Ein Homöopath veranstaltet eine Fortbildung, Titel: „Möglichkeiten und Grenzen homöopathischer Therapieansätze in der Allgemeinmedizin“, etwa am Beispiel von Herz-Kreislauferkrankungen. Auf seiner Praxis-Homepage rät er gleichzeitig dazu, andere Arzneimittel neben Homöopathika nur nach Rücksprache zu nutzen. Ein Qualitätszirkel „Auseinandersetzung mit homöopathischen Arzneimitteln bei verschiedenen medizinischen Indikationsgebieten“ bietet Infos zur „Unterstützung bei Entgiftung“, und eine Fortbildung dreht sich um „Homöopathie und schwere Morbidität – Schwersterkrankungen mit mehrdimensionalem Behandlungsbedarf“. Darin soll es um die Therapie von Karzinompatienten sowie von „Geistes- und Gemütskrankheiten“ gehen, die Ankündigung ist versehen mit dem Hinweis „Bitte denken Sie an Ihren Barcode-Aufkleber!“.

Derartige fragwürdige Fortbildungen sollen zukünftig nicht mehr das offizielle Siegel der Ärztekammer Berlin und somit keine Fortbildungspunkte mehr erhalten, sagte am gestrigen Mittwoch ihr Präsident Günther Jonitz auf einer Veranstaltung der Berliner Wirtschaftsgespräche. Er betont, dass Homöopathika nicht besser wirken als Placebos. „Es gibt kein Gebiet in der Medizin, in dem es so viel Evidenz gibt, dass es nicht wirkt“, erklärte der Chirurg, der auch Mitglied im Vorstand der Bundesärztekammer ist. Dies beißt sich mit der Anforderung, dass Fortbildungen laut Berliner Fortbildungsordnung neue wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen müssen – im Falle der Homöopathie hieße das also offenbar, nicht nur die 200-Jahre alte Lehre Samuel Hahnemanns zu referieren, sondern auch darauf hinzuweisen, dass die Therapierichtung nicht besser als ein Placebo wirkt. „Die Wahrscheinlichkeit, dass es ab 2019 für homöopathische Fortbildungen keine Punkte mehr gibt, ist sehr groß“, sagte Jonitz.

Jonitz: Ärzte arbeiten in einem „perversen System“

Von den meisten Ärzten, die Globuli und Co verschreiben, werde die Homöopathie als „Trick oder Notfallmaßnahme“ eingesetzt, erklärte der Ärztepräsident: Sie würden sie bei kleineren gesundheitlichen Problemen empfehlen, damit der Patient ein Mittel nehmen kann – in der Hand verantwortungsbewusster Ärzte würde dies keinen Schaden anrichten. Bei Heilpraktikern sei dies womöglich anders, auch da sie keine Kontrolle durch eine Berufskammer haben. Ursache für die Verwendung der Homöopathie sei das irrationale Bedürfnis eines Patienten, der in Not ist – da sei die Gabe eines Placebos die schnellste und einfachste Lösungsmöglichkeit. „Damit haben sie die Arzt-Patienten-Beziehung gestärkt“, erklärte Jonitz. Patienten seien ja nicht gezwungen, das Präparat einzunehmen, das der Arzt ihnen aufschreibt.

Hiermit traf er auf entschiedenen Widerspruch: Es könne doch nicht sein, dass der Arzt seinen Patienten hintergeht, erklärte die Moderatorin, Wissenschaftsjournalistin Christina Sartori. Jonitz verwies darauf, dass Mediziner in einem „perversen“ System mit Ökonomisierungsdruck arbeiten müssten – Orthopäden bekämen teils nur einen Stundenlohn von fünf Euro. Die Kollegen finden Wege, um am Leben zu bleiben, sagte der Jonitz. Ein ertragreiches Geschäftsprinzip im Gesundheitswesen sei ganz einfach: Angst schüren – Hoffnung verkaufen, erklärte er und verwies darauf, dass etwa auch Apotheker mit äußerst fragwürdigen Aussagen etwa für Erkältungsmittel werben – mit Slogans wie „Ihr Schutzschild gegen Erkältungsviren“. Dies sei „blühender Unsinn“ – dennoch würden Pharmazeuten damit in ihren Schaufensterwerben, kritisierte der Kammerpräsident.

Krankenkassen: „Systematische Fehlinformation“ zur Homöopathie

Während der diesjährige Bundesärztetag – anders als von Kritikern gefordert – die „Zusatzbezeichnung“ Homöopathie, die Mediziner nach einer Weiterbildung zur Werbung nutzen dürfen, nicht abgeschafft oder auch nur diskutiert hat, könnte sie in Berlin gleichfalls zur Disposition stehen. Jonitz verwies zunächst darauf, dass Behandlungsweisen wie die Homöopathie in die Hand von Ärzten gehöre – zeigte sich aber später kritischer. Denn nach dieser Argumentation müsste „jede Voodoo-Medizin“ in die Hand von Ärzten, wie ein Teilnehmer erklärte.

Unter Bezug auf einen Artikel namens „Why Doctors hate Science“ aus dem US-Magazin NewsWeek erklärte Gerd Antes, Leiter des Deutschen Cochrane-Zentrums und Mitglied des MedWatch-Beirats, dass auch in Deutschland viele Mediziner fragwürdige Praktikten verfolgen – und erwähnte den Präsidenten der Bundesärztekammer Frank Ulrich Montgomery, der sich in einem Radio-Interview positiv über die Homöopathie geäußert hatte. Placebo-Effekte würden „maßlos überbetont“, sagte Antes: Oftmals handelte es sich bei scheinbar positiven Effekten einfach um die natürliche Besserung von Beschwerden. Er argumentierte, dass die Forschung zur Homöopathie ganz eingestellt werden sollte, da die Studienlage bereits ausreichend klar sei.

Nur zwei von den 69 vom Bundesversicherungsamt beaufsichtigten Kassen seien bei der Homöopathie „Überzeugungstäter“, sagte Behördenchef Frank Plate. (Fotos: hfd)

Auch die Krankenkassen mussten erhebliche Kritik einstecken. Es sei eine „Lüge“, wenn sie Homöopathie als wirksam darstellen, obwohl sie von der Unwirksamkeit überzeugt sind, erklärte Christian Weymayr, Projektleiter des IGeL-Monitors, einem Projekt zur kritischen Bewertung von ärztlichen Zusatzleistungen, und Mitglied des Münsteraner Kreises. 99 Prozent der Kassen würden laut einer Erhebung des Bundesversicherungsamts homöopathische Leistungen erstatten, weil sie Versicherte gewinnen oder halten wollen, erklärte dessen Chef Frank Plate – nicht, weil sie es für richtig halten. Plate hatte gegenüber MedWatch die Erstattung von Leistungen ohne Nutzennachweis kritisiert. Praktisch alle Kassen würden in vertraulichen Interviews angeben, dass die Homöopathie nicht besser als ein Placebo helfe. „Das ist eine systematische Fehlinformation von Versicherten, um Versicherte zu gewinnen“, kritisierte Ärztepräsident Jonitz.


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