Viel Melatonin in Pistazien? Fachzeitschrift äußert nach MedWatch-Recherchen Bedenken

Pistazien in einer Schale. Photo by Mohd Radhi Noror Gumiet on Unsplash

Wer Pistazien isst, nimmt große Mengen des Schlafhormons Melatonin zu sich – so stand es bis Anfang des Jahres etwa auf Wikipedia. 23 Milligramm Melatonin soll in 100 Gramm Trockengewicht Pistazien enthalten sein – ein Vielfaches mehr als in jedem anderen untersuchten Lebensmittel. Doch nach MedWatch-Recherchen gibt es hieran erhebliche Zweifel: Die Zahlen zu den angeblich hohen Melatonin-Gehalten von Pistazien basieren auf einer einzelnen Studie. In Folge unserer Recherche wurde diese nun mit einem Warnhinweis versehen, wie diese Woche auch das Fachportal „Retraction Watch“ berichtete.

In ihrem Artikel in der Fachzeitschrift „Spectrochimica Acta Part A“ hatten iranische Forscher vier verschiedene Pistaziensorten mit zwei Methoden untersucht. Mit einer Fluoreszenz-basierten Methode fanden sie praktisch identische Werte von 23 Milligramm Melatonin pro 100 Gramm Pistazien, mit der zweiten Methode Gehalte von 22,7 bis 23,3 Milligramm Melatonin pro 100 Gramm Pistazien. Pro Sorte wurde offenbar jeweils nur eine Probe untersucht, Schwankungsbreiten gaben die Forscher nicht an. Melatonin habe „auch therapeutische Eigenschaften“, behaupten sie in ihrem Artikel. Es sei „Anti-Tumor“, „Anti-Alterung“ und schütze das Immunsystem. „Aufgrund der zahlreichen medizinischen Effekte von Melatonin kann seine Anwesenheit in Pistazien-Kernen – eine gewöhnliche Nuss – eine wohlschmeckende Melatonin-Quelle für uns darstellen“, schreiben die Forscher. Iran ist einer der größten Pistazien-Exporteure.

„Komplett ausschließen können wir Fehler nicht“

Da sich auch deutsche Pharmahändler auf die Studie bezogen – um zu argumentieren, dass auch in Lebensmitteln viel Melatonin enthalten ist und sie ihre Schlafmittel frei verkaufen dürfen – ließ das Verwaltungsgericht Braunschweig Analysen durchführen. Über eine Informationsfreiheitsanfrage beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit erhielt MedWatch die Unterlagen: Bei insgesamt acht Proben von zwei Lieferanten aus derselben Anbauregion im Iran war Melatonin nicht nachweisbar – bei einer Nachweisgrenze von 0,000055 Milligramm pro Gramm Pistazien. „Mit beiden verwendeten Methoden konnte Melatonin in den untersuchten Proben nicht nachgewiesen werden“, stellt das Gutachten fest. Nach Ansicht der Experten konnten die iranischen Forscher mit ihrer Methodik den Melatonin-Gehalt gar nicht genau beziffern, da ihre Analysen zu unspezifisch waren: Sie haben womöglich den Gehalt von anderen Molekülen bestimmt. Der Pharmahändler, der damals geklagt hatte, zog nach dem Gutachten die Klage zurück.

Wir schrieben einen der Herausgeber des Fachjournals, in dem die iranische Studie erschienen war, an: Der Biophysiker Werner Mäntele von der Uni Frankfurt antwortete, dass zwei Fachgutachter den Artikel geprüft hätten. Sie hatten eine Überarbeitung angemahnt, nach welcher der Artikel veröffentlicht wurde. „Soweit mir die einzelnen Schritte zugänglich sind, war diese Entscheidung gerechtfertigt“, schrieb Mäntele zunächst. Die „wissenschaftliche Ethik“ habe bei Publikationen bei vielen Autoren leider sehr nachgelassen, schrieb er, vermutlich aufgrund des Publikationsdrucks der Forschungseinrichtungen. „Wir entwickeln kriminalistische Fähigkeiten, wenn wir Netzwerke korrupter Autoren und Reviewer vermuten, aber komplett ausschließen können wir Fehler nicht.“

Herausgeber belegt Pistazien-Studie mit „expression of concern“

Die Herausgeber entschieden sich, den Artikel nicht zurückzuziehen, sondern ihn um eine Warnung zu ergänzen, dass Misstrauen bei den Daten angebracht ist – eine sogenannte „expression of concern“. Die Herausgeber von Spectrochimica Acta A seien darüber informiert worden, dass eine unabhängige Analyse keine Spuren von Melatonin in Pistazien aus derselben Region wie in diesem Artikel detektieren konnte, heißt es in dem Warnhinweis – und dass die Methodik als ungenügend angesehen wurde. „Die Autoren des Papiers erklären, dass die beschriebene Methodik valide ist und dass die Diskrepanz im Melatoningehalt vielleicht durch die hohe Variabilität von Jahr zu Jahr sowie die Erntebedingungen erklärt werden könnte.“ Obwohl die von ihnen veröffentlichten Melatonin-Konzentrationen äußerst ähnlich waren, erklärten sie laut Mäntele, dass der Melatoningehalt von pflanzlichen Produkten sehr variabel sein könne: Daher sei es ihrer Ansicht nach möglich, dass sowohl ihre Untersuchung als auch das Gutachten korrekt sind.

Foto: Mohd Radhi Noror Gumiet on Unsplash

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