Laut Umfragen hat knapp jeder zweite Bundesbürger schon Erfahrungen mit homöopathischen Mitteln gemacht, in vielen Apotheken stehen sie prominent im Regal. Dabei enthalten die Mittel aufgrund starker Verdünnung praktisch keinen Wirkstoff – eine arzneiliche Wirkung ist somit eigentlich ausgeschlossen. Zwar können der Placebo-Effekt und die natürliche Gesundung bei Patienten den Eindruck wecken, auch homöopathische Präparate hätten einen Nutzen. Doch klären Apothekenmitarbeiter über den Stand der Wissenschaft auf, wenn sie Globuli verkaufen?

Ein Team um den Sozial- und Wirtschaftspsychologen Tilmann Betsch von der Uni Erfurt hat diese Frage untersucht. Für die Erhebung wurden je 25 Apotheken in Stuttgart, Erfurt, Leipzig und Frankfurt zufällig ausgesucht und verdeckte Interviews geführt. Vier Test-Kundinnen kamen mit derselben Geschichte in die Apotheken: Sie erzählten, Familienmitglieder seien erkältet und sie wollten daher ein Arzneimittel kaufen.

Wichtiges Thema bei der Bewertung der Beratungsgespräche war die Frage, ob Unterschiede in der Wirksamkeit zwischen homöopathischen und sonstigen Mitteln thematisiert wurden, und ob die Apothekenmitarbeiter in Sachen Wirksamkeit auf den Stand der Wissenschaft Bezug nahmen. „Nach den Leitlinien der Bundesapothekenkammer sollen Beratung und Beurteilung der Wirksamkeit von Präparaten nach pharmakologisch-toxikologischen Kriterien erfolgen“, erklärt Betsch zu der Untersuchung, die in der aktuellen Ausgabe des Magazins „Skeptiker“ erschienen ist.

Einige Apotheker boten von sich aus Homöopathika an

Wenn die Schein-Kundinnen allgemein nach Erkältungsmitteln fragten, rieten die Apothekenmitarbeiter im Großteil der Fälle erstmal zu herkömmlichen Halsschmerzmittel wie Dolo-Dobendan oder Lemocin, zu Nasensprays oder Schmerzmitteln. In 14 von 100 Beratungen boten sie neben anderen Präparaten auch homöopathische Mittel aktiv an, ohne dass die Kundinnen hiernach fragten, schreiben die Wissenschaftler.

  • In einem Fall gaben die Apothekenmitarbeiter an, dass keine Unterschiede in der Wirksamkeit zwischen homöopathischen und anderen Präparaten bestünden.
  • Achtmal wurde gesagt, dass Homöopathie bei Kindern besser als bei Erwachsenen wirke und sich deshalb auch als Alternative zu stärker wirkenden „schulmedizinischen“ Präparaten anböte.
  • Auf wissenschaftliche Evidenz wurde in diesem Zusammenhang nur in zwei Fällen Bezug genommen, schreiben die Forscher – und zwar indem behauptet wurde, dass die Wirkung von Homöopathie in klinischen Studien nachgewiesen worden sei.

Aber auch gut jeder zweite Apothekenmitarbeiter, der aktiv keine homöopathischen Präparate empfohlen hatte, erklärte auf eine anschließende Nachfrage, diese seien eine „Alternative“. Weitere sagten beispielsweise, die Mittel könnten zur Unterstützung genommen werden.

In lediglich 5 der 86 Fälle, in denen die Kundinnen von sich aus in Sachen Homöopathie nachfragten, wurden sie darauf aufmerksam gemacht, dass eine Wirkung von Homöopathika empirisch nicht nachgewiesen ist. „In 19 Fällen wurde sogar behauptet, dass die Wirkung homöopathischer Präparate durch klinische Studien eindeutig bewiesen sei“, schreiben die Forscher – in 11 weiteren Fällen verwiesen die Apothekenmitarbeiter auf einen Nachweis durch „Erfahrungswissen“.

„Deutlicher Weiterbildungsbedarf“

Zwar rate die Mehrzahl der Apothekenmitarbeiter zu wissenschaftlich untersuchter Medizin, erklärt Betsch – doch die Defizite in der Aufklärung machen in nachdenklich. „Was die Wirkung von Homöopathie betrifft, so zeichnet unser Untersuchungsergebnis ein eher düsteres Bild“, sagt er. „Zumindest was die Begründung ihrer Empfehlungen betrifft, folgte die überwiegende Mehrheit der von uns befragten Apotheker den wissenschaftlichen Leitlinien nicht“, kritisiert er. Daher bestünde bei vielen Apothekenmitarbeitern deutlicher Weiterbildungsbedarf.

Die Pressesprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) möchte auf Nachfrage zur Untersuchung keine Stellung nehmen, stattdessen flüchtet sie sich in Formalien: In der Untersuchung sei eine nicht ganz korrekte Bezeichnung von mehreren Filialapotheken, die einem Apotheker gehören, verwendet worden – der Begriff „Kette“ sei falsch. „Zu Studien, in denen bereits beim ersten Überfliegen Fehler auffallen wie die Behauptung, dass einige Apotheken zu einer Kette (!) gehören würde, äußern wir uns grundsätzlich nicht“, schreibt sie lapidar.

Sie verweist darüber hinaus auf das freiwillige Weiterbildungs-Curriculum der ABDA zu „Naturheilverfahren und Homöopathie“: Wenn Apotheker es absolvieren, dürfen sie anschließend gegenüber ihren Kunden mit ihrer Expertise in dem Bereich werben. Doch auch die ABDA erwähnt den Stand der Forschung zum Thema Homöopathie auf ihrer Internetseite nicht: Die „wissenschaftliche Evidenz“ findet in der Beschreibung der Weiterbildungen keine Erwähnung, aufgeführt ist hingegen die Vermittlung der „Grundlagen der Homöopathie“ sowie von Informationen über „wichtige und gebräuchliche Homöopathika, deren Herstellung und sachgerechte Anwendung“. In einem detaillierteren Dokument ist zwar erwähnt, dass „neueste wissenschaftliche Erkenntnisse“ berücksichtigt werden – doch wie sieht dies in der Praxis aus?

Wirkung sei unstrittig, behauptet Referent

Ein Beispiel für ein derartiges Kursprogramm ist bei der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg zu finden. Ein Vortrag des Curriculums ist mit „Wissenschaftlichkeit der Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen“ übertitelt, ihn hält der Arzt und Apotheker Markus Wiesenauer. Doch dieser hatte kürzlich argumentiert, in der „sensiblen Lebensphase“ Schwangerschaft werde die Homöopathie immer beliebter – „und damit zu einer therapeutischen Option“, wie es in einer Vortragsankündigung heißt. Wiesenauer erklärt außerdem, dass lediglich „manche Details des Wirkprinzips“ noch nicht verstanden seien. „Dass die Homöopathie wirkt, ist unstrittig!“, behauptet er – obwohl große internationale Übersichtsarbeiten das Gegenteil ergeben haben.

„Der fehlende Nutzen ist vielfach nachgewiesen“, erklärt hierzu Jürgen Windeler vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, das Arzneimittel und andere Therapien kritisch auf ihren Nutzen prüft. „Da kann man die Bücher drüber schließen“, sagt er. „Kunden dürfen erwarten, in einer Apotheke nach aktuellen wissenschaftlichen Kriterien beraten zu werden“, betont auch Studienautor Betsch.

Was sagt dazu der Apotheker-Dachverband ABDA? „Apotheker sind verpflichtet, ihre Patienten zu informieren und zu beraten“, bestätigt die Pressesprecherin allgemein. Inwiefern sollen Apotheker nach Ansicht des Verbands aber sachlich – also basierend auf dem Stand der Forschung – über Wirksamkeit und Nebenwirkungen von Therapien informieren? Apotheker seien „als freier Heilberuf unabhängig“, erklärt die Sprecherin.

 

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