Tier- und Menschenreich, die einen therapeutischen Bezug zu den Wesensgliedern haben: „Menschliche Substanz wie Muttermilch und in Form einer Blutspende stützt und erhält den physischen Leib. Präparate aus dem Tierreich regen den Ätherleib zu verstärkter Tätigkeit an, pflanzliche Arzneimittel wirken regulierend auf den Astralleib und Metalle und Mineralien auf die Ich-Organisation.

Auch andere anthroposophische Verfahren, wie die Heileurythmie oder die rhythmische Massage, basieren auf dem Glauben an die Existenz von Wesensgliedern“”. Um sie wieder in Einklang zu bringen, müssen die Arzneimittel der anthroposophischen Medizin laut Glöckler mit „besonderen Verfahren“ hergestellt werden müssen. Ein Beispiel dafür ist das „spezielle Mischverfahren“, mit dem der Mistelextrakt Iscador hergestellt wird. Der Verein für Krebsforschung beschreibt es so: „Das Prinzip beruht darauf, dass Sommer- und Wintersaft der Mistel sich im äusseren, hochgebogenen Rand einer sehr schnell rotierenden Titanscheibe durchdringen.“ Diese Scheibe habe einen Durchmesser von einem Meter und rotiere mit 10.000 Umdrehungen pro Minute. Warum es nicht ausreicht, die Mistelsäfte zum Beispiel zu verrühren, wird nicht erklärt. Nur, dass das Verfahren „auf konkreten Hinweisen Rudolf Steiners“ beruht, und der gewonnene Wirkstoff für die Krebsbehandlung „ein erweitertes Spektrum von Qualitäten auf[weist], die sich in speziellen Prüfverfahren nachweisen lassen“.

Eine Antwort auf das Warum findet man im Artikel „Biologische Wirksamkeit des Iscador-spezifischen Mischprozesses“ aus der Literatursammlung des Vereins: „Die Wirkung von Medikamenten wie Iscador beruht nach dem Verständnis der anthroposophisch erweiterten Medizin nicht nur auf den Rezeptor-Wirkungen der anwesenden Moleküle, sondern auch auf einem Zusammenspiel verschiedener immaterieller Kräfte.“ Oder in den Worten Rudolf Steiners: Um die „Mistelbildenden Kräfte“ umzugestalten, „wird nun versucht, dasjenige, was im Mistelbildungsprozess lebt, mit einer sehr komplizierten Maschine zu verarbeiten […]. So dass man tatsächlich dasjenige, was im Mistelprozess wirkt, umgestaltet zu einem ganz anderen Aggregatsprozess und dadurch die Tendenzen in der mistelbildenden Kraft in einer konzentrierteren Weise verwenden kann.“

Anthroposophische Kosmologie

Steiner hielt die Mistel für ein „Pflanzentier des Mondes“ voller besonderer Kräfte. Das will er in der „Aura“ des Parasiten erkannt haben. Besonders sei die Mistel wegen ihrer Herkunft von einem Himmelskörper, der einst aus Erde und Mond bestanden habe. Laut der anthroposophischen Kosmologie durchläuft unser Planetensystem „planetarische Entwicklungsstufen“. Die heutigen Planeten befinden sich auf der vierten Stufe. Nach Steiner stammt die Mistel von einem Himmelskörper einer früheren Stufe ab, der aus Erde und Mond bestand. Dieser „Mondleib“ sei „wie ein Torfmoor, weich und lebendig“ gewesen. Pflanzen, die hier wuchsen, hatten laut Steiner körperliche Gefühle und waren deshalb Tierpflanzen. Die heutige Mistel sei eine von ihnen.

Die Wirkung der Mistel bei Krebs erklärte Steiner so: „Die Mistel übernimmt als äußere Substanz dasjenige, was wuchernde Äthersubstanz beim Karzinom ist, verstärkt dadurch, daß sie die physische Substanz zurückdrängt, die Wirkung des astralischen Leibes und bringt dadurch den Tumor des Karzinoms zum Aufbröckeln, zum In-sich-Zerfallen.“ Diese Auffassung findet sich in ähnlicher Form noch heute in Packungsbeilagen von Mistelpräparaten. In der Packungsbeilage des Präparats ISCADOR® P Serie I etwa (aktuell für gut 765 Euro pro 100 ml online erhältlich) steht etwa: „Gemäß der anthroposophischen Menschen- und Naturerkenntnis wird Iscador M/P/Qu angewendet, um bei Erwachsenen die Form- und Integrationskräfte zur Auflösung und Wiedereingliederung verselbständigter Wachstumsprozesse anzuregen.“

Mistelsaft: Kontroverse um Wirksamkeit

Ob das so funktioniert, ist zweifelhaft. So kam ein Review der angesehenen Cochrane Collaboration im Jahr 2008 zu dem Ergebnis: „Die Evidenz aus randomisierten, kontrollierten Studien für die Annahme, dass die Anwendung von Mistelextrakten einen Effekt auf das Überleben hat, oder auf die Fähigkeit, den Krebs zu bekämpfen […] ist schwach.“ Grundlage des Reviews war eine Auswahl von 21 Studien, in denen Patienten mit Extrakten der Hersteller Iscador, Helixor oder Isorel, behandelt wurden. Nur Studien von akzeptabler Qualität wurden in das Review aufgenommen. Dazu gehörte, dass sie prospektiv sein mussten, Versuchspersonen also vor Beginn der Studie in Mistel- und Kontrollgruppe eingeteilt worden waren. Außerdem waren die Studie randomisiert, die Teilnehmer wurden zufällig in eine der Therapiegruppen eingeteilt. Dreizehn dieser Studien untersuchten, ob die Misteltherapie einen Überlebensvorteil brachte. Sechs davon berichteten einen Effekt, die anderen keinen. Vier der Studien beurteilten die Reviewer als methodisch hochwertig – doch diese vier hatten keinen Überlebensvorteil gefunden. Zwar gebe es Hinweise darauf, dass Mistelextrakte die Lebensqualität bei Brustkrebs verbessern könnten, schreiben die Reviewer. Doch für diese Annahme fehle eine Bestätigung der Ergebnisse durch andere Studien.

Im Jahr nach dem Cochrane-Review veröffentlichten drei Ärzte vom anthroposophischen Gemeinschaftskrankenhaus Witten/Herdecke ihr eigenes Review zum Überleben unter Misteltherapie im Fachmagazin „BMC Cancer“. Zwei der Autoren wurden für das Review vom Verein für Krebsforschung in Arlesheim finanziell gefördert. Im Text gestehen die Autoren selbst: „Die in dieser Meta-Analyse enthaltenen Studien waren von mittlerer oder sogar schlechter Qualität.“ Trotzdem wurden sie alle in das Review aufgenommen. Auf dieser Datenbasis kommen die Autoren zu dem Schluss: „Die gepoolte Analyse klinischer Studien deutet darauf hin, dass die adjuvante Behandlung von Krebspatienten mit Iscador mit einer Senkung der Sterblichkeitsraten verbunden ist.“

Dies ist ein Muster, dass sich im Literatur-Grabenkampf zwischen anthroposophischen und nicht-anthroposophischen Medizinern immer wieder findet: Auf der einen Seite stehen naturwissenschaftlich orientierte Ärzte, die qualitativ ungenügende Evidenz bemängeln. Auf der anderen Seite stehen die Anhänger der Anthroposophie, die dieselben Daten als Wirksamkeitsnachweis verteidigen. Zuletzt konnte man das an einem Review beobachten, dass im März und April dieses Jahres in zwei Teilen im „Journal of Cancer Research and Clinical Oncology“ erschien. Wieder lautete das Ergebnis, dass „die meisten Studien […] keinen Einfluss der Mistel auf das Überleben zeigen“. Wieder zeigten vor allem die methodisch hochwertigen Studien keinen Effekt. Und wieder fanden die Autoren in der Literatur keinen Grund zu der Annahme, dass Misteltherapien die Lebensqualität verbessern.

Die Reaktion auf das Review ließ nicht lange auf sich warten. Im September veröffentlichte eine Gruppe anthroposophischer Ärzte von den Kliniken Witten/Herdecke und der Klinik Havelhöhe in Berlin einen Brief an den Chefredakteur des „Journal of Cancer Research and Clinical Oncology“. Darin betonen sie, dass eine Handvoll Studien, die im Review besprochen wurden, „signifikante Überlebensvorteile“ gezeigt hätten – es also nicht nur einen zufällig positiven Befund gebe. In ihrer Antwort auf den Brief verweisen die Autoren des Reviews darauf, dass derartige Ergebnisse bei schlechter Studienqualität eben wenig wert seien.

Anthroposophische Krebstherapie

Die Wirksamkeit von Mistelpräparaten bei Krebs ist also nicht nach den Standards der naturwissenschaftlichen Forschung nachgewiesen. Trotzdem werden sie von anthroposophischen Ärzten an Krebspatienten immer wieder eingesetzt. Wie Homöopathie und einige pflanzliche Heilmittel fallen die Präparate in Deutschland unter die „besonderen Therapieeinrichtungen“. Sie sind rezeptfrei erhältlich. Zugelassen sind sie nur für die Injektion direkt unter die Haut. Man muss aber nicht lange suchen, um Angebote anderer Art zu finden. So bietet die Ärztegemeinschaft Tauton aus Berlin Lichterfelde die Misteltherapie als „Infusion zur Stimulierung der Abwehrkraft“ und auch als „als Injektion direkt in den Tumor hinein“. Auf telefonische Anfrage wollte sich die Praxis dazu nicht äußern. Am anthroposophischen Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin sieht man „Mistelinfusionen und Injektionen direkt in den Tumor oder in Körperhöhlen“ als „sinnvolle Ergänzung“ zur konventionellen Krebstherapie.

Aus dem Forschungsinstitut Havelhöhe (FIH), das im Jahr 2007 aus einer Forschungseinrichtung des Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe hervorging, kommen auffallend viele Studien zur Wirksamkeit von Mistelpräparaten. Gründer und Leiter des FIH ist der Gastroenterologe Harald Matthes, Erstautor des oben zitierten Beschwerdebriefes. Matthes ist Ärztlicher Leiter und Geschäftsführer der Klinik. Seine Sicht auf die anthroposophische Krebsbehandlung in Forschung und Therapie erklärte Matthes im Jahr 2014 in einem Interview, das in einem Magazin der Anthroposophischen Gesellschaft veröffentlicht ist. Darin sagt er: „Ausgangspunkt ist immer die Aussage Rudolf Steiners, dass die Mistel irgendwann einmal das Messer des Chirurgen ersetzen soll.“ Wie die Packungsbeilage von Iscador P verweist auch Matthes auf nicht näher erläuterte „Kräfte”, an denen es bei einer Krebserkrankung mangele. „Wir wissen heute, dass der Krebs eine Erkrankung des gesamten Organismus ist; es handelt sich um ein Fehlen an Integrationskräften.“ Ein Tumor sei „ja nur das Symptom dessen, was an fehlenden Gestaltungskräften dahintersteht“. Bei der Therapie gehe es immer um die Frage, ob „das Symptom Tumor als solches“ in den Blick genommen werden dürfe – oder ob nicht eher die „Desintegrationskraft“ angesprochen werden müsse. „Zwischen diesen Seiten wird wahrscheinlich auch das eigentliche Misteltherapeutikum zu suchen sein.”

Auf die Frage, was mit dieser Integrationskraft gemeint sei, antwortet Matthes per E-Mail: „Das Ganze ist mehr als seine Teile! […] Bei Krebs zerfällt dieses Ganze: Die Zellen unterliegen in ihrem Wachstum nicht mehr dem Gesamtorganismus (Morphe).“ Als Beispiel für das Wirken einer besonderen Kraft nennt Matthes die Homöostase, also die Fähigkeit des Körpers, bestimmte physiologische Parameter wie die Temperatur oder den Blutzuckerspiegel selbst zu regulieren. Da bei der Herstellung einer Homöostase Energie benötigt werde, „muss eine Kraft hinter dieser Herstellung der Homöostase liegen“. Diese für den Gesamtorganismus wirkende Kraft umfasse aber mehrere Dimensionen, die sich gegenseitig beeinflussen, darunter die „biologische, psychische, soziale und spirituelle“. Es nutze nichts, „einzelne Regelkreise auf einer Systemebene zu beschreiben und die vertikale Beeinflussung der Systemebenen außen vor zu lassen”, schreibt Mattes. Aus seiner Sicht komme man daher „nicht umhin […] von systematischen, also übergeordneten gestaltbildenden (morphogenen) Kräften zu sprechen“.

Woher kommt das Geld für die Studien?

Wenn anthroposophische Ärzte ihren Heilverfahren höhere Kräfte zuschreiben, dann wundert es nicht, wenn sie trotz der mehr als schwachen Studienlage längst von der Wirksamkeit der Mistel überzeugt sind. Dann geht es nur noch darum, die Wahrheiten aus dem Munde Steiners zu belegen. Genau dieses Vorhaben wird seit etwa zwei Jahrzehnten mit aller Macht und viel Geld vorabgetrieben. Betrachtet man die Literatur aus dem FIH, die diesen Beleg liefern will, etwas genauer, fällt auf: Die Studien, ihre Datenbasis und ihre Autoren wurden und werden im großen Stil von Herstellern anthroposophischer Präparate und anthroposophischen  Stiftungen finanziert. Außerdem lässt die Auswahl der Daten, die in die Studien einflossen, entscheidende Fragen offen.

Eine Suche nach Mistel-bezogenen Artikeln mit Matthes als Koautor liefert für die Zeit ab 2005 insgesamt 16 Studien. Vierzehn davon berichten Ergebnisse zur Sicherheit oder Wirksamkeit von Mistelpräparaten bei Krebs – allesamt positiv. Die Daten von elf der Studien stammen aus dem sogenannten Netzwerk Onkologie, einem „Zusammenschluss von onkologischen, integrativen und anthroposophisch-onkologischen Kliniken, Ambulanzen und Arztpraxen“, wie auf der Webseite des FIH steht. In acht dieser Studien wurden Präparate der Hersteller Iscador, Helixor oder Abnoba verwendet. In drei wird das Präparat nicht weiter benannt.

Schaut man in die Angaben zur Finanzierung dieser Studien, findet man bei neun Studien eine Variante des folgenden Satzes: „Das Netzwerk Onkologie wurde durch uneingeschränkte Forschungsstipendien der Iscador AG Arlesheim, Schweiz, der ABNOBA GmbH Pforzheim, Deutschland, und der Helixor GmbH Rosenfeld, Deutschland, finanziert.“ Die ABNOBA ist nach eigenen Worten „ein unabhängiger, mittelständischer und forschender Arzneimittel-Hersteller“ eines Mistelpräparates, Helixor bezeichnet sich auf seiner Internetseite als „ein pharmazeutisches Unternehmen für integrative Medizin“, hergestellt werden Arzneimittel aus Mistel und Christrose.

In den vier jüngsten Artikeln erklärt ein Koautor und Mitarbeiter am FIH, Friedemann Schad, dass er „für Arbeiten außerhalb dieser Veröffentlichung“ Geld von Helixor, Abnoba oder Iscador erhalten habe. In den drei Studien, deren Daten nicht aus dem Netzwerk Onkologie stammen, kam ausschließlich Iscador zum Einsatz. Hier kam die Finanzierung vom Verein für Krebsforschung in Arlesheim, der Eigentümer der Markenrechte ist und die Vermarktungsrechte der Produkte der Iscador AG hält.

Screenshot der Webseite der Firma Iscador

(Foto: Screenshot)

Die finanziellen Verflechtungen zwischen anthroposophisch-medizinischer Forschung und Anthroposophie-Lobby reichen noch tiefer. In den Finanzierungsangaben der obigen Artikel taucht immer wieder die Software AG Stiftung auf. Die Software AG ist einer der größten IT-Konzerne Europas. Ihr Gründer Peter Schnell hat im Jahr 1992 insgesamt 98 Prozent der Aktien seines Unternehmens in die Software AG Stiftung eingebracht. Ihr Vermögen beträgt laut der Webseite der Stiftung „mehr als 1,2 Milliarden Euro“. Als „Schlüsselorte bzw. Schwerpunktthemen“ der Förderung nennt die Stiftung die (anthroposophische) Alanus-Hochschule in Mannheim, das biologisch-dynamische Dorfprojekt Juchowo in Polen und ganz allgemein die Anthroposophische Medizin.

Seit 2008 hat die Software AG Stiftung insgesamt elf Habilitationen anthroposophischer Mediziner finanziert. Sie ermöglichte auch die „Anthroposophic Medicine Outcomes Study“ (AMOS-Studie), aus der insgesamt 21 Publikationen zur Heileurythmie und anderen anthroposophischen Therapieansätzen hervorgingen. Laut dem hauseigenen Magazin „implizit” engagiert sich die Stiftung außerdem „verstärkt […] an Forschungsinstituten – zum Beispiel dem Institut für angewandte Erkenntnistheorie und medizinische Methodologie in Freiburg, dem Forschungsinstitut Havelhöhe in Berlin, …“.

Welcher Art dieses Engagement ist, zeigt ein Blick in die Habilitationsschrift von Harald Matthes. So finanzierte die Software AG Stiftung ab 2003 das 3,5 Millionen Euro teure Projekt EvaMed „mit über 65% des Gesamtvolumens“. EvaMed steht für „Evaluation of Anthroposophic Medicine“. Im Rahmen des Projekts wurde ein elektronisches Ärztenetzwerk aufgebaut, laut dem Titel von Matthes Habilitation zur „Beurteilung von Arzneimittelindikationen, -sicherheit, -wirksamkeit und -nutzen in der konventionellen und komplementären Medizin unter spezieller Berücksichtigung der Anthroposophischen Medizin“. Teil des Projektes war auch der Aufbau des Netzwerks Onkologie mit spezieller Eingabemaske für Misteltherapien.

Die Software AG Stiftung hat auch Geld für mehrere Professuren gestiftet: Etwa für die von Friedrich Edelhäuser an der Universität Witten/Herdecke, wo dieser ein Integriertes Begleitstudium „Anthroposophische Medizin“ leitet. Seit 2017 hält Matthes eine Stiftungsprofessur für Integrative und Anthroposophische Medizin am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Charité Berlin. Finanziert wird sie von der Software AG Stiftung, wie die Presseabteilung der Charité bestätigt. Auf der Webseite der Charité findet sich dazu nichts.

Die Software AG Stiftung ist nicht der einzige finanzmächtige Förderer der anthroposophischen Medizin. Zum Beispiel stammte die restliche Finanzierung für das EvaMed-Projekt unter anderem von der Helixor Stiftung, der Hauschka Stiftung, der Mahle Stiftung und den Firmen Abnoba, Wala und Weleda. Kurz nach der Habilitation im Jahr 2012 wurde Matthes zum Mitglied des Verwaltungsrates der Weleda AG berufen. Diese Beziehung hat Matthes in seinen Publikationen allerdings nicht durchgängig angegeben – und wenn, dann nicht immer als Interessenkonflikt. Zum Beispiel in einem Artikel aus dem Jahr 2014. Darin kam Iscador zum Einsatz, das bis Herbst 2015 noch von Weleda vertrieben wurde. Das Mittel wurde sogar von Weleda zur Verfügung gestellt. Matthes war in dieser Studie „hauptsächlich dafür verantwortlich, die klinischen Patientendaten zur Verfügung zu stellen“. Dennoch habe er „keine Interessekonflikte”. Ein Hinweis auf seine Position bei Weleda findet sich nicht. Alle Autoren „legen offen, dass es keine finanziellen oder persönlichen Beziehungen mit anderen Personen oder Organisationen gibt, die die Arbeit auf unangemessene Wiese beeinflussen können“, heißt es.

Auch in einem späteren Artikel im Fachmagazin PLOS One aus dem Jahr 2018 gibt es offenbar Probleme mit der Transparenz – so sind keine Angaben zu Matthes‘ Mitgliedschaft im Verwaltungsrat bei Weleda zu finden. In den Bedingungen zur Angabe von Interessenkonflikten bei PLOS One steht auch: „Nichtfinanzielle Interessenkonflikte umfassen unter anderem: Beziehungen (bezahlt oder unbezahlt) zu Unternehmen […], Persönliche Überzeugungen (politische, religiöse, ideologische oder andere) die im Zusammenhang mit dem Thema einer Arbeit stehen und einen unvoreingenommenen Publikationsprozess stören könnten.“ Auf Nachfrage von MedWatch untersucht PLOS One nun diesen möglichen Interessenkonflikt.

Auf die Frage, ob er in der Anhängerschaft zur Anthroposophie einen potenziellen Interessenkonflikt in der Forschung sehe, schreibt Matthes, Medizin ohne ein Menschenbild sei nicht möglich. Menschenbilder könnten nicht wissenschaftlich bewiesen werden, sondern seien transzendenter Natur. Wissenschaft beginne da, wo aus diesen transzendenten Menschenbildern „Ableitungen“ vorgenommen werden, welche wissenschaftlich untersucht werden müssten. Mit Ableitungen sind Vorhersagen gemeint, die sich aus dem anthroposophischen Weltmodell ergeben: Zum Beispiel, dass sich schwere Krankheiten durch eine Behandlung des Astralleibs mit anthroposophischen Mitteln heilen lassen.

Gelänge dieser Nachweis, käme das einer wissenschaftlichen Revolution gleich, die Matthes und seinen Mitarbeitern vermutlich mehrere Nobelpreise einbringen würde. Warum gibt es dann keine hochwertigen Studien? Auf Anfrage antwortet Matthes, dass Studien, bei denen Mistelpräparate anders eingesetzt werden als zugelassen, von den Herstellern selbst initiiert werden müssten. Außerdem könnten prospektive randomisierte Studien bei fortgeschrittenem Krebs nicht durchgeführt werden.

„Die Aussage, dass Patienten mit weit fortgeschrittener Tumorerkrankung sich nicht randomisieren lassen, wird durch zahlreiche Medikamenten- und andere Studien in der Onkologie widerlegt“, sagt Jutta Hübner, Koautorin der Übersichtsstudie im Journal of Cancer Research and Clinical Oncology, bei der die Misteltherapie nicht gut davonkam. Es müsse aber auch gar nicht sofort eine randomisierte Studie sein, man könne ja mit einer einarmigen Studie anfangen, sagt Hübner, die auch Mitglied des Beirats von MedWatch ist. „Es wäre schon ein erster Schritt, wenn die Anthroposophen einmal eine komplette Fallserie publizieren würden.“ Aber hier wie auch bei anderen Mistelthemen finde man stets nur Fallbeispiele oder kleine Fallserien, bei denen man dann nicht wisse, ob alle mit der Mistel behandelten Patienten in die Analyse eingegangen sind – oder nur die, bei denen es gut geklappt hat.

Der Masterplan

Dass groß angelegte, methodisch einwandfreie Studien zur Wirksamkeit der Misteltherapie von anthroposophischer Seite nicht verfolgt werden, könnte auch daran liegen, dass ein negatives Ergebnis aus ideologischer Sicht verheerend wäre. Immerhin ist die Mistel „unsere Speerspitze bei den Medikamenten“, wie Matthes im Interview von 2014 sagte. „Die Beschäftigung mit der Mistel [steht] für mich stellvertretend für das, was das gesamte anthroposophische Medizinsystem erstreben kann: Von der Binnenanerkennung zu einer echten Verbreitung der Anthroposophischen Medizin zu kommen.“

Genau daran arbeiten das Goethaneum und die Software AG Stiftung mit Nachdruck. Im Jahr 2012 schrieb Michaela Glöckler in einem Grußwort zur Veröffentlichung eines Tätigkeitsberichts, die entscheidende Aufgabe für das kommende Jahrzehnt sei „das ‚Geistparadigma‘ akademisch zu legitimieren.“ Die gegenwärtige Medizin werde durch das „naturwissenschaftliche Paradigma des materialistischen Reduktionismus bestimmt”, schreibt sie. „Der Mensch als geistiges Wesen, die spirituelle Seite dieser Welt bleiben Privatsache. Hier gilt es an einem Paradigmenwechsel zu arbeiten.“ Dafür brauche es anerkannte Lehrstühle – anthroposophische Ärzte müssten sich „regulär habilitieren und Lehrstuhlinhaber werden.“

Zu diesem Zweck ist laut Glöckler schon zu Beginn des Jahrhunderts ein durch die Software AG Stiftung geförderter „Masterplan zur Akademisierung der Anthroposophischen Medizin“ erstellt worden. In der ersten Version dieses Plans heißt es: „Die anthroposophischen Vorstellungen von Mensch und Natur sind nicht oder wenig kommensurabel mit den Theorien konventioneller Naturwissenschaft; dies liegt nicht primär an der Anthroposophie, sondern an … konzeptionellen Fehlkonstruktionen im Korpus der herkömmlichen Naturwissenschaft.“ In seinem Buch „Die Anthroposophie“ schreibt der Historiker Helmut Zander, eine spätere Version des Masterplans sei im Jahr 2008 von Harald Matthes zusammengestellt worden. Er umfasse etwa die Einrichtung von fünf universitären Lehrstühlen, die Förderung von ungefähr zehn Habilitationen, die Etablierung eines Masterstudiengangs für anthroposophische Medizin oder experimentelle Grundlagenforschung „zur Absicherung der anthroposophisch-menschenkundlichen Grundkonzeption“.

Was mit dem neuen Wissenschafts- und Methodenkonzept der anthroposophischen Medizin gemeint ist, kann man beim „Institut für angewandte Erkenntnistheorie und medizinische Methodologie“ (IFAEMM) nachlesen. Es ist der Universität Witten/Herdecke angegliedert und hat zwischen 1998 und 2003 zusammen mit dem Institut für Sozialmedizin der Charité – wo Matthes heute seine Stiftungsprofessur hält – die AMOS-Studie durchgeführt. Das Forschungsinstitut Havelhöhe nennt das IFAEMM als Kooperationspartner. In der Sektion „Der Wirksamkeitsnachweis in der Medizin” des IFAEMM steht, wissenschaftliche Übersichtsarbeiten könnten zwar einen guten Überblick über die externe Evidenz geben. Es gebe da aber noch eine weitere Art von Evidenz, die interne Evidenz. Diese ergebe sich aus „kontrollgruppenfreien Methoden, weswegen sie – in nicht-formalisierter Weise – auch vom einzelnen Arzt zur Beurteilung seiner Therapiehandlungen eingesetzt werden können.“ Für die Beurteilung der Wirksamkeit einer Behandlung reicht es demnach, wenn ein behandelnder Arzt beim Vorher-Nachher-Vergleich eine Veränderung des Zustandes wahrnimmt. Das IFAEMM nennt diese Vorgehensweise Cognition Based Medicine.

Die so erhobenen Daten müssen dann nur noch gesammelt werden und von anthroposophischen Ärzten in akademische Artikel übersetzt werden. So soll die anthroposophische Erkenntnis- und Behandlungsmethode nach und nach an deutschen Universitäten, in Kliniken und Arztpraxen etabliert werden, mit der Misteltherapie als Speerspitze. Das ist der Masterplan der anthroposophischen Medizin.

Titelfoto: congerdesign / Pixabay


Sie wollen über MedWatch informiert bleiben? Abonnieren Sie unseren Newsletter – oder folgen Sie uns auf Facebook oder Twitter. Damit wir MedWatch als unabhängiges Online-Magazin betreiben können, sind wir auf Ihre Unterstützung angewiesen – hier geht’s zu unserer Crowdfunding-Kampagne.

Share This