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Fragwürdige Werbung für Arzneimittel Wie gefährlich sind Disease-Awareness-Kampagnen?

Gruppe junger Menschen mit Schutzmasken schauen auf ihre Smartphones.
Disease-Awareness-Kampagnen sind effektiv, wie Studien zeigen. Können sie unabhängige Informationen bieten? Foto: iStock

Studien zeigen: Für Pharma-Firmen sind Disease-Awareness-Kampagnen effektiv. Die Werbe-Form verbreitet sich auf sozialen Medien wie Instagram. Influencer doc.felix arbeitet mit Herstellern für solche Kampagnen zusammen. Er findet gut, dass Pharma-Firmen hierfür Geld ausgeben. Thomas Lempert, Chefarzt der Neurologie an der Schlosspark-Klinik Berlin, sieht demgegenüber eine Gefahr für Patienten. Wir haben mit beiden gesprochen.

Pharma-Herstellern ist es verboten, verschreibungspflichtige Medikamente produktbezogen zu bewerben. So sieht es das Heilmittelwerbegesetz vor. Die Marketing-Abteilungen der Firmen sind trotzdem aktiv. Sie bezahlen Influencer, Disease-Awareness-Kampagnen zu initiieren.

Die Blogger:innen sprechen während dieser Kampagnen über eine Erkrankung. Zum selben Zeitpunkt bringen die Firmen meist ein neues Produkt für diese Indikation auf den Markt. Das Medwatch-Team berichtete im April, wie die Kampagnen aussehen.

In einem Instagram-Live wollte die Redaktion diskutieren, ob die Kampagnen unabhängige Informationen bieten können. „Heilmittel sollten nicht von kommerziellen Anbietern beworben werden“, kommentiert Thomas Lempert. Er ist Chefarzt an der Schlosspark-Klinik Charlottenburg in Berlin. „Auch nicht indirekt, wie durch Influencer bei Disease-Awareness-Kampagnen.“

Neben seiner ärztlichen Tätigkeit ist Lempert Mitglied des Fachausschusses für Transparenz und Unabhängigkeit bei der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (kurz AkdÄ). Wir treffen ihn auf der neurologischen Station des Klinikums. Das Gespräch übertragen wir live über den Medwatch-Account auf Instagram.

Zwischen Medizin und Influencer-Marketing

Demgegenüber befürwortet Felix Berndt Disease-Awareness-Kampagnen. Seine Follower auf Instagram und TikTok kennen den approbierten Arzt als doc.felix. Er praktiziert nicht als Arzt. Stattdessen betreibt er eine eigene Video-Produktion. Seit rund vier Jahren verdient er Geld, indem er Kooperationen mit Firmen eingeht. In seinen Videos wirbt doc.felix für Lebensmittelhändler oder Krankenkassen wie die AOKAOK Allgemeine Ortskrankenkasse. Krankenkasse mit 11 Regionalkassen. . Für Arzneimittelhersteller warb er im Rahmen von Disease-Awareness-Kampagnen.

Es ist schwer, einen Interview-Termin mit doc.felix zu bekommen. Erst nach einigen Mails mit seiner Agentur wird deutlich: Bei einem Live-Interview mit Thomas Lempert wird Felix nicht dabei sein. Wir interviewen ihn vorab. Als Bedingung müssen wir seiner Agentur schriftlich bestätigen, ihnen das Gespräch zu senden, bevor wir es veröffentlichen. Zensieren müssen wir das Interview jedoch nicht – auf eine solche Bedingung hätten wir uns auch nicht eingelassen.

Jeder ist korrumpierbar

Doc.felix berichtet uns: Bisher war er bei drei Disease-Awareness-Kampagnen dabei. Einmal ging es um HIVHIV Humanes Immundefizienz-Virus. Der Influencer sollte Mythen der Erkrankung aufklären. „Ich hatte das Gefühl, Betroffenen dabei einen Mehrwert gestiftet zu haben und gleichzeitig Geld dafür zu bekommen.“ Im weiteren Interview sagt doc.felix: „Meine Posts, die bei Disease-Awareness-Kampagnen entstehen, unterscheiden sich kaum von meinem nicht-werblichen Content.“

Thomas Lempert widerspricht: Wenn Geld fließt, ändert das grundlegend, wie Veröffentlichungen aussehen. Es sei eine Illusion, zu glauben, nicht korrumpierbar zu sein. Wer einen Gefallen erwiesen bekommt, fühlt sich verpflichtet, diesen zu erwidern. Lempert fragt sich: Würde doc.felix einen Verriss des Präparates veröffentlichen, obwohl er Geld des Herstellers angenommen hat? Vermutlich nicht. Hinzu kommt: Influencer wie doc.felix sind wirtschaftlich davon abhängig, dass weitere Kooperationen zustande kommen.

Als das Medwatch Live-Interview mit Lempert endet, reagiert doc.felix mit einem Kommentar: „Ich […] bin überzeugt, dass man auch authentisch redaktionell aufklären und gleichzeitig Geld verdienen kann.“ Der Influencer meint, sogar einen Beweis zu haben. „Was glaubt ihr, was los wäre, wenn ich einen Fehler mache?“. Sofort würde jeder Influencer die Kritik an ihm wiederholen, um davon zu profitieren. „Danach wäre ich bei Böhmermann und Co. und meine lang erarbeitete Reputation wäre weg.“

Pharma-Werbung vernachlässigt Risiken

In einer weiteren Disease-Awareness-Kampagne sprach doc.felix über Zecken. Geld erhielt er von der Firma Pfizer, die FSMEFSME Frühsommer-Meningoenzephalitis-Impfstoffe vertreibt. „Wenn sich nach meiner Kampagne mehr Menschen gegen FSME oder Corona impfen lassen, würde ich das nicht kritisch sehen“, argumentiert er.

Auch Lempert schätzt, dass manche Kampagnen Vorteile bringen könnten – zumindest dann, wenn es um unterbehandelte Krankheitsbilder geht. „Aber meistens versuchen die Firmen mit ihren Kampagnen, leicht Erkrankte zu Kranken zu machen. Sie sollen nun mit Medikamenten behandelt werden.“ Doch es sei nicht im Sinne der Patienten, im Laufe des Lebens immer mehr ArzneimittelArzneimittel Arzneimittel sind Stoffe oder Zubereitungen aus Stoffen, die angewandt werden, um Krankheiten, Leiden, Körperschäden oder Beschwerden zu heilen, zu lindern oder zu verhüten. Es kann sich hierbei ebenfalls um Mittel handeln, die dafür sorgen, dass Krankheiten oder Beschwerden gar nicht erst auftreten. Die Definition beinhaltet ebenso Substanzen, die der Diagnose einer Krankheit nutzen oder seelische Zustände beeinflussen. Die Mittel können dabei im Körper oder auch am Körper wirken. Das gilt sowohl für die Anwendung beim Menschen als auch beim Tier. Die gesetzliche Definition von Arzneimitteln ist im § 2 Arzneimittelgesetz (AMG) enthalten. einzunehmen, meint Lempert. Das genau sei aber das Bestreben der Industrie.

doc.felix findet nicht, dass Influencer nur für Gucci, nicht aber für Pharma-Firmen werben sollten.  Insbesondere dann, wenn man wie er Arzt ist und versucht, zu beeinflussen, wie die Kampagne aussieht.

„Heilmittel sollten nicht von kommerziellen Anbietern beworben werden“, sagt Arzt Thomas Lempert. Er ist Mitglied der Mitglied des Fachausschusses für Transparenz und Unabhängigkeit bei der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

Lempert erwidert dazu: „Arzneimittel sind Risikotechnologien und kein Parfum. Nebenwirkungen können teilweise lebensbedrohlich sein.“ Die Risiko-Kommunikation dürfe man nicht Firmen überlassen, die ein kommerzielles Interesse haben, ihr Produkt zu verkaufen. Sie sind wenig daran interessiert, Patienten ausreichend über Risiken aufzuklären.

Ein Medwatch-Zuschauer will während des Gespräches wissen: Wer überprüft, dass das Heilmittelwerbegesetz in sozialen Medien eingehalten wird? Lemperts Antwort: „Hier gibt es ein Kontrolldefizit. Regulieren müsste der Gesetzgeber. Doch dieser ist zögerlich.“ Der Lobbyismus sei in dieser Branche stark. „Der Patienten bleibt dabei auf der Strecke.“

„Firmen, die von Krankenkassenbeiträgen finanziert werden, führen Krankenversicherte mit ihrer Werbung in die Irre. Dies richtet letztlich Schaden an.“ Lempert und die AkdÄ fordern: Arzneimittelherstellern sollte die Werbung für Ihre Produkte generell verboten werden.

So sieht unabhängige Gesundheitsinformation aus

Lempert weiter: „Im Rahmen von Werbung kann niemand neutrale Informationen vermitteln.“ Für unabhängige Gesundheitsinformationen dürften Firmen, die Produkte in dieser Indikation verkaufen, nicht beteiligt sein. An die Internet-Community appelliert der Neurologe: „Wir müssen uns Formate einfallen lassen, in denen direkt Experten zu Wort kommen – ohne, dass Werbebudget involviert ist.“

Gute Gesundheitskommunikation sei die schwerste Disziplin im Journalismus. Um seriöse Berichte zu veröffentlichen, müsse man die Studienlage kennen. „Das funktioniert nicht mit ein paar schnellen Worten.“ Im Gespräch mit Medwatch berichtet doc.felix: „Ich bin nicht so gut darin, Studien zu lesen. Aber ich bekomme Unterstützung durch eine freie Mitarbeiterin.“

Lempert empfiehlt derweil die Website Medien-doktor.de. Bei dem Angebot überprüfen Medizinjournalisten, ob wissenschaftliche Veröffentlichungen korrekt sind.

Er erwägt eine weitere Lösung: In Italien müssen Pharma-Firmen jährlich eine bestimmte Summe an den Staat abführen und in die medizinische Forschung investieren. Das wäre auch für gesundheitliche Aufklärung möglich. „Solche gesellschaftlichen Fragen sollten wir vermehrt auf Instagram diskutieren.“


Mitarbeit: Marie Eickhoff, Redaktion: Nicola Kuhrt