<

Aminosäure verlängert Leben im Tierversuch Taurin – Anti-Aging-Mittel in Energy-Drinks?

Mit Kondenswasser beschlagene Getränkedosen.
Energydrinks: Kein Geheimnis für ein langes Leben © Racool_studio / Freepik

Steckt das Geheimnis eines langen Lebens ausgerechnet in „Red Bull“? Eine in „Science“ veröffentlichte Studie über das in Energy-Drinks enthaltene Taurin sorgt für Schlagzeilen und Spekulationen. Was steckt dahinter? MedWatch klärt auf. 

Folgende Ergebnisse brachte eine am 9. Juni im Fachjournal „Science“ veröffentlichte Studie eines internationalen Forschungsteams: Je älter Tiere und Menschen werden, desto weniger Taurin haben sie im Blut. Mit Taurin gefütterte Fadenwürmer und Mäuse leben länger; Mäuse und Affen bleiben mit Taurin länger gesund. Studienleiter Vijay Yadav – Assistenzprofessor an der Columbia University in New York – sagt: „Taurin könnte ein Lebenselixier in uns sein, das uns hilft, länger und gesünder zu leben.“ 

Die Ergebnisse der Studie haben teils wilde Spekulationen entfacht, ob das Geheimnis eines langen Lebens ausgerechnet in Energy-Drinks wie „Red Bull“ steckt – schließlich enthalten auch sie Taurin. Allerdings konnten Yadav und sein Team keinen eindeutigen Mechanismus für die lebensverlängernde Wirkung von Taurin identifizieren. Was ist also dran an den Hoffnungen? 

Taurin – eine nicht-essentielle Aminosäure

Die Aminosäure Taurin – genauer: 2-Aminoethansulfonsäure – kommt natürlicherweise in tierischen Lebensmitteln wie Fleisch vor. Der Mensch kann es allerdings auch selbst produzieren. Denn die Substanz entsteht in der LeberLeber Die Leber ist ein Stoffwechselorgan im menschlichen Körper. Als Hauptentgiftungsstelle verantwortet sie die Verwertung von Nahrungsbestandteilen, den Abbau und die Ausscheidung von Stoffen. Sie baut, zusammen mit anderen Organen, alte oder beschädigte Blutkörperchen ab. Auch die Produktion lebenswichtiger Proteine gehört zu ihren Aufgaben. Sie speichert Vitamine und Spurenelemente und stellt mit Hilfe von Vitamin K Eiweiße her, die für die Blutgerinnung wichtig sind. Die Leber steuert zusätzlich den Blutzuckerspiegel und stellt Ausgangsprodukte für die Hormonproduktion her. Sie nimmt eine wichtige Rolle im Fettstoffwechsel ein. Eine Besonderheit der Leber ist, dass sie sich nach Verletzungen zu einem Großteil regenerieren kann, was für andere Organe nicht der Fall ist. beim Abbau von Cystein – einer anderen Aminosäure. Deshalb ist er nicht auf die Zufuhr von außen angewiesen. Nur Neugeborene können noch nicht genug Taurin bilden und müssen es über die Muttermilch oder Säuglingsnahrung aufnehmen. 

Taurin spielt bei zahlreichen Vorgängen im Körper eine Rolle, unter anderem bei der Energieproduktion und Entwicklung des Organismus, der Regulation des Wasser- und Salzhaushalts sowie der Bildung von Gallensäure und Antioxidantien. 

Leistungssteigernde Wirkung ist nicht bewiesen

Der Substanz wird eine leistungssteigernde Wirkung nachgesagt. Die ist zwar nicht bewiesen, aber der Grund, warum es als Zusatz zu Energy-Drinks und als Nahrungsergänzungsmittel im Sport beliebt ist. Ob Taurin sich positiv auf die Gesundheit und den Alterungsprozess auswirkt, diskutieren Wissenschaftler:innen schon lange.

Tierversuche: Taurin beeinflusst Gesundheit im Alter

Die Forschenden um Yadav stellten zunächst fest, dass Mäuse, Affen und Menschen mit zunehmendem Alter weniger Taurin im Blut haben. In Blutproben von über 60 Jahre alten Menschen fanden sie ein Fünftel der bei Kindern und Jugendlichen gemessenen Taurin-Konzentration. Allerdings untersuchten sie nur 13 Affen und jeweils ein paar Dutzend Mäuse und Menschen. Also verhältnismäßig wenige Individuen für eine solche Aussage.

Anschließend untersuchten die Forscher:innen bei Tieren, ob Taurin den Alterungsprozess tatsächlich beeinflusst oder der sinkende Spiegel einfach Folge des Alterns ist. Sie fütterten rund 250 ausgewachsene Mäuse entweder mit einer Kontrolllösung oder mit Taurin – und zwar täglich 1000 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Die Mäuse, die Taurin zu sich nahmen, lebten im Schnitt drei bis vier Monate länger. Das sind umgerechnet sieben bis acht Menschenjahre. Auch bei Fadenwürmern verlängerte Taurin die Lebenserwartung, nicht aber bei dem einfachen Organismus Hefe. 

In weiteren Versuchen mit Mäusen und Rhesusaffen stellten die Forschenden fest, dass alternde Tiere, die sie mit Taurin fütterten, gesünder waren als ihre unbehandelten Artgenossen. Mäuse, die ein Jahr lang Taurin fraßen, verbrauchten mehr Kalorien und nahmen altersbedingt weniger Gewicht zu, hatten stärkere Knochen und Muskeln, verhielten sich weniger depressiv und ängstlich, entwickelten seltener eine Insulinresistenz und hatten ein fitteres Immunsystem. Ähnliche Effekte beobachteten Yadav und sein Team bei Rhesusaffen mittleren Alters, die sechs Monate lang täglich Taurin bekamen. 

Sie experimentierten auch mit genmanipulierten Mäusen. Denen fehlten wichtige Transportmoleküle, die die Wirkung von Taurin vermitteln. So wiesen die Wissenschaftler:innen nach, dass Taurin in diesen Modellorganismen tatsächlich altersbedingte Gesundheitsparameter beeinflusst. Denn Mäuse ohne die Transportmoleküle zeigten zum Beispiel schneller altersbedingte Beeinträchtigungen als ihre genetisch unveränderten Artgenossen. 

Menschen: Kausale Wirkung auf die Gesundheit ist nicht belegt

Um mehr über die Wirkung von Taurin beim Menschen herauszufinden, analysierten die Forschenden Daten einer Langzeit-Beobachtungsstudie, der EPIC-Norfolk-Kohorte. Sie setzten die Gesundheitsdaten von 11.966 Erwachsenen zwischen 50 und 70 Jahren in Beziehung zu deren Taurin-Status. Teilnehmende mit einem höheren Taurinspiegel litten seltener an Typ-2-Diabetes, Fettleibigkeit sowie Bluthochdruck und hatten geringere Entzündungswerte als Teilnehmende mit niedrigeren Werten. Aber: Ob wirklich Taurin die Ursache für die bessere Gesundheit ist, bleibt aufgrund des Studiendesigns offen. „Es handelt sich um Assoziationen, die keine Kausalität begründen“, sagt Yadav.1https://www.eurekalert.org/news-releases/990909


Die Taurin-Studie

Noch etwas zeigten die Forschenden: Menschen produzieren durch anstrengendes Fahrradtraining verstärkt Taurin. Dieser Befund deckt sich mit der Beobachtung, dass sich Sport positiv auf die Gesundheit im Alter auswirkt. Aber: „Allein auf den Taurinspiegel-erhöhenden Effekt kann man Sport niemals reduzieren“, sagt Kristina Norman, Leiterin der Abteilung Ernährung und Gerontologie am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) gegenüber dem Science Media Center (SMC). Körperliches Training hat vielfältige Auswirkungen auf verschiedensten Ebenen, die nicht auf Taurin zurückzuführen sind.“ Die Einnahme einer einzelnen Substanz wie Taurin kann die positiven Effekte von körperlicher Aktivität nicht ersetzen.

Keine wissenschaftliche Basis für viel Taurin

„Die Übertragung auf Menschen bleibt uns die Studie schuldig“, sagt Norman. Solange die in den Tiermodellen untersuchten Wirkungen nicht auch eindeutig beim Menschen gezeigt worden seien, könne keine Aussage zum Einsatz und zum Effekt bei Menschen getroffen werden. Es sei schwierig, die Alterung beim Menschen zu untersuchen, sagt die Forscherin. „Altern ist ein multifaktorieller Prozess, der sicherlich nicht durch eine einzige Substanz verhindert werden kann.“ 

Mit der üblichen Ernährung nimmt der Mensch zwischen 10 und 400 Milligramm Taurin pro Tag auf. Das aber nur, sofern er nicht vegan isst, denn pflanzliche Lebensmittel wie Gemüse und Obst enthalten kein Taurin. Dass vegan lebende Menschen im Vergleich zu Fleischessenden gesünder und länger leben, obwohl sie kein Taurin essen, ist ein Indiz dafür, dass Taurin allein nicht entscheidend für das Wohl der Menschen ist.

Ob sich eine zusätzliche Einnahme von Taurin tatsächlich gesundheitsfördernd und lebensverlängernd auswirkt, können Forschende nur durch randomisierte klinische Studien am Menschen klären. Die sind auch notwendig, um Neben- und Wechselwirkungen oder die Verträglichkeit bei einer Langzeitbehandlung zu untersuchen. 

Bis dato gilt Taurin zwar als gesundheitlich unbedenklich. Es ist als Zusatz in Säuglingsnahrung und Energy-Drinks sowie als NahrungsergänzungsmittelNahrungsergänzungsmittel Nahrungsergänzungsmittel werden den Lebensmitteln zugeordnet und sind abgegrenzt von Medikamenten zu betrachten. So dürfen sie, wie der Name schon sagt, die normale Ernährung ergänzen, sie jedoch nicht ersetzen und zudem keine arzneiliche Wirkung zeigen. Sie werden als Kapseln, Tabletten, Tropfen oder Ähnliches angeboten und enthalten oft Vitamine, Mineralstoffe oder sonstige Nährstoffe, die eine Wirkung erzielen sollen. Sie dürfen jedoch nicht wie ein Arzneimittel beworben werden. Die Hersteller dürfen keine spezifische Wirkung wie die Linderung oder Vorbeugung einer Krankheit anpreisen oder für ein definiertes Anwendungsgebiet werben. weit verbreitet. Die Europäische Behörde für LebensmittelsicherheitLebensmittelsicherheit Lebensmittelsicherheit ist ein komplexer Bereich. Es wird zwischen sog. horizontalen und vertikalen Bestimmungen unterschieden. Ersteres bedient Bestimmungen für die Lebensmittelkennzeichnung, für Zusatzstoffe in Lebensmitteln sowie für Rückstände in Lebensmitteln. Vertikale Bestimmungen beziehen sich auf Nahrungsergänzungsmittel, Milch, Eier, Fisch, Fruchtsäfte und vieles mehr. Auch für kosmetische Produkte wie z.B. Zahncreme, Shampoo, Nagellack sowie Bedarfsgegenstände (Spielzeug, Geschirr, Schuhe, Textilien, Modeschmuck…) gilt das Lebensmittelrecht. Zusatzstoffe und neuartige Lebensmittel müssen zugelassen sein, schädliche Rückstände von Pflanzenschutzmitteln sind verboten. Kennzeichnungen müssen erkennbar machen, ob zum Beispiel Allergene enthalten sind. (EFSAEFSA Die EFSA ist die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit. Sie wurde 2002 mit Sitz in Parma eingerichtet, um die Lebensmittelsicherheit in der EU zu verbessern und ein hohes Verbraucherschutzniveau zu gewährleisten. Zu ihren Aufgaben gehört die wissenschaftliche Beratung zu bestehenden und aufkommenden Risiken in der Lebensmittelkette durch wissenschaftliche Gremien und Ausschüsse. Der Großteil ihrer Arbeit erfolgt auf Ersuchen durch die Europäische Kommission, das Europäische Parlament und die EU-Mitgliedstaaten, manche der wissenschaftlichen Arbeiten werden auf eigene Initiative durchgeführt. Die EFSA kooperiert mit dem BfR – Bundesinstitut für Risikobewertung – und wird über den EU-Haushalt finanziert. Die Bewertung von lebensmittelbedingten Risiken erfolgt unabhängig von politischen Entscheidungsfindungen.) schätzt für Erwachsene eine tägliche Aufnahme von bis zu 6000 Milligramm Taurin als sicher ein.2https://efsa.onlinelibrary.wiley.com/doi/pdf/10.2903/j.efsa.2012.2736 Das entspricht rund 100 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. 

Die Mäuse in Yadavs Studie erhielten die zehnfache Dosis. Ob eine so große Taurinmenge übertragen auf den Menschen noch sicher ist, ist aber nicht bekannt. „Daher würde ich derzeit auf jeden Fall von Selbstversuchen abraten“, sagt Sebastian Grönke vom Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns gegenüber dem SMC. 

Energy-Drinks: Schwere Nebenwirkungen bis hin zu Todesfällen

„Auch die Aufnahme über Energiedrinks, die häufig Taurin enthalten, ist nicht sinnvoll“, sagt Grönke. Die enthaltene Taurinmenge sei viel zu gering, verglichen mit der bei Mäusen wirksamen Dosis. Für Energy-Drinks gilt eine Höchstmenge von bis zu 4000 Milligramm Taurin pro Liter

Gleichzeitig enthalten die Getränke bedenklich große Mengen an Zucker und Koffein, von letzterem üblicherweise bis zu 320 Milligramm pro Liter. In Filterkaffee findet sich je nach Zubereitung mit etwa 450 Milligramm pro Liter zwar mehr Koffein. Allerdings trinken Menschen Kaffee in der Regel langsamer und so letztlich weniger davon.

Die Menge macht’s also: Wer große Mengen Energy-Drinks in kurzer Zeit trinkt, riskiert gesundheitliche Probleme.3https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/gesund-ernaehren/energy-drinks-gesundheitsrisiko-fuer-vieltrinker-11212 Etwa, weil er schlichtweg zu viel Koffein aufnimmt oder weil andere Inhaltsstoffe – wie Taurin – die Wirkung des Koffeins sogar noch verstärken.

Insbesondere Kinder und Jugendliche gefährden ihre Gesundheit. Vor allem, wenn sie Energy-Drinks zusammen mit Alkohol oder körperlicher Anstrengung wie beim Tanzen oder Sport konsumieren. Herzklopfen, Kurzatmigkeit, unkontrolliertes Muskelzittern, starke Übelkeit, Angstzustände, Nervosität sowie Veränderungen im Elektrokardiogramm beobachteten Mediziner:innen bei jungen Erwachsenen, die einen Liter oder mehr Energy-Drinks tranken. Das Bundesinstitut für RisikobewertungBundesinstitut für Risikobewertung Das BFR, das Bundesinstitut für Risikobewertung, ist eine Bundesbehörde die dem BMEL (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft) zugeordnet ist. Sie soll unabhängig von wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Interessen z.B. die Sicherheit von Lebensmitteln, Chemikalien, Bioziden, Pflanzenschutzmitteln, Textilien, Lebensmittelverpackungen, Kosmetika und Tabakerzeugnisse bewerten. Auch die Bewertung gentechnisch veränderter Organismen in Lebens- und Futtermitteln, Pflanzen und Tieren zählt hier dazu. Die wissenschaftsbasierte Risikobewertung geschieht als Grundlage für den gesundheitlichen Verbraucherschutz innerhalb und außerhalb von Deutschland. (BfRBfR Das BfR, das Bundesinstitut für Risikobewertung, ist eine Bundesbehörde die dem BMEL (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft) zugeordnet ist. Sie soll unabhängig von wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Interessen z.B. die Sicherheit von Lebensmitteln, Chemikalien, Bioziden, Pflanzenschutzmitteln, Textilien, Lebensmittelverpackungen, Kosmetika und Tabakerzeugnisse bewerten. Auch die Bewertung gentechnisch veränderter Organismen in Lebens- und Futtermitteln, Pflanzen und Tieren zählt hier dazu. Die wissenschaftsbasierte Risikobewertung geschieht als Grundlage für den gesundheitlichen Verbraucherschutz innerhalb und außerhalb von Deutschland.) berichtet sogar von Fällen mit Herzrhythmusstörungen und Nierenversagen bis hin zu Todesfällen.4https://www.bfr.bund.de/cm/343/kinder-und-jugendliche-uebermaessiger-konsum-von-energy-drinks-erhoeht-gesundheitsrisiko-fuer-herz-und-kreislauf.pdf

Das Geheimnis eines langen Lebens steckt also keinesfalls in „Red Bull“.


Redaktion: Martin Rücker, Sigrid März, Nicole Hagen

  • 1
    https://www.eurekalert.org/news-releases/990909
  • 2
    https://efsa.onlinelibrary.wiley.com/doi/pdf/10.2903/j.efsa.2012.2736
  • 3
    https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/gesund-ernaehren/energy-drinks-gesundheitsrisiko-fuer-vieltrinker-11212
  • 4
    https://www.bfr.bund.de/cm/343/kinder-und-jugendliche-uebermaessiger-konsum-von-energy-drinks-erhoeht-gesundheitsrisiko-fuer-herz-und-kreislauf.pdf