Ein Vergleich sei gewagt: Die Aktion erinnert an den Kampf des Herakles mit einer vielköpfigen Hydra. In den letzten Tagen hat Facebook in seinem Netzwerk mehrere Gruppen mit zehntausenden Mitgliedern geschlossen, die sich dem Thema „Miracle Mineral Supplement“ (MMS) gewidmet haben: Das derart genannte „Wundermittel“, das gegen Infektionen, Autismus oder viele andere Krankheiten helfen soll, ist eigentlich ein potenziell gefährliches Mittel, vor dem Bundesbehörden mehrfach gewarnt haben. Einerseits sind schon die Ausgansstoffe bedenklich: Bei Natriumchlorit (NaClO2) handelt es sich chemisch um das Natriumsalz der Chlorigen Säure. Natriumchlorit stellt ein starkes Oxidationsmittel dar und sollte nicht mit Kochsalz (Natriumchlorid, Summenformel: NaCl) verwechselt werden. Wenn Natriumchlorit mit einer Säure versetzt wird – das heißt wenn beide Stoffe miteinander vermischt werden -, entsteht Chlordioxid (ClO2), eine hochreaktive chemische Mischung aus Chlor und Sauerstoff. Ende letzten Jahres wurde ein Verkäufer von MMS-Produkten zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt.

Betroffen war unter anderem die Gruppe „MMS nach Jim Humble & alternative Heilmethoden“, wie auch das Portal „Mimikama“ sowie T-Online berichteten.

„Die Zensur auf Facebook erreicht einen neuen Höhepunkt“, hieß es anschließend in einem Facebook-Beitrag. „Anscheinend im Dienste der Industrie (wem sonst sollte das nützen) werden Gruppen gelöscht, die sich mit alternativen Heilmethoden befassen.“ Laut einem Administrator der Gruppen hat es auch mehrere englischsprachige sowie spanischsprachige Gruppen mit tausenden Nutzern „erwischt“.

Nach den Löschungen entstanden allerdings schnell neue Gruppen auf Facebook, die innerhalb weniger Tage vierstellige Nutzerzahlen hatten. Doch für „MMS nach Jim Humble & alternative Heilmethoden (neu)“ war nach kurzer Zeit am heutigen Montag wieder Schluss: Da sie die Gemeinschaftsstandards verletzte, hat Facebook sie gelöscht, heißt es in einem Facebook-Beitrag.

Auf Nachfrage wollte Facebook die Schließungen weder bestätigen noch dementieren. „Es werden keine Einzelfälle kommentiert“, erklärte eine Sprecherin gegenüber MedWatch. Sie verwies lediglich auf die „Gemeinschaftsstandards“ und die AGB. In den „Gemeinschaftsstandards“ heißt es unter anderem:

Es ist verboten, Facebook zur Förderung oder Organisation krimineller Aktivitäten zu nutzen, bei denen Personen, Unternehmen oder Tieren körperlicher Schaden zugefügt wird oder die Personen oder Unternehmen finanziell schaden. Wir arbeiten mit Strafverfolgungsbehörden zusammen, wenn wir zu dem Entschluss kommen, dass ein echtes Risiko physischer Gewalt oder eine Bedrohung der öffentlichen Sicherheit besteht.

Wir verbieten jegliche Versuche von Privatpersonen, verschreibungspflichtige Medikamente, Marihuana, Schusswaffen oder Munition zu kaufen, zu verkaufen oder damit zu handeln.

Manche Nutzer mutmaßten, die Löschungen könnten mit dem kürzlich in Kraft getretenen Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) zu tun haben. Doch die von dem Gesetz erfassten Straftaten – wie das „Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen“, die öffentlichen Aufforderung zu Straftaten oder die Bildung krimineller Vereinigungen – dürften höchstens auf wenige einzelne Beiträge aus den Gruppen zutreffen.

Auch die inzwischen gegründete Gruppe „MMS – Chlordioxid nach Jim Humble (NEU nach LÖSCHUNG)“ dürfte so nur von kurzer Dauer sein. Nach einer elf Jahre dauernden „phänomenalen Verbreitung des Themas“ sei nun der Zeitpunkt gekommen „Facebook langsam ‚lebe Wohl‘ zu sagen und mit einer eigenen Plattform den nächsten Schritt zu gehen, um unabhängig von politischen und wirtschaftlichen Interessen zu sein“, schrieb einer der Organisatoren. Einige Personen schlugen vor, zu einem russischen sozialen Netzwerk umzuziehen. Es ist also zu erwarten, dass die Anhänger von MMS zunehmend in den „Untergrund“ gehen.

Facebook sieht offenbar nicht überall Handlungsbedarf: Die Gruppe „MMS-Einläufe nach Klinghardt & Kalcker“ sei geprüft worden, heißt es in einer Nachricht vom gestrigen Montag. Facebook habe „festgestellt, dass sie nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards verstößt“, erklärt der Konzern in der Antwort. In der wegen „Darstellung von Selbstverletzung“ gemeldeten Gruppe „DMSO – Verborgenes Heilwissen aus der Natur“ hat Facebook laut der Antwort an einen Nutzer Beiträge gelöscht, die Gruppe jedoch nicht gesperrt. Bei Dimethylsulfoxid (DMSO) handelt es sich um ein organisches Lösungsmittel, das zu Schäden an der Leber, den Nieren oder dem Gehirn führen kann.

 

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