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Lass sie reden?! - Ein Blick auf Spotify Stolpernder Umgang mit Falschinformationen in Podcasts

Grafik: Mikrofon mit EKG-Linie
Podcasts mit medizinischen Inhalten können bei Falschinformationen gefährlich werden. © MedWatch

Falschinformationen in Podcasts sind kein Einzelfall. Der beispielhafte Blick auf den Branchen-Riesen Spotify zeigt, wie weit der Weg zum gesunden Hören durch gefährliche und falsche Inhalteist. Noch führt er durch Verschwörungstheorien, gesetzliche Lücken und hin zu der Frage, was Spotify überhaupt ist.

4,7 Millionen Podcasts, 456 Millionen Nutzer:innen im Monat, 3,04 Mrd. Euro Umsatz. Diese Zahlen berichtet Spotify Ende Oktober.1https://newsroom.spotify.com/2022-10-25/spotify-reports-third-quarter-2022-earnings/ Neun Monate zuvor stand das schwedische Unternehmen massiv in der Kritik: Im Spotify-Exklusiv-Podcast The Joe Rogan Experience verbreiteten Gast und Host falsche Aussagen über das CoronavirusCoronavirus Name der Virusfamilie, zu der auch das Virus Sars-CoV-2 gehört..2https://www.politifact.com/article/2022/jan/06/who-robert-malone-joe-rogans-guest-was-vaccine-sci/ Der Interview-Gast verglich den Zustand der Gesellschaft unter der Pandemiepolitik der USA mit dem der deutschen Gesellschaft vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten.3https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/desinformation-als-geschaeft-spotify-haelt-zu-star-moderator-joe-rogan Spotifys Chef gelobte kurz darauf, transparenter und entschiedener gegen Falschinformationen vorzugehen.4https://newsroom.spotify.com/2022-01-30/spotifys-platform-rules-and-approach-to-covid-19/

November 2022, derselbe Podcast: Der Host und sein Gast sprechen über trans* Menschen. Sie äußern sich mehrfach falsch und extrem beleidigend, sprechen von einer „seltsamen Macke“ und einer „sektenartigen Mentalität“ (Übers. d. Red.).5https://www.mediamatters.org/joe-rogan-experience/spotifys-joe-rogan-falsely-claims-being-trans-cult-mental-illness Es ist nicht das erste Mal.6https://www.queer.de/detail.php?article_id=41073 Die Folge bleibt online.

Das ist kein Einzelfall. Nur ein paar Suchen und Klicks auf Spotify sind es hin zu Telegram-Kanälen von Impfgegnern, Podcasts von Verschwörungsgläubigen und einem Verein, den der Verfassungsschutz als rechtsextremistischen Verdachtsfall einstuft.

Was unternimmt Spotify und warum bleiben falsche und diskriminierende Inhalte scheinbar unberührt online? Wird Spotify seiner Verantwortung gerecht?

Falschinformationen in Podcasts – Der Big Player

Probleme mit Falschinformationen gibt es auch auf anderen Podcast-Plattformen.7https://apnews.com/article/donald-trump-conspiracy-theories-media-misinformation-social-media-b7bb0ace8a617af733357f6ee15aca03 Im Oktober veröffentlichte die US-Non-Profit-Organisation Campaign for Accountability einen Bericht: Demnach hostet der Audio-Streaming-Dienst Apple Podcasts Falschinformationen über das Coronavirus und die sogenannten Affenpocken, die gegen die eigenen Richtlinien verstoßen.8https://www.techtransparencyproject.org/sites/default/files/Apple-Podcast-Report.pdf Darunter die Ermutigung, Bleichmittel gegen COVID-19Covid-19 Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wird "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. einzunehmen und Vergleiche von Mediziner:innen mit Nazis.

In Deutschland führt Spotify die Liste der Podcast-Plattformen an. Über 20 Millionen Deutsche ab 14 Jahren hören mindestens gelegentlich Podcasts.9https://www.online-audio-monitor.de/aktuelle-studie/ „Gesundheit“ ist auf Platz drei der Top-Themen. Die Autor:innen der ARD/ZDF-Onlinestudie 2022 schätzen, dass 76 Prozent der 14- bis 29-Jährigen Spotify als Streamingdienst für Podcasts und Musik nutzen. In Podcasts würden Hörer:innen vor allem Informationen suchen – je jünger die Hörer:innen, desto wichtiger sind Podcasts.

Podcast-Star und Problemkind

Der Podcast The Joe Rogan Experience erreichte Ende 2021 geschätzt 11 Millionen Menschen pro Folge und gehört nach wie vor zu den beliebtesten Podcasts.10https://time.com/6147548/spotify-joe-rogan-controversy-isnt-over/, 11https://podcastcharts.byspotify.com/de Spotify hatte 2020 die Exklusivrechte an dem Podcast für geschätzte 200 Millionen US-Dollar gekauft.12https://www.nytimes.com/2022/02/17/arts/music/spotify-joe-rogan-misinformation.html

Das Wall Street Journal berichtete, dass Spotify-Mitarbeiter:innen schon im September 2020 ihre Bedenken über die Show geäußert hätten.13https://www.wsj.com/articles/spotify-joe-rogan-neil-young-covid-vaccine-11643987429 Laut New York Times befürchteten manche, dass das Unternehmen nicht genug in die Moderation und Überprüfung von Podcasts investiert hatte.14https://www.nytimes.com/2022/02/17/arts/music/spotify-joe-rogan-misinformation.html Der Podcast-Host Joe Rogan fiel bereits in der Vergangenheit wegen rassistischer Äußerungen15https://www.bbc.com/news/entertainment-arts-60270467 und Falschinformationen auf. Seine Corona-Infektion habe er mit einem Entwurmungsmittel behandelt16https://www.npr.org/2021/09/01/1033485152/joe-rogan-covid-ivermectin?t=1630594842865 (MedWatch berichtete in diesem Zusammenhang über das Mittel Ivermectin). Der letztendliche Auslöser der breiten öffentlichen Kritik war eine Folge mit dem Gast Dr. Robert Malone (hier ein Faktencheck der New York Times zu dem Gespräch mit Malone).

In einem offenen Brief wandten sich 270 Ärzt:innen, Wissenschaftler:innen und Gesundheitsexpert:innen an Spotify: „Indem Spotify die Verbreitung falscher und für die Gesellschaft schädlicher Behauptungen zulässt, ermöglicht es den von ihm gehosteten Medien, das Vertrauen der Öffentlichkeit in die wissenschaftliche Forschung zu beschädigen […].“17https://spotifyopenletter.wordpress.com/2022/01/10/an-open-letter-to-spotify/ (Übers. d. Redaktion)

Die Ankündigung vom Spotify-Chef zu Falschinformationen in Podcasts

Im Januar kündigte Spotify-Chef Daniel Ek an, transparenter und entschiedener gegen Falschinformationen in Podcasts vorzugehen.18https://newsroom.spotify.com/2022-01-30/spotifys-platform-rules-and-approach-to-covid-19/ Spotify habe die Kritik gehört, insbesondere jene aus der medizinischen und wissenschaftlichen Gemeinschaft. Jede Podcast-Folge, die sich mit dem Coronavirus beschäftigt, solle von nun an einen Verweis auf eine Infoseite erhalten. Dahinter verbergen sich ein Link zum Robert Koch-InstitutRKI Das Robert Koch-Institut ist eine selbstständige deutsche Bundesoberbehörde für Infektionskrankheiten und nicht übertragbare Krankheiten. Als Einrichtung der öffentlichen Gesundheitspflege hat es die Gesundheit der Gesamtbevölkerung im Blick und ist eine zentrale Forschungseinrichtung der Bundesrepublik Deutschland., ein Verweis zur Webseite der Weltgesundheitsorganisation und Podcasts, etwa von NDR Info.

Außerdem veröffentlichte Spotify erstmals seine Plattformregeln, obwohl diese seit Jahren für die Inhalte gelten würden. Nutzer:innen sollen unter anderem Inhalte „vermeiden“, die „gefährliche falsche oder […] irreführende medizinische Informationen verbreiten, die außerhalb des Internets Schaden verursachen können oder eine direkte Bedrohung der öffentlichen Gesundheit darstellen“.19https://www.spotify.com/de/platform-rules/

Spotify-Chef Ek sagte Anfang 2022, Spotify habe seit Beginn der Pandemie über 20.000 Podcast-Folgen entfernt. Auch aus Joe Rogans Podcast habe Spotify nach der Kontroverse über 70 Folgen gelöscht.20https://www.rollingstone.com/culture/culture-news/spotify-removes-joe-rogan-experience-podcast-episodes-1295727/ Die Folge, die Spotify überhaupt in den öffentlichen Fokus rückte, ist nach wie vor online. Nun trägt sie das blaue Hinweisbanner: „Informationen zu COVID-19 – Auf der Suche nach aktuellen Infos?“ Zugleich präsentiert die Beschreibung der Folge den umstrittenen Gast Malone als Wissenschaftler, der die Wahrheit über die Erforschung und Behandlung von COVID-19 verbreite.

Eine Expedition durch verworrene Kanäle

MedWatch hat Spotify mit einschlägigen Stichworten probeweise durchsucht. Es ist nur ein Kratzen an der Oberfläche. Unter den Podcasts gab es teils explizite Hinweise auf Falschinformationen, unter anderem in Episodentiteln und Beschreibungen.21Die Redaktion hat sich in mehreren Fällen dazu entschieden, die Namen der Podcasts nicht zu nennen, um sie nicht weiter zu verbreiten. Viele der Podcasts sind auch auf anderen großen Plattformen vertreten, wie denen von Amazon und Apple.

Impfgegner:innen und Verschwörungsgläubige

Einer der ersten Treffer bei der Suche zum Thema Impfung, schlägt einen englischsprachigen Podcast mit 15 Folgen vor. Das Cover: eine Spritze hinter einem Verbotsschild. „Pure Blood“ steht daneben. Heftige Gitarrenmusik im Intro. Der Podcast trägt kein COVID-19-Hinweisbanner. Nur ein „E“ für „Explicit“22https://support.spotify.com/de/article/explicit-content/ kennzeichnet manche Folgen.

In der Beschreibung ist ein Telegram-Kanal verlinkt. Er hat über 33.000 Mitglieder aus aller Welt, die sich aktiv im Text- und Video-Chat austauschen. In dem Kanal posten Mitglieder Inhalte zu einem vermeintlichen kriminellen Corona-Netzwerk aus Regierungen, NGOs und Konzernen. Auch eine Single-Börse für Ungeimpfte teilen Mitglieder.

Wir fanden außerdem mehrere Podcasts aus dem Umfeld von QAnon. Über manche davon haben US-Medien und -NGOs schon 2020 berichtet.23https://www.mediamatters.org/qanon-conspiracy-theory/following-youtubes-ban-qanon-followers-are-jumping-these-other-major Erneute Recherchen der Organisation Media Matters aus diesem Jahr zeigten, dass einige Größen der QAnon-Szene schlicht weiter auf Spotify streamten und ebenso neue hinzukamen.24https://www.mediamatters.org/spotify/despite-its-rules-spotify-still-hosting-qanon-supporting-shows

Ebenso stießen wir auf die neonazistisch-antisemitische Verschwörungserzählung vom „Kalergi-Plan“. Sie ist unter anderem auch auf Amazon Music zu finden. Auf dem Cover ein nordisches Rabenbanner, das sich manche Rechtsextreme angeeignet haben. Der Host spricht von einer „geplanten Massenmigration“ und der „genetischen Auslöschung der einheimischen europäischen Bevölkerungen“ (Übers. d. Red.). Auch das Investigativ-Team von Sky News hatte im Dezember 2021 mehrere antisemitische und rassistische Inhalte in Podcasts auf Spotify und Google gefunden: darunter eine Episode zum sogenannten „Kalergi-Plan“, die unserem Fund sehr ähnelt.25https://news.sky.com/story/antisemitism-racism-and-white-supremacist-material-in-podcasts-on-spotify-investigation-finds-12484728

Selbsternannte „alternative Medien“ verbreiten über Podcasts Falschinformationen

Auch bekannte Größen aus dem Netzwerk sogenannter alternativer Medien sind auf Spotify vertreten. Darunter AUF1.radio aus Österreich, das sich selbst als „alternatives, unabhängiges Radio“ bezeichnet. AUF1.tv gilt als eines der größten Medien der Querdenker-Szene und verbreitet antisemitische26https://www.derstandard.de/consent/tcf/story/2000140238998/tv-sender-auf1-antisemitismus-ist-programm, verschwörerische27https://taz.de/Rechter-TV-Sender-expandiert/!5865413/ und falsche medizinische Inhalte28.https://www.zdf.de/nachrichten/politik/alternative-medien-auf1-tv-oesterreich-100.html Ein Indiz für die Reichweite von AUF1: die über 229.000 Mitglieder im Telegram-Kanal. Der Sender expandiert zusehends nach Deutschland.29https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/Schoene-neue-Parallelwelt-Netzwerke-der-Alternativmedien,zapp13850.html

Der Gründer Stefan Magnet hat eine Vergangenheit in der rechtsextremen Szene, berichtete Der Standard.30https://www.derstandard.at/story/2000130946126/aus-der-welt-der-aufgewachten In einer November-Episode sagt er zu Beginn: „[H]atten Sie im Auge, dass unsere Völker gemäß neuesten Forschungsergebnissen in 20 Jahren völlig unfruchtbar sein werden und der Zeitpunkt der Fortpflanzungskontrolle dann gekommen sein wird? […] unter diesem Gesichtspunkt ergeben alle künstlich aufgebauschten Themen wie Klimapanik, Gender-Propaganda und mRNA-Injektionen plötzlich einen gänzlich anderen Sinn.“ Diese Folge ist nicht gekennzeichnet, so wie viele andere auch, obwohl sie das Coronavirus thematisieren. Am 15. November greift auch Magnet den vermeintlich verschwörerischen „Kalergi-Plan“ auf und erdenkt haltlose Theorien gegen ein multikulturelles Europa.

Daneben sind unter anderem das Format Wissen ist relevant und verschiedene Formate von apolut vertreten, beide aus dem Umfeld von Ken Jebsen.31https://www.zeit.de/2022/32/ken-jebsen-sendung-verschwoehrungstheorie?utm_referrer=https%3A%2F%2Fmedwatch.de%2F Der Podcast von Götz Kubitschek wiederum platziert das Institut für Staatspolitik und seinen Verlag prominent in der Beschreibung. Der Verlag vertreibt unter anderem Bücher mit COVID-19-Verschwörungstheorien und solche, die trans*-Sein als „Ideologie“ diffamieren. Der Verfassungsschutz von Sachsen-Anhalt stuft das von Kubitschek mitgegründete Institut für Staatspolitik als gesichert rechtsextremistisch ein.32https://mi.sachsen-anhalt.de/fileadmin/Bibliothek/Politik_und_Verwaltung/MI/MI/3._Themen/Verfassungsschutz/VSB_2021.pdf Auch ein vom Institut für Staatspolitik mitgegründetes rechtes Kampagnenprojekt finden wir auf Spotify. Es ist vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft.33https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/sicherheit/vsb-2021-gesamt.pdf?__blob=publicationFile&v=6

Auch außerhalb medizinischer Themengebiete bedenklich

Bauernhof-Abenteuer mit Scientology: „Da ich einige Jahrzehnte einen Bauernhof […] hatte, habe ich sehr viel zu erzählen“, sagt die Erzählerin im Podcast für Kinder mit 25 Folgen. Sie ist Scientologin. Laut Verfassungsschutz zeige der Podcast die „verstärkten Bemühungen der Scientology-Organisation, auf Kinder Einfluss zu nehmen“.34https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/sicherheit/vsb-2021-gesamt.pdf?__blob=publicationFile&v=6 Ein Verweis zu der Verbindung ist weder auf Spotify, noch auf der Webseite der Verantwortlichen zu finden. Inzwischen weiß davon auch die Niedersächsische Landesmedienanstalt, schreibt t-online.35https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/id_92308038/bei-spotify-und-apple-scientology-versteckt-botschaften-in-deutschem-kinderhoerspiel.html An der Verfügbarkeit des Podcasts hat das bislang nichts geändert. Andere Scientologen arbeiten das Scientology Handbuch, eine Zusammenstellung von Schriften des Gründers, in ihren Podcasts offensichtlicher durch: zum Beispiel, wie man einem Menschen helfen könne, sich schneller von einem Unfall oder einer Krankheit zu erholen.

Falschinformationen in Podcasts überprüfen

Undurchsichtige Umsetzung der Regeln: Um online Audio-Angebote zu hören, nutzen über 80 Prozent ihr Smartphone.36https://www.online-audio-monitor.de/aktuelle-studie/ Andere Geräte wie Laptop oder Smart TV liegen deutlich darunter, hier sind es unter 40 Prozent. Inhalte direkt über die App auf dem Smartphone zu melden, ist nicht in allen Fällen möglich. Bilder, Playlists und Texte, die gegen die Inhaltsrichtlinien verstoßen, könne man via Rechtsklick über die Desktop-App melden, steht auf Spotifys Webseite.37https://support.spotify.com/de/article/report-content/ Das funktioniert durch einen Klick auf den Titel einer Playlist oder den Namen von Künstler:innen: Hier erscheint die Weiterleitung „Melden“. Auf der mobilen App geht das in unserem Test nur bei Playlists. Um bestimmte Musik- oder Podcast-Inhalte zu melden, müssen Hörer:innen einen Chat oder ein Formular über die Webseite öffnen, schreibt Spotify.

Wie genau Spotify Inhalte überprüft und nach welchen Kriterien bei einem Verstoß sanktioniert, bleibt vage. Der Dienst wolle den Kontext betrachten. Die möglichen Maßnahmen umfassen, den Inhalt schwerer auffindbar zu machen, die Monetarisierung einzuschränken, ihn zu entfernen oder den Account zu sperren oder löschen.38https://www.spotify.com/de/platform-rules/actions/

Wir haben Spotify kontaktiert, doch Spotify wollte unsere Fragen nicht kommentieren. Wir wollten wissen, warum manch falsche und diskriminierende Inhalte scheinbar unberührt online bleiben. Zum Beispiel haben wir gefragt, wie viele Inhalte Spotify verzeichnet hat, die gegen Plattformregeln oder Rechtsordnung verstießen. Wie genau Spotify Inhalte von Podcasts überprüft. Und warum Hörer:innen nicht alle Formen von Inhalten auf dieselbe Weise melden können. Und wir baten um Stellungnahme zu bestimmten Podcast-Folgen.

Zwischen Meinungsfreiheit und ihrer Gefährdung

Spotify-Chef Ek wolle nicht in die Rolle eines Zensors treten, aber ebenso sicherstellen, dass Verstöße gegen Spotifys Regeln geahndet werden.39https://newsroom.spotify.com/2022-01-30/spotifys-platform-rules-and-approach-to-covid-19/ Es ist durchaus ein sensibles Spannungsfeld,40https://www.die-medienanstalten.de/fileadmin/user_upload/die_medienanstalten/Publikationen/Weitere_Veroeffentlichungen/GVK_Gutachten_Summary_web_bf.pdf zu dem die Landesanstalt für Medien NRW schreibt: „Die besondere Herausforderung im Umgang mit Desinformation liegt darin, dass sie das Herzstück einer demokratischen Medienordnung für sich nutzt und es gleichzeitig zerstört: Das Recht auf freie Meinungsäußerung.“41https://www.medienanstalt-nrw.de/themen/desinformation.html Es gelte, dieses Recht zu erhalten und zugleich vor strafbarem Missbrauch zu schützen.

Auf seiner Ansprache an Mitarbeiter:innen nach der Kontroverse um den Podcast von Joe Rogan42https://www.theverge.com/2022/2/3/22915456/spotify-ceo-joe-rogan-daniel-ek-town-hall-speech-platform-podcast erinnerte Ek Anfang des Jahres an das Ziel Spotifys: „Wir wollen 50 Millionen Creator und eine Milliarde Nutzer erreichen.“ Dazu sei es wichtig, verschiedene Stimmen auf der Plattform zu haben. „Es ist nicht unsere Aufgabe, den Diskurs zu diktieren, den Creator in ihren Shows führen wollen. Und wenn wir nur Inhalte machen wollten, die uns allen gefallen und denen wir zustimmen, müssten wir Religion, Politik, Comedy, Gesundheit, Umwelt und Bildung streichen […].“ (Übers. d. Red.) Geht es wirklich darum, kontroverse Themen zu meiden und ob alle Hörer:innen einen Inhalt mögen, wie Ek sagt? Wo liegt der Übergang hin zu einer Idee freier Meinungsäußerung, die sich potentiell selbst zersetzt und Menschen gefährdet: durch antidemokratische, falsche und diskriminierende Inhalte?

Lückenhafter gesetzlicher Rahmen

Tobias Gostomzyk ist Professor für Medienrecht an der TU Dortmund. Er sagt, dass es zur Überprüfung von Inhalten auf Desinformationen „nur lückenhafte gesetzliche Bestimmungen“ gebe. Die Plattformen hätten dagegen „grundsätzlich einen weiteren Spielraum, um aufgrund eigener Community Standards gegen Desinformation vorzugehen. Im Einzelnen ist hier aber – wie die aktuelle Rechtsprechung zeigt – vieles umstritten.“

Außerdem müsse man unterscheiden, sagt Gostomzyk: Wenn Spotify selber Inhalte bereitstellt, wäre es unmittelbar dafür verantwortlich. Wenn ein Dritter Inhalte hochlädt, ohne dass diese vor Freischaltung von Spotify kontrolliert werden, gebe es grundsätzlich keine unmittelbare Verantwortung für Spotify. „Hier gilt der Standard, dass die Plattform erst Verantwortung dafür hat, wenn sie darauf hingewiesen worden ist, dass ein Inhalt zum Beispiel gegen gesetzliche Bestimmungen verstößt.“

Zwar ist der Hauptsitz von Spotify in Stockholm und viele Podcasts werden im Ausland hochgeladen. Doch es sei nicht allein entscheidend, wo der Inhalt hochgeladen worden ist, sagt Gostomzyk von der TU Dortmund. Sondern auch „wo er abrufbar ist und dass er mit der dort geltenden Rechtsordnung konform ist.“

Grundsätzlich gibt es den Unterschied zwischen rechtswidrigen Inhalten und Inhalten, die zwar falsch und potenziell schädlich sind, aber legal. Manche Information ist willentlich und manipulativ falsch, andere versehentlich oder verzerrend.43https://www.faktencheck-gesundheitswerbung.de/corona/von-der-pandemie-zur-infodemie-54483

Sobald Falschinformationen rechtlich relevant sind, greifen die entsprechenden Gesetze, sagt Gostomzyk. „Hierfür ist aber zumindest zivilrechtlich die Verletzung einzelner Rechtsgüter erforderlich, die individuell zugeordnet werden können. Wenn zum Beispiel Desinformationen über eine Person verbreitet werden, dann kann die Person gegen denjenigen vorgehen, der die Desinformationen verbreitet. Dann gibt es Desinformationen, bei denen nicht unmittelbar Rechtsgüter betroffen sind. Etwa im Gesundheitsbereich, wenn jemand behaupten würde: ‚Die Corona-Impfung führt zu Ausschlag.‘ Hier wäre es so, dass es rechtlich gesehen zunächst keinen Anspruch gibt, weil niemand individuell betroffen ist.“

Wer ist hier verantwortlich?

Marco Holtz ist stellvertretender Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg. Er sagt, die Landesmedienanstalten können zum Beispiel aufgrund von Paragraf 19 des Medienstaatsvertrags tätig werden, wenn journalistische Sorgfaltspflichten verletzt werden. Das habe bestimmte Voraussetzungen: „Wir müssen das Format prüfen: unter anderem, ob es journalistisch-redaktionell ist, regelmäßig erscheint und Nachrichten oder politische Informationen enthält.“ Bei Verstößen wende man sich an den Anbieter des Inhalts.

Stellt Spotify selbst einen Inhalt online, sei es „rechtlich schwieriger, weil das Unternehmen in Schweden sitzt.“ Deutsches Medienrecht sei nur eingeschränkt einsetzbar, wenn der Verantwortliche eines Inhalts seinen Sitz im Ausland hat. Als Landesmedienanstalt wende man sich in solchen Fällen oftmals an die Medienaufsichtsbehörde des Drittlandes.

Auf Spotify gibt es sowohl vom Unternehmen selbst verbreitete, lizensierte und produzierte Podcasts als auch solche von externen Nutzer:innen. Der Fall des Podcasts von Joe Rogan und der Exklusivvertrag mit Spotify zeigten, dass redaktionelle Verantwortlichkeiten nicht unbedingt eindeutig und transparent sind. Im Februar 2022 hat Spotify-Chef Ek auf einer Unternehmensversammlung gesagt: „Wir definieren einen völlig neuen Bereich von Technologie und Medien. Wir sind eine ganz andere Art von Unternehmen, und die Regeln werden im Zuge unserer Innovationen geschrieben.“44https://www.theverge.com/2022/2/3/22915456/spotify-ceo-joe-rogan-daniel-ek-town-hall-speech-platform-podcast (Übers. d. Redaktion) Spotify sei nicht der Herausgeber von Rogans Show, weil man keine redaktionelle Verantwortung für die Inhalte trage.

Auch die Medienanstalten beschäftigt die Frage, was Spotify denn nun ist. Klar ist: Spotify ist eine Ballung verschiedener Eigenschaften: zum Beispiel denen eines Medienunternehmens, einer Social Media-Plattform, eines Streaming-Dienstes und Herausgebers. „Je nach Funktionalität und Inhalt könnten unterschiedliche Regelungsregime zur Anwendung kommen. Dies ist aktuell noch in der Prüfung“, sagt Holtz. Hierzu sei die Medienanstalt Berlin-Brandenburg derzeit mit Spotify im Gespräch.

Lückenhaftes Wissen

Dr. Sabrina Heike Kessler arbeitet an der Universität Zürich am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung. Sie beklagt in der Forschung zu Podcasts eine Lücke. Ohne Zugang zu Daten wie der Anzahl gelöschter, gemeldeter oder überprüfter Podcasts „können Wissenschaft oder Politik gar nicht eruieren, wie groß das Problem der Misinformation (rein quantitativ) eigentlich auf der Plattform ist.“ Somit sei es schwieriger, effektive Strategien zu entwickeln.

Kessler sagt, dass viele Nutzer:innen nicht geschult darin seien, „die Evidenz von Inhalten oder die Glaubwürdigkeit von Quellen zu beurteilen.“ Falschinformationen könnten somit leichter wirken und sich verbreiten, auch unabsichtlich aus Unwissenheit. Außerdem hätten Podcaster:in und Hörer:in eine nahezu intime Beziehung, argumentieren Autor:innen einer Studie.45http://graphicsinterface.org/wp-content/uploads/gi2018-11.pdf

Das bedeute nicht, dass Hörer:innen Falschinformationen zwangsläufig glauben, sagt Kessler. Doch bei eh schon skeptischen Menschen können sie Einstellungen und Entscheidungen beeinflussen. Aus der Forschung wisse man, „wie schwer und mitunter unmöglich es ist, eine einmal im Kopf eingespeicherte Fehlinformation vollständig zu widerlegen.“

Das Problem ist größer als Spotify

Podcasts unterscheiden sich von Beiträgen auf sozialen Netzwerken wie Twitter. Ihre audiobasierte Natur erschwert die Kontrolle. Allein das Transkribieren und Auswerten sei teuer und aufwendig. Das schreiben auch Forscher:innen des US-Thinktanks Brookings Institution.46https://www.brookings.edu/techstream/the-challenge-of-detecting-misinformation-in-podcasting/ Außerdem können User:innen meist nicht unmittelbar auf Falschinformationen reagieren, indem sie zum Beispiel kommentieren. Und oftmals ist gar nicht unmittelbar ersichtlich, wer genau für einen Inhalt verantwortlich ist: wenn Angaben fehlen, etwa ein Impressum.

Podcasts sind in ihrer Ursprungsnatur etwas Freies. Werden sie zunächst bei einem Hosting-Anbieter hochgeladen, ermöglicht ein RSS-Feed, den Podcast auf verschiedene Plattformen zu verbreiten. Das heißt auch: Entscheidet sich eine Plattform, eine Podcast-Episode wegen eines Verstoßes zu sperren, könnte ebendiese Episode auf einer anderen Plattform unbehelligt verfügbar bleiben. Letztlich ist Spotify nur ein Beispiel für das größere Problem des Umgangs mit Falschinformationen in Podcasts – und überhaupt online –, wenn auch ein gewichtiges. Denn Entscheidungen großer Plattformen wie Spotify oder Apple haben letztlich Auswirkungen auf die gesamte Branche.


Redaktion: Lukas Kohlenbach, Nicola Kuhrt, Nicole Hagen

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    https://newsroom.spotify.com/2022-10-25/spotify-reports-third-quarter-2022-earnings/
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    Die Redaktion hat sich in mehreren Fällen dazu entschieden, die Namen der Podcasts nicht zu nennen, um sie nicht weiter zu verbreiten.
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