Gemeinsam mit dem ARD-Politmagazin Kontraste recherchierten wir im Fall MMS. Ein Investigativteam war auch bei Lutz R., einem Arzt mit eigener Praxis in Thüringen. Er hatte vor gut vier Jahren  auf einem Vortrag erklärt, große Erfolge mit dem vermeintlichen Wundermittel „Miracle Mineral Supplement“ (MMS) erzielt zu haben. Dabei handelt es sich jedoch um einen gesundheitsgefährlichen Stoff, der Verätzungen hervorrufen kann und vor dem die Behörden warnen.

Er empfahl das Mittel gegen Krebs, bei Lungenentzündungen oder Autismus. Eine Testpatientin suchte ihn im Rahmen der Recherche mit einem achtjährigen Kind auf, das vermeintlich Autismus hatte. Die Mutter habe von MMS gehört – könne R. sie beraten? Impfungen seien der Haken, „an dem die Kinder heutzutage aufgehängt werden“, sagte der Arzt damals – diese enthielten Affenniere, Karnickelhirn und Konservierungsmittel sowie Aluminiumoxide. Nach Behandlung mit MMS hingegen hätte eine 90-Jährige keine Erkältungen mehr gehabt, ein Kind mit Autismus habe nachdreimonatiger Behandlung eine Stunde lang spielen können. „Er ist dadurch kindergartenfähig geworden“, sagte R. „Ich bin gespannt, was wir noch alles schaffen werden“, sagte der Arzt damals.

„Lassen Sie es langsam reinlaufen“

„Sie werden MMS-Patienten, sie werden nämlich Einläufe machen“, sagte R.: Auf diesem Anwendungswege empfehlen auch andere Menschen die gefährliche MMS-Behandlung bei Kindern mit Autismus, die die Darmschleimhaut ablösen kann. Er verkaufte das Mittel sogar direkt in der Praxis. „Lassen Sie es langsam reinlaufen, dann ist das drin, und dann kommt das wieder raus, und der Wirkstoff ist drin“, sagte R.

Die Staatsanwaltschaft Erfurt nahm in Folge unserer Recherche zwar im April 2018 Ermittlungen auf – stellte diese aber vor kurzem wieder ein. Es seien keine konkreten und verfolgbaren Straftaten nachweisbar, ein Verdacht ließe sich „nicht begründen“. Für die von R. selbst geschilderten Fälle sei ein möglicher Tatzeitpunkt unbekannt, außerdem seien sie vielleicht bereits verjährt. Für den Testkauf machten wir von unserem journalistischen Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch, um die Identität der Testpatienten zu schützen.

„Bei Ärzten gehört die Approbation entzogen“

Der Arzt bestritt später auf Nachfrage, MMS empfohlen zu haben. „Ich behandle niemanden mit Chlordioxid-Lösung“, schrieb er MedWatch. „Ausführungen über die Chlordioxid-Anwendung bei einem autistischen Kind waren private Erfahrungen.“ Seine Ehefrau erklärte gegenüber „Kontraste“: „Solange wir hier als Kassenarzt tätig sind, würde es uns nie einfallen, irgendwelche Substanzen anzuwenden, die jetzt nicht offiziell erlaubt sind.“

„Der Verkauf von solchen Substanzen ist meiner Ansicht nach ein klarer Rechtsverstoß“, erklärte Bernd Mühlbauer, Institut für Pharmakologie Bremen. „Denn Ärzte dürfen keine Substanzen, Arzneimittel oder solche Dinge verkaufen.“ Die Behörden müssten in Sachen MMS eingreifen, um Schaden abzuwenden, erklärte der FDP-Gesundheitspolitiker Andrew Ullmann gegenüber MedWatch. „Leute, die das vertreiben, begehen Körperverletzung und sie müssten bestraft werden.“ Bei Ärzten, die MMS verkaufen, müsse die Kammer eingreifen und gegebenenfalls die Approbation entziehen. „Wenn solche Verhaltensweisen bekannt werden, gehört für mich bei Ärzten die Approbation entzogen“, erklärte auch die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Sabine Dittmar, gegenüber MedWatch.

Polizei macht Undercover-Besuch

Dabei unternahmen die Ermittlungsbehörden durchaus einige Schritte, um herauszufinden, ob R. MMS verkauft. Die Polizei sprach laut Staatsanwaltschaft unter einer gleichlautenden Legende wie unsere Testperson beim Arzt vor – allerdings erst gut drei Monate nach Veröffentlichung der Recherche. „Zu der Empfehlung einer MMS-Behandlung kam es nicht“, heißt es im Einstellungsbescheid der Staatsanwaltschaft, der MedWatch vorliegt. Auch aus dem in der Praxis ausliegendem Informationsmaterial habe es keine Anhaltspunkte auf eine MMS-Behandlung gegeben. Eine Durchsuchung der Praxis käme nicht in Betracht, schreibt der Staatsanwalt – hierfür müsste einerseits mindestens ein Anfangsverdacht vorliegen, außerdem unterlägen Patientenunterlagen eines Arztes der Beschlagnahmefreiheit.

Obwohl im „Kontraste“-Beitrag dokumentiert ist, wie R. zur Autismus-Behandlung MMS verkauft, schreibt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft, dass für ein Inverkehrbringen solcher Stoffe durch den Arzt selbst „keine ausreichenden Anhaltspunkte“ vorliegen: Zu den Inhaltsstoffen lägen nämlich keine laboranalytischen Untersuchungen vor. Zudem stünde nach Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte für die „Tatprovokation“ ein Beweisverwertungsverbot im Raum. „Weitere Angaben zu diesem Sachverhalt kann ich nicht mehr machen“, erklärt der Sprecher.

Ärztekammer prüft seit mehr als einem Jahr

MedWatch fragte in Folge der Recherche auch bei der Landesärztekammer Thüringen nach, der die früheren Äußerungen R.s noch unbekannt waren – die Kammer werde aber „die notwendigen Schritte zur berufsrechtlichen Überprüfung einleiten“. Nach gut einem halben Jahr erklärte eine Sprecherin, der Fall befände sich im Stadium eines berufsrechtlichen Ermittlungsverfahrens: Vorermittlungen seien abgeschlossen und es lägen Anhaltspunkte vor, die den Verdacht auf einen Verstoß gegen die Berufsordnung nahelegen.

Jetzt erklärte die Sprecherin, dass das Verfahren kurz vor dem Abschluss stände. Bei diesem sei die Frage, ob es sich bei MMS um ein Arzneimittel handelt. Jedoch regelt Paragraph 2 des Arzneimittelgesetzes, dass zur Anwendung im oder am menschlichen Körper bestimmte Stoffe, die zur Heilung oder Linderung von Krankheiten bestimmt sind, als Arzneimittel zu werten sind.

Was sagt die für den Wohnort zuständige Kreisverwaltung, bei der etwa bei Gefahr im Verzug auch das Jugend-, Gesundheits- oder Ordnungsamt eingreifen könnte? „Sowas habe ich noch nie gehört“, erklärt der Sachgebietsleiter im Jugendamt. „Wir wissen davon nichts.“ Nach Rücksprache mit der Leiterin des Gesundheitsamtes erklärte auch die Sprecherin des Landrats, „dass wir nicht zuständig sind und Ihre Anfragen nicht beantworten können“ – sie verwies wiederum allgemein auf die Ärztekammer. Kinder müssten außerdem „hauptsächlich von Eltern geschützt werden“, sagt die Sprecherin. Wenn diese nicht auf das Jugendamt zukämen, „können wir als Behörde nichts machen“.

Titelfoto: Screenshot / Kontraste


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